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Beiträge zu "Wahrheit I bis VIII"

*** Dringende Empfehlung für diese unstrukturierte Seite: Nutzen Sie die Suchfunktion Ihres Internet-Browsers! ***

 

Im Folgenden findet man - gelegentlich etwas überarbeitet - meine Beiträge zu den 8 Diskussionsrunden über "Wahrheit", die im Rahmen von PhilTalk stattfanden. Zur besseren Orientierung wurden Überschriften in eckigen Klammern hinzugefügt.

Wer Interesse an der vollständigen Diskussion hat, der findet die Weblinks dazu auf der Seite "Verknüpfungen zu den Diskussionen bei PhilTalk".

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Zu den einzelnen Diskussionsrunden:

Wahrheit I    Wahrheit II    Wahrheit III    Wahrheit IV

Wahrheit V    Wahrheit VI   Wahrheit VII    Wahrheit VIII

 


Eigene Beiträge zu "Wahrheit I" :


Textanfang

[person-unabhängige und zeit-unabhängige Geltung]

Es geht um die Wahrheit von Sätzen, die etwas darüber aussagen, wie die Welt beschaffen ist. Was heißt es, wenn man sagt, eine solche Aussage sei "wahr" ?

Wenn Fritz bezogen auf die Bundesliga-Ergebnisse sagt: "Dortmund hat gestern gegen Hamburg 3:0 gewonnen" und Tom fragt: "Ist das wahr?", dann kann Mark das bestätigen, indem er sagt: "Ja, es ist wahr, was Fritz gesagt hat". Er könnte die Bestätigung jedoch auch anders formulieren und sagen: "Ja, es ist so, wie Fritz gesagt hat."

Eine Aussage ist demnach wahr, wenn es so ist, wie die Aussage besagt.

Wenn Mark zu Tom sagt: "Es ist wahr, dass Dortmund gestern gegen Hamburg 3:0 gewonnen hat", so drückt er damit aus, dass sich der andere auf diese Aussage verlassen kann.

Wenn Mark den Satz als "wahr" auszeichnet, dann "behauptet" er diesen Satz. Er beansprucht für diesen Satz "Geltung" in dem Sinne, dass er andere dazu auffordert, diesen Satz dem eigenen Denken und Handeln zu Grunde zu legen.

Und da "wahr" nicht auf bestimmte Zeitpunkte und Personen bezogen wird, geht es dabei um die zeit- und personunabhängige Geltung einer Aussage.

Es kann zwar Person A die Aussage "Dortmund hat gestern gegen Hamburg 3:0 gewonnen" für wahr halten und Person B die Aussage: "Dortmund hat gestern gegen Hamburg 0:3 verloren", aber es kann nicht für A die erste Aussage wahr sein und für B die zweite Aussage. Wenn etwas "wahr" ist, dann muss es für jedermann wahr sein. Der Anspruch auf die "Wahrheit" einer Aussage ist also ein Anspruch auf personunabhängige bzw. "intersubjektive" Geltung.

Weiterhin kann die Aussage: "Gestern (am 20.09.2004) hat Dortmund gegen Hamburg 3:0 gewonnen" zwar heute als wahr gelten und morgen vielleicht als falsch, sie kann aber nicht heute wahr sein und morgen falsch. Der Anspruch auf die "Wahrheit" einer Aussage ist also ein Anspruch auf zeit-unabhängige bzw. "intertemporale" Geltung.

Wie man die Wahrheit einer Aussage feststellen oder begründen kann, was also das Kriterium für die Wahrheit einer Aussage ist, ist eine andere Frage.

Festzuhalten bleibt vielleicht noch die logische Regel, dass nicht sowohl eine Aussage als auch die Verneinung dieser Aussage wahr sein kann. Wenn dies zulässig wäre, dann wären "wahre" Aussagen nicht nur keine verlässlichen Antworten auf offene Fragen sondern gar keine Antworten.

***

[subjektive Wahrnehmung, intersubjektive Übereinstimmung und Objekt]

Es ist richtig, dass jeder von uns seine eigene subjektive Perspektive zur Wirklichkeit hat und dass keiner der sich daraus ergebenden Aspekte beanspruchen kann, "die" ganze Wirklichkeit zu sein, so wie es 100 verschiedene Fotos eines Hauses geben kann, von denen keines beanspruchen kann, "das" ganze Haus abzubilden.

Ich bin jedoch der Meinung, dass man über diese subjektiven Weltsichten (" meine Wahrheit – Deine Wahrheit" ) noch hinausgehen und zu einer gemeinsamen Welt gelangen kann.

Die 100 Fotos jenes Hauses weisen ja bestimmte Übereinstimmungen auf: die Zahl der Schornsteine, die Zahl der Geschosse, die Anordnung der Fenster, die Gestaltung des Dachs, die Lage der Haustür usw., alles ist auf allen Bildern gleich, sofern diese Details auf den Bildern überhaupt erfasst sind.

Ebenso weisen unsere subjektiven Wahrnehmungen trotz ihrer Verschiedenheit intersubjektive Übereinstimmungen auf. Zum Beispiel hat A das Gewitter, das sich gestern gegen 17 Uhr über K-dorf entlud, von zu Hause erlebt während B noch in seinem Auto saß. Aber trotz der unterschiedlichen Perspektive stimmen ihre Wahrnehmungen darin überein, dass es mehrere Male geblitzt hat.

Insofern müssen wir nicht bei subjektiven Weltsichten stehen bleiben, sondern können intersubjektiv nachvollziehbare Aussagen über "die" Wirklichkeit machen und für diese Aussagen auch zu Recht "Wahrheit" beanspruchen (ohne dass diese Wahrheit deshalb unumstößlich sein muss).

Einen analogen Übergang von speziellen Aspekten einer Sache zu Aussagen über die Sache selbst vollzieht jeder übrigens auch als einzelnes Subjekt. Wenn man um ein Haus herumgeht, so hat man ständig andere Wahrnehmungen des Hauses. Trotzdem gibt es zwischen den verschiedenen Wahrnehmungen zu den Zeitpunkten t1, t2, t3 …, tn Übereinstimmungen, so dass wir uns eine über die Zeit stabile (" intertemporale" ) Vorstellung von "dem" Haus machen können.

***

[Intersubjektive Übereinstimmung der Wahrnehmungen]

Wie gelangen verschiedene Individuen zu einem Konsens hinsichtlich der Beschaffenheit der Wirklichkeit?

Dazu ein fiktives Experiment.

Ich bitte fünf Leute zu mir in die Wohnung. Wir setzen uns um einen Tisch und trinken eine Tasse Kaffee. Nun hole ich einen Stuhl herein und stelle ihn in eine Ecke. Ich frage meine Gäste: "Sehen Sie den Stuhl dort in der Ecke, ja oder nein?" Vier Gäste sagen "Ja, ich sehe den Stuhl dort in der Ecke."  Aber ein Gast trinkt weiter seinen Kaffee und sagt nichts. Ich wende mich an ihn und frage: "Und was ist mit Ihnen?" Er zieht die Schultern hoch und sagt: "Excuse me but I don't understand any German."

Voraussetzung für einen Konsens in Bezug auf eine Aussage über die Beschaffenheit der Wirklichkeit ist also, dass jeder die Sprache versteht, in der die Aussage formuliert ist.

Nachdem die Frage übersetzt wurde, stimmt auch der Ausländer zu. Damit haben wir intersubjektiv  übereinstimmende Wahrnehmungen. Jeder Gast sagt: "Ich sehe in der Ecke einen Stuhl" oder etwas Bedeutungsgleiches.

Man kann jetzt mit gutem Grund von der Beschreibung seiner subjektiven Wahrnehmung (" Ich sehe …" ) zu einer subjektunabhängigen Aussage übergehen und (als 'wahr') behaupten: "In der einen Ecke dieses Raumes steht jetzt am 25.09.2004 um 17.40 Uhr ein Stuhl". Sollte jemand die Aussage bezweifeln, so kann man sagen: "Wenn Du das bestreitest, dann überzeuge Dich doch mit Deinen eigenen Augen davon!"

Nun frage ich einen meiner Gäste: "Woher wissen Sie, dass dort ein Stuhl steht?" Der Gast lacht und antwortet: "So sehen nun mal Stühle aus, auf denen man sitzen kann: vier Beine, die in Kniehöhe eine Sitzfläche tragen und an der einen Seite eine Rückenlehne." "Na gut", sage ich zu ihm, "dann setzen Sie sich bitte mal auf den Stuhl." Der Gast geht zum Stuhl, setzt sich hin und bricht unter dem Gelächter der andern Gäste sofort mit dem Ding zusammen.

Leicht empört rappelt sich mein Gast hoch und ruft: "Das war ja gar kein richtiger Stuhl, was Sie da hingestellt haben!" "Da haben Sie recht", gebe ich zu. "Sie haben sich täuschen lassen. Es handelt sich um eine lebensechte Stuhlattrappe aus Styropor."

Damit ist die Behauptung "In der Ecke dieses Raumes stand am 25.09.2004 um 17.40 Uhr ein Stuhl" nachträglich als falsch erwiesen. Richtig muss es jetzt heißen: "In der Ecke dieses Raumes stand am 25.09.2004 um 17.40 Uhr eine Stuhlattrappe." Sollte jemand die Wahrheit dieser neuen Aussage bezweifeln, so könnte man sagen: "Sehen Sie sich doch selbst die zerbrochenen Überreste des Dinges an: nichts als federleichtes brüchiges Styropor!"

Aber auch diese Aussage könnte falsch sein, wenn z. B. jemand unbemerkt die Bruchstücke ausgetauscht hätte.

Was ist nun mit dem zu Beginn geäußerten Satz "Ja, ich sehe in der Ecke einen Stuhl" ? Ist er ebenfalls nicht mehr wahr? Da in diesem Satz  das Wahrgenommene fälschlicherweise als 'Stuhl' identifiziert wurde, muss auch dieser Satz korrigiert werden und durch den Satz ersetzt werden: "Ich habe in der Ecke etwas gesehen, das so aussah wie ein Stuhl". Der Bericht über eine Wahrnehmung kann also falsch sein, weil die Interpretation des Sinneseindrucks falsch sein kann.

[Die Bedeutung des Weltbildes]

Als ich den vermeintlichen Stuhl in die Ecke gestellt hatte, gehörte ein Stuhl in der Ecke zum "Weltbild" meiner Gäste. Ein solches Weltbild, in dem gewissermaßen alle Meinungen und Überzeugungen hinsichtlich der Beschaffenheit der Welt zusammengefasst sind, hat – in unterschiedlicher Ausprägung - jedes denkende Individuum.

Das innere Weltbild bildet und verändert sich zum Beispiel anhand von Informationen durch Eltern und Lehrer, anhand von dokumentarischen Medien wie Fernsehen, Filme oder Fotos und nicht zuletzt anhand von eigenen Wahrnehmungen.

Dies Weltbild ermöglicht es dem Individuum, überlegt zu handeln, sofern hier keine "weißen Flecken" bestehen. Aus meinem Weltbild ergibt sich mit mehr oder weniger Genauigkeit und Gewissheit, was ich zu erwarten habe, wenn ich in einer bestimmten Weise handle.

Da mein Gast davon überzeugt war, dass es sich bei dem Gegenstand in der Ecke um einen Stuhl handelt, erwartete er, dass der vermeintliche Stuhl ihn tragen würde. Durch das Zusammenbrechen sind seine Erwartungen jedoch "enttäuscht" worden, er merkt dass seine diesbezügliche Annahme eine "Täuschung" war. Seine aktuellen Erfahrungen stimmten nicht mit den Erwartungen überein, die sich aus seinem bisherigen Weltbild ergaben, und er korrigierte entsprechend sein Weltbild. Ein Weltbild, aus dem sich Erwartungen ergeben, die dann auch eintreffen, muss nicht korrigiert werden. Die entsprechenden Meinungen und Überzeugungen haben sich "bewährt" bzw. einmal mehr "bewahrheitet".

Es ist also nicht nötig, zu fragen, ob mein inneres Weltbild mit der wirklichen Welt übereinstimmt (was in dieser direkten Form auch nicht möglich wäre), sondern es genügt zu fragen, ob die Wahrnehmungen und Erfahrungen, die ich tatsächlich mache, mit dem übereinstimmen, was ich aufgrund meines aktuellen Weltbildes erwarte.

***

[Weltbild, Täuschung der Wahrnehmung]

Das Adjektiv "wahr" (mit dem Gegenbegriff "falsch" ) hat als Attribut von Aussagen (über die gegebenen, erfahrbaren Fakten) eine einigermaßen klare Bedeutung:

Eine (" positive" bzw. "empirische" bzw. "faktische" ) Aussage 'p' ist wahr, wenn es so ist, wie 'p' besagt.

Die Gesamtheit der positiven Aussagen, die ein Mensch für wahr hält, bildet sein "Weltbild" (sein inneres Modell der Wirklichkeit). Das Weltbild kann "weiße Flecken" enthalten, wo es keine Antworten auf offene Fragen gibt. Außerdem können die Überzeugungen, die das Weltbild bilden, unterschiedliche Grade der Gewissheit besitzen. Man sagt z. B.: "Ich weiß mit Sicherheit (vermute, rate mal), dass es so ist."

Ob es so ist, wie die Aussage p besagt, erweist sich daran, ob die Erwartungen, die sich aus p ergeben, mit den gemachten Wahrnehmungen übereinstimmen bzw. vereinbar sind. Wahrnehmungen stellen den Bezug zur Wirklichkeit her.

Wenn ein Mensch Erfahrungen bzw. Wahrnehmungen macht, die diejenigen Erwartungen enttäuschen, die sich aus seinem bisherigen Weltbild ergeben, so kann er den entstandenen inneren Widerspruch auf zweierlei Weise auflösen: entweder er korrigiert die entsprechenden Aussagen seines Weltbildes, sodass die daraus abgeleiteten Erwartungen mit seinen neuen Wahrnehmungen logisch vereinbar werden, oder er bezweifelt die neuen Wahrnehmungen und interpretiert sie als Einbildungen oder Sinnestäuschungen.

Auf zwei Probleme beim Gebrauch des Adjektivs "wahr" möchte ich noch hinweisen.

[Mehrdeutigkeit]

1. Bezieht sich die Auszeichnung "wahr" auf Sätze oder auf die Bedeutung der Sätze?
Wenn sich "wahr" auf Sätze bezieht, dann kann ein und derselbe Satz einmal wahr und einmal falsch sein, je nachdem, welche Bedeutung man mit den Worten dieses Satzes verbindet. Der Satz "Mozart ist ein deutscher Komponist" ist wahr oder falsch, je nachdem wie "deutsch" definiert wird.

[Selbstbezüglicher Gebrauch des Wortes "wahr" ]

2. Ein Satz wie: "Dieser Satz ist falsch" führt zu Paradoxien, denn er kann weder wahr noch falsch sein. Solch eine Paradoxie tritt bei Anwendung der Begriffe "wahr" und "falsch" auf sich selbst auf.

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[Die Substantivierung des Wortes "wahr" zu "Wahrheit" ]

Problematisch wird es, wenn von "der Wahrheit" gesprochen wird, ohne Bezug zu bestimmten Aussagen.

Wenn jemand sagt: "Im Wein ist Wahrheit" oder "Die Wahrheit hat Tiefe und Dynamik" oder "Die Wahrheit lässt sich nicht finden", dann sehe ich hinter jedem dieser Aussagen über "die Wahrheit" mindestens ein Fragezeichen. Hier muss der Begriff "Wahrheit" erläutert werden, allerdings nicht mit Begriffen und Sätzen, die womöglich noch nebulöser sind.

Ein Beispiel: Ich zeige auf eine 3 Meter hohe Mauer und frage die Personen  A und B: "Wie hoch ist die Mauer?" A sagt: "Na, ich schätze mal so 2 Meter 80". B antwortet: "Ich würde sagen: Die Mauer ist 2 Meter 90 hoch." Daraufhin sage ich: "Das kommt der Wahrheit schon näher."

Was bedeutet hier das Substantiv "Wahrheit" ? Die wahre Aussage lautet: "Die Mauer ist 3 Meter hoch." Von den zwei Aussagen: "Die Mauer ist 2 Meter 80 hoch" und "Die Mauer ist 2 Meter 90 hoch" ist die letztere der wahren Aussage insofern "ähnlicher", als der Wert 2,90 näher an dem wahren Wert 3,00 ist als der Wert 2,80. Das Substantiv "Wahrheit" bezeichnet also auch hier die wahre Aussage.

[Die ganze und die halbe Wahrheit]

Ein anderes Beispiel. Vor Gericht sagt der Richter zum Zeugen Z vor dessen Vernehmung, dass er "die reine Wahrheit" sagen müsse und nichts hinzusetzen oder verschweigen dürfe. Herr F ist wegen schwerer Körperverletzung angeklagt. Der Zeuge Z sagt aus: "F hat G mit der Faust ins Gesicht geschlagen". Dieser Satz kann wahr sein, aber er ist nur die "halbe Wahrheit", wenn Z Tatsachen verschwiegen hat, die für das Urteil des Gerichts von Bedeutung sind.

Dies ist z. B. der Fall, wenn dem Faustschlag von F eine Beleidigung durch G vorausging, oder wenn G den F vorher mit einer Schusswaffe bedroht hat.

In diesem Zusammenhang ist die "volle (ganze) Wahrheit" die Gesamtheit aller für das anstehende Problem (z. B. die Urteilsfindung des Gerichts) relevanten wahren Aussagen.

Ohne Bezug auf einen bestimmten Zweck, dem die Informationen dienen sollen, macht der Begriff der "vollen" oder "ganzen Wahrheit" keinen Sinn, denn es gibt keine vollständige Beschreibung einer realen Situation. Selbst einfachste Gegenstände können nicht vollständig beschrieben werden (z. B. in der Anordnung der Atome, die den Gegenstand bilden.)

Ohne einen Zweck, dem die Information dienen soll, ist der Hinweis auf die Unvollständigkeit einer Situationsbeschreibung immer richtig, ist aber als solches kein stichhaltiges Argument gegen diese Beschreibung. Nur wenn für den Verwendungszweck der Informationen wichtige Tatsachen fehlen, kann man eine Darstellung kritisieren, weil sie nur die "halbe Wahrheit" beinhaltet.

Man kann auch nicht sagen, dass eine Beschreibung "wahrer" sei als eine andere Beschreibung, weil sie mehr Einzelheiten eines Sachverhalts enthält. Wie detailliert eine Beschreibung sein muss und welches die relevanten Details einer Situation sind, ergibt sich aus der Frage, um deren Beantwortung es geht.

Wenn gefragt ist, wie hoch in Deutschland der prozentuale Anteil derjenigen Einwohner ist, die unter 18 Jahre alt sind, so sind dafür nur Informationen über Anzahl und Lebensalter nach Jahren relevant. Die Antwort "Der Anteil der unter 18jährigen an der Bevölkerung der Bundesrepublik betrug zu Beginn des Jahres 2003 x Prozent" wird nicht dadurch "wahrer", dass zusätzlich Aussagen über den Anteil der Geschlechter gemacht werden, oder dass das Lebensalter in Monaten ermittelt wird.

[Wahrheit, Gewissheit, Skepsis]

Ein anderes Problem ist das Verhältnis von Wahrheit und Gewissheit. Nehmen wir folgende Textpassage: "Weil wir Menschen zu beschränkt sind, die Wahrheit zu erkennen, können wir keine gesicherten Aussagen machen über das, was wahr ist."

Was heißt hier: "Die Menschen können die Wahrheit nicht erkennen" ?

Eine mögliche Interpretation dieses Satzes wäre, dass Menschen niemals mit völliger Gewissheit (" definitiv" "unumstößlich" ) wissen, welche von mehreren Aussagen wahr ist und welches somit die richtige Antwort auf die gestellte Frage ist.

In Bezug auf einfache Tatsachen erscheint mir die damit formulierte Skepsis unangebracht, insbesondere wenn daraus dann weitere Schlüsse gezogen werden, wie z. B. der Schluss, deshalb das Wort "wahr" nicht mehr zu verwenden.

Dass ich jetzt am Computer sitze und auf der Tastatur einen Text eintippe, ist für mich so gewiss wie nur irgendetwas gewiss sein kann. Dass ich gerade halluziniere oder träume, kann ich ausschließen, weil ich gelernt habe, diese Bewusstseinszustände von realen Wahrnehmungen zu unterscheiden. Der Satz "Heute habe ich am Computer einen Text eingegeben" ist in dem Sinne wahr, dass es keinen Grund zu der Annahme gibt, dass er sich auf Grund zukünftiger Wahrnehmungen oder aufgrund der Wahrnehmungen anderer Individuen als falsch erweisen wird.

Der Satz: "Wir Menschen sind zu beschränkt, um die Wahrheit zu erkennen" ist also missverständlich und er wird falsch, wenn er bedeuten soll, dass wir niemals gewiss sein können, dass irgendeine Aussage über die Wirklichkeit wahr ist. Also Vorsicht mit "der" Wahrheit

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[Wahrheit und Informationsgehalt]

Eine Aussage ist wahr, wenn es so ist, wie die Aussage besagt. Deshalb spielt der Informationsgehalt (die "Genauigkeit" )  einer Aussage keine Rolle für die Frage, ob sie wahr oder falsch ist.

Wenn der Satz wahr ist: "Diese Klasse besteht aus 32 Schülern" dann ist z. B. der Satz: "Diese Klasse besteht aus mehr als 25 Schülern" genauso wahr, auch wenn er "ungenauer" ist.

Den Begriff "Gewissheit" sollte man nicht aufgeben, wenn man zwischen unterschiedlichen Graden der Wahrscheinlichkeit unterscheiden will, mit der man mit einer Enttäuschung der eigenen Erwartungen rechnet. Der Grad an Gewissheit, mit dem ich etwas für wahr halte, ist für mein Handeln von allergrößter Bedeutung.

***

[Abgrenzung der faktischen Aussagen von anderen Sätzen]

Was heißt es, wenn gesagt wird, eine Aussage sei wahr?

Ich schlage vor, dass wir die Diskussion vorerst  beschränken auf die Wahrheit von Aussagen über die Welt, wie sie beschaffen ist und warum sie so ist, also auf die "positiven" oder "faktischen" Aussagen. Wenn man hier etwas Klarheit geschaffen hat, wird es leichter sein, in Bezug auf andere Sätze wie Werturteile, Normen oder Sinnbestimmungen nach den Bedingungen ihrer Allgemeingültigkeit zu fragen.

Hier ergibt sich die Frage, welche Art von Sätzen Aussagen über die Wirklichkeit machen und wo die Grenze zu denjenigen Arten von Sätzen oder Aussagen zu ziehen ist, die nicht in der gleichen Weise "wahrheitsfähig" sind.

Problematische Kandidaten scheinen mir z. B. diejenigen Sätze zu sein, die Empfindungen und Stellungnahmen zu bestimmten Reizen ausdrücken. Damit meine ich Sätze wie: "Zucker schmeckt süß", "Frische Austern schmecken köstlich", "Der Film x ist langweilig", "Wie A von seinen Erfolgen berichtet, ist eher peinlich"

Wenn diese Sätze als wahr behauptet werden, dann schließt das ein, dass sie allgemeine Geltung beanspruchen unabhängig von Person oder Zeitpunkt. Aussagen, die als wahr behauptet werden, werden gewissermaßen jedem Individuum zur Aufnahme in das eigene Weltbild empfohlen.

Damit stellt sich die Frage, ob es überhaupt allgemein nachvollziehbare und akzeptierbare Argumente für derartige Sätze gibt.

Bei dem Satz "Zucker schmeckt süß" ist das wohl der Fall, denn ich kann sagen: "Hier ist Zucker. Schmeck doch selbst!" Es gibt in diesem Fall sicherlich eine übereinstimmende geschmackliche Wahrnehmung aller Individuen (sofern ihr Geschmackssinn nicht geschädigt ist)

Dagegen mag es sein, dass Person A frische Austern mit Genuss schlürft, während Person B sich davor ekelt. B kann den Satz "Frische Austern schmecken köstlich" nicht unterschreiben, insofern mit den Wort "köstlich" eine starke Empfehlung zum Verzehr von Austern gegeben wird. Hier sind die Geschmäcker verschieden und die personunabhängige Formulierung ist irreführend. Es sollte deshalb besser personenbezogen heißen: "Frische Austern schmecken MIR köstlich", um sinnlose Diskussionen zu vermeiden.

Der Satz: "Der Film x ist langweilig" könnte eine wahrheitsfähige Aussage sein, wenn man ihn versteht als gleichbedeutend mit dem Satz "Der Film x erzeugt bei seinen Zuschauern Langeweile". Voraussetzung ist allerdings, dass man "Langeweile" an beobachtbaren Indikatoren festmachen kann wie Gähnen, Beschäftigung mit andern Dingen und die Bejahung einer entsprechenden Frage.

Ob ein Individuum etwas als "peinlich" empfindet oder nicht, hängt stark von der jeweiligen Erziehung ab und ist deshalb nicht für alle gleich. Deshalb sollte der obige Satz personenbezogen formuliert werden, z. B.: "Wie A von seinen Erfolgen berichtet, empfinde ich eher als peinlich". Damit ist klar, dass es sich nicht um eine Aussage über das handelt, was A tut, sondern um einen Ausdruck der eigenen Empfindungen.

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[Wahrheit bei übernatürlichen Aussagen]

Fraglich ist, inwiefern metaphysische, übernatürliche, übersinnliche oder religiöse Aussagen etwas über die Beschaffenheit der Wirklichkeit behaupten und in vergleichbarer Weise wahrheitsfähig sind. ...

Insofern sich aus der Annahme eines übernatürlichen Bereichs Erwartungen hinsichtlich der Beschaffenheit der Wirklichkeit ergeben, können diese Erwartungen durch die tatsächlichen Wahrnehmungen enttäuscht werden, was zu einer Korrektur des religiösen Weltbildes führen müsste (oder zur Abwertung der gemachten Wahrnehmungen als Täuschungen).

Dazu ein Beispiel: Der irische Mönch Bonifatius, der als Missionar der Deutschen gilt, soll nach der Legende den Glauben der Sachsen an die germanischen Götter dadurch erschüttert haben, dass er die heilige Wotanseiche fällte. Aufgrund ihres Glaubens erwarteten die Sachsen, dass der Gott Wotan einen derartigen Frevler umgehend mit einem tödlichen Blitzschlag bestrafen würde. Aber nichts dergleichen geschah. Also mussten die Sachsen ihr Weltbild korrigieren und waren aufnahmebereit für die christliche Lehre.

Wenn Gott oder Teufel jedoch in der wahrnehmbaren Welt nicht wirken und wenn sie keine wahrnehmbaren Spuren hinterlassen, dann erzeugt das religiöse Weltbild auch keine Erwartungen, die durch die Wahrnehmung enttäuscht werden könnten. Damit werden die religiösen Weltbilder unkritisierbar – allerdings um den hohen Preis, dass es kein Wirken Gottes oder des Teufels in der wahrnehmbaren Welt gibt.

***

[Definition von 'wahr']

Eine Aussage ist wahr, wenn es so ist, wie die Aussage besagt. Damit habe ich vorausgesetzt, dass unter einer "Aussage" ein Satz verstanden wird, der beinhaltet, "wie es ist".

Für das "es" kann man auch einsetzen kann: "die Welt" oder "die Wirklichkeit", so dass sich als Bestimmung von "wahr" ergibt:

Eine Aussage ist wahr, wenn die Wirklichkeit so ist, wie die Aussage besagt.

Insofern die Geltung dieser Definition unabhängig von bestimmten Subjekten und bestimmten Zeitpunkten ist, kann man auch explizit formulieren:

Eine Aussage ist für jedermann und zu jeder Zeit wahr, wenn die Wirklichkeit für jedermann und zu jederzeit so ist, wie die Aussage besagt.

Wenn etwas "wahr" ist, dann ist es nicht nur wahr für mich sondern wahr für alle und dann ist es nicht nur jetzt wahr sondern immer.

***

[Subjektive Wahrheiten?]

Ich kann natürlich niemanden hindern, diese Definition von "wahr" abzulehnen und das Wort anders zu gebrauchen.

Es könnte z. B. jemand die Intersubjektivität (oder Transpersonalität) im Begriff "wahr" ablehnen und sagen: "Für mich ist eine Aussage wahr, wenn für mich die Wirklichkeit so ist, wie die Aussage besagt."

Wenn man jedoch in dieser Weise eine subjektive Wahrheit zulässt, dann gibt es so viele unterschiedliche "Wahrheiten", wie es Subjekte gibt. Und was für den einen wahr ist, muss nicht auch für den andern wahr sein.

Der Effekt wäre, dass es ziemlich uninteressant ist, ob jemand eine Aussage in diesem Sinne als wahr kennzeichnet oder nicht, da daraus nichts folgt hinsichtlich der Wahrheit dieser Aussage für irgendein anderes Subjekt.

Ähnlich ist es, wenn jemand die zeitunabhängige Geltung im Begriff "wahr" ablehnt und sagt: "Eine Aussage ist jetzt wahr, wenn es jetzt so ist, wie die Aussage besagt." Wenn man in dieser Weise den intertemporalen Geltungsanspruch aus dem Wort "wahr" entfernt wird, dann gibt es zu jedem Zeitpunkt eine neue Wahrheit. Und was heute wahr ist, muss es morgen nicht sein.  

Der Effekt wäre, dass es ziemlich uninteressant ist, ob jemand eine Aussage in diesem Sinne als wahr kennzeichnet oder nicht, weil daraus nichts folgt hinsichtlich der Wahrheit dieser Aussage zu irgendeinem anderen Zeitpunkt.

Es ist jemand also unbenommen, das Wort "wahr" anders zu definieren als ich es getan habe, aber er kann den in dem Wort "wahr" unausgesprochen enthaltenen intersubjektiven und intertemporalen Geltungsanspruch nicht entfernen, ohne zugleich das aufzulösen, was die Auszeichnung einer Aussage als "wahr" so wichtig und begehrt macht.  

***

[Die Verwendung des Wortes 'wahr']

Wozu wird das Wort 'wahr' gebraucht? Nach welchen Regeln wird das Wort 'wahr' verwendet?"

Meine Antwort hierauf ist: Das Wort 'wahr' wird verwendet, um mit dem Anspruch auf allgemeine (subjektunabhängige und zeitunabhängige) Geltung zu sagen, wie die Wirklichkeit (" die Welt" ) beschaffen ist. Wenn eine Aussage über die Welt wahr ist, dann ist sie für jeden wahr und jederzeit wahr. Das Wort "wahr" setzt also eine für Dich und mich über die Zeit hinweg identische Welt voraus.

Wenn z. B. die faktische Aussage: "Von Berlin nach Mailand gibt es jeden Morgen eine Flugverbindung" wahr (bzw. falsch) ist, dann gilt dies für jeden, auch für mich.

Die Gesamtheit der Aussagen, die ein Mensch für wahr hält, bilden sein inneres "Weltbild", ein vorgestelltes Modell der Wirklichkeit, das der betreffende Mensch seinem Denken und Handeln zugrunde legt.

Wenn jemand z. B. die Aussage "Von Berlin nach Mailand gibt es jeden Morgen eine Flugverbindung" für wahr hält, obwohl sie falsch ist, so kann es ihm passieren, dass er eine kurzfristig beschlossene Reise nach Mailand nicht  - wie erwartet – durchführen kann, weil sich herausstellt, dass Sonntags keine Maschine fliegt.

Wenn jemand eine wahre Aussage für falsch hält (bzw. eine falsche Aussage für wahr), dann entsprechen seine Wahrnehmungen nicht den Erwartungen, die er aufgrund seines Weltbildes hatte: sie werden "enttäuscht". Er erreicht sein Ziel nicht, er irrt.

Insofern derartige Enttäuschungen mit Nachteilen für die Betreffenden verbunden sind, hat man ein Interesse, Täuschungen und Irrtümer zu vermeiden und falsche Aussagen im eigenen Weltbild zu korrigieren.

(Dass dies nicht immer der Fall sein muss, zeigt eine Anekdote über zwei Atomphysiker. Als der eine den andern besucht, sieht er zu seiner Verwunderung, dass sein Kollege ein Hufeisen über seine Haustür genagelt hat und fragt ihn: "Glaubst Du denn wirklich, dass Dir ein solcher Talisman Glück bringt?" "Warum nicht?", antwortet dieser. "Wenn es wahr ist, bringt mir das Hufeisen Glück, und wenn es nicht wahr ist, dann schadet es auch nichts."

***

[Absolute Gewissheit]

Gibt es Aussagen über die Wirklichkeit, die mit unumstößlicher Sicherheit wahr sind, die man mit vollkommener Gewissheit als wahr behaupten kann?  

Wie wär's mit der Wettervorhersage: "Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, dann ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist" ?

Dieser Satz ist wahr und kann nicht falsifiziert werden, da er mit jedem denkbaren Wetterverlauf vereinbar ist. Die "Erwartungen" an die Entwicklung des Wetters, die man auf Grund dieser Aussage hegt, können folglich nicht enttäuscht werden.

Der Trick an der Sache ist, dass es sich hier zwar der Form nach um eine Aussage über eine empirische Regelmäßigkeit handelt, dass diese Regelmäßigkeit jedoch keine ist, da die Aussage keinerlei faktische Information enthält. Sie ist mit jedem Verlauf der Dinge vereinbar und schließt nichts aus, und das kann man wohl nicht als "Regelmäßigkeit" bezeichnen.

Da ihr Informationsgehalt gleich Null ist, kann diese Aussage jedoch auch keine Frage beantworten. Wenn ich die entsprechende Frage stelle: "Bleibt das Wetter so wie es ist?" so ergibt sich aus unserer Wetterregel als Antwort: "Ja, es bleibt wie es ist, oder nein, es ändert sich."

Hier würde wohl jeder entgegen: "Das ist doch keine Antwort auf meine Frage. Ich wollte nicht alle möglichen Alternativen wissen, die eintreten können, sondern ich wollte wissen, welche der Alternativen eintreten wird."

Wie man sieht, ist die Gewissheit, die man gewonnen hat, mit  Informationsverlust teuer erkauft worden. Insofern sind "Wahrheit" und "Gewissheit" für sich genommen nicht unbedingt erstrebenswert. Was man anstrebt ist ja Wahrheit in Bezug auf die Beantwortung derjenigen Fragen, die einem wichtig sind. Und wichtig sind für einen selbst solche Fragen, deren Beantwortung den Weg zum Erreichen der eigenen Ziele aufweist.

***

[Beweisbarkeit]

Unter "logisch wahren" Aussagen verstehe ich im Unterschied dazu Sätze, die ausschließlich Definitionen beinhalten. Zum Beispiel ist der Satz "Dieser Schimmel ist weiß" aufgrund von Definition wahr, wenn das Wort "Schimmel" zuvor als "weißes Pferd" definiert wurde. Es handelt sich um eine Tautologie, die notwendig (logisch) wahr ist, sofern die entsprechende Definition vorausgesetzt wird.

Nicht nur in der Logik und Mathematik, auch in den "Realwissenschaften" gibt es Teilbereiche streng logischer Beweisführung. Gemeint sind "theoretische Modelle" oder "Idealtypen", bei denen es sich um mathematisch-logisch aufgebaute Konstruktionen aus definierten Begriffen und bestimmten Annahmen über Regelmäßigkeiten handelt. Ein Beispiel hierfür sind die Modelle, die mit der Annahme arbeiten, dass sich Individuen "rational" (" Nutzen maximierend" ) verhalten. Die bekanntesten Beispiele sind wohl das Marktmodell der vollkommenen Konkurrenz und – mit andern Annahmen - die kybernetische Systemtheorie. Sicherlich gibt es auch in der theoretischen Physik derartige logisch-mathematisch konstruierte Modelle, bei denen der Bezug zur Wirklichkeit erstmal offen bleibt.

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[Subjektive und objektive Berechtigung einer Behauptung als wahr]

Jemand kann (subjektiv) berechtigt sein, eine Aussage p als wahr zu behaupten, obwohl sie (" objektiv" gesehen) falsch ist.

Zum Beispiel war Columbus nach seinem damaligen Wissensstand berechtigt, die von ihm entdeckten Landmassen als "West-Indien" zu bezeichnen, denn zu diesem Zeitpunkt war von der Existenz der "neuen Welt" des amerikanischen Doppelkontinents noch nirgends die Rede.

Bei der Frage nach der Rechtfertigung einer Handlung – hier des Behauptens – muss man prinzipiell unterscheiden zwischen der subjektiven Rechtfertigung dieser Handlung (relativ gesehen zu dem Wissen, das dem Handelnden zur Verfügung stand) und der Beurteilung der Handlung nach dem heutigen Wissensstand.

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[Unterschied von rational begründeten und dogmatischen Behauptungen]

Wenn die Behauptung einer Aussage x als "wahr" die unausgesprochene Aufforderung an jedermann enthält, der Behauptung x zuzustimmen (ihr intersubjektiver Geltungsanspruch), dann ist entscheidend, wie dieser Geltungsanspruch eingelöst wird.

Man kann dabei zwei Wege der Einlösung des Geltungsanspruchs unterscheiden.

Zum einen kann man für die Wahrheit von x eine "Begründung" (Beweis, Beleg, Argument) geben. Begründungen von Behauptungen wenden sich an die vernünftige Einsicht. Man kann sie zurückweisen, wenn sie nicht akzeptabel sind. Sie üben auf den Angesprochenen zwar einen Einfluss jedoch keinerlei Zwang aus, weil sein kritisches Urteilsvermögen nicht ausgeschaltet oder umgangen wird. Die Überzeugung des Einzelnen beruht auf Gründen bzw. Argumenten, die er selber akzeptiert.

Für viele Aussagen können allerdings keine strengen Beweise geliefert werden, so dass mehrere Positionen rational vertretbar bleiben.

Eine Theorie (als eine zusammenhängende Menge von Aussagen), die ihren Geltungsanspruch allein auf Begründungen bzw. Argumente stützt, kann man als eine "rationale" oder "wissenschaftliche" Theorie bezeichnen.

Eine Theorie, die ihren allgemeinen Geltungsanspruch NICHT davon abhängig macht, ob es für sie allgemein nachvollziehbare Argumente gibt, sondern die sich auf exklusive Wege der Erkenntnis beruft, denen man vertrauen müsse, kann man als "irrationale" oder "dogmatische" Theorie bezeichnen.

Dogmatische Theorien, die rhetorisch um Zustimmung werben, ohne sich nachvollziehbar zu begründen, sollte man als solche deutlich kennzeichnen und nicht mit rationalen Theorien vermischen. Ihr Anspruch auf "Wahrheit" und allgemeine Geltung ist problematisch, falls damit Ernst gemacht wird.

Wenn die Behauptung einer Aussage als "wahr" den Anspruch auf allgemeine (also nicht subjekt- oder zeitbezogene) Geltung beinhaltet, dann sollte diese Aussage auch allgemein einsichtig sein. Zu sagen: "Meine Behauptung ist wahr – also übernimm sie" bleibt ein reiner Anspruch auf Glauben und Vertrauen, solange es für diese Behauptung keine allgemein nachvollziehbaren und akzeptablen Gründe gibt.

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[Wahrheitsanspruch und Lernfähigkeit]

Wenn ich sage: "Die Aussage p ist wahr", dann beanspruche ich zwar für diesen Satz eine Geltung, die unabhängig von Personen und Zeitpunkten ist. Ich schließe jedoch damit keineswegs aus, dass ich dazu lerne und meine Überzeugung nicht im Lichte neuer Erfahrungen und Argumente korrigieren werde. "Etwas für wahr halten" ist ja nicht bedeutungsgleich mit "Etwas unumstößlich bzw. unwiderruflich für wahr halten". Mein Wahrheitsbegriff ist ohne weiteres vereinbar mit der Offenheit für neue Argumente und mit einer Korrigierbarkeit meines Weltbildes. Es können jederzeit Phänomene auftauchen, die mit unserm bisherigen Weltbild nicht zu erklären sind oder sogar unvereinbar sind.

Ich habe außerdem nicht nur die zwei Möglichkeiten, eine Aussage für wahr zu halten oder sie für falsch zu halten. Entsprechend der Schlüssigkeit der verfügbaren Begründung kann ich eine Aussage mit unterschiedlichen Graden an Gewissheit für wahr halten. Man sagt deshalb: "Ich bin mir sicher, dass dies wahr ist", "Ich nehme mit großer Wahrscheinlichkeit an, dass dies wahr ist", "Ich vermute, das dies wahr ist" oder "Ich kann nur raten, was wahr ist".

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[Intersubjektive und intertemporale Geltung wahrer Sätze]

Ich hatte geschrieben: "Eine Aussage ist wahr, wenn die Wirklichkeit so ist, wie die Aussage besagt. … Wenn etwas 'wahr' ist, dann ist es nicht nur wahr für mich sondern wahr für alle und dann ist es nicht nur jetzt wahr sondern immer."

Dazu ein Beispiel. Nehmen wir die Aussage: "Der zweite Kanzler der Bundesrepublik Deutschland hieß Ludwig Erhard."
Wenn es so ist, wie diese Aussage besagt, wenn die Aussage also wahr ist, so ist Ludwig Erhard nicht nur für mich der zweite Kanzler gewesen sondern für jeden, und dann gilt diese Aussage nicht nur heute sondern auch morgen.

Dass bedeutet nichts anderes, als dass sich unsere Aussagen auf eine gemeinsame und dauerhafte Welt beziehen.

Wenn also A sagt: "Der zweite Kanzler der Bundesrepublik Deutschland hieß Ludwig Erhard" und B sagt: "Der zweite Kanzler der Bundesrepublik hieß Kurt Georg Kiesinger" so muss mindestens eine der beiden Aussagen falsch sein.

Und wenn A gestern gesagt hat: "Der zweite Kanzler der Bundesrepublik Deutschland hieß Ludwig Erhard" und wenn A heute sagt: "Der zweite Kanzler der Bundesrepublik Deutschland hieß Kurt Georg Kiesinger", so widersprechen sich beide Aussagen und mindestens eine der Aussagen muss falsch sein.

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[Warum auf den Begriff der Wahrheit nicht verzichtet werden kann]

Ich sehe keinen Grund, auf die Auszeichnung von faktischen Aussagen als "wahr" zu verzichten. Bei den Aussagen über einzelne raum-zeitlich bestimmte Sachverhalte (" Der Münchener Hauptbahnhof ist ein Kopfbahnhof" ) ist dies wohl unbestritten. Und bei den Aussagen über empirische Zusammenhänge oder Regelmäßigkeiten (" Babys schreien, wenn sie Bauchschmerzen haben" ), sollte man sich darüber klar sein, dass es sich um hypothetische Aussagen handelt, die durch zukünftige Erfahrungen falsifiziert und eingeschränkt werden können.

Wer auf das Wörtchen "wahr" (bzw. ein entsprechendes Ersatzwort) verzichten will, der muss sich darüber klar sein, dass er damit auch auf das Wörtchen "falsch" verzichten muss. Denn wenn der Satz "Der Münchener Hauptbahnhof ist ein Kopfbahnhof" falsch ist, dann muss dessen Verneinung "Der Münchener Hauptbahnhof ist kein Kopfbahnhof" wahr sein.

Wer auf das Wörtchen "wahr" (bzw. ein entsprechendes Ersatzwort) verzichten will, der muss sich außerdem darüber klar sein, dass er damit auch auf logisch-deduktives Schließen und Argumentieren verzichten muss, denn dies setzt die Auszeichnung der Sätze als "wahr" oder "falsch" voraus. Wenn jemand die zwei Aussagen: "Baby A hat jetzt Bauchschmerzen" und "Baby A schreit jetzt nicht" für "belegt" (oder "relativ wahr" ) hält, ist damit die Aussage "Babys schreien, wenn sie Bauchschmerzen haben" "widerlegt" (bzw. "relativ falsch" )?  

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[Die Wahrheit bei mehrdeutigen Sätzen]

Angenommen es gibt zwei Gruppen, nennen wir sie die "Abriander" und die "Obriander", die unterschiedliche Sprachen sprechen.

In beiden Sprachen gibt es das Wort "Delphin" und in beiden Sprachen werden damit dieselben Objekte bezeichnet.

... Die Abriander behaupten in ihrer Sprache "Delphine sind Säugetiere und keine Fische" und die Obriander behaupten in ihrer Sprache "Delphine sind Fische und keine Säugetiere".

Die Frage ist: Wer hat Recht?

Untersuchen wir zuerst Satz der Abriander: "Delphine sind Säugetiere und keine Fische."

Wenn man wissen will, ob ein Satz wahr ist, muss man erstmal wissen, was der Satz bedeutet und dazu muss man die Bedeutung der einzelnen Worte kennen. Das sind in unserem Fall die Worte "Säugetier" und "Fisch". (Was Delphine sind, war geklärt.)

Angenommen
die Abriander definieren das Wort "Säugetiere" als "Tiere, bei der die Jungen durch Muttermilch ernährt werden" . Wenn der Satz "Delphine ernähren ihre Jungen durch Muttermilch" wahr ist, dann folgt daraus, dass Delphine (in der Sprache der Abriander) Säugetiere sind.

Wenn die Abriander das Wort "Fisch" definieren als "Eier legende Tiere mit Kiemenatmung", dann ist der Satz "Delphine sind Fische" falsch (in der Sprache der Abriander), da Delphine keine Eier legen.

Damit ist die Behauptung der Abriander "Delphine sind Säugetiere und keine Fische" in ihrer Sprache wahr.

Wenn dagegen die Obriander das Wort "Säugetiere" definieren als "Tiere, bei denen die Weibchen lebende Junge gebären und die auf dem Land leben", dann sind  die Delphine keine Säugetiere (in der Sprache der Obriander), da Delphine nicht auf dem Land leben.

Wenn bei den Obriandern das Wort "Fische" bedeutet: "im Wasser lebende Tiere mit Flossen",  dann sind Delphine Fische" (in der der Sprache der Obriander).

Damit ist die Behauptung der Obriander "Delphine sind Fische und keine Säugetiere" in ihrer Sprache ebenfalls wahr.

Hier könnte jemand einwenden: "Entweder sind Delphine Säugetiere oder sie sind keine, aber nicht beides. Das entspricht der Grundvoraussetzung der Logik, dass nicht sowohl eine Aussage p als auch deren Verneinung wahr sein können."

Das ist richtig, aber die beiden Sätze widersprechen sich nur scheinbar, denn sie haben zwar identische Wortfolgen, jedoch haben dieselben Wörter unterschiedliche Bedeutungen. Deshalb können beide Sätze wahr sein.

Die Doppeldeutigkeit kann man beseitigen, indem man zur besseren Unterscheidung von "A-Säugetieren" und "O-Säugetieren" sowie von "A-Fischen" und "O-Fischen" spricht.

Delphine sind dann A-Säugetiere aber keine A-Fische, Delphine sind O-Fische aber keine O-Säugetiere.

Damit ist die durch die Verwendubg mehrdeutige Wörter hervorgerufene logische Verwirrung aufgelöst.

Alles weitere sind dann keine Fragen der Wahrheit mehr sondern Fragen der zweckmäßigen Begriffsbildung in Bezug auf Tiere bzw. Tierarten.

Denkbar wäre z. B. auch ein Begriffsraster, das weder "Säugetiere" noch "Fische" kennt, sondern das nur zwischen "Landtieren" und "Wassertieren" unterscheidet sowie zwischen "Lungenatmung" und "Kiemenatmung". Delphine wären bei Verwendung eines solchen Begriffsrasters dann "Wassertiere mit Lungenatmung".

Solche Begriffsraster und Klassifikationssysteme sind nicht "wahr" oder "falsch" sondern höchstens zweckmäßig oder unzweckmäßig - bezogen auf die Fragen, die beantwortet, und die Probleme, die gelöst werden müssen

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[Was sind Wahrnehmungen? Wie grenzt man Sätze, die über die Beschaffenheit der Welt informieren, von anderen Sätzen ab?]


W
ie unterscheiden wir die Wahrnehmung der Wirklichkeit von anderen Aktivitäten unseres Bewusstseins wie träumen, phantasieren, sich vorstellen, halluzinieren oder sich erinnern.

Träume, Phantasien, Vorstellungen, Halluzinationen oder Erinnerungen sind zwar reale Vorgänge, aber ihre Inhalte sind meist nicht real gegeben.

Wie kann man erkennen, ob es sich bei dem, was sich im eigenen Bewusstsein abspielt, um Wahrnehmungen handelt oder "Einbildungen" ?

Eine andere Frage zur Wahrnehmung der Wirklichkeit ergibt sich daraus, dass wir nicht nur "äußere" Wahrnehmungen haben, sondern auch "innere" Wahrnehmungen: wir verspüren Hunger, Freude, Angst, Lust, Müdigkeit, Unruhe, Trauer, Sympathie, Scham, Stolz, Wut, Depression, Schuld, Genugtuung, Zorn, Schwäche, Panik, Liebe, Hass, Ekel, Wir-Gefühl, Einsamkeit, Schmerz, Befriedigung, Langeweile, Bedürfnisse nach Ruhe, nach neuen Erlebnissen, nach Mitteilung, nach Partnerschaft usw. usf.

Was ist mit meiner Wahrnehmung dieser "inneren Wirklichkeit", die für mich von allergrößter Bedeutung ist, die den anderen Individuen in dieser Form jedoch nicht zugänglich ist?

Damit zusammen hängt die Frage, was die Wahrnehmung der Wirklichkeit umfasst. Wir erleben ja etwas, wir nehmen nicht nur etwas wahr.

Ein Beispiel: Über meine Hand läuft plötzlich eine Spinne. Habe ich eine "eklige Spinne" gesehen oder eben nur eine Spinne. Habe ich gestern eine "furchtbaren Sturm" erlebt oder nur Wind der Stärke 11 bis 12? Gibt es "eindrucksvolle Männer" und "attraktive Frauen" oder "vorbildliche Lehrer" ?

Also die Frage ist: Nehmen wir die Ekligkeit von Spinnen und das Grauenvolle eines Bombenattentats wahr? Wie gehört die Ekligkeit und das Grauenvolle zur Wirklichkeit?

Zu klären ist, was eine "Information" über die Wirklichkeit ist und was nicht.

Ist der Satz "Reife Bananen sind gelb" eine Information über Bananen (als Teil der Welt)?

Ist der Satz: "Reife Bananen schmecken süß" eine Information über Bananen?

Ist der Satz "Reife Bananen schmecken gut" eine Information über Bananen?

Der Satz "Reife Bananen schmecken gut" ist Deiner Ansicht nach keine (vollständige) Information über Bananen, da die Geschmäcker von Person zu Person unterschiedlich sind.

Aber der Satz "Reife Bananen schmecken süß" ist ja auch ein Geschmacksurteil. Warum ist dieser Satz eine vollständige Information und der erstere nicht?

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[Wozu brauchen wir Wahrheit?]

Der Zusammenhang, in dem die Suche nach wahren Aussagen steht, ist ... nach meiner Ansicht das praktische Leben mit seiner Diskrepanz zwischen dem, was wir wollen – unseren Bedürfnissen, Wünschen und Zielen – und dem, was wir "real" erleben und erfahren.

Wenn wir unsere Wünsche befriedigen wollen, wenn wir keine Misserfolge, Enttäuschungen und unliebsamen Überraschungen erleben wollen, dann brauchen wir Aussagen, die sich auch zukünftig "bewähren" (= als wahr bestätigen, also intertemporal gelten).

Wenn wir gezielt und mit dem gewünschten Erfolg in das Geschehen eingreifen und die Zukunft gestalten wollen, dann brauchen wir Aussagen über regelmäßige empirische Zusammenhänge (" Wenn ich unter den gegebenen Bedingungen a, b und c die Handlung x ausführe, dann ergibt sich y" ), und zwar solche Aussagen, denen wir "trauen" können (" wahr" heißt im Englischen "true" ).

Wenn wir gemeinsam erfolgreich handeln wollen, dann brauchen wir auch gemeinsame Begründungen für unser Handeln. Und insofern erfolgreiches Handeln eine Kenntnis der Situation und der regelmäßigen empirischen Zusammenhänge erfordert, brauchen wir Aussagen, denen nicht nur ich sondern denen jeder trauen kann. Dies ist die soziale Dimension der Wahrheit, die "allgemeine" bzw. intersubjektive Gültigkeit.

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[Unterschiedliche Arten von Behauptungen: positiv bzw. normativ]

Fragen danach, wie die Welt beschaffen ist, verlangen Antworten in der Form von Aussagen über das was ist und wie es ist. Die Beschreibung der Welt, wie sie ist, sollte aber nicht unkontrolliert vermengt werden mit unseren Bewertungen (ob das, was ist, gut ist) und es sollte gleichfalls nicht unkontrolliert vermengt werden mit unseren Forderungen (ob das, was ist, so sein soll).

Der Grund für diese Unterscheidung liegt darin, dass in Bezug auf ein und denselben Sachverhalt unterschiedliche Wertungen und Forderungen möglich sind. Diese Wertungen und Forderungen verlangen eine andere Begründung, eine andere Rechtfertigung ihres Geltungsanspruchs als es Aussagen über die Beschaffenheit der Welt verlangen.

In diesem Zusammenhang noch eine Anmerkung zur Begriffsbildung. Wenn jemand einem Wort durch Definition eine bestimmte Bedeutung zuweist, so handelt es sich um den Vorschlag einer sprachlichen Konvention und um die Ankündigung, dass der Betreffende dies Wort künftig nur mit dieser Bedeutung verwenden will. Die Berechtigung derartiger sprachlicher Neuschöpfungen muss sich an dem dadurch ermöglichten Erkenntnisgewinn erweisen. Definitionen sind jedoch nach meinem Verständnis keine Vorschriften, da man einen Definitionsvorschlag nicht übernehmen muss.

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[Wirklichkeit, Erkenntnis als Praxis, Berücksichtigung von Kosten der Erkenntnis]

Du schreibst in Deinem letzten Beitrag, "dass die 'objektive' Wirklichkeit - nämlich die vom menschlichen Handeln klar unterschiedene und als solche unabhängig existierende Welt - nicht zu unserem unmittelbaren und alltäglichen Erfahrungsbestand gehört", weil die Natur bereits weitgehend durch menschliches Handeln geformt wurde.

Ein solcher Begriff einer vom Menschen unabhängigen "Natur" spielt jedoch für die Frage, wie die Welt beschaffen ist, keine Rolle. Zur Welt in diesem Sinne gehört alles, was ist, was war und was sein wird. Auch das fragende Subjekt selber gehört – indem es ist und damit wirklich existiert - zu dieser Welt. Deshalb kann ein Subjekt z. B. auch fragen: "Wie alt bin ich?"

Du schreibst weiterhin, "dass Erkennen eine menschliche Praxis ist, die mehr oder weniger spezialisiert oder allgemeingültig sein bzw. mehr oder weniger zielstrebig und normiert betrieben werden kann". Dies ist sicherlich richtig und hat seinen Grund vor allem darin, dass Erkenntnis im Sinne einer richtigen Beantwortung gestellter Fragen mit Aufwand in Form von Arbeitszeit und Anstrengung verbunden ist.

Wenn die Kosten der Informationsgewinnung höher sind als der Vorteil, den die Kenntnis der richtigen Antwort mir einbringt, so handele ich irrational. Die richtige Antwort (" die Wahrheit" ) hat also keinen unbegrenzt hohen Wert für mich.

Deshalb ist es manchmal sinnvoll, die Suche nach wahren Aussagen abzubrechen und bewusst ein kalkulierbares Risiko einzugehen bzw. eine mehr oder weniger große Ungewissheit in Kauf zu nehmen.

Dies gilt vor allem für die Beantwortung von Fragen, die innerhalb der Lebenspraxis auftauchen und eine schnelle Beantwortung erfordern, weil die Situation sich rasch ändert. Ein Beispiel: Wenn ich nachts auf der Autobahn fahre und ich sehe vor mir zwei schnell größer werdende helle Lichter, dann erfordert die Frage: "Kommt mir da ein 'Geisterfahrer' entgegen?" eine sofortige Antwort. ich kann dann dieser Frage nicht in aller Ruhe nachgehen und erstmal ein Forschungsprojekt zum Thema "Optische Täuschungen" durchführen.

Die Abstriche hinsichtlich der Richtigkeit und Verlässlichkeit der unter Praxiszwängen gefundenen Antworten bleiben jedoch Abstriche, die sich am Maßstab wissenschaftlicher Methodik messen lassen müssen.

Immer dort jedoch, wo Aussagen mit dem Anspruch auf Wahrheit und allgemeine Geltung erhoben werden, muss sich derjenige, der die Behauptungen aufstellt fragen lassen, welche allgemein nachvollziehbaren Gründe es für diese Behauptungen gibt.

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[Wahrheit und Wirklichkeit]

Du schreibst: "Was hier als Wahrheit bezeichnet wird, das würde ich als Wirklichkeit bezeichnen".

Ein gutes Beispiel dafür, wie schwankend die Begriffe der Philosophie sind.

Für mich dienen die Worte "wahr" und "Wahrheit" dazu, etwas über "Aussagen" zu sagen. Die Worte "wahr" und "Wahrheit" gehören damit – fachlich gesprochen – zur meta-sprachlichen Ebene, wo über Sprachliches gesprochen wird.

Demgegenüber ist ein "wirklicher Orkan" oder "die Wirklichkeit" nicht auf der Ebene der sprachlichen Zeichen angesiedelt sondern auf der Ebene des "Bezeichneten" :

In meinem Sprachgebrauch ist dasjenige "wirklich", was von einer wahren Aussage beschrieben und bezeichnet wird.

Du schreibst weiter: "Die Antworten auf Eure Fragen würde ich als richtig oder falsch bezeichnen und nicht als wahr oder unwahr".

Die Antwort auf eine Frage kann "richtig" oder "falsch" sein, da gehe ich mit Dir konform.

Wenn jedoch nach der Beschaffenheit der Wirklichkeit gefragt wird (" Wer löste Georg Kiesinger als Kanzler ab?" ), muss es sich bei der Antwort (" Willy Brandt löste Georg Kiesinger als Kanzler ab" ) um eine (positive bzw. faktische) Aussage handeln, die wiederum wahr oder falsch sein kann. Die richtige Antwort ist also zugleich eine wahre Aussage.

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[Wahrheit oder Allgemeingültigkeit normativer Behauptungen]

Es gibt jedoch auch Fragen, die nicht nach der Beschaffenheit der Wirklichkeit fragen sondern z. B. fragen, wie gehandelt werden soll (" Soll die Türkei in die Europäische Gemeinschaft aufgenommen werden?" ). Die Antwort (z. B. "Die Türkei soll in die Europäische Gemeinschaft aufgenommen werden" ) kann wieder richtig oder falsch sein.

Hier handelt es sich um einen normativen Satz, dessen allgemeiner Geltungsanspruch (sofern jemand dies "behauptet" ) ebenfalls begründet werden sollte – allerdings anders, als im Falle einer positiven Aussage. Deshalb spreche ich in Bezug auf Normen lieber von "allgemein gültig" als von "wahr".

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[Alltäglicher Wahrheitsbegriff und wissenschaftlicher Wahrheitsbegriff]

Deine kritischen Anmerkungen zu meiner Position speisen sich aus dem Gegensatz, den Du zwischen der praktischen Lebenswelt auf der einen Seite und der Wissenschaft mit ihren spezialisierten Zwecken auf der anderen Seite aufbaust.

Du schreibst: "Die Wissenschaft funktionierte den Begriff der Wahrheit, der lebensweltlich vorher und nachher sein Eigenleben hatte, zu ihren spezialisierten Zwecken um. Und es besteht kein vernünftiger Grund, nun jede Aussage über die Beschaffenheit Welt an wissenschaftlichen Maßstäben zu messen."

Diesen Gegensatz sehe ich in der Schärfe nicht. Auch in der lebensweltlichen Praxis gilt eine Aussage dann als wahr, wenn es tatsächlich so ist, wie die Aussage besagt. Auch im Alltag gilt eine Behauptung für alle, die diese Behauptung hören und verstehen können. Die Bedeutung des Wortes "wahr" ist im Alltag also nicht grundsätzlich anders als in der Wissenschaft. Wenn eine Aussage im Alltag als "wahr" bezeichnet wird, so wird auch unter diesen Bedingungen damit der Anspruch einer person- und zeit-unabhängigen Geltung verbunden.

Auch das Kriterium der Wahrheit von Aussagen über die Realität ist im Alltagsleben kein anderes als in der Wissenschaft. Auch im Alltag wird gefragt nach Augenzeugen und Ohrenzeugen, wenn es darum geht, die Wahrheit über ein Geschehen herauszubekommen. Und ein bloßes Meinen und Glauben oder eine Kenntnis vom Hörensagen zählt weniger als die Wahrnehmung eines nüchternen Beobachters und sein Bericht.

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[Regionale Weltsichten und universale Wissenschaft]

Du brichst eine Lanze für regionale Weltsichten. Aber wir leben heute nicht mehr in voneinander isolierten Gesellschaften und Kulturen, sondern wir leben in einer Welt, die eng zusammengerückt ist. Der Gesprächspartner auf der andern Seite der Erdkugel ist nur eine Sekunde von mir entfernt.

Es kann vielleicht ein deutsches Interesse geben, aber keine deutschen Tatsachen. So wie es auch keine "Deutsche Physik" geben kann, wie das die Anhänger des Dritten Reiches und Gegner der Einsteinschen Theorien meinten. (Anstelle von "deutsch" könntest Du auch "abendländisch" oder irgendeine andere Gruppierung einsetzen.)

Wir leben nicht mehr in den statischen Gesellschaften der Vergangenheit, in denen jede Generation in die Fußstapfen der vor ihr lebenden Generation treten konnte, in der sich über Jahrhunderte nichts Wesentliches änderte und in der die Tradition über allem stand. Deshalb gibt es in den modernen Gesellschaften auch nicht mehr den selbstverständlichen kulturellen, religiösen, weltanschaulichen oder moralischen Konsens, dessen man sich noch nicht einmal bewusst werden musste, weil man ihn bereits mit der Muttermilch eingesogen hatte und weil man niemals etwas anderes kennengelernt hatte.

Vor diesem historischen sozialen Hintergrund ist der Aufstieg des bewusst universalistischen wissenschaftlichen Denkens zu sehen, das zwar in Europa entstanden ist, aber gerade nicht euro-zentrisch beschränkt im Inhalt und in der Anwendbarkeit ist.

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[Eigennamen und Begriffe, Problematik von Existenzaussagen]

u schreibst, dass Du von Aussagen wie: "Der Kochtopf steht auf dem Herd" verschont werden möchtest. Das kann ich verstehen, aber andererseits ist es sinnvoll, bei der Beantwortung verzwickter philosophischer Fragen mit möglichst einfachen Beispielen zu beginnen, damit sich die Diskussion nicht in der Kompliziertheit der Beispiele verrennt, sondern die philosophischen Fragen im Mittelpunkt bleiben. Fangen wir mit den einfachsten Aussagen an.

Dies sind wohl Aussagen über zeitlich und räumlich gegenwärtige oder aber nach Ort und Zeit bestimmte Sachverhalte.

Beispiel hierfür sind: "In Dresden gibt es (jetzt) den Zwinger" oder "Eberhard sitzt (jetzt) am Computer" oder "In Warschau geht (jetzt) die Sonne auf".

Wie lässt sich für solche Sätze der Anspruch auf allgemeine Geltung (d. h. Wahrheit) überprüfen? Nehmen wir den Satz: "In Dresden gibt es (jetzt) den Zwinger".

Um die Wahrheit eines Satzes überprüfen zu können, muss man die Bedeutung des Satzes kennen. Und um die Bedeutung eines Satzes zu bestimmen, muss man die Bedeutung der darin vorkommenden Wörter bzw. Kombinationen von Wörtern kennen. In unserem Beispiel muss man also wissen, was mit den Worten "in Dresden ", "der Zwinger", "jetzt" und "es gibt" gemeint ist. "Dresden" und "Zwinger" sind offensichtlich Namen bestimmter Objekte: zum einen der Hauptstadt von Sachsen und zum andern eines bestimmten barocken Bauwerks. Dies wirft keine weiteren Probleme auf.

Hätte der Satz gelautet "In Dresden gibt es die Frauenkirche", so hätte jemand mit den Worten widersprechen können: "Nein. Die Frauenkirche steht in München."

Wenn es sich bei dem Wort "Frauenkirche" um einen Namen handelt, dann gibt es Missverständnisse, weil zwei Objekte denselben Namen tragen.

Wenn das Wort "Frauenkirche" jedoch ein Begriff ist, der alle Objekte bezeichnet, die Frauenkirchen sind, dann müsste der Satz korrekt lauten: "In Dresden gibt es eine Frauenkirche." Dieser Satz stünde dann nicht mehr im Widerspruch zu dem Satz: "In München gibt es (auch) eine Frauenkirche."

Das Wort "jetzt" ist insofern etwas Besonderes, als es in seiner Bedeutung immer auf die Situation bezogen ist, in der es geäußert wird. Die Bedeutung solcher Worte wie "ich", "hier", "vor 10 Minuten", "gestern", " dieser ", "unser" usw. ändert sich je nach Sprechsituation.

Problematisch sind jedoch Existenzaussagen ohne Angabe von Raum und Zeit. Der Satz: "Es gibt einen Hund, der französisch sprechen kann" kann nicht nachgeprüft werden. Man kann noch so viele Hunde präsentieren, die nicht französisch sprechen können. Das wären alles keine Widerlegungen der Behauptung, weil immer gesagt werden kann: "Woanders und zu einer anderen Zeit gibt es einen Hund, der französisch sprechen kann."

Unbestimmte Existenzaussagen können also nicht widerlegt werden, sie könnten höchstens bewiesen werden, indem in unserm Fall ein französisch sprechender Hund vorgezeigt wird.

Deshalb sind Diskussionen zum Thema: "Gibt es das Objekt x (Gott, Geister, Teufel, Yetis, Drachen, Himmel, Hölle etc.)?" auch ziemlich sinnlos, solange nicht gesagt wird, wo und wann es das Objekt x gibt.

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[naturwissenschaftlicher Wahrheitsbegriff]

Deine Argumente für eine Ersetzung des Begriffs "wahr" durch den Begriff "belegt" haben mich nicht überzeugt. Hier meine Begründung dafür.

Für Dich ist "belegt" gleichbedeutend mit "belegt durch mehrfach erfolgreich durchgeführtes  naturwissenschaftliches Experiment".

Damit kann sich "belegt" nur auf so genannte "Naturgesetze" oder – wie ich es nennen würde – auf empirische Regelmäßigkeiten beziehen.

Für die Sätze, die die Durchführung und das Resultat des Experimentes beschreiben, benutzt  Du allerdings weiterhin den Begriff "wahr".

Deine Definition von "belegt" auch für Naturwissenschaftler problematisch, denn dann wären z. B. die geologischen Theorien über die Kontinentaldrift oder die astronomische Theorien über die Entstehung und das Vergehen von Sonnen oder die meteorologischen Theorien über die Entstehung von Gewitterfronten nicht "belegt" in Deinem Sinne, da sie nicht auf Experimenten beruhen sondern auf systematischer Beobachtung.

Außerdem liegt natürlich die Frage nahe, warum denn Experimente Belege für die Geltung von Aussagen sein können. Wenn man dieser Frage nachgeht, dann kommt man schnell dazu, dass der Grund für die Überzeugungskraft des Experiments gerade darin liegt, dass es im Prinzip für jedermann jederzeit nachvollziehbar und überprüfbar ist. Das ist die "Intersubjektivität" und "Intertemporalität", die in meiner Definition von "wahr" enthalten ist: "Wiederhole das Experiment und überzeuge Dich selbst davon, dass das behauptete Resultat eintritt!"

Offenbar traust Du Deinem eigenen Vorschlag selber nicht recht. Sonst hättest Du auf meine Frage, warum die Märtyrer kein Beleg für die christliche Lehre sind, geantwortet: "Weil das keine Experimente sind". Stattdessen argumentierst Du (zu Recht), dass derartige Kriterien untauglich sind, weil damit widersprüchlichen Aussagen Geltung zugesprochen würde (was gemäß der von mir vertretenen Bedeutung von "wahr" unzulässig ist).

Du möchtest wissen, "wie man Behauptungen beweisen kann, die sich letztlich durch das physikalische Experiment nicht beweisen lassen."

Nehmen wir die wohl unstrittige Behauptung: "Das Wort 'ego' bedeutet im Lateinischen 'ich'". Lässt sich dies durch physikalisches Experiment beweisen?

Der Naturwissenschaftler und der Ingenieur müssen bedenken, dass sie mit Sätzen wie "Was wirklich sein soll, muss auch wahrnehmbar sein" methodische Regeln für das Erkennen aufstellen, die ihrerseits nicht mit Wahrnehmungen oder gar Experimenten begründet werden können.

Insofern hängt Deine naturwissenschaftliche Erkenntnis in der Luft, wenn Du der Meinung bist, dass nur Behauptungen naturwissenschaftlicher Art allgemeingültig sein können, methodische Regeln der Erkenntnisgewinnung jedoch nicht.

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[Dauerhaftigkeit und Regelmäßigkeit]

Zum Glück sind jedoch viele Sachverhalte und Objekte von zeitlicher Dauer, was ihre Existenz und das Vorhandensein bestimmter Eigenschaften angeht. Insofern besitzen unsere Wahrnehmungen nicht sekundenlange Aktualität.

Zu den dauerhaften Objekten gehört z. B. unser Raumschiff "Erde", mit dem wir die Sonne umkreisen. Dazu gehören auch die Berge und Gebäude aus witterungsbeständigem Gestein. Es gibt Bauten, wie die ägyptischen Pyramiden, die seit mehreren tausend Jahren am selben Platz stehen oder Bäume, die seit mehreren hundert Jahren an ihrem Platz stehen.

Wenn ich von einem Objekt x (z. B. einem Gebäude) annehme, dass es über Jahre hin dauerhaft ist, weil es aus witterungsbeständigen Steinen erbaut ist, dann kann ich die Voraussage machen, das das Objekt x, das ich vor mir sehe, auch morgen noch am selben Platz stehen wird, sofern die Bedingungen a, b und c gegeben sind (z. B. keine Bombardierung, Sprengung oder Brand passiert).

Die Annahme einer solchen Dauerhaftigkeit ermöglicht es, aufgrund der heutigen Wahrnehmungen zu überprüfen, ob das Objekt x bereits gestern existiert hat. Wenn es zum Beispiel um die Aufklärung eines Raubüberfalls auf ein Juweliergeschäft geht, so ist es nicht sinnlos, auch noch nach Monaten einen Ortstermin zu machen, sofern inzwischen keine Umbauten im Geschäft vorgenommen wurden.

Die Dauerhaftigkeit vieler Elemente der Wirklichkeit bilden Voraussetzungen unserer eigenen Existenz. Ohne sie wäre eine Orientierung und ein Überleben nicht möglich, mehr noch: es gäbe uns als dauerhafte Körper aus Fleisch und Blut gar nicht.

Es bleibt noch die Frage, wie man die Wahrheit von Aussagen über derartige empirische Regelmäßigkeiten feststellen kann. Solche Aussagen haben die allgemeine Form: "Immer wenn p gegeben ist und die Randbedingungen a, b, c bestehen, dann ist auch q gegeben". Wie kann man z. B. den Satz überprüfen: "Granit behält seine Festigkeit über mehr als 1000 Jahre, sofern es nicht über x Grad Celsius erhitzt wird, etc. etc." ?

Der einzige Weg ist die Überprüfung durch systematische Beobachtung von Granit und die Durchführung von Versuchen mit Granit, indem man das Material unter verschiedensten Bedingungen auf seine Festigkeit testet.

Aber selbst wenn alle Beobachtungen und Versuche die Annahme der Festigkeit und Dauerhaftigkeit bestätigen, gibt es keinen logisch-deduktiven Schluss auf das Verhalten von Granit in der Zukunft. Die Wahrheit von Aussagen über empirische Regelmäßigkeiten kann deshalb nicht streng logisch bewiesen werden.

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[wissenschaftliche Wahrheit und erlebte Wirklichkeit]

Wenn ich dich recht verstehe, so argumentierst du nicht gegen die Präzisierung des Begriffs "Wahrheit" für wissenschaftliche Zwecke.

Dir kommt es darauf an, neben diesem wissenschaftlichen Wahrheitsbegriff die Berechtigung oder sogar die Vorrangigkeit eines Wahrheitsbegriffs zu begründen, so wie er in der alltäglichen Lebenswelt Verwendung findet.

Deine Beispiele (Jemand spricht von einem "runden" Tisch, der Fleischer verkauft 100 Gramm Wurst) verdeutlichen, dass es hinsichtlich der Genauigkeit einer Aussage je nach Situation unterschiedliche Maßstäbe gibt. Eine Waage für Kartoffeln ist weniger genau geeicht als eine Waage für Wurst, und diese wiederum weniger genau als die sprichwörtliche Goldwaage.

Der Kohlenhändler rechnet mit Zentnern und der Juwelier mit Milligramm, und man würde wohl für verrückt gehalten werden, wenn man verlangen würde, dass der Händler die Kohle bis auf ein Milligramm genau auswiegt.

Entsprechendes gilt jedoch auch in den Wissenschaften. Der Astronom berechnet Entfernungen in Lichtjahren und der Physiker in Tausendstel Millimetern und kleiner. Auch hier wird nur so genau gemessen und entsprechend formuliert, wie es für die jeweiligen Zwecke erforderlich ist. Hier sehe ich keinen Unterschied, der eine Spaltung des Wahrheitsbegriffs in umgangssprachliche Bedeutung und wissenschaftliche Bedeutung rechtfertigen würde.

Das andere Argument für eine Relativierung des wissenschaftlichen Wahrheitsbegriffs steckt in der von Dir aufgeworfenen Frage, ob Lebenswelt und Wissenschaft sich mit ihren Begriffen ... auf DIESELBE Welt beziehen.  Hier besteht meiner Ansicht nach noch erheblicher Klärungsbedarf, den man nicht mit flotten Sprüchen verdecken darf.

Nehmen wir ein Beispiel: die Cheops-Pyramide aus der Zeit des alten Ägyptens. Physikalisch würde man sagen: es handelt sich um ein Bauwerk in der Form einer 150 Meter hohen  Pyramide auf einer x Meter breiten und y Meter langen Grundfläche aus übereinander geschichteten Steinquadern. (Diese Beschreibung könnte noch beliebig ausführlich in die Einzelheiten gehen.)

Die Frage ist: Erfasst eine derartige empirische Beschreibung die Wirklichkeit?

Für viele Menschen scheinbar nicht, denn in Büchern über das alte Ägypten findet man nicht nur Text sondern auch Farbfotos der Pyramide, es gibt Filme über die Pyramiden von Gizeh und jährlich besuchen Tausende von Touristen die Pyramiden, um diese gewaltigen Bauwerke mit eigenen Augen zu sehen.

Es gibt künstlerische Darstellungen von Schriftstellern, Malern und Fotografen der Pyramiden.

Was vermitteln diese Darstellungen, das die wissenschaftlichen Beschreibungen nicht beinhalten?

Wie passen diese Betrachtungsweisen zusammen?

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[Universale Geltung wahrer Aussagen?]

Dir geht es offenbar zum eine Ausweitung des Gegenstandsbereichs, über den wahre Aussagen gemacht werden können. (Ich hatte den Bereich auf Fragen nach der Beschaffenheit der Wirklichkeit beschränkt.)

Zum andern geht es Dir um die Verwendung des Wahrheitsbegriffs auch unterhalb der Ebene allgemein bzw. universal nachvollziehbarer und nachprüfbarer Aussagen.

Zwischen beiden siehst Du einen Zusammenhang, etwa wenn Aussagen über Gegenstände gemacht werden, "von deren Existenz nicht jedermann überzeugt ist."

Um die beiden Punkte zu klären, muss meiner Meinung nach an einem Punkt eine klare Unterscheidung getroffen werden. Dies ist der Unterschied zwischen der TATSACHE, dass jemand von der Wahrheit einer Aussage überzeugt ist, und der MÖGLICHKEIT, durch Argumente von der Wahrheit einer Aussage überzeugt zu werden.

Die bloße Tatsache, dass Person A von der Wahrheit einer Aussage x überzeugt ist, ist für die Frage, ob x wahr ist, ohne Bedeutung, wenn A keine Gründe für seine Überzeugung angeben kann. Dasselbe gilt für jede andere Person. Der Werbeslogan: "Millionen können sich nicht irren" ist durch die geschichtlichen Ereignisse oft genug widerlegt worden.

Dagegen ist es für die Wahrheit einer Aussage x von entscheidender Bedeutung, wenn es Gründe für x gibt, die Person A und andere Personen ... überzeugen können.

Bei der Frage, ob "wahr" immer "universell wahr" bedeuten muss, muss ein Punkt unbedingt beachtet werden.

Problematisch wird es immer dann, wenn Person A mit der Kennzeichnung der Aussage x als "wahr" einen Anspruch auf Bejahung von x gegenüber Person B erhebt, ohne zugleich Gründe für x anzugeben, die B nachvollziehen und teilen kann.

Anders formuliert: Problematisch wird es dort, wo der Adressatenkreis, für den die Aussage x gelten soll, nicht deckungsgleich ist mit dem Adressatenkreis, für den Gründe für x gegeben werden.

Wenn also unter den Fans eines Fußballvereins Meinungen diskutiert werden (" Kahn hat heute hervorragend gehalten", "Ziege war ein Ausfall auf der ganzen Linie" ), so können diese Meinungen ebenfalls so etwas wie "Wahrheit" beanspruchen, vorausgesetzt, man geht von gemeinsamen Standards zur Bewertung aus, die  sich vom Erfolg des Vereins (z. B. Rang in der Bundesliga) herleiten lassen.

Du denkst sicher an weniger profane Bereiche, aber es geht mir hier nur um die Verdeutlichung dessen, was mit Adressatenkreis gemeint ist.

Relevanter ist vielleicht der Bereich des Rechts, dessen Gesetze ebenfalls in ihrer Geltung oft auf einen bestimmten Adressatenkreis bzw. ein bestimmtes Gebiet begrenzt sind.

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[Voraussetzungen der Naturwissenschaften: Messbarkeit?]

Ich kann Deine Kritik an der der neuzeitlichen Naturwissenschaft nicht nachvollziehen, wenn Du schreibst: "Gegenstände werden von vornherein so definiert, dass ihre Eigenschaften messbar sind".  Die Erfahrungswissenschaften sind keineswegs methodisch so angelegt, dass nur messbare Phänomene als Gegenstände der Forschung akzeptiert werden. Viele Forschungsgegenstände sind einfach als Phänomene da, (z. B. die Krebskrankheit, die Nordlichter, der Drogenkonsum oder die Vulkane) und sie werden zum Gegenstand empirischer Forschung, z. B. systematischer Beobachtung und  Ordnung der Phänomene, ohne dass bereits irgendeine Messbarkeit gegeben ist.

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[Zur Falsifizierbarkeit von Wahrscheinlichkeitsaussagen]

Noch einmal zurück zu den Wahrscheinlichkeitsaussagen. Aussagen wie: "Höchst wahrscheinlich wird es am kommenden Wochenende auf der Autobahn zwischen Hannover und Kassel zu erheblichen Staus kommen" werfen ihre besonderen Wahrheitsprobleme auf.

Was ist z. B., wenn es nicht zu Staus kommt? War die Wahrscheinlichkeitsaussage dann falsch? Streng genommen nicht, denn es war ja logisch nicht ausgeschlossen, dass es keine Staus gibt. Wie werden Wahrscheinlichkeitsaussagen falsifiziert? Wie werden sie bestätigt?

Andererseits kann man der Aussage widersprechen und sagen: "Im Gegenteil, ich halte es für ziemlich unwahrscheinlich, dass es am kommenden Wochenende zu Staus auf der Strecke zwischen Hannover und Kassel kommt."

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[Unterschiedliche Messniveaus: Ordinal-Skalen , Intervall-Skalen und Verhältnis-Skalen]

Auch in der Physik werden Phänomene akzeptiert, die nicht messbar sind. Auch dort werden Objekte nur nach bestimmten Merkmalen klassifiziert. So werden  z. B. verschiedene Arten von Bestandteilen eines Atoms unterschieden: Protonen, Neutronen, Elektronen etc.

Im übrigen ist es wenig sinnvoll, die Phänomene der Realität in "messbare" und "nicht-messbare" aufzuteilen, genauso wie die traditionelle Entgegensetzung von "Qualität" und "Quantität" eher irreführend ist.

Der Grund hierfür ist der, dass es verschiedene Messniveaus gibt und damit verschiedene Grade der Quantifizierung bzw. "Skalierung".

Das niedrigste Messniveau sind reine Klassifikationen nach dem Vorhandensein bestimmter Merkmale, z. B. "elektrisch positiv geladen", "elektrisch neutral" und "elektrisch negativ geladen". Die unterschiedlichen Merkmale können durch beliebige Ziffern wie "0", "1", "2" etc. symbolisiert werden, ohne dass man mit diesen Ziffern jedoch rechnen könnte.

Als nächstes gibt es die "Rang-Skalen", die Objekte entsprechend der Stärke eines bestimmten Merkmals ordnen, z. B. die Atome verschiedener  chemischer Elemente nach ihrem Gewicht anordnen. Das schwerste Atom erhält den 1. Rangplatz, das nächst schwere Atom den 2. Rangplatz usw. Die Zuordnung der Objekte zu bestimmten Zahlen ist hier durch die Dimension, in unserem Fall "Gewicht" festgelegt.

Wenn das Gewicht nur durch Rang-Skalen ermittelt wurde, kann man zwar sagen, dass das Objekt mit der Rangzahl 4 schwerer ist als das Objekt mit der Rangzahl 8, man jedoch nicht sagen, dass der Gewichtsunterschied zwischen dem Objekt mit der Rangzahl 4 und dem Objekt mit der Rangzahl 8 genau so groß ist, wie der Gewichtsunterschied zwischen dem Objekt mit der Rangzahl 8 und der Rangzahl 12.

Dann gibt es die "Intervall-Skalen", wie z. B. die Messung der Temperatur nach Celsius. Hier macht es Sinn zu sagen: "Die Differenz zwischen der höchsten und der niedrigsten Lufttemperatur an einem bestimmten Tag war in der Sahara um x Grad Celsius größer als in Mitteleuropa."  Es macht jedoch keinen Sinn zu sagen: "Die Tageshöchsttemperatur  in Rom war heute mit 30 Grad Celsius 3 mal so hoch wie in Moskau mit 10 Grad Celsius. Würde man z. B. die Temperatur mit der Intervall-Skala nach Fahrenheit messen, so ergäbe sich ein ganz anderes Verhältnis zwischen den Tageshöchsttemperaturen beider Städte.

Erst "Verhältnis-Skalen", wie z. B. die Längenmessung in Metern, erlauben auch die Multiplikation und die Division der erhaltenen Messwerte. Hier macht es Sinn zu sagen: "Diese Leiste ist 3 mal so lang wie jene Leiste". Wenn ich also zwei Punkte, die 3 Meter voneinander entfernt sind, durch Leisten verbinden will, kann ich entweder eine Leiste von 3 Metern Länge nehmen oder 3 Leisten von 1 Meter Länge.

Die Eigenschaften eines Objektes sind also nicht entweder "messbar" oder "nicht messbar", sondern es gibt verschiedene Abstufungen der Messbarkeit. Und auch die überkommene Entgegensetzung von "Qualität" und "Quantität" ist wenig sinnvoll angesichts abgestufter Grade der Quantifizierung.

Soweit mein Kenntnisstand (der falls mit Fehlern behaftet, von einem Fachmann korrigiert werden sollte).

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[Die Vergleichbarkeit von Weltbildern. Wissenschaftliche Weltbilder und Lebenswelt]

Ich bin der Meinung, dass man Weltbilder – und auch die unterschiedlichen Weltbilder ganzer Kulturen – hinsichtlich ihres "Wahrheitsgehaltes" vergleichen kann. Du schreibst: Man "wird … das Weltbild einer Jäger- und Sammlerkultur, die seit Jahrzehntausenden ohne große Veränderungen im Dschungel überlebt hat, schlecht als weltfremd betrachten können." Aber was sagst Du dazu, dass diese Jäger und Sammler staunend am Zaun zum Flughafen  zusehen, wie die weißen Götter aus ihren dröhnenden silbernen Riesenvögeln steigen, um die Erde zu besuchen?

Du gibst zu bedenken, "dass die Kriterien für das Zutreffen von Aussagen über die Wirklichkeit dem System dieser Weltdeutung selbst angehören. Es sind also durchaus BESCHREIBUNGEN von Wirklichkeit möglich, aber jeweils nur vor dem Hintergrund der sie umfassenden Semantik, also innerhalb eines Sprachgebrauchs mitsamt seinen Kategorien und Prinzipien."

Es ist zwar richtig, dass wir die überkommene Sprache nicht einfach hinter uns lassen können, aber die Sprache begrenzt keineswegs hermetisch unsere Erfahrung der Wirklichkeit. Wir ringen vielleicht um Worte, um eine historisch neuartige Erfahrung auszudrücken, aber insofern Sprachen "lebendig" sind, sind sie auch entwicklungsfähig.

Du erkennst zwar die universale Anwendbarkeit der modernen empirischen Wissenschaften, aber du bemängelst, dass deren " Gegenstände unserer Alltagswelt radikal entfremdet (sind). Zwar sagen uns die Physiker, dass alles nur aus einer sehr begrenzten Anzahl von Elementarteilchen-Arten bestehe. Aber wir gehen weiterhin mit Menschen, Tieren, Tischen, Bratkartoffeln, Sonaten ... um und finden die Unterschiede zwischen diesen verschiedenen Makro-Komposita sehr viel relevanter als die ihnen allen gemeinsam sein sollenden Teilchen."

Meiner Ansicht nach wäre es ein Missverständnis der modernen Wissenschaften, wenn man meint, dass man alle Erkenntnisse über die Welt als Bewegung von Materieteilchen formulieren könnte. Begriffe wie "sich selbst erhaltendes biologisches System", "psychische Einstellung" oder "soziale Macht" sperren sich gegen die Übersetzung in eine Sprache, die nur Elementarteilchen und deren Bewegungsgesetze kennt. Insofern lösen sich nicht alle empirischen Einzelwissenschaften in die Physik oder gar eine "Weltformel" auf.

Es ist unbestritten, dass es reale Phänomene und empirische Regelmäßigkeiten gibt, die mit den gängigen wissenschaftlichen Theorien nicht erklärt werden können. Ich halte das für ganz normal und unvermeidlich. Unerklärte Phänomene sind ein entscheidender Antrieb für den wissenschaftlichen Fortschritt.

Das traditionelle Wissen über die Heilkraft bestimmter Pflanzen war im Mittelalter in eine religiöse Weltsicht integriert, nach der der Herrgott gegen jedes Leiden auch ein Kraut hat wachsen lassen. Heute kann man bei den meisten Heilpflanzen angeben, welcher chemische Bestandteil die heilende Wirkung hervorruft. Die tradierte Erfahrung wurde so in das wissenschaftliche Weltbild integriert und die moderne Wissenschaft kann sicherlich von den in Jahrtausenden gesammelten Erfahrungen der nicht-europäischen Kulturen lernen.

Dass es gerade im Bereich Gehirn, Nerven, Hormone, Neuro-Transmitter, Sinnesorgane, Psyche und Psychosomatik unerklärte Phänomene gibt, sollte niemanden verwundern, angesichts der ungeheuren Komplexität dieses Systems, das sich in Jahrmillionen entwickelt hat. Schließlich besteht es in jedem Menschen aus bis zu 100.000.000.000 Zellen (!), die untereinander wiederum verbunden sind über die zu jeder einzelnen Zelle gehörenden zahlreichen Dendriten zur Aufnahme von Reizen und über die bis zu 1 Meter langen, sich vielfach verzweigenden Axone zur Weitergabe von Reizen.

Angesichts einer derart komplexen Struktur steht die wissenschaftliche Forschung noch vor zahlreichen ungeklärten Fragen und es wäre gerade in diesem Bereich kontraproduktiv, wahrnehmbare Phänomene, Regelmäßigkeiten und Heilungserfolge nur deshalb zu ignorieren, weil sie von den gängigen Theorien nicht erklärt werden können.

Ich bin dabei recht zuversichtlich, dass die moderne Wissenschaft – so wie bei den Heilkräutern – die Erfahrungen der nicht-europäischen Medizin innerhalb der nächsten Jahrzehnte integrieren kann.

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[Unterschiedliche Deutungen der Wirklichkeit]

Dir kommt es darauf an, "ob der Datenbestand als immer derselbe angesehen wird und nur jeweils anders gedeutet werden kann (das wäre ein Fall von 'fertiger Welt'). Oder erschließt eine andere Einsortierung des Gegenstands – also eine veränderte Deutungshypothese - auch NEUE Daten? Ist also mit der variablen Kategorisierung des X auch jeweils etwas anderes GEGEBEN?"

Mir fällt hier Shakespeares Hamlet ein, der auf die Frage: "Was lesen sie denn da?" antwortete: "Worte, nichts als Worte!"

Meiner Ansicht nach können durch eine veränderte Deutung von Objekten auch neue "Daten" erschlossen werden. Wenn ich z. B. nicht weiß, dass es sich bei den eingeritzten Haken auf den alten Tonscherben um eine Schrift handelt, dann kann ich nur die physikalische Daten dieser Tonscherben erfassen.

Wenn ich jedoch weiß, dass es sich dabei um Schriftzeichen handelt, und wenn ich auch noch die Bedeutung dieser Schriftzeichen entschlüsseln kann, so ergibt sich daraus eine zusätzliche Menge von Daten in Form der Übersetzung dieser Texte bzw. Informationen über deren Bedeutung.

Derartige Sinndeutungen sind nach meinem Verständnis zu unterscheiden von gewöhnlichen Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit. Deshalb rutschen sie auch durch die Maschen der physikalischen Begrifflichkeit. Hermeneutische Sinndeutung ist etwas anderes als empirische Wahrnehmung und Beobachtung und hat ihre eigenen Methoden und ihre eigenen Kriterien der Allgemeingültigkeit (Wahrheit, Richtigkeit).

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[Zusammenfassende Gegenüberstellung der Positionen]

Ich will um der besseren Übersicht willen versuchen, unsere beider Positionen zu skizzieren.

Nach meinem Verständnis ist "Wahrheit" immer auf sprachliche Äußerungen bezogen.

Daraus folgt, dass die Erörterung der Wahrheit einer Behauptung gegenseitiges Verständnis, also eine gemeinsame Sprache voraussetzt.

Wenn man für eine Aussage über die Wirklichkeit "Wahrheit" beansprucht, dann beansprucht man für diese Aussage eine allgemeine Geltung.

Dieser allgemeine Geltungsanspruch macht jedoch nur Sinn, wenn man von einer gemeinsamen Wirklichkeit ausgeht. Andernfalls gibt es meine Wahrheit über meine Welt und Deine Wahrheit über Deine Welt und jeder Streit ist sinnlos.

Den allgemeinen Geltungsanspruch (auf Wahrheit) für eine Behauptung kann man vernünftig nur dadurch einlösen, dass man Argumente nennt, die diesen Anspruch allgemein nachvollziehbar und akzeptierbar begründen.

In Bezug auf Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit ermöglicht letztlich der Verweis auf die intersubjektiv übereinstimmende Wahrnehmung (Beobachtung) eine Begründung von Behauptungen und die Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Einbildung.

Demgegenüber kommt es Dir auf zweierlei an:

1. den Umstand der "Gegenstandskonstitution" durch Begriffe und
2. die Relativität des Zutreffens von Aussagen auf die jeweilige Theorie/Weltdeutung.

Deiner Ansicht nach müssen wir ausgehen von "unterschiedlichen 'Welten', alternativen Deutungs- und Interpretationszusammenhängen bzw. alternativen Theorien, die sich jeweils auf anders konstituierte Gegenstände beziehen und darüber dann entweder wahre oder falsche Aussagen machen können - wobei SIE es sind, die auch die Kriterien für diese Unterscheidung bereitstellen." "… Es hängt vom jeweiligen Deutungszusammenhang ab, welche Unterschiede/Eigenschaften den Gegenstand X 'ausmachen' oder sein  ,Wesen' definieren."  … " (Es) kann auch nur innerhalb desselben (Deutungs-) Zusammenhangs angegeben werden, was z. B. als Beleg für das faktische Vorliegen von X GELTEN SOLL."

Du betonst, dass "verschiedene Theorien verschiedene Gegenstände und Gegenstandsbereiche ('Welten') haben, auch wenn sie sich LETZTLICH auf dieselbe Wirklichkeit beziehen müssen. (Nur gibt es m. E. eben keinen Standpunkt jenseits aller möglichen Deutungszusammenhänge, von dem aus sich entscheiden ließe, welche Theorie am besten mit der 'Wirklichkeit selbst' übereinstimmt.)"

Der Unterschied zwischen uns besteht demnach in der Einführung von unterschiedlichen "Deutungszusammenhängen" ("Welten", "Interpretationszusammenhängen"), die sowohl für die Konstitution der Gegenstände als auch für die Kriterien ihres Gegebenseins maßgeblich sind. Ob eine Aussage wahr ist, lässt sich folglich nur relativ zum jeweiligen Deutungszusammenhang beantworten.

Die Deutungszusammenhänge beziehen sich zwar letztlich auf die gleiche Wirklichkeit, es ist jedoch nicht möglich, über den Wahrheitsgehalt dieser Deutungszusammenhänge etwas auszusagen.

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[Der Bezug zu einer gemeinsamen Sprache]

Wenn ich einen Satz als "wahr" auszeichne, dann impliziert das immer den Bezug zu einer bestimmten Sprache, durch welche die Bedeutung der in dem Satz verwendeten Wörter und damit die Bedeutung des Satzes bestimmt wird. Genau genommen müsste man also nicht nur sagen: "Der Satz p ist wahr" sondern immer spezifizieren: "Der Satz p ist wahr in der Sprache L1." (Dabei gelten Sprachen, die in einander übersetzbar sind, als eine Sprache.)

Damit ist auch festgelegt, für wen ein Anspruch auf die Wahrheit eines bestimmten Satzes gilt: Er gilt für alle, die die Sprache L1 verstehen, in der die Behauptung geäußert wird. Es handelt sich also nicht um eine abzählbare Menge von Individuen, sondern um eine unbegrenzte Menge von Individuen (alle, die die Sprache L1 bereits erlernt haben oder dies zukünftig tun werden). Damit ist Deine Frage nach der Bedeutung von "allgemein" in dem Satz "Wenn jemand einen Satz als 'wahr' auszeichnet, dann beansprucht er für diesen Satz allgemeine Geltung" beantwortet.

Auf das Delphin-Beispiel angewandt bedeutet das: Abriander und Obriander verstehen unter "Delphinen" die gleiche Art von Lebewesen, jedoch ist für die Abriander der Satz "Delphine sind Säugetiere und keine Fische" wahr und für die Obriander ist der Satz falsch.

Das Problem kann dadurch entstehen, dass für die Abriander die Worte "Säugetier" und "Fisch" eine andere Bedeutung haben als für die Obriander, d. h. dass es zwei Sprachen, die Sprache L(A) und die Sprache L(O), gibt.

Das Problem verschwindet also, wenn man sagt: "Der Satz 'Delphine sind Säugetiere und keine Fische' ist wahr in der Sprache L(A) aber falsch in der Sprache  L(O)."

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zum Anfang
 

Ende "Wahrheit I"
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Eigene Beiträge zu "Wahrheit II"


[Die Wahrheit wissenschaftlicher Erkenntnis der Welt ist nicht relativ zu unterschiedlichen Deutungszusammenhängen]

Ich bin der Meinung, dass ich die Frage, ob eine bestimmte Aussage über die Beschaffenheit der Wirklichkeit wahr ist oder nicht, mit jedem beliebigen Individuum diskutieren kann, sofern eine Verständigung zwischen uns mittels einer  gemeinsamen Sprache (oder mehrerer ineinander übersetzbarer Sprachen) möglich ist.

Dabei erfolgt keine Relativierung durch jeweilige "Deutungszusammenhänge" und es gibt auch keinen Eurozentrismus, denn es muss nicht meine Sprache sein, in der die Aussage und die Argumente für und wider formuliert werden.

Wenn es dabei Schwierigkeiten gibt – was ich nicht ausschließe -, dann müssen sie bei der sprachlichen Verständigung sichtbar werden.

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[Zusammenfassung der Positionen: Wo besteht Konsens? Wo besteht Dissens?]

Die Frage, um die es in dieser Diskussionsrunde geht, lautet: "Was heißt es, wenn man sagt, eine Aussage sei wahr?"

Es wird also nach der Bedeutung des Wortes "wahr" im Zusammenhang mit Aussagen gefragt. Damit man sich sinnvoll über die Richtigkeit mögliche Antworten streiten kann, müssen alle Diskussionsteilnehmer die Frage im selben Sinne verstehen.

Bei der aufgeworfenen Frage muss deshalb Einigkeit darüber bestehen, was mit dem Wort "Aussage" gemeint ist. Es erscheint mir nicht sinnvoll, alle Arten von Sätzen als "Aussagen" zu verstehen. Ich habe deshalb vorgeschlagen, unter "Aussagen" nur solche Sätze zu verstehen, die etwas darüber aussagen, wie die Wirklichkeit beschaffen ist. Der Kürze halber schlage ich vor, solche Sätze als "positive Aussagen" oder – wenn keine Missverständnisse entstehen können - auch einfach nur als "Aussagen" zu bezeichnen.

Weitgehende Einigkeit besteht wohl darüber, dass eine derartige Aussage dann wahr ist, wenn die Wirklichkeit so beschaffen ist, wie die Aussage besagt.

Einigkeit besteht wohl auch darin, dass eine Aussage nicht zugleich wahr und falsch sein kann. Das impliziert, dass es nur eine Wirklichkeit geben kann, auf welche die Aussage entweder zutrifft oder nicht.

Damit stellt sich die weitere Frage, wie sich dies Zutreffen feststellen lässt. Dies ist die Frage nach dem Kriterium der Wahrheit, also die Frage, wie man in geeigneter Weise für oder gegen die Wahrheit einer Aussage argumentieren kann.

Einig sind wir uns wohl auch darin, dass es bei der Frage nach der Wahrheit nicht um den Satz als eine bestimmte Wortfolge geht, sondern um den Satz mit einer bestimmten Bedeutung.

Die Frage nach der Wahrheit einer bestimmten Aussage bezieht sich also immer auf diese Aussage in einer bestimmten Sprache, durch welche die Bedeutung der einzelnen Wörter und damit die Bedeutung der Aussage festgelegt wird. 

Deshalb muss als Vorbedingung die Aussage von allen im gleichen Sinne verstanden werden, es muss die Sprache bekannt sein, in der die Aussage formuliert wurde.

Damit stellt sich die Frage, wer in dem vorangegangenen Satz mit "alle" gemeint ist. Ich habe die Position vertreten, dass man mit dem Wort "wahr" einen universalen (allgemeinen, intersubjektiven) Geltungsanspruch erhebt.

Wenn ich also den Satz: "Die Sonne beleuchtet am Tag die Erde",  als wahr behaupte, so erhebe ich damit einen Geltungsanspruch gegenüber jedem beliebigen Individuum, das diesen deutschen Satz versteht oder in dessen Sprache dieser Satz übersetzt werden kann.

Wenn jemand das Wort "wahr" nicht mit der Implikation eines allgemeinen Geltungsanspruchs verwenden wollte, sondern im Sinne von "wahr für den Adressatenkreis x" oder "wahr im Deutungszusammenhang y", dann müsste er wahrscheinlich am nächsten Tag ein neues Wort erfinden, um einen unbeschränkten Geltungsanspruch ausdrücken zu können.

Das Hantieren mit speziellen Wahrheiten für spezielle Deutungszusammenhänge oder Adressatenkreise und mit entsprechend spezialisierten Begründungen dieser speziellen Wahrheiten wird schnell den Wunsch nach einem Wort wachrufen, das allgemeine Gültigkeit impliziert.

Dass jede Frage und jeder Begriff eine menschliche Schöpfung und insofern "selektiv" ist, bestreite ich nicht, Ich sehe darin jedoch keinen Mangel sondern die sinnvolle Möglichkeit zur Konzentration auf das Wichtige – vorausgesetzt, es wird keine Frage, keine Aussage und kein Begriff von vornherein ausgeschlossen.

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[Wissenschaftliche versus lebensweltliche Erkenntnis am Beispiel von "Wasser" oder "H2O" ]

Ich bestreite nicht, dass der in der Chemie benutzte Begriff "Wasser" (synonym mit "H2O" : eine chemische Verbindung bestehend aus 2 Wasserstoff- und 1 Sauerstoffatom) nur eine von vielen Bedeutungen des Wortes "Wasser" ist. Die deutsche Sprache enthält vom "Abwasser" bis zum "Weihwasser" Dutzende von Wörtern, die spezielle Arten von Wasser bezeichnen, wobei die Bedeutung dieser Wörter unterschiedlich präzise ist.

Der Begriff "Wasser" in der  Chemie zeichnet sich allerdings durch eine besonders präzise Bedeutung aus. Zwei Chemiker stimmen deshalb so gut wie immer darin überein, ob sie ein bestimmtes Molekül als "Wassermolekül" bezeichnen oder nicht, während zwei Hotelbesitzer häufiger unterschiedlicher Meinung sind, ob sie eine bestimmte Flüssigkeit als "Trinkwasser" bezeichnen oder nicht.

Ich bestreite nicht, dass die Herstellung von chemisch reinem Wasser z. B. durch Destillation keine einfache Aufgabe ist und man dazu spezielle Laborausrüstungen benötigt.

Ich bestreite nicht, dass für die meisten Menschen Fragen nach dem Kaffeewasser oder Badewasser häufiger und dringlicher sind als Fragen nach der chemischen Verbindung Wasser und deren Eigenschaften.

Ich bestreite nicht, dass im Alltag andere Formen der Begründung oder Widerlegung von Aussagen über Wasser und Wasserarten praktiziert werden als in der experimentellen Chemie (z. B. die Prüfung der Temperatur des Badewassers durch Eintauchen eines Fingers statt einer Messung mit dem Thermometer).

Ich bestreite nicht, dass die Kenntnisse der Chemie oder Physik über die chemische Verbindung "Wasser" derart umfangreich und kompliziert sind, dass es zu ihrer Aneignung eines speziellen Studiums bedarf.

Ich bestreite nicht, dass die Chemie und Physik bestimmte Fragen (Fragen nach Sinn, Wert, Schönheit, Pflicht) nicht stellen und uns somit nicht alle Antworten geben können.

Aber ich sehe nicht, weshalb es deswegen nicht möglich sein soll, Fragen nach der Beschaffenheit der Wirklichkeit mit Geltung für alle, die diese Fragen verstehen, zu beantworten. 

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[Sprachen, Terminologien, Umgangssprache, Fachsprache]

Als ich ein Junge von 8 Jahren war, dachte ich, dass alle Flüssigkeiten Wasser enthalten und dass alle gasförmigen Stoffe Luft enthalten. Ich habe dann immer gestaunt, wenn aus dem kochenden Wasser "Luftblasen" aufstiegen. Als ich meinen Vater fragte, woher die Luftblasen in dem Topf kommen, war ich sehr verwundert, als er mir sagte, dass es keine Luft sondern Wasserdampf sei, der dort aufsteige. "Aber Dampf ist doch weiß und diese Blasen sind durchsichtig," entgegnete ich, wobei ich an die Wolken dachte, von denen es hieß, dass sie aus Wasserdampf bestehen.

Dass ein völlig durchsichtiges Gas und ein harter Eiszapfen als "Wasser" bezeichnet wurde, ging quer zu meiner "Mutter-Sprache" : die Dinge wurden umbenannt. Was für die einfache Anschauung völlig verschiedenartige Dinge sind, ein unsichtbares Gas, eine durchsichtige Flüssigkeit und ein harter weißlicher Brocken war in der Sprache der Chemie ein und derselbe Stoff, H20, genannt "Wasser", nur in verschiedenen Aggregatzuständen.

Allerdings habe ich später gelernt, die beiden Begriffssysteme ineinander zu übersetzen: "Wasser" im umgangssprachlichen Sinne war in der Sprache der Chemie "H20 in flüssigem Aggregatzustand (in mehr oder weniger reiner Form)".

Da sich die Umgangsprache langsamer wandelt als die Erkenntnisse der Wissenschaften, haben die Wissenschaften sich ihre eigenen Fachterminologien geschaffen. Daneben besteht jedoch die Umgangssprache fort und sie hat ihre Berechtigung, solange sie die erfolgreiche Verständigung im Alltag erlaubt.

Ich habe es deshalb auch immer als Schlaumeierei empfunden, wenn mich Jurastudenten darüber belehren wollten, dass Herr X nicht der Besitzer der Wohnung sei, die ihm gehörte. Der Besitzer sei Herr Y, der Mieter der Wohnung. Herr X sei dagegen der Eigentümer.

Wenn mir ein kleines Kind ein Bild zeigt und sagt: "Guck mal hier, der große Walfisch, der ist größer als das Boot!", dann werde ich nicht berichtigen: "Falsch. Ein Wal ist kein Fisch."

Nehmen wir ein anderes Beispiel für Sprachprobleme, die Namen für die Jahreszeiten. Wie gebrauchen wir das Wort "Winter" ? Herr A sagt: "Als 'Winter' werden die Monate Dezember, Januar und Februar bezeichnet." Herr B sagt: "Das stimmt nicht. In Australien wird das Weihnachtsfest im Dezember gefeiert, so wie bei uns, aber dann ist dort kein Winter."

Oder nehmen wir das Wort "früher". Stimmt es, wenn Herr A sagt: "Wenn die Uhren von Sommerzeit wieder auf Normalzeit umgestellt werden, wird es abends früher dunkel" ? Herr B sagt: "Das stimmt nicht. Es wird keine Sekunde früher dunkel. Die Stellung der Erde zur Sonne hat sich überhaupt nicht geändert. Man kann höchstens sagen, dass es z. B. in Berlin immer ca. eine Stunde früher dunkel wird als in London."

Diese Beispiele sollen zeigen, dass es verschiedene Sprachen und Terminologien gibt mit Unterschieden im begrifflichen Aufbau und in der Weise, die Dinge zu ordnen. Es gibt nicht DIE  richtige Sprache. Die Benennung der Dinge, die Bezeichnung des Bezeichneten ist soziale Konvention.

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[Erkenntnisse über die Wirklichkeit im Unterschied zur Definition von Begriffen]

Ist nun in der Chemie der Satz: "Wasser ist H2O" ein Satz über die Beschaffenheit der Wirklichkeit?

Es ist zwar ein naturwissenschaftlicher Satz, aber es ist kein Satz über die Beschaffenheit der Wirklichkeit. "Wasser ist H20" ist ein Satz der Chemie, der die Bedeutung des Wortes "Wasser" festlegt. Der Satz sagt etwas über den Begriff "Wasser" aus, nicht jedoch über Wasser als ein reales Phänomen.

Wenn es sich um einen Satz über die Beschaffenheit der Wirklichkeit handeln soll, dann müsste es eine von diesem Satz unabhängige Definition des Wortes "Wasser" geben, in der die Formel H20 nicht vorkommt.

Wenn dies nicht der Fall ist, handelt es sich um eine Definition, also um eine Konvention über den Gebrauch eines bestimmten Wortes.

Um dies deutlich zu machen, wäre es angebracht gewesen, zu schreiben: " 'Wasser' bedeutet H20."

Derartige Sätze können nicht empirisch wahr oder falsch sein, sie können nicht durch Erfahrung widerlegt werden. 

Nur innerhalb dieses Sprachgebrauchs gilt: "Also ist der Satz 'Das ist Wasser' nur dann wahr, wenn es sich um H2O handelt".

Ich sehe "H20" als Definiens von "Wasser" und nicht als Eigenschaft von "Wasser".

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[Traditionsgebundenheit des Sprechens und Denkens?]

Ich verstehe Deine Ausführungen als einen Hinweis auf die Abhängigkeit des Individuums von sozialen Kräften und Bindungen, die sein Denken und Sprechen unentrinnbar prägen, die dem Individuum andererseits aber auch eine bewährte Ordnung bieten.

Anders ausgedrückt: Du hältst die Ansicht, wir hätten "bei der Bezeichnung und Einteilung der Dinge freie Hand" für unzutreffend. Diese unentrinnbare Prägung ist gewissermaßen der Preis, den das Individuum für die "gelingende Praxis" entrichtet, die die tradierte soziale Gemeinschaft bereitstellt.

Dem stimme ich insofern zu, als ein Wortgebrauch, der nur von einem Individuum praktiziert wird und nicht von anderen Individuen übernommen wird, nicht zum Bestandteil einer Sprache wird, sondern höchstens als Unikum zu vermerken ist.

So wie sich in der Musik oder der Malerei neue Stilrichtungen entwickeln, indem Einzelne künstlerisches Neuland betreten, andere damit beeinflussen, die ihrerseits neue Elemente hinzufügen, die wiederum von anderen aufgenommen werden (z. B. beim Übergang von der Musik des Rokoko zur Wiener Klassik und zur Romantik oder beim Übergang vom Swing zum Bebop), so entwickelt sich auch die Umgangssprache als ein kollektives Werk zahlloser Einzelner. 

So wie man wo man einzelnen Künstlern zwar einen bestimmten Einfluss auf die Entwicklung einer neuen Stilrichtung nachsagen kann, ohne sagen zu können, dass sie diese Stilrichtung geschaffen hätten, so sind zwar einzelne Individuen sprachschöpferisch tätig, aber die Entwicklung der Sprache liegt nicht in ihrer Hand.

Dies ist gewissermaßen die Perspektive des Soziologen bzw. Historikers der Sprache.

Demgegenüber habe ich als fragender Mensch und besonders als Wissenschaftler, für den die Beantwortung von Fragen Beruf ist, eine andere Perspektive. Ich bewege mich in einer als solcher innovativen und kreativen Praxis "mit den für diese Gemeinschaft geltenden Normen, Zielen, Gewohnheiten, Praxen, Überzeugungen ... und eben auch einer bestimmten (sprachlichen) 'Ordnung der Dinge' ".

Hier tauchen neue Phänomene auf (z. B. die Krater der von der Erde abgewandten Seite des Mondes), die benannt werden müssen, es müssen neue Begriffe definiert werden, um Aussagen überschaubar zu halten (" Bruttosozialprodukt" statt "Summe aller Güter und Dienstleistungen, die in  einer Volkswirtschaft … ." ), es müssen vorhandene vage Begriffe präzisiert werden (z. B. "Lernen" im psychologischen Sinne), es müssen neuartige Unterscheidungen getroffen werden (z. B. zwischen "subjektiver" und "objektiver" Richtigkeit  von Entscheidungen).

Ich habe als Wissenschaftler einerseits die Verständlichkeit und Nachprüfbarkeit meiner Ergebnisse zu beachten. Ich benötige andererseits aber auch die Möglichkeit, begrifflich neue Wege zu gehen, die zur Beantwortung neuer Fragen und zur Formulierung neuer Ergebnisse notwendig sind.

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[Aussagen und Definitionen]

Worauf es mir bei dem Disput um "Wasser" ankommt ist die analytische Unterscheidung zwischen zwei verschiedenen Arten von Sätzen:

1. Aussagen über die Wirklichkeit (positiven bzw. empirischen Behauptungen)  und

2. Festlegungen eines Wortgebrauchs (nominale Definitionen).

Jede Erkenntnis über die Beschaffenheit der Welt setzt beide Arten von Sätzen voraus.

Positive Behauptungen können wahr oder falsch sein.

Definitionen können zweckmäßig oder unzweckmäßig sein (jedoch nicht wahr oder falsch).


Wozu benötigt man Definitionen?

Wenn ich eine positive Behauptung über die Beschaffenheit der Welt mache, dann benutze ich Worte. Worte müssen eine bestimmte Bedeutung haben. Andernfalls sind sie nicht mehr als ein schwarz-weißes Gebilde auf Papier.

Um z. B. eine bestimmte Art von Objekten bezeichnen zu können, muss ein Merkmal angegeben werden, das nur dieser Art von Objekten zukommt und das es deshalb ermöglicht, Objekte dieser Art von anderen Objekten zu unterscheiden.

Diese Aufgabe erfüllen die Definitionen. Ein Beispiel: " Ein 'Hengst' ist ein männliches Pferd."

Die Häkchen vor und hinter dem Wort 'Hengst' drücken aus, dass man über das Wort 'Hengst' spricht und nicht über das Tier. Wenn die Bedeutung der Worte "männlich" und "Pferd" bekannt ist, ist mit dieser nominalen Definition auch die Bedeutung des Wortes "Hengst" angegeben.

Erst wenn ich weiß, welche Objekte Hengste sind, kann ich positive Behauptungen über Hengste machen, indem ich möglichst viele Exemplare dieser Art von Objekten untersuche und z. B. herausfinde, dass sie bis zu x Jahren alt werden können, dass sie im Unterschied zu Stuten bestimmte geschlechtsspezifische Organe haben, dass sie mit x Jahren ausgewachsen und geschlechtsreif werden und anderes mehr.

Kommen wir auf das Wasser-Beispiel zurück.

Wenn ich Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit und speziell über den Stoff Wasser machen will, dann muss ich wissen, welche Objekte mit dem Wort "Wasser" bezeichnet werden sollen, ich muss die Bedeutung des Wortes "Wasser" kennen. Dabei habe ich nicht nur eine Möglichkeit der Definition sondern mehrere, wobei sich allerdings bestimmte Definitionen als für den Erkenntnisprozess förderlich erweisen und andere nicht.

Ich könnte z. B. mit dem Wort "Wasser" diejenige Flüssigkeit bezeichnen, die sich als Regen niederschlägt.

Dies ist dann die Definition des Wortes "Wasser". Ich kann dieses Wasser dann untersuchen und weitere Eigenschaften herausfinden, die jedem so definierten Wasser zukommen: es ist durchsichtig, geschmacks- und geruchsneutral, gefriert bei Abkühlung unter 0 Grad Celsius zu Eis, 1 Liter Wasser hat ein Gewicht von 1 Kilogramm u. a. m.

Auch die chemische Zusammensetzung des Wassers kann untersucht werden. Wasser besteht aus einer Verbindung von 2 Wasserstoffatomen und 1 Sauerstoffatom.

Der Satz "Wasser besteht aus einer Verbindung von 2 Wasserstoffatomen mit 1 Sauerstoffatom" ist in diesem Zusammenhang eine Aussage über die Beschaffenheit der Realität. Dagegen wäre der Satz: "Regen besteht aus Wasser" keine Erkenntnis über die Beschaffenheit der Wirklichkeit. Dies wurde durch Definition festgelegt und kann deshalb nicht falsch sein. Der Satz enthält eine Information über die Bedeutung des Wortes "Wasser" und macht keine Aussage über den Stoff "Wasser".

Im Unterschied zum Vorangegangenen nehme jetzt ich einmal an, dass die Chemiker als "Wasser" denjenigen Stoff definieren, dessen Moleküle aus einer Verbindung von 2 Atomen Wasserstoff und 1 Atom Sauerstoff bestehen.

Anhand dieser Definition erforschen sie nun die Eigenschaften des so definierten Wassers.

Jetzt ist der Satz "Wasser ist H2O" (besser: "Das Wort 'Wasser' bezeichnet die Verbindung H2O" ) eine Festlegung des Wortgebrauchs und gilt per Setzung bzw. Konvention. Es ist aber keine Information über die Beschaffenheit der Welt. Die Chemiker könnten ohne Einbusse an Erkenntnis auf das Wort "Wasser" ganz verzichten und stattdessen immer sagen: "H2O (in flüssigem Aggregatzustand)". Jetzt wäre der Satz "Regen besteht aus Wasser" eine Erkenntnis über die Realität, die falsch sein kann.

Wenn ich dagegen das Wort "Wasser" definiert habe als die Flüssigkeit, die sich als Regen niederschlägt, so ist der Satz "Wasser ist H20" eine Aussage über die Beschaffenheit der Wirklichkeit.

Je nach Aufbau der Theorie kann der gleich klingende Satz also eine Definition oder eine Behauptung über die Realität sein. Er kann allerdings nicht beides zugleich sein.

Diese Fragen sind etwas knifflig, aber ich denke, sie lassen sich klären, auch ohne allzu großen Aufwand an Spezialbegriffen und logischem Apparat.

 ***


[Objektsprache und Metasprache, Aussage und Definition]

Du schreibst: "im rückgriff auf die distinktion objektsprache/metasprache ließe sich das, was ich sage, wie folgt formulieren.
objektsprachlich: wasser besteht aus H2O
metasprachlich: 'wasser' ist der starre bezeichnungsausdruck für diejenige flüssigkeit deren charakteristikum H2O ist.
somit haben wir 2 ebenen in einem satz "wasser ist H2O" ausgedrückt."

Soweit Deine Position.

Ich stelle mir nun einmal folgendes Gespräch vor:

Peter fragt Thomas: "Woraus besteht Wasser, Thomas?"

Thomas: "Wasser besteht aus einer Verbindung von 2 Atomen Wasserstoff mit 1 Atom Sauerstoff."

Peter fragt nach: "Und woher weißt Du das, Thomas?"

Thomas: "Das haben Chemiker bei der Elektrolyse von Wasser herausgefunden."

Peter fragt noch einmal nach: "Aber woher wussten denn die Chemiker, die das herausgefunden haben, dass es sich bei der Flüssigkeit, die sie untersuchten, um Wasser handelte?"

(Tja, wie geht das Gespräch weiter? Wie wird Thomas antworten? Vielleicht so: ?)

Thomas: "Die Chemiker wussten, dass es sich bei der von Ihnen untersuchten Flüssigkeit um Wasser handelt, weil sie das Charakteristikum für 'Wasser' kannten, nämlich H2O zu sein, und weil die Flüssigkeit, die sie untersuchen wollten, dieses Charakteristikum besaß."

Peter ist verwundert: "Aber wenn sie bereits vor Beginn der Elektrolyse das Ergebnis wussten, nämlich dass die von ihnen untersuchte Flüssigkeit das Charakteristikum H2O besaß, dann gab es doch nichts mehr herauszufinden!?!?"

Wie hättest Du auf die Nachfrage von Peter geantwortet, Thomas?

Oder allgemeiner gefragt:

Hältst Du die Ansicht für richtig, dass man zwischen Sätzen, die die Bedeutung von Worten festlegen (Definitionen), und Sätzen, die etwas über die Beschaffenheit der Wirklichkeit aussagen (positiven Aussagen bzw. Behauptungen), unterscheiden sollte?

Oder bist Du der Ansicht, dass es sich bei dem metasprachlichen Satz: " 'Wasser' ist H2O" (Definition) und dem objektsprachlichen Satz: "Wasser ist H2O" (positive Aussage bzw. Behauptung) um denselben Satz handelt?

Anders gefragt: Bist Du der Meinung, dass ein und derselbe Satz im Rahmen ein und derselben Theorie Definition und Behauptung zugleich sein kann?

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[Thesenartige Zusammenfassung der Ergebnisse und Positionen]

Können wir uns auf die folgenden Thesen einigen?

1. Dasselbe Wort kann verschiedene Bedeutungen haben.

2. Deshalb können auch Sätze, die aus denselben Wörtern bestehen, verschiedene Bedeutungen haben.

3. Anders ausgedrückt: Derselbe Satz kann verschiedenen Sprachen angehören und jeweils Unterschiedliches bedeuten.

4. Die Zuweisung einer Bedeutung zu einem bestimmten Worten, d. h. die Bildung eines Begriffs, beruht auf menschlichen Entscheidungen.

5. Es gibt deshalb nicht nur eine richtige Bedeutung für ein Wort sondern mehrere mögliche Bedeutungen. Entsprechend gibt es nicht nur eine richtige Bedeutung für einen Satz sondern mehrere mögliche Bedeutungen.

6. Es gibt deshalb nicht nur eine richtige Sprache sondern mehrere mögliche Sprachen.

7. Aus dieser Sprachen- und Bedeutungsvielfalt  ergibt sich für die sprachliche Verständigung zwischen den Individuen die Möglichkeiten des Nichtverstehens oder Missverstehen.

8. Um sich zu verstehen, muss zwischen Sprecher und Hörer Einigkeit über die gewählte Sprache und die darin festgelegte Bedeutung der Wörter bestehen.

9. Wenn nötig muss der Sprecher seine Sprache erläutern und die Bedeutung der von ihm benutzten Wörter klarstellen, z. B. durch nominale Definition mittels unmissverständlicher Begriffe.

10. Eine bestimmte Begrifflichkeit (also die Zuweisung bestimmter Bedeutungen zu bestimmten Wörtern) kann nicht wahr oder falsch sein sondern nur zweckmäßig oder unzweckmäßig.

11. Ob eine bestimmte Begrifflichkeit bzw. Sprache zweckmäßiger ist als eine andere, hängt u. a. von der jeweiligen Praxis ab, in der die Sprache angewandt wird. So ist für das Leben auf Grönland eine differenzierte Begrifflichkeit in Bezug auf die Niederschläge nötig, während in der Karibik keine Sprache benötigt wird, die Hagelschauer von Graupelschauern unterscheidet.

12. Es wäre z. B. nach der Aufdeckung der molekularen Struktur des Wassers auch eine Begrifflichkeit möglich gewesen, die unter dem Oberbegriff "Wasser" sowohl "H2O-Wasser" als auch "Kirschwasser" (ein hochprozentiges alkoholisches Getränk) zusammenfasst. Allerdings wäre ein solches Klassifikations-System hinderlich bei der Erforschung der Wirklichkeit, denn über das so definierte Wasser lassen sich nur wenige allgemeine Aussagen machen.

***

[Die Problematik von 'Was-ist-Fragen']

Zu der Frage "Was ist Wasser?" ein paar Anmerkungen.

Was-ist-Fragen scheinen sich immer noch großer Beliebtheit zu erfreuen. Man findet Diskussionen zu: "Was ist Zeit,  Raum, Liebe, Erfolg, Bewusstsein, Leben, Nichts, der Mensch u. a. m. ?"

Das Problem dieser Fragen besteht darin, dass oft nicht klar ist, wonach gefragt ist.

Man kann z. B. die Frage "Was ist Wasser?" einmal verstehen im Sinne von "Was bedeutet das Wort 'Wasser'?" Die Antwort gibt ein gutes Wörterbuch. Mein Sprach-Brockhaus gibt mehrere Bedeutungen an. Als erstes: "chemische Verbindung von Wasserstoff und Sauerstoff (H2O)" aber als drittes auch "Bezeichnung klarer Flüssigkeiten".

Hier wird nach der Wortbedeutung gefragt. Die Antwort ist eine Definition (bei Mehrdeutigkeit auch mehrere Definitionen). Die Definition soll bewirken, dass jedes Individuum dieselben Objekte mit dem betreffenden Wort bezeichnet. Insofern muss eine brauchbare Definition ein Merkmal angeben, welches das benannte Objekt von anderen Objekten unterscheidet.

Man kann die Frage "Was ist Wasser?" jedoch auch verstehen als etwas locker formulierte Frage nach dem, was man über Wasser weiß. Um diese Frage zu beantworten, kann man ein Lexikon oder eine Enzyklopädie heranziehen. 

Schließlich kann man die Frage "Was ist Wasser? " auch verstehen als die Frage: "Was ist das Wesen des Wassers?" Dabei stellt sich jedoch die neue Frage, was hier mit dem Wort "Wesen" gemeint ist.

Auch für "Wesen" gibt mein Sprach-Brockhaus mehrere Bedeutungen an. An vierter Stelle heißt es: "Philosophie: das Sosein, die grundlegende Eigenschaftlichkeit der Dinge".

Damit werden jedoch in Bezug auf die Klärung von Bedeutungen für mich mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet.

Und mein (älteres) "Wörterbuch der philosophischen Begriffe" von Hofmeister erläutert den Begriff "Wesen" u. a. als "das Bleibende, Beharrliche an einem Daseienden im Unterschied zu seinen wechselnden Zuständen, das wahre Sein, das wahrhaft Wirkliche im Gegensatz zur Erscheinung oder zum Schein".

Wenn man diese Definitionen in unsere Wasser-Frage einsetzt, gelangt man zu Fragen wie: "Was ist das Bleibende an Wasser?" oder "Was ist das wahre Sein des Wassers?"

Was damit gemeint ist, bleibt für mich erst recht unklar und solange diese Unklarheit besteht, sollte man Fragen nach dem Wesen meiden, denn man kann sich nicht sinnvoll über die Beantwortung einer unklaren Frage streiten.

Generell ergibt sich daraus eine Warnung vor "Was-ist-Fragen", solange nicht klar ist, wie diese zu verstehen sind.

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[Wahrheit von Aussagen und Zweckmäßigkeit von Definitionen oder Bezeichnungen]

Du kritisierst meine These: "Derselbe Satz kann verschiedenen Sprachen angehören und jeweils Unterschiedliches bedeuten."

Zur Erläuterung: Ich benutzte das Wort "Sprache" hier in dem Sinne wie in dem Satz: "Hegel hat seine eigene Sprache entwickelt" oder "Neben der Umgangssprache haben sich spezielle Fachsprachen entwickelt."

In Frau Meiers Umgangssprache bedeutet der Satz "Herr X besitzt ein neues Einfamilienhaus" etwas anderes als in der Sprache des Rechtsanwalts Müller.

Du kritisierst meine These: "Es gibt deshalb nicht nur eine richtige Bedeutung für ein Wort sondern mehrere mögliche Bedeutungen. Entsprechend gibt es nicht nur eine richtige Bedeutung für einen Satz sondern mehrere mögliche Bedeutungen."

Bei dieser These geht es nicht um anerkannte Mehrdeutigkeit, sondern ich beziehe mich auf den "Streit um Worte" wie z. B. um das Wort "demokratisch", wobei jemand eine bestimmte Bedeutung des betreffenden Wortes für die einzig richtige hält.

Du kritisierst die These: "Eine bestimmte Begrifflichkeit (also die Zuweisung bestimmter Bedeutungen zu bestimmten Wörtern) kann nicht wahr oder falsch sein sondern nur zweckmäßig oder unzweckmäßig."

Du erhebst Einspruch mit dem Gegenbeispiel: " dass quito die hauptstadt von ecuador ist, ist entweder wahr oder falsch - was ist daran zweckmäßig? "

Hier gilt es um den Eigennamen "Quito", der einer bestimmten Stadt gegeben wurde. Das Wort "Quito" wurde einem bestimmten Objekt zugeordnet. Diese Zuordnung ist insofern zweckmäßig, als dieser Ortsname nicht häufig ist und deshalb eine eindeutige Identifizierung der mit dem Namen "Quito" bezeichneten Stadt ermöglicht.

Diese Benennung der Stadt war nicht wahr oder falsch, die Benennung mit dem Namen "Ruito" wäre genauso gut möglich und sinnvoll gewesen. Eine Begrifflichkeit ist als solche nicht wahr oder falsch, diese Prädikate lassen sich nur auf Behauptungen anwenden, jedoch nicht auf die Bildung eines Begriffs. ...

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[Thesen zur Begriffsbildung]

Einige Anmerkungen noch zur Begriffsbildung, worunter ich die Zuordnung einer bestimmten Bedeutung zu einem bestimmten Wort verstehe.

Ein "Begriff" ist demnach ein Wort mit seiner Bedeutung.

Wird die Zuordnung der Bedeutung durch andere Begriffe vorgenommen, so spreche ich von einer "(nominalen) Definition".

Wenn Aussagen über ein Wort bzw. ein Begriff gemacht werden, schreibe ich das Wort in Anführungszeichen ("Wasser"), wenn ich über das spreche, was das Wort bedeutet oder bezeichnet, verwende ich keine Anführungszeichen und schreibe nur: Wasser.

Wie kann man die Bedeutung eines Wortes bestimmen? Welche Bedeutung hat z. B. das Wort "Wasser" ?

Als geschriebenes Zeichen ist "Wasser" nicht anderes als eine Folge von Buchstaben so wie auch das Wort "Ressaw". Beide haben als solche keine bestimmte Bedeutung. Bedeutung erhalten Wörter erst durch Individuen, die diese Wörter nach bestimmten Regeln verwenden, um etwas auszusagen und einander mitzuteilen.

Wenn Individuum A dem Individuum B etwas sagen will, so muss B die Bedeutung der von A benutzten Wörter kennen, das heißt sie müssen eine gemeinsame Sprache, nennen wir sie "AB-Sprache", sprechen und bilden insofern eine Sprachgemeinschaft.

Man kann dann fragen: "Was bedeuten die Wörter 'Wasser' und 'Ressaw' in der AB-Sprache?"

Nehmen wir an, dass  in AB-Land die moderne Chemie unbekannt ist. A und B bezeichnen alle klaren Flüssigkeiten als "Wasser". Nicht-klare Flüssigkeiten werden als "Milch", "Rotwein" etc. bezeichnet. Es gibt in der AB-Sprache verschiedene Arten von Wasser, z. B. Regenwasser, Meerwasser, Feuerwasser etc. Das Wort "Ressaw" gibt es in der AB-Sprache nicht.

Wenn man also einen Bewohner von AB-Land fragt: "Was bedeutet in der AB-Sprache das Wort 'Wasser'?", dann wird er sagen: "Wir sagen zu allen klaren Flüssigkeiten 'Wasser' ". Und er wird vielleicht auf eine Flasche zeigen und sagen: "Hier ist z. B. Wasser drin". 

Wenn ich A die zusätzliche Frage stellen würde: "Was ist Wasser?", so kann er nur sagen: "Wasser ist eine klare Flüssigkeit". Diese Aussage ist allerdings in der AB-Sprache eine Tautologie, denn diese Aussage gilt per Definition. Wenn ich in Bezug auf eine blaue Flüssigkeit sagen würde: "Dies Wasser schmeckt süß", dann wäre das nicht empirisch falsch, sondern ein sprachlicher Fehler. A würde zu mir nicht sagen: "Es ist nicht so wie Du sagst. Du hast Dich in Bezug auf die Tatsachen geirrt" sondern er würde sagen: "Zu blauen Flüssigkeiten sagen wir nicht 'Wasser'. Du hast das Wort falsch gebraucht."

Wenn ich A fragen würde: "Was weiß man in AB-Land über Wasser und seine Eigenschaften?", so könnte er wohl nur wenige Aussagen machen, die auf jede Art von Wasser zutreffen, außer den Merkmalen, die das Wort "Wasser" definieren. Er könnte wohl sagen: "Wasser ist schwerer als Luft", "Durch Wasser kann man hindurch sehen", "Wenn man einen Stab in Wasser hält, erscheint der Stab an der Wasseroberfläche als geknickt".  Aber das wäre schon so ziemlich alles.

Man sieht, dass diese Begriffsbildung, dies Klassifikationssystem wenig leistungsfähig ist, insofern ich mit der Aussage "Bei diesem Stoff handelt es sich um Wasser" relativ wenige der implizit darin enthaltenen Informationen übermitteln kann.

Nehmen wir zum Vergleich OP-Land, wo man bereits die Verbindung H2O entdeckt hat.

Ich frage O: "Was bedeuten die Wörter 'Wasser' und 'Ressaw' in der OP-Sprache?"

O antwortet: "Das Wort 'Ressaw' kenne ich nicht. Wir bezeichnen mit dem Wort 'Wasser' alle Stoffe, die aus der Verbindung H2O bestehen. Sind andere Stoffe in Wasser gelöst, so stellen wir die Bezeichnung dieser Stoffe voran, wie z. B. Zuckerwasser, Salzwasser, Mineralwasser, Sodawasser, Seifenwasser. Alkohole wurden früher auch als 'Wasser' bezeichnet, aber dieser Gebrauch ist heute nachrangig geworden, weshalb es selten zu Missverständnissen kommt."

Wenn man in der OP-Sprache einen Stoff mit dem Wort "Wasser" bezeichnet, hat man damit eine riesige Menge an Informationen übermittelt: das gesamte Wissen von Chemie, Physik und aller anderen Wissenschaften über H2O. 

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[Abgrenzungsprobleme empirischer von nicht empirischen Begriffen]

Ich schlage vor, dass wir uns von der Wasser-Frage lösen und der Frage zuwenden, wie man erkennen kann, ob ein Satz etwas über die Beschaffenheit der Wirklichkeit aussagt, und wie man derartige positive oder empirische Aussagen von anderen Sätzen unterscheiden kann. Ist zum Beispiel der Satz: "Er hat mutig gehandelt" eine Aussage über die Beschaffenheit der Wirklichkeit? Was ist mit dem Satz: "Er hat vorbildlich gehandelt" (jeweils bezogen auf ein bestimmtes Handeln. über dessen Vorliegen Einigkeit besteht)" ?

Es geht um die Frage, ob diese Sätze etwas über die Beschaffenheit der Wirklichkeit aussagen oder nicht. Damit zusammen hängt die Frage, ob solche Sätze wahr sein können.

Auf jeden Fall kann man mit solchen Sätzen auf Zustimmung stoßen (" Das stimmt!" )  oder auch auf  Widerspruch (" Das sehe ich aber ganz anders!" )

Was meinen wir, wenn wir eine Handlung als "mutig" bezeichnen? Wie ist das Wort "mutig" definiert?

Ich finde im Wörterbuch für das Wort "mutig" die Erläuterung: "tapfer, ohne Furcht". Ich sehe unter "tapfer" nach und finde die Erläuterung: "mutig, furchtlos, kühn".

Zirkeldefinitionen, bei denen das Wort "mutig" mit dem Wort "tapfer" erläutert wird, und das Wort "tapfer" mit dem Wort "mutig", sind natürlich wenig hilfreich.

Nützlicher ist da schon der Bezug zur Furcht. Das Wort "Furcht" wird erläutert als "das Gefühl, von etwas Bestimmtem bedroht zu werden".

Wie man sieht, ist die Bedeutung des Wortes "mutig" nicht besonders präzise festgelegt. Man könnte eventuell "mutiges Handeln" definieren als "ein Handeln unter Überwindung der Furcht vor einer damit verbundenen Gefahr". Der Handelnde muss also die mit der Handlung verbundene Gefahr kennen, er muss sie fürchten und er muss – unter Überwindung seiner Furcht - die Handlung trotzdem ausführen.

Ob jemand die mit einer Handlung verbundene Gefahr kennt, ob er diese fürchtet und ob er die Handlung ausführt: all das sind Merkmale, deren Existenz man durch empirische Untersuchung feststellen könnte. Insofern wäre der Satz "Er hat mutig gehandelt" eine Aussage über die Beschaffenheit der Wirklichkeit, in diesem Fall über das Handeln einer bestimmten Person.

Nach dieser Definition wäre es allerdings auch "mutig", wenn jemand das noch dünne Eis eines Sees betritt: er kennt die mit der Handlung verbundene Gefahr, und er führt sie trotzdem aus.

Wenn jedoch dies Handeln nicht als "mutig" sondern als "leichtsinnig" bezeichnet wird, dann stellt sich die Frage, was der Unterschied zwischen einer "mutigen" und einer "leichtsinnigen" Handlung ist.

Wenn ein Angestellter seinem Chef widerspricht, als dieser einen andern Mitarbeiter zu Unrecht für einen Fehler verantwortlich macht, nennen wir das "mutig". Wenn ein Angestellter häufiger zu spät zur Arbeit kommt, so nennen wir das "leichtsinnig". Beide gefährden damit bewusst ihre Anstellung.

Wenn es kein feststellbares Merkmal gibt, das mutiges Handeln von leichtsinnigem Handeln unterscheidet, und wenn es stattdessen so ist, dass man von "mutigem" Handeln nur dann spricht, wenn man das betreffende Handeln befürwortet, dann beschreibt man mit dem Satz "Er hat mutig gehandelt" nicht nur einen bestimmten Sachverhalt, sondern drückt zugleich dessen Befürwortung aus. Etwas zu befürworten beinhaltet aber die Meinung, dass etwas sein soll. Insofern wird in dem Satz "Er hat mutig gehandelt" nicht nur gesagt, wie die Welt ist sondern auch, wie sie sein soll.

Bei dem Satz "Er hat vorbildlich gehandelt" ist noch deutlicher, dass damit keine Aussage über die Wirklichkeit gemacht wird, wie sie ist, sondern dass damit formuliert wird, wie gehandelt werden soll. Ein "Vorbild" ist etwas, das man nachahmen sollte. Zu sagen "Dies Handeln ist vorbildlich" enthält keinerlei Information darüber, wie jemand gehandelt hat, es bedeutet lediglich: "So wie diese Person gehandelt hat, so sollten alle Handeln!"

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[Woran erkennt man empirische Sätze?]

Es geht um die Frage, ob der Satz "Das Handeln von B ist vorbildlich" eine Aussage über die Wirklichkeit ist. Die Handlung, auf die sich dieser Satz bezieht ist, bestand z. B. in Folgendem: B steht von seinem Sitzplatz auf und sagt zu einem älteren Fahrgast; "Bitte! Wollen Sie sich setzen?"

Ich halte die Beantwortung dieser Frage für außerordentlich wichtig und ich bin der Meinung, dass mit der Verneinung dieser Frage und der Unterscheidung zwischen faktischen und wertenden Sätzen der entscheidende Schritt zur neuzeitlichen Wissenschaft vollzogen wurde, mit all seinen - auch problematischen – Konsequenzen. Es geht um die analytische Unterscheidung zwischen Sätzen, die besagen, WAS IST, und Sätzen, die besagen, was GUT IST bzw. was SEIN SOLL.

Damit verbunden ist die Auffassung, dass nur das, was ist, wahrnehmbar bzw. beobachtbar ist, während das, was gut ist oder sein soll, etwas zu Verwirklichendes und insofern Ausdruck eines Wollens ist.

Kehren wir zu unserm Beispiel zurück:  B steht von seinem Sitzplatz auf und sagt zu einem älteren Fahrgast: "Bitte! Wollen Sie sich setzen?"

Angenommen, zwei Individuen, P und O, beobachten diesen Vorgang und haben die Aufgabe, zu beschreiben, was geschieht. In der Beschreibung von P findet sich der Satz: "Das Handeln von B ist vorbildlich". In der Beschreibung von O fehlt ein entsprechender Satz.

P wird gefragt, woran man erkennen kann, dass das beobachtete Handeln vorbildlich war. Was kann P dann antworten? Worauf stützt er diese Aussage?

P sagt eventuell: "Aber das sieht man doch, dass B vorbildlich gehandelt hat!"

Darauf O: "Ich habe nichts derartiges gesehen. Was bedeutet denn das Wort 'vorbildlich' für Dich?"

P: "Ich meine mit 'vorbildlich' ein Handeln, das so ist, dass andere es sich zum Vorbild nehmen und nachmachen sollen."

O: "Ich bin aber nicht der Meinung, dass man für jemanden seinen Sitzplatz räumen sollte, nur weil dieser älter ist. Was anderes ist es, wenn Gebrechliche, Schwangere oder Eltern mit Kleinkindern stehen müssen. Insofern drückst Du mit der Bezeichnung der Handlung als 'vorbildlich' eine bestimmte moralische Stellungnahme zu dem Handeln aus, aber Du beschreibst keine Eigenschaft des Handelns, wie es ist."

Soweit ein möglicher Dialog.

Ich habe bewusst ein Beispiel gewählt, wo es keine "einschlägige" moralische Norm gibt, weil hier in den letzten Jahrzehnten ein Wandel der Auffassungen stattgefunden hat.

Das Verständnis von Handlungen als mit Absichten, Wertungen etc. verbundenes Verhalten stellt O mit seiner Position dabei nicht in Frage.

***

[Deskriptive und präskriptive Sätze]

Es geht  um die Frage, ob Sätze wie "Er hat vorbildlich gehandelt" oder "Herr Meier hat vorschriftsmäßig gehandelt" Aussagen über die Wirklichkeit sind.

Dahinter steht die allgemeinere Frage der analytischen Unterscheidung zwischen positiven Aussagen und evaluativen bzw. präskriptiven Aussagen, also um die Unterscheidung zwischen "Ist-Sätzen" und "Soll-Sätzen".

Nehmen wir Dein Beispiel: "Herr Meier hat sich vorschriftsmäßig verhalten."

Dieser Satz beziehe sich auf die "Vorschrift zur Durchführung physikalischer Versuche" der "International Scientific Association" vom 01. April 2005. Die darin enthaltenen Vorschriften wie Erstellen eines Protokolls, Unterschreiben des Protokolls durch den Versuchsleiter etc. hat Herr Meier alle befolgt. Insofern war das Verhalten von Herrn Meier vorschriftsmäßig.

...
Meine Fragen an Dich:

Bist Du der Ansicht, dass der Satz: "Herr Meier hat sich vorschriftsmäßig verhalten" eine Aussage darüber ist, wie die Wirklichkeit beschaffen ist?

Und bist Du der Ansicht, dass "vorschriftsmäßig" eine reale Eigenschaft des Verhaltens von Herrn Meier ist?

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[Sätze über das was ist und über das was sein soll]

Welche Sätze sind Aussagen über die Wirklichkeit, wie sie ist?

Welche Sätze sind (wertende) Stellungnahmen zur Wirklichkeit, wie sie ist?

Bleiben wir bei Deinem Beispiel: "Herr Meier hat vorschriftsmäßig gehandelt."

Wenn dieser Satz auf eine bestimmte Vorschrift bezogen wird, muss er keine Stellungnahme zur Wirklichkeit enthalten. Wenn z. B. die Vorschrift besagt: "Vom Versuchsablauf ist ein Protokoll anzufertigen" und Herr Meier hat ein solches Protokoll angefertigt, dann hat er vorschriftsmäßig gehandelt. Dies kann man durch logische Subsumption der Handlung unter die Norm feststellen.

Nun hat Herr Meier bei dem Versuch vielleicht vergessen, die Brandtür zu schließen. Damit hat er gegen feuerpolizeiliche Vorschriften verstoßen. Also gilt auch der Satz: "Herr Meier hat nicht vorschriftsmäßig gehandelt."

Diesen Widerspruch kann man jedoch auflösen, indem man immer auf die jeweilige Vorschrift Bezug nimmt. Insofern ist "Vorschriftsmäßigkeit" keine Eigenschaft der Handlung als solcher, sondern setzt immer den Bezug zu einer bestimmten Vorschrift voraus.

Man kann also die Vorschriftsmäßigkeit eines Handelns feststellen, ohne dazu Stellung zu nehmen, d. h. ohne das Handeln damit zu billigen oder zu missbilligen. Man kann auch sagen: "Herr Meier hat vorschriftsmäßig gehandelt", wenn Herr Meier zum Wachpersonal eines nationalsozialistischen Konzentrationslagers gehört, und einen flüchtenden Häftling erschießt. (Wobei ich annehme, dass dies in seiner Dienstvorschrift so angeordnet war.)

Um solche Feststellungen zu treffen, muss man keine wertende Stellungnahme abgeben.

Zu einer Wertung kommt es immer dann, wenn sich der Sprecher mit dem Inhalt der Normen, auf die Bezug genommen wird, identifiziert, d. h. wenn er sich nicht nur auf die faktische Geltung der Norm bezieht (auch die Vorschriften für ein KZ gelten faktisch insofern als ein Verstoß gegen diese Vorschriften sanktioniert wird), sondern wenn er zugleich ausdrückt, dass er diese Normen für gültig und gerechtfertigt hält.

Eine solche Identifizierung mit der Norm, auf die Bezug genommen wird, liegt meiner Ansicht nach bei dem Beispiel vom Freimachen des Sitzplatzes vor. Der Satz "B hat vorbildlich gehandelt" ist nicht nur logische Subsumption der Handlung unter eine moralische Vorschrift sondern auch wertende Stellungnahme zu dieser Wirklichkeit. Ob man einem Älteren den Sitzplatz räumen soll, lässt sich jedenfalls nicht durch Untersuchung der vorliegenden Handlung entscheiden und auch nicht durch eine Untersuchung der faktisch geltenden moralischen Normen der betreffenden Gesellschaft.

Aber die Abgrenzung zwischen faktischen und wertenden Behauptungen ist knifflig. Offenbar gibt es in der Umgangssprache viele Nuancen und der Übergang zu wertenden Stellungnahmen ist fließend, weshalb man ja oft  - um Entschuldigung nachsuchend - sagt: "Ich meine das nicht wertend, ich stelle bloß fest, wie es ist."

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[Was unterscheidet deskriptive von präskriptiven Sätzen]

Ich habe keine Probleme damit, Handlungen, Ziele oder faktisch geltende Normen als etwas Wirkliches anzusehen. Menschen handeln, setzen sich Ziele, setzen Normen und verschaffen diesen faktische Geltung durch Belohnung oder Bestrafung. Dies sind erfahrbare und beobachtbare Sachverhalte, wie schwierig deren Feststellung im Einzelfall auch immer sein mag.

Ich habe auch keine Probleme mit der logischen Subsumption bestimmter Sachverhalte unter bestimmte Wertstandards und Normenssysteme.

Das Problem, um das es mir geht, ist die Abgrenzung von Sätzen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit von solchen Sätzen, die ein Willensverhältnis zur Welt ausdrücken, die also eine  bestimmte Wirklichkeit empfehlen oder vor-schreiben, aber nichts be-schreiben.

Die Geltung von Beschreibungen der Wirklichkeit kann an der Erfahrung überprüft werden. Ich kann mich fragen: Ist es so, wie die Aussage besagt? Und ich kann mich weiterhin fragen: Stimmen die Wahrnehmungen, die ich mache, mit den Wahrnehmungen überein, die ich zu erwarten habe, wenn die Aussage wahr ist?

Dies ist bei Empfehlungen oder Normen nicht der Fall. Um ein Beispiel zu nehmen: Die KZ-Vorschrift in Bezug auf den Schusswaffengebrauch gegenüber flüchtenden Häftlingen mag faktisch gelten, insofern als sie verkündet wurde, tatsächlich befolgt wird und Zuwiderhandlungen bestraft werden. Aber niemand kann allein durch seine Wahrnehmung oder gezielte Beobachtung entscheiden, ob er diese Vorschrift befolgen soll oder beispielsweise seinem christlichen Gewissen folgen soll.

Insofern erfordert die Rechtfertigung bzw. Kritik präskriptiver Sätze andere Arten von Argumenten als die Rechtfertigung und Kritik deskriptiver Sätze.

Aus diesem Grund sind auch Wörter, die eine empfehlende, handlungsorientierende Bedeutung haben wie z. B. "gut", "vorbildlich", "empfehlenswert" etc. zu unterscheiden von beschreibenden Wörter wie z. B. "schnell ", "rostfrei" oder "lebendig".

Das Wort "gut" hat einen anderen Charakter als z. B. das Wort "schnell". "Schnell" bezieht sich immer auf die Geschwindigkeit einer Sache: ein schnelles Auto, ein schneller Läufer, eine schnelle Antwort.

Bei dem Wort "gut" ist das anders: ein guter Drucker, ein guter Film oder ein guter Mensch lassen sich als solche nicht beobachten, sie beziehen sich auf einen bestimmten Standard der Bewertung - und diese Standards können von Mensch zu Mensch, von Gruppe zu Gruppe, von Subkultur zu Subkultur verschieden sein.

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[Eine Anmerkung zur Begrifflichkeit]

Du schreibst: "Für unsere Fragestellung sollte also ausgegangen werden von einer Situation, in er alle Beteiligten WISSEN, dass dort eine bestimmte Regel unbestritten gilt."

Dies trifft auf die KZ-Ordung zu.

Dann taucht für die Praxis des KZ eine anderes Normensystemsystem (in Form des christlichen Menschenbildes) auf, das Du als "intersubjektiv gültiges Wertesystem" bezeichnest, obwohl unstrittig ist, dass "alle Beteiligten wissen, dass dort (im KZ) eine bestimmte Regel unbestritten gilt" – und das ist die KZ-Ordnung der Nazis.

Ich finde das etwas verwirrend.
Was meinst Du mit der Formulierung "intersubjektiv gültiges Werte- oder Normensystem" ? Kann es bezogen auf ein und dieselbe Situation mehrere miteinander unvereinbare geltende oder gültige Normensystem geben?

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 [Die Identifizierung der Regel, nach der gehandelt wird]

Du schreibst: "dass die Beobachtung keinen Rückschluss zulässt, nach welcher Regel gehandelt wird."

Ich halte es trotzdem für offensichtlich, dass man aufgrund von Beobachtung entscheiden kann, ob ein bestimmtes Individuum gegen die Norm N1 (die Dienstvorschrift, Flüchtige zu erschießen) oder gegen die Norm N2 (christliche Ablehnung von Gewalt) verstößt.

Wenn der Wachsoldat den Flüchtling erschießt, dann befolgt er nicht die christliche Moral, aber er befolgt die Dienstvorschrift für das KZ-Wachpersonal. Mehr brauche ich nicht in diesem Zusammenhang. ...

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... Ich gehe davon aus, dass es bei unseren Diskussionen um Fragen und deren richtige Beantwortung geht. Es geht hier (vorerst) um die richtige Beantwortung von Fragen wie: "Wie viele Kilometer ist der Mond von der Erde entfernt?", "Was verdient ein Facharbeiter in der Elektroindustrie durchschnittlich im Monat?" "Wurde John F. Kennedy Opfer einer Verschwörung?" "Wie nimmt der Mensch Schmerz wahr?" "Ist Granit schwerer als Platin?" "Wie lange wird unsere Sonne noch scheinen? "Gibt es Meerjungfrauen oder Schutzengel?" "Was geht in meinem Gehirn vor, wenn ich mich erinnere?" "Enthalten Träume Hinweise auf die Zukunft?"

All das sind positive Fragen nach der Wirklichkeit, Fragen danach, wie die Welt beschaffen ist, früher war und zukünftig sein wird. Wir streiten um den besten Weg zu richtigen Antworten, um das Kriterium ihrer Wahrheit, und um die Allgemeinheit ihrer Geltung.

Ich mache eine analytische Unterscheidung zwischen Sätzen, die Informationen darüber enthalten, wie die Welt beschaffen ist, und Sätzen, die dies nicht tun.

Der Grund dafür ist einfach: Begründung und Widerlegung derartiger positiver Aussagen erfordert andere Argumente als die Begründung und Widerlegung anderer Sätze, wie z. B. des normativen Satzes: "Man soll niemanden wegen einer Tat bestrafen, wenn man nicht zuvor gehört hat, was er selber zu seiner Entschuldigung zu sagen hat."

Aber ich sehe hier keine Kluft und auch kein Auseinanderreißen von Zusammengehörigem.

Im Gegenteil: normative und positive Fragen sind eng miteinander verzahnt. Um nur einige Punkte zu nennen:

- Jeder Versuch zur Beantwortung einer positiven Frage setzt z. B. die Entscheidung voraus, gerade diese Frage zu behandeln und sie für wichtig zu halten. Das ist aber eine Wertung.

- Die wissenschaftliche Methodik ist selber normativ, denn sie enthält Anleitungen zur richtigen Beantwortung gestellter Fragen.

- Auch die im engeren Sinne normativen Fragen setzen zu ihrer Beantwortung zahlreiche faktische Kenntnisse voraus, z. B. wenn man die Konsequenzen von Handlungen berücksichtigen will.

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[Was meinen wir, wenn wir sagen, etwas sei "wirklich" ?]

Meine Definition von "wirklich"... :

Etwas ist wirklich, wenn es existiert, existiert hat oder existieren wird.

Anders ausgedrückt: wirklich ist alles was ist, was war und was sein wird.

Wirklich ist alles, was es gibt, was es gab, und was es geben wird.

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Etwas ist nicht deswegen wirklich, weil wir es zum Gegenstand von wahren Aussagen machen. Den Kometen Hale-Bopp, der vor wenigen Jahren am Firmament auftauchte, hat es schon gegeben, bevor Menschen ihn entdeckten.

Allerdings: um ihn für wirklich zu halten und diese Überzeugung in einer entsprechenden Existenzbehauptung auszudrücken (" Es gibt einen Kometen mit der Flugbahn x, y, z. Er trägt den Namen 'Hale-Bopp'"), muss es Begründungen für dessen Existenz geben.

Die Ebenen des "Wirklich-seins" (das unabhängig von unserem Denken der Fall sein kann) und die Ebene des "Für-wirklich-haltens bzw. behaupten" (das eine Begründung verlangt) müssen sorgfältig auseinander gehalten werden.

Der Komet Hale-Bopp war bereits wirklich, bevor Menschen ihn entdeckten und begründen konnten, dass es einen derartigen Himmelskörper gibt. Aber es ist nicht zulässig, etwas als "wirklich" zu behaupten, ohne dass man über Gründe für die behauptete Existenz des Kometen verfügt.

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zum Anfang

Ende "Wahrheit II"

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Eigene Beiträge zu "Wahrheit III"


Jemand kann die Fähigkeit haben, etwas auszuführen, ohne zu wissen, wie er das macht. Wenn ich eine Melodie pfeife und jemand fragt mich: "Wie machst Du das? Ich will das auch können!", so hätte ich wahrscheinlich Schwierigkeiten zu sagen, welche Muskelbewegungen ich dabei ausführe. Es handelt sich um weitgehend automatisierte Abläufe, bei denen die Nervenimpulse nicht mehr im Großhirn verarbeitet werden, sondern "direkter" geschaltet werden, vergleichbar den Funktionstasten auf der Tastatur eines Computers, die mit fertigen kleinen Programmen belegt sind.

Es gibt die "Weisheit des Körpers", z. B. wenn unser Körper auf eine zu große Erwärmung mit Schwitzen reagiert, was den Körper wegen der Verdunstungskälte wieder abkühlt. Unser Körper kann also seine Temperatur regeln, ohne dass wir wissen müssen, wie er das macht. Er "weiß" selber, wie es geht.

Aber inwiefern ergibt sich daraus eine besondere Wirklichkeit oder eine besondere Erkenntnis der Wirklichkeit?

Welche Fragen kann ich nicht stellen oder nicht richtig beantworten, wenn mir der Begriff der Vollzugswirklichkeit fehlt?

Was erkennt der Handelnde Besonderes, was der Fragende, der Wahrnehmende und der Beobachtende nicht erkennen kann?

Hat man als Handelnder spezielle Sensorien, über die man als Beobachtender nicht verfügt?

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[Zusammenfassung der behandelten Fragen]

Ich bin ... der Ansicht, dass unsere Diskussion zu der Frage: "Was heißt es, wenn man sagt, eine Aussage sei wahr" nicht so unsystematisch war.

Wir haben uns mit der Definition des Wortes "wahr" beschäftigt, insofern es auf Sätze bezogen ist.

Wir haben uns mit der intersubjektiven und intertemporalen Geltung wahrer Aussagen beschäftigt und gefragt, ob und inwieweit Wahrheit Allgemeingültigkeit impliziert.

Wir haben uns dabei auf die Wahrheit derjenigen Sätze beschränkt, die Aussagen über die Wirklichkeit machen.

Wir haben uns dann befasst mit der Unterscheidung zwischen Aussagen über die Wirklichkeit und Definitionen, die die Bedeutung von Worten festlegen.

Wir haben uns mit den Problemen beschäftigt, die durch die Verwendung unterschiedlicher Begriffe, Klassifikationssysteme und Sprachen entstehen.

Wir haben uns mit der Abgrenzung von Aussagen über die Wirklichkeit gegenüber Werturteilen und normativen Sätzen beschäftigt.

Wir haben uns schließlich mit der Frage beschäftigt, was mit dem Wort "Wirklichkeit" gemeint ist.

Was wir noch diskutieren sollten, ist zum einen das Kriterium der Wahrheit von Aussagen über die Wirklichkeit und zum andern die Besonderheiten, die Aussagen über Psychisches, also z. B. introspektive Aussagen haben.

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[Zur Bedeutung des Wortes "wahr" ]

Ich will einmal mein Verständnis des Begriffs "wahr" in einem praktischen Zusammenhang verdeutlichen.

Markus ist sauer und schimpft: "Joscha hat meinen MP3-Stick kaputt gemacht."

Joscha beteuert: "Das ist nicht wahr! Der MP3-Stick war schon kaputt, als Markus ihn mir gegeben hat."

Aber Markus bestreitet das: "Nein! Als ich ihm den MP3-Stick gegeben habe, war er noch völlig in Ordnung! Ich lüge nicht! Das ist die reine Wahrheit!"

Wir haben hier Markus, der etwas über die Beschaffenheit der Wirklichkeit behauptet (" Joscha hat meinen MP3-Stick kaputt  gemacht!" ) und diese Behauptung als "wahr" kennzeichnet. Und wir haben Joscha, der dies bestreitet.

Wenn z. B. die Norm gilt: "Wer eine geliehene Sache kaputt macht, muss sie auf seine Kosten wieder in Ordnung bringen lassen", dann kommt es bei der Anwendung dieser Norm auf den tatsächlichen Sachverhalt an. Und wenn wir uns darauf verständigen können, dass ein Satz dann als "wahr" bezeichnet werden soll, wenn es so ist, wie der Satz besagt, so kommt es  bei der Anwendung der genannten Norm auf die Wahrheit der Behauptungen über diesen Sachverhalt an. Insofern ist der Begriff "Wahrheit" (oder etwas Entsprechendes) unentbehrlich.

Außerdem zeigt das Beispiel, dass die Frage nach der Wahrheit dann aufkommt, wenn es um Behauptungen über die Wirklichkeit  geht. Wenn jemand einen Witz erzählt oder aus seinem Roman liest und jemand wendet dagegen ein: "Das ist aber nicht wahr!", so kann man nur mit dem Kopf schütteln und sagen: "Das hat ja auch niemand behauptet!"

Das besondere an Behauptungen ist, dass sie einen mehr oder weniger offen ausgedrückten allgemeinen Geltungsanspruch  besitzen. Wenn ich meine Behauptung mit dem Satz unterstreiche: "Das ist wahr!", dann fordere ich jedes beliebige Individuum zur Bejahung und Anerkennung dieses Satzes auf. Mit der Kennzeichnung einer Behauptung als "wahr" wird also unausgesprochen ein überpersönlicher oder "intersubjektiver" Geltungsanspruch für diese Behauptung erhoben.

Anders ausgedrückt: Wenn ein Satz wahr ist, dann ist er nicht nur für mich wahr, sondern auch für jeden beliebigen anderen. Wenn in unserm Beispiel Joscha zu Markus sagen würde: "Das mag deine Wahrheit sein, aber meine Wahrheit ist eine andere", so wäre Markus sicher erstmal verdutzt und er würde dann mit gutem Grund das Gespräch als sinnlos beenden. Wenn es jemandem gar nicht um die eine, gemeinsame Wahrheit geht, gibt es mit ihm auch keine gemeinsame Ebene der Diskussion mehr.

Und noch ein anderer Aspekt des Begriffs "wahr" ist wichtig. Angenommen, in unserm Beispiel gibt Joscha schließlich zu, dass er den MP3-Stick kaputt gemacht hat. Als Markus ihn am nächsten Tag auffordert, den MP3-Stick zur Reparatur zu bringen, schüttelt Joscha mit dem Kopf und sagt: "Es ist gar nicht wahr, dass ich den MP3-Stick kaputt gemacht habe."

Markus stutzt etwas und sagt: "Aber gestern hast Du doch selber gesagt, dass es stimmt, dass Du ihn kaputt gemacht hast!"

Darauf sagt Joscha nur cool: "Was gestern wahr war, muss ja nicht heute wahr sein."

Markus fällt der Unterkiefer runter und nach einer kurzen Überraschungspause wendet er sich mit den Worten: "Der spinnt ja wohl" von Joscha ab.

(Meiner Ansicht nach zu recht, denn wenn ein Satz heute wahr ist, dann muss er auch gestern wahr gewesen sein. Die  Auszeichnung einer Behauptung als "wahr" ist ein  zeitunabhängiger Geltungsanspruch, ich beanspruche also für  einen als wahr bezeichnete Behauptung neben der intersubjektiven Geltung auch noch eine "intertemporale" Geltung. Kurz gesagt: Mit der Auszeichnung eines Satzes als "wahr" wird für diesen Satz ein allgemeiner Anspruch auf Geltung verbunden.)

Die Frage ist natürlich, wie die Wahrheit oder Unwahrheit eines bestimmten Satzes (" Joscha hat den MP3-Stick von Markus kaputt gemacht" ) festgestellt werden kann. ...

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[Zum person- und zeitunabhängigen Geltungsanspruch]

Mir reicht es, wenn Du akzeptierst, dass eine wahrer Satz für jedermann und jederzeit wahr ist.

Der Satz "Heute hat es hier geregnet" ist meiner Ansicht nach kein Gegenbeispiel, weil dieser Satz je nach Ort und Zeitpunkt etwas anderes bedeutet und andere Aussagen enthält.

Worte wie "ich", "jetzt", "hier" etc. sind Variable, die verschiedene Bedeutungen annehmen, je nach der Situation in der sie geäußert werden. Wenn ich aber die Bedeutung des Satzes "Ich schreibe jetzt einen Beitrag für Philtalk" ohne Variable formuliere als "Eberhard schreibt am 16.11.2004 um 18:27 Uhr einen Beitrag für Philtalk" dann ist das Problem beseitigt.

Die Frage: "War Saruman der weiße Gegenspieler von Gandalf, dem Grauen, in Tolkiens 'Herr der Ringe?' " ist meiner Ansicht nach eine Frage nach dem Inhalt eines existierenden Buches, in dem die fiktiven Personen Saruman und Gandalf fiktive Handlungen begehen.

Diese Fiktion Tolkiens gibt es tatsächlich, sie ist Teil der Wirklichkeit. Die Frage ist also durch Zitate aus dem Buch belegbar und damit möglicher Gegenstand einer empirischen Literaturforschung.

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[Konsens bezüglich der Bedeutung des Wortes "Wahrheit" ]

Obwohl es den gegenteiligen Anschein macht, sind wir doch in unseren Positionen nicht so weit auseinander, was den Gebrauch des Wortes "wahr" in Bezug auf Aussagen über die Wirklichkeit betrifft.

(Die mögliche Unterscheidung zwischen "Satz" und "Aussage" spare ich hier aus.)

Die Frage, ob eine Aussage wahr ist, kann nur beantwortet werden, wenn diese Aussage eine bestimmte Bedeutung hat, also in einer bekannten Terminologie oder "Sprache" formuliert ist und insofern verständlich ist. Da sind wir uns wohl einig.

Eine Aussage ist dann wahr, wenn es so ist, wie die Aussage besagt. Z. B. ist die Aussage: "Es gibt Säugetiere, die fliegen können" dann wahr, wenn es Säugetiere gibt, die fliegen können. Auch da gibt es wohl keine Probleme.

Diese Definition klingt allerdings trivial - und wäre es wohl auch - wenn sich darin die Bedeutung des Wortes "wahr" erschöpfen würde.

Da die Kennzeichnung der Aussage als "wahr" keinerlei zusätzliche Information enthält, wäre es scheinbar sinnvoll, auf das Wort "wahr" zu verzichten. Statt zu sagen: "Es ist wahr, dass es fliegende Säugetiere gibt" könnte man ohne Informationsverlust einfach sagen: "Es gibt fliegende Säugetiere."

Dass man trotz dieser "Redundanz" das Wort "wahr" verwendet, lässt vermuten, dass das Wort noch andere Bedeutungen enthält oder noch andere Funktionen erfüllt.

Meiner Ansicht nach hat das Wort "wahr" auch einen normativen Gehalt. Es dient dazu, Aussagen ausdrücklich zur Übernahme in die eigenen Überzeugungen zu empfehlen. Umgekehrt dient die Kennzeichnung einer Aussage als "falsch" dazu, ihre Aussonderung aus dem eigenen Weltbild zu empfehlen.

Dies erklärt auch, warum der Begriff "Wahrheit" in den weltanschaulichen Auseinandersetzungen so heiß umkämpft ist.

Diese normative Bedeutungskomponente enthält ein rein empirisches Prädikat wie z. B. "kurz" nicht. Die Aussage "Der Satz 'Peter schläft' ist kurz" lässt sich durch Untersuchung des Satzes "Peter schläft" auf die Anzahl der darin enthaltenen Wörter überprüfen.

Dagegen lässt sich die Aussage: "Der Satz 'Peter schläft' ist wahr" nicht durch die Untersuchung des Satzes "Peter schläft" überprüfen, sondern erfordert den Bezug auf das, was der Satz besagt. 

Wenn ich also mit der Aussage: "Der Satz 'Peter schläft' ist wahr" mehr ausdrücken will, als über meine Meinung zu informieren, dann muss ich Gründe für dessen Wahrheit angeben.

Eine Aufforderung zur Übernahme einer Aussage ohne Begründung wäre ein reiner Glaubensappell.

***

[Zum Problem der Übersetzbarkeit von Sprachen ineinander]

Wenn ich Dich recht verstehe, betonst Du die Probleme der Verständigung zwischen Menschen verschiedener Kulturen, Sprachen und sozialer Ordnungen, die es unmöglich machen, von einem für jedermann wahren Satz zu sprechen. Ich bin der Meinung, dass Ethnologen und Sprachforscher dies Problem wenn nicht völlig beseitigen so doch zumindest erträglich machen können.
...
Wie kann ich feststellen, ob Schnee (immer) weiß ist?

Wenn der Sinn der Worte "Schnee" und "weiß" geklärt ist, wird man versuchen, Schnee zu finden und dessen Farbe festzustellen.

In diesem einfachen Fall sehe ich keine Probleme und ich sehe auch keine Probleme, dem Angehörigen jeder beliebigen Kultur die Bedeutungen zu vermitteln, die ich mit dem Wort "Schnee" und dem Wort "weiß" verbinde.

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[Zur Allgemeinverständlichkeit von Aussagen und zu den Grenzen der Übersetzung von einer Sprache in eine andere]

Wörter haben für ein besetimmtes Individuum nicht nur eine Bedeutung, die man erläutern oder durch ausdrückliche Definition  präzisieren kann.

Für ein Individuum haben die Wörter seiner Sprache zugleich auch eine Geschichte: an jedem Wort hängen die Assoziationen derjenigen Situationen, in denen es das betreffende Wort selber benutzt oder gehört hat. An einem Wort, z. B. dem Namen des Ortes, an dem man einen herrlichen Urlaub verlebt hat, hängen für ein bestimmtes Individuum die Stimmungen von damals.

Dies gilt auch für ganze Sprachgemeinschaften. Ob man z. B. unsere Sonne weiblich als die Sonne bezeichnet oder ob man wie die Franzosen von einer männlichen Sonne, also le soleil spricht, macht für die Präzision der Sprache beim Bezeichnen von Objekten keinen Unterschied.

Trotzdem schwingt bei der männlichen Sonne, le soleil, die Erfahrung einer gnadenlos vom Himmel brennenden Sonne im Hintergrund mit, die für den Süden typisch ist.

Diese an den Wörtern hängenden individuellen oder kollektiven Assoziationen werden von den Definitionen und Bedeutungsfestlegungen nicht erfasst. Dies ist auch der Grund, weshalb lyrische Gedichte nach der Übersetzung keine Lyrik mehr sind. Nachdichtungen entfernen sich andererseits notwendigerweise vom Original.

Daraus folgt, dass im Bemühen um dauerhafte und allgemein gültige Aussagen über die Beschaffenheit unserer Welt vieles, was die Sprache an Ausdrucksmöglichkeiten bietet, diesem Ziel geopfert werden muss. Deshalb ist die an der Erkenntnis der Wirklichkeit ausgerichtete Sprache auch nicht die ganze Sprache. Die Lyrik, der Rhythmus und Klang der Sprache, der persönliche Sprachstil behalten ihre eigene Berechtigung.

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[Wahrheit als Anleitung zum Handeln]

Die Beantwortung der Frage: "Ist die Aussage x wahr?" hat für den Einzelnen insofern praktische Bedeutung, als sein Leben solange frei von Enttäuschungen verläuft, als er seinem Denken und Handeln wahre Aussagen zu Grunde legt, solange also sein Weltbild realistisch ist, frei von Illusionen, Irrtümern oder "weißen Flecken" der Unwissenheit.

Entsprechendes gilt für das Handeln eines Kollektivs, das aus mehreren Individuen besteht, wie z. B. ein Verein oder ein Staat. Auch ein soziales Subjekts benötigt für ein enttäuschungsfreies Handeln wahre Aussagen als Antworten auf die gestellten Fragen.

Darüber hinaus steht jedes soziale Subjekt vor dem Problem der möglichen Uneinigkeit seiner "Glieder", der einzelnen Individuen. Vor diesem praktischen Hintergrund ist meines Erachtens die Frage nach der Bedeutung des Wortes "wahr" zu klären.

(" Wahrheit" beinhaltet zwar einen uneingeschränkten Geltungsanspruch, aber praktische Bedeutung hat dieser Geltungsanspruch nur für Individuen oder soziale Subjekte, die miteinander in einer Beziehung stehen.)

Mit der Auszeichnung einer bestimmten Aussage als "wahr" spricht man dieser Aussage soziale Geltung zu, mit der Auszeichnung als "falsch" spricht man einer Aussage die soziale Geltung ab.

[Wahrheit und Autorität]
Wenn es eine von ihren Anhängern anerkannte Autorität gibt, die nach eigenen Selbstverständnis entscheidet, ob eine Aussage wahr oder falsch ist, (wie z. B. der Papst, wenn er 'ex cathedra' spricht, oder der Erste Sekretär des Zentralkomitees einer stalinistischen Partei), haben wir es mit Dogmen zu tun, deren soziale Geltung auf Vertrauen in die jeweilige Autorität beruht.

Wenn man im Falle dogmatischer Wahrheit ein Individuum fragt, warum der Satz p wahr ist, so erhält man als Begründung: "Weil A (die zuständige Autorität) dies so sagt".

Wenn man weiter fragt, woher denn die betreffende Autorität weiß, was wahr ist, stößt man auf ein gedankliches Gebäude gemischt aus logisch aufgebauten Rechtfertigungen, versteckten Fehlschlüssen und Strategien zur Abschirmung möglicher Kritik.

Eine derartige autoritäre Bestimmung von Wahrheit kann zwar eine gewisse Vereinheitlichung der individuellen Weltbilder bewirken und damit die soziale Integration der Individuen fördern, sie ist jedoch mit dem Geburtsfehler der mangelnden Lernfähigkeit behaftet: Ein autoritätsgebundene Weltbild ist starr und unbeweglich.

In einer Gesellschaft, die durch immer neue Entdeckungen und Erfahrungen geprägt ist, ist mangelnde Lernfähigkeit ein schwerwiegender Mangel.

In einer Gesellschaft, in der es für die Entscheidung über die Wahrheit einer Aussage keine anerkannte Autorität gibt, sondern in der Meinungsfreiheit herrscht, ist die Situation anders. Wenn Individuum A erklärt, die Aussage p sei wahr, dann spricht es der Aussage p (intersubjektive) Geltung zu. Die andern Individuen müssen dies jedoch nicht akzeptieren. Individuum B widerspricht und spricht der Aussage die Geltung ab. Damit stellt sich die Frage nach einem Kriterium für die Wahrheit von Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit.

***

[Garantieren wahre Aussagen Sicherheit?]

Wahre Aussagen schaffen Enttäuschungsfreiheit. Dies ist jedoch etwas anderes als Sicherheit.  

Ein Beispiel: Wenn ich aufgrund von Messungen zu der wahren Aussage gelange, dass das Eis nur 4 cm dick ist und ich aufgrund anderer Kenntnisse schließen kann, dass das Eis mich nicht trägt, dann bedeutet es für mich keine Enttäuschung, wenn ich trotzdem aufs Eis gehe und einbreche. Ich wusste ja vorher: Wenn ich aufs Eis gehe, werde ich "mit Sicherheit" einbrechen.

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[Wie können wir entscheiden, ob es so ist, wie die Aussage besagt?]

Da es unterschiedliche Arten von positiven Aussagen gibt, schlage ich vor, dass wir mit den einfachsten Aussagen beginnen. Dazu zähle ich Aussagen wie: "Vor mir ist (jetzt) ein Haus".
Es handelt sich dabei um eine Aussage über das Vorhandensein eines zeitlich und räumlich gegenwärtigen Gegenstandes.

Als Sprecher dieses Satzes mache ich bei der Äußerung bereits verschiedene stillschweigende Voraussetzungen: z. B. dass es mich selbst gibt (" mir" ), dass ich den Sinn räumlicher Bestimmungen und Richtungsangaben (" vor mir" ) sowie die Bedeutung der Wörter "Haus" und "ist" in deutscher Sprache verstehe.

Besondere Beachtung verdient das Wörtchen "ist". Grammatisch handelt es sich um die Gegenwartsform des Verbs "sein" in der 3. Person Singular Neutrum (" es ist" ). Das Wort "sein" ist mehrdeutig, aber aus dem Zusammenhang wird deutlich, dass das Wort "sein" hier in der Bedeutung von "vorhanden sein, gegeben sein, da sein bzw. existieren" gebraucht wird.

[Das Gespräch mit einem Skeptiker]

Skeptikus: "Woher weißt Du, dass vor Dir ein Haus steht?"

Ich: "Ich weiß das, weil ich es vor mir sehe."

Skeptikus: "Es könnte sich ja um die Attrappe eines Hauses handeln, wie sie bei Filmaufnahmen verwendet wird."

Ich: "Das kann ich nicht ausschließen. Ich werde deshalb um das Objekt herumgehen und mich vergewissern, dass es sich tatsächlich um ein Haus handelt und nicht um eine bemalte Pappwand." Ich gehe um das Objekt herum.

Skeptikus: "Du bist Dir jetzt sicher, dass Du ein Haus vor Dir siehst. Aber es könnte ja eine visuelle Halluzination sein, die Dir das Haus vorgaukelt."

Ich: "Ich leide eigentlich nicht unter Halluzinationen, aber zur Sicherheit will ich klären, ob ich halluziniere. Ich mache jetzt meine Augen zu … und ich stelle fest, ich sehe nichts mehr. Ich mache meine Augen wieder auf … und ich sehe das Haus unverändert an derselben Stelle vor mir. Mit meiner Hand fühle ich außerdem den massiven Stein, wie zu erwarten war. Eine optische Halluzination scheidet somit für mich aus."

Skeptikus: "Aber vielleicht träumst Du das Ganze nur, auch Dein Sehen und Tasten ist vielleicht nur geträumt, und in Wirklichkeit liegst Du zu Hause in Deinem Bett."

Ich: "Das kann ich so ziemlich ausschließen. Ich kenne meine Träume. Da geht es nicht so geordnet zu. Aber zur Sicherheit kneife ich mich noch mal kräftig … Au. … Ich stelle fest, ich bin davon nicht aufgewacht. … Außerdem erinnere ich mich gut daran, wie ich die Fahrt hierher geplant habe und wie ich heute mit dem Auto hierher zu diesem Haus gefahren bin. Es ist alles stimmig, auch was den Zeitablauf betrifft, denn auf meiner Uhr ist es jetzt 14.30 Uhr, so wie geplant. So stimmig sind meine Träume nie."

Mein begründetes (?) Fazit aus diesem Dialog: Der Satz "Vor mir ist ein Haus" ist eine wahre Aussage über die Wirklichkeit. Ich nehme mit meinen Sinnesorganen alles so wahr, wie es auf Grund der Aussage "Vor mir ist ein Haus" zu erwarten war.

***

...
Die Auswahl meines Beispiels (unmittelbare raum-zeitliche Gegenwart eines mit mehreren  Sinnesorganen unmittelbar wahrnehmbaren ortsfesten und dauerhaften Gegenstandes) hatte seinen Grund darin, dass  Aussagen dieser Art noch am leichtesten auf ihre Wahrheit überprüft werden können.

Das beinhaltet jedoch keinerlei Vorentscheidung und hindert uns nicht, andere und kompliziertere Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit zu diskutieren wie z. B.:

Aussagen über nicht direkt wahrnehmbare Objekte (" Dieser Stein ist schwach radioaktiv" ),

Aussagen über vergangene Sachverhalte (" Napoleon Bonaparte wurde auf Korsika geboren" ),

Aussagen über weit entfernte Objekte (" In Neuseeland gibt es wild lebende Koala-Bären" ),

Aussagen über empirische Zusammenhänge (" Raucher sterben x-mal häufiger an Krebs der Atemwege als Nichtraucher" ),

Aussagen über zukünftige Ereignisse (" Bei der nächsten Bundestagswahl werden die Nationalisten in den Bundestag einziehen" ),

Aussagen über empirische Regelmäßigkeiten (" Politiker, die in Ihrer Machtausübung von niemandem kontrolliert werden, verfolgen ihre privaten Eigeninteressen" ),

Aussagen über eigenpsychisches (" Ich habe starke Kopfschmerzen" ), 

Aussagen über Fremdpsychisches (" Das eigentliche Motiv der Bush-Administration für den militärischen Angriff gegen den Irak war, die Kontrolle über die irakischen Ölvorkommen zu bekommen" ),

Aussagen über übersinnliche Wesen (" Es gibt Menschen, die einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben" ),

Aussagen über übersinnliche Sachverhalte (" Jeder Mensch hat eine unsterbliche Seele" ).

Man muss kein Wahrheits-Experte sein, um zu sagen, wie man jeweils für bzw. gegen Behauptungen dieser Art argumentieren kann.

Um die Wahrheit einer Aussage p über die Beschaffenheit der Wirklichkeit zu prüfen, muss ich fragen, ob ich all die Wahrnehmungen mache, die sich logisch ergeben, wenn p gilt, und ob ich keine Wahrnehmungen mache, die mit der Geltung von p logisch nicht vereinbar sind.

Anders ausgedrückt: Ich habe guten Grund, bis auf weiteres die Aussage p für wahr zu halten, wenn ich all die – und nur die - Wahrnehmungen mache, die zu erwarten sind, wenn p wahr ist.

Entscheidendes Wahrheitskriterium für Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit ist also die Wahrnehmung mit den Sinnesorganen.

***

[Klärung des Begriffs "Wahrnehmung" ]

Da die Wahrnehmungen mit Aussagen konfrontiert werden, müssen die Wahrnehmungen ebenfalls sprachlich wiedergegeben werden können. Von dorther kommen nur bewusste Wahrnehmungen für unsere Zwecke in Betracht, ... (Ich habe mir von Psychologen sagen lassen, dass der Mensch in der Sekunde 10 Millionen Bits an Informationen aufnimmt, aber davon weniger als 50 das Bewusstsein ausmachen. Wir sollten die Forschungsergebnisse der Physiologen und Psychologen zur Kenntnis nehmen und bei Bedarf darauf zurückgreifen.)

Wichtig scheint mir die Klärung der Frage zu sein, wie sich die reinen Sinneseindrücke zu interpretierten Wahrnehmungen verhalten.

Nehmen wir ein Bild auf einem Monitor, das aus Millionen von Punkten unterschiedlicher Farbe und Helligkeit besteht, die sich pro Sekunde mehr als 50 mal ändern. Was wir bewusst davon wahrnehmen ist ein Text aus schwarzen Buchstaben auf weißem Hintergrund. Ist das eine Interpretation der Rohdaten des Sinneseindrucks? Wirft dies für unser Thema Probleme auf?

Wie kulturspezifisch ist die Wahrnehmung? In mancher Hinsicht offenbar gar nicht. Wenn ich mit unserm Hund spazieren gehe und ich bemerke, dass er angespannt in eine bestimmte Richtung blickt, dann entdecke ich gewöhnlich in dieser Richtung auch ein für den Hund interessantes Objekt, z. B. einen anderen Hund.

Die ... Fehlermöglichkeiten bei der Interpretation von Sinneseindrücken und beim Erkennen von Objekten scheinen mir für uns von Bedeutung zu sein. Gleiches gilt für das Verhältnis von zufälliger Wahrnehmung und gezielter Beobachtung.

***

[Zum Einwand der Zirkelhaftigkeit bei Rückgriff auf die psychologische Wahrnehmungstheorie]
Wir sind bei einem methodisch wichtigen Punkt angelangt, der einer gründlichen Klärung bedarf. Ich meine den ... Einwand des Zirkelschlusses in der Argumentation, wenn jemand  z. B. Ergebnisse der empirischen Wahrnehmungsforschung als Argument in eine erkenntnistheoretische Diskussion einbringt.
...
Ich halte diesen Einwand nicht für begründet. Wenn man z. B. einen bestimmten Begriff von Wahrheit als den am besten geeigneten begründen will, ohne den Wahrheitsbegriff dabei bereits irgendwie in Anspruch zu nehmen, dann müsste man schweigen, denn um überhaupt etwas begründen zu können, muss man ja die Wahrheit irgendeines Arguments voraussetzen.

Um es an einem Beispiel zu erläutern: Wenn wir Wahrheit am Prüfstein der Wahrnehmung festmachen, dann wird möglicherweise eingewendet: "Die Sinne können uns täuschen und haben uns schon getäuscht. Deshalb kann die Wahrheit einer Aussage nicht davon abhängig gemacht werden."

Dies ist ein ernstzunehmender Einwand, obwohl er empirischer Natur ist und selber bereits für sich Wahrheit in Anspruch nimmt.

... Wir wissen aufgrund von Alltagserfahrungen und empirischer Forschung, unter welchen Bedingungen verlässliche und unter welchen Bedingungen zweifelhafte Wahrnehmungen zustande kommen.

Wir wissen z. B., dass wir nicht nur "Sterne sehen", wenn wir nachts zum wolkenfreien Himmel sehen, sondern auch dann, wenn wir einen Schlag aufs Auge bekommen. Denn die sensorischen Nervenzellen des Auges erzeugen im Bewusstsein nicht nur dann Bilder, wenn sie durch auftreffende Lichtstrahlen gereizt werden, sondern auch, wenn sie elektrisch oder mechanisch gereizt werden.

Ich glaube nicht, dass wir mit der Diskussion der Wahrnehmung als Kriterium der Wahrheit weiterkommen, wenn wir auf derartige Erkenntnisse nicht zurückgreifen dürfen.

Vielleicht ist unser Unternehmen eher eine Art "Rekonstruktion" des von uns fortwährend in Anspruch genommenen Begriffs von Wahrheit, wobei wir, um ein Bild (ich glaube von Paul Lorenzen) zu verwenden, die einzelnen Planken unseres Bootes rekonstruieren und notfalls reparieren, während wir damit auf hoher See sind (wobei nasse Füße noch das geringere Übel darstellen).

Wir dürfen und müssen nach diesem Verständnis bei unserer Bestimmung des Begriffs "Wahrheit" auch empirische Aussagen der Wahrnehmungspsychologie vorläufig in Anspruch nehmen, sofern sich am Ende eine in sich widerspruchsfreie und zirkelfreie kohärente Theorie ergibt, die den von uns gestellten Anforderungen genügt.

Das heißt, wir müssten überprüfen, ob sich der am Ende ergebenden Wahrheitsbegriff auf die unterwegs in Anspruch genommenen empirischen Sätze anwenden lässt und ob diese Sätze auch dann noch diesem Wahrheitsbegriff genügen.

Womit wir nach dem Konsensprinzip (wahre Aussagen erfordern als allgemeingültige ihre allgemeine Einsichtigkeit), dem Korrespondenzprinzip (aus wahren Aussagen müssen sich logisch Wahrnehmungen ableiten lassen, die den gemachten Wahrnehmungen entsprechen) auch noch das Kohärenzprinzip in unsere Wahrheitstheorie mit aufgenommen hätten.

***

Die Formulierung: "kritische Rekonstruktion der Regeln für die Verwendung des Wortes ''wahr' in Bezug auf Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit" erscheint mir als Bestimmung unserer Aufgabenstellung als akzeptabel.

Es drängt sich jedoch sofort die Frage auf, was der Maßstab der Kritik dabei sein soll, von welchem Gesichtspunkt oder Kriterium aus also kritisiert werden soll.

Um diese Frage zu beantworten erscheint es mir sinnvoll, sich nochmals darüber klar zu werden, weshalb wir uns überhaupt mit der Frage: Ist diese Aussage wahr oder nicht? beschäftigen.

Hinter der Frage: Ist diese Aussage wahr? Steht die Frage: Welche Aussage soll ich meinem Denken und Handeln zugrunde legen?

(Im Folgenden sehe ich vom Aspekt der intersubjektiven Geltung vorläufig ab, um das Ganze nicht zu kompliziert werden zu lassen.)

Wenn man den Begriff der Geltung einführt und definiert:

" Diejenigen Aussagen, die ein Subjekt seinem Denken und Handeln zugrunde legt, werden als 'die für das Subjekt geltenden Aussagen' bezeichnet",

so lautet die grundlegende Frage: Welche Aussagen sollen (für mich) gelten?

Welche Gesichtspunkte sind für diese Entscheidung relevant?

Insofern wir Subjekte mit Wünschen, Zielen, Bedürfnissen etc. sind, insofern wir also wollende Wesen sind, ist die Verwirklichung unseres Willens der entscheidende Gesichtspunkt für die Auswahl der Aussage.

Aussagen beinhalten eine bestimmte Beschaffenheit der Wirklichkeit, der wiederum bestimmte Wahrnehmungen entsprechen. Die Aussage: "Hinter der Mauer ist eine Wiese" beinhaltet unter anderem, dass ich grünes Gras sehe, wenn ich hinter die Mauer blicke. Welche Wahrnehmungen eine Aussage beinhaltet, ergibt sich aus der Bedeutung der Aussage. In diesem Fall bedeutet z. B. "Wiese" eine größere, dicht mit Gräsern bewachsene Fläche.

Wenn die Aussage "Hinter der Mauer ist eine Wiese" für mich gilt, wenn ich also meinem Denken und Handeln diese Aussage zugrunde lege, dann kann ich z. B. damit rechnen, dass mein Pferd hinter der Mauer Gras zum Fressen findet.

Wenn ich jedoch über die Mauer blicke und dahinter nur Sand und Steine sehe, dann ist mein zielgerichtetes Handeln durchkreuzt worden. Ich werde mit unerwarteten Wahrnehmungen konfrontiert.

Die Vermeidung dieser Situation ist Gesichtspunkt für die Auswahl einer Aussage als Grundlage des eigenen Handelns.

Um den Widerspruch zwischen erwarteter Wahrnehmung und aktueller Wahrnehmung aufzulösen und wieder ein zielgerichtetes Handeln zu ermöglichen, bestehen folgende Möglichkeiten:

1. Ich überprüfe, ob ich die Aussage richtig verstanden habe. Gibt es Möglichkeiten eines Missverständnisses, z. B. darüber, was mit dem Wort "Mauer" gemeint war? Möglicherweise kommt man durch eine veränderte Interpretation der Aussage (" gemeint war die Backsteinmauer und nicht die aufgeschichteten Feldsteine" ) wieder zu einer Übereinstimmung zwischen erwarteter und aktueller Wahrnehmung. Dann handelte es sich um einen Irrtum hinsichtlich der Bedeutung der Aussage.

2. Ich zweifle meine aktuelle Wahrnehmung an (" ist nur eine Halluzination", "ich hatte meine Brille nicht auf", "kann eine Täuschung sein, weil es schon dunkel ist" ). Möglicherweise komme ich zu einer veränderten Wahrnehmung, wenn ich Bedingungen ausschalte, die zu Täuschungen meiner Wahrnehmung führen können, indem ich z. B. mehr Licht schaffe, meine Brille aufsetze oder näher herangehe. Dann handelte es sich um einen Irrtum in der Interpretation meiner Wahrnehmung.

3. Ich beende die Geltung der Aussage und suche eine andere Aussage als Grundlage meines Denkens und Handelns, die nicht zu einem Widerspruch zwischen zu erwartenden und gemachten Wahrnehmungen führt, die also nicht korrekturbedürftig ist. Die neue Aussage gilt zeitlich unbefristet bis zum Auftreten einer neuen damit unvereinbaren Wahrnehmung. In diesem Fall war die bisherige Aussage falsch.

Am besten wäre natürlich eine Aussage, die niemals zum Widerspruch zwischen zu erwartenden und aktuellen Wahrnehmungen führt, also zeitlose Geltung verdient.

Nur eine solche Aussage "ist" wahr in dem Sinne, dass die Wirklichkeit so beschaffen "ist", wie die Aussage besagt.

Es kann jedoch für keine Aussage über die Beschaffenheit der Wirklichkeit eine Garantie für deren zeitlich unbeschränkte Gültigkeit (= berechtigte Geltung) gegeben werden, da ständig neue Wahrnehmungen von uns gemacht werden, die möglicherweise im Widerspruch zu bisher geltenden Aussagen stehen.

Aussagen, für die es keinen Grund zum Zweifeln gibt, "halten" wir begründeter Weise für wahr. 

Unsere kritische Rekonstruktion der Regeln für den Gebrauch des Wortes "wahr" (in Bezug auf Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit) wäre also daran zu messen, ob sie dem Ziel eines enttäuschungsfreien Handelns dienlich ist.

***

[Das Problem unvollständiger Aussagen]
Offenbar habe ich den Beispielsatz "Hinter der Mauer ist eine Wiese" nicht ganz glücklich gewählt, weil die Aussage keine Orts- und Zeitangabe enthält, was im Alltag auch meist nicht nötig ist.

Ich ergänze deshalb das Beispiel dahingehend, dass der Satz von jemandem gesprochen wird, der am 01. Oktober 2004 um 15 Uhr in A-Stadt vor dem Grundstück B-Straße 10 steht.

Der in diesem Zusammenhang gesprochene Satz: "Hinter der Mauer ist eine Wiese" bedeutet dann (ausführlich gesprochen): "Hinter der Mauer auf dem Grundstück B-Straße 10 in A-Dorf ist am 01. Oktober 2004 um 15 Uhr eine Wiese."

Dieser Satz bleibt wahr, auch wenn am 02. Oktober 2004 ein Bulldozer die Fläche hinter der Mauer in eine einzige Sandwüste verwandelt. ...

***

Es geht mir in der Tat darum, dass wir im Prinzip von keiner Aussage sagen können, dass wir sie für alle Zeiten unserm Denken und Handeln zugrunde legen sollten. Neue Wahrnehmungen können die Ersetzung dieser Aussage durch eine andere erfordern, die diesen neuen Wahrnehmungen besser entspricht.

Ich sage bewusst "im Prinzip", weil es Aussagen über singuläre Sachverhalte oder Ereignisse gibt, von denen man sich kaum vorstellen kann, dass sie durch neue Wahrnehmungen korrekturbedürftig werden.

Auch ein Beispiel wie: "Der Tisch hier vor mir besteht aus Holz" wird wahrscheinlich niemals korrekturbedürftig werden. Trotzdem kann ein solcher Fall eintreten.

Nehmen wir einmal an, Du willst den Tisch niedriger machen und willst deshalb von jedem Tischbein 5 cm absägen. Du holst eine Säge und setzt sie am ersten Bein an. Aber die Säge dringt einfach nicht in das "Holz" ein. Der einzige Effekt, den Du erzielst ist der, dass Dein Sägeblatt heiß und stumpf wird. Als Du es mit einem neuen Sägeblatt probierst, bricht auch dies ab, ohne auch nur einen Millimeter in das "Holz" einzudringen.

Du murmelst etwas von "seltsam" und "mysteriös" und kannst Dir die ganze Angelegenheit nicht erklären. Das heißt: Du hast damit nicht gerechnet, weil bei Geltung Deines bisherigen Weltbildes der Vorgang unmöglich wäre. Für Dich galten bisher die Aussagen: "Der Tisch vor mir ist aus Holz", "Holz ist weicher als Stahl", "Das Sägeblatt ist aus Stahl". Daraus leitete sich für Dich die Erwartung ab, dass sich das gezähnte Sägeblatt  in das Tischbein hineinfrisst, wenn es mit Druck auf dem Tischbein hin und her bewegt wird. Du erwartest aufgrund der bisher geltenden Aussagen die Wahrnehmung eines Schnitts in das Tischbein, siehst aber nur ein unbeschädigtes Tischbein.

Wenn Du weder an Deiner Wahrnehmung und deren Interpretation zweifeln kannst (z. B. weil Du auch durch Tasten mit den Fingerspitzen keinen Einschnitt fühlen kannst), noch daran zweifeln kannst, dass Holz weicher ist als Stahl und auch nicht daran, dass das Sägeblatt aus Stahl ist, so müsstest Du wohl die Aussage "Dieser Tisch ist aus Holz" korrigieren, d. h., Du würdest diese Aussage nicht mehr länger für wahr halten und durch eine andere Aussage ersetzen.

Das Beispiel zeigt, dass das Verhältnis zwischen Aussage und Wahrnehmung komplizierter ist als es Tarskis Wahrheitsdefinition "Der Satz p ist wahr, wenn p" vermuten lässt.

***

Sätze wie: "Hinter dieser Mauer ist eine Wiese" oder "Die Sonne scheint" oder "Ich bin über 1,80 m groß" sind unvollständig formuliert. Ihre vollständige Bedeutung ergibt sich aus dem Zusammenhang, in dem diese Sätze geäußert werden. Das heißt aber auch, dass je nach dem Zusammenhang, in dem solche Sätze geäußert werden, deren Bedeutung wechselt.

Dagegen wurde die Ansicht formuliert: "Wir haben Aussagen, denen wir temporäre Gültigkeit zuschreiben. Ein Beispiel war die oben genannte Wiese hinter der Mauer. Heute kann die Aussage wahr sein - wir gucken hin, ob dem so ist; morgen kann sie schon falsch sein - wir machen eine Wahrnehmung, die im Widerspruch zu der gestern getroffenen Aussage steht."

Hier von Sätzen mit temporärer Gültigkeit zu sprechen, die heute wahr sind und morgen falsch (weil inzwischen ein Bulldozer das Gras beseitigt hat), halte ich nicht für sinnvoll.

Wenn ein und derselbe Satz heute wahr sein kann und morgen falsch, dann müssten wir logisch widersprüchliche Sätze wie "Hinter der Mauer ist eine Wiese" und "Hinter der Mauer ist keine Wiese" nebeneinander gelten lassen, denn der erste Satz war am 1. Oktober 2004 wahr und der zweite Satz war am 2. Oktober 2004 wahr, nachdem die Planierraupe gewirkt hat.

Wenn man jedoch Widersprüche zulässt, hat man einen Sprengsatz in die eigene Theorie eingebaut, der keinen Stein auf dem andern lässt.

Es scheint deshalb sinnvoll, zwischen dem Satz als einer grammatisch geordneten Folge bestimmter Wörter und den Bedeutungen dieses Satzes zu unterscheiden. Nur diese Bedeutungen können genau genommen wahr oder falsch sein.

Es erscheint also nicht sinnvoll zu sagen: "Der Satz 'Ich bin größer als 1,90 m' " ist manchmal wahr und manchmal falsch, je nachdem, ob z. B. der kleine Lukas oder der lange Mirko den Satz äußern.

Stattdessen empfiehlt es sich zu sagen: Der Satz "Ich bin größer als 1,80 m" hat verschiedene Bedeutungen je nachdem, wer diesen Satz äußert. Wenn Lukas sagt: "Ich bin größer als 1,80 m" bedeutet der Satz: "Lukas ist größer als 1,80" (und diese Aussage ist falsch). Und wenn Mirko sagt: "Ich bin größer als 1,80 m" bedeutet der Satz: "Mirko ist größer als 1,80 m" (und diese Aussage ist wahr).

Nur so bleibt unser Denken widerspruchsfrei und es gibt keine Aussage, die zugleich wahr und falsch ist.

Der Aspekt der intertemporalen, die Zeit überdauernden Geltung wahrer Aussagen erscheint mir ein zentraler Bedeutungskern des Wortes "wahr" zu sein (denken wir nur an das Worte wie "bewahren" oder "während" ).

Deshalb sollten wir Sätze wie "Die Sonne scheint" entweder als verkürzte, unvollständige Sätze ansehen, die erst aus dem Zusammenhang eine Bedeutung erhalten. Oder aber wir betrachten Sätze als solche gar nicht mehr als wahr oder falsch, sondern beziehen die Prädikate "wahr" und "falsch" nur noch auf die Satzbedeutungen bzw. Satzinhalte, also die Aussagen, die mit Sätzen gemacht werden.

Leider gibt es kein Wort, das einen Satz mit einer dazugehörigen Bedeutung bezeichnet, so wie das Wort "Begriff", das ein Wort samt zugehöriger Bedeutung bezeichnet. Bei ein und demselben Wort hat man es bei Mehrdeutigkeit mit verschiedenen Begriffen zu tun.

Man könnte vielleicht entsprechend sagen: Bei ein und demselben Satz hat man es bei Mehrdeutigkeit mit verschiedenen "Aussagen" (englisch "statement" ) zu tun. Dann wären nicht Sätze wahr oder falsch, sondern Aussagen, also Sätze mit ihrer bestimmten Bedeutung. Das wäre ein Vorschlag zur Terminologie.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: ich halte es ohne weiteres für möglich, dass ich gestern eine Aussage für wahr gehalten habe, die ich heute für falsch halte. Aber dann war sie von meinem heutigen Standpunkt aus auch schon gestern falsch, als ich sie noch für wahr gehalten habe.

***

Wenn derselbe Satz zugleich wahr und falsch ist, kann er keine Frage mehr beantworten. Wenn der Satz "Heute hat es geregnet" zugleich wahr ist (In Stuttgart hat es heute geregnet) und falsch (in Leipzig hat es heute nicht geregnet) lautet die Antwort auf die  Frage: "Hat es heute geregnet?" "Ja und nein". 

Wir sollten deshalb nicht den Sätzen im engeren Sinne (den Folgen von Wörtern) Wahrheitswerte zuschreiben, sondern Sätzen verbunden mit bestimmten Bedeutungen. Es wurde hierfür als Bezeichnung "Behauptung" vorgeschlagen.

In dieser Terminologie hieße unser Thema jetzt: "Was meinen wir, wenn wir eine Behauptung als 'wahr' bezeichnen?" Dabei beschränken wir uns auf solche Behauptungen, die aussagen, wie die Welt (als Gesamtheit alles Wirklichen) beschaffen ist.

***

Warum stellt man die Frage, ob eine Behauptung über die Welt wahr ist?

Nehmen wir ein Beispiel. Ich will nach A-Dorf wandern. Auf dem Weg dahin komme ich an eine Wegegabelung. (Der Wegweiser ist von unangenehmen Zeitgenossen zerstört worden.) Soll ich nun den linken Weg gehen oder den rechten Weg? Wenn ich bloß wüsste, welcher Weg (direkt) nach A-Dorf führt.

Ich frage einen vorbeikommenden Wanderer und bekomme zur Antwort: "Der linke Weg führt nach A-Dorf". Zur Sicherheit frage ich noch einen zweiten Wanderer. Der sagt: "Der rechte Weg führt nach A-Dorf." Welche der beiden Behauptungen ist nun wahr?

(Wenn ein dritter Wanderer auf meine Frage antworten würde: "Der linke Weg führt nach A-Dorf oder auch nicht", dann wäre diese Behauptung zwar wahr, würde aber meine Frage nicht beantworten können, da sie keinerlei Informationen über die Welt enthält und mit jeder beliebigen Beschaffenheit der Welt vereinbar wäre. Wir suchen also nicht nur wahre Behauptungen als solche, sondern wahre Behauptungen als richtige Antworten auf die Fragen, die uns wichtig sind.)

Wenn ich weiß, welche der beiden Behauptungen über den Weg nach A-Dorf wahr ist, dann kann ich mein Ziel A-Dorf bis zum Hereinbrechen der Dunkelheit erreichen und kann vermeiden, nach langen Umwegen spät in der Nacht dort anzukommen.

Allgemein formuliert: Wenn ich meinem Denken und Handeln wahre Behauptungen zugrunde lege, kann ich eher das verwirklichen, was ich will und das vermeiden, was ich nicht will.

Wenn ich weiß, welche Behauptung wahr ist, dann kenne ich die Folgen meiner Handlungen und Unterlassungen, ich weiß, "was mich erwartet", ich werde von den eintretenden Ereignissen nicht überrascht. Wenn ich meinem Handeln und Unterlassen wahre Behauptungen zugrunde lege, dann kann ich mich auf diese insofern verlassen, als es keinen Grund gibt, sie durch andere Behauptungen zu ersetzen, sie "bewähren" sich, sie sind über die Zeit (intertemporal) stabil.

Es lohnt sich also, wahre von falschen Behauptungen unterscheiden zu können. Die Frage nach dem Kriterium für die Wahrheit von Behauptungen über die Welt ist kein philosophisches Glasperlenspiel.

***

Soll man Sätze als wahr oder falsch bezeichnen?

Wenn man unter einem "Satz" eine grammatisch geordnete Folge von Wörtern versteht, dann kann ein und derselbe Satz verschiedene Bedeutungen haben, z. B. weil die Wörter, die in dem Satz verwendet werden, mehrdeutig sind. Der Satz "Sein Ton ist fest" bedeutet in der Töpferwerkstatt etwas anderes als beim Gesangslehrer.

Dadurch ist es möglich, dass der Satz in der einen Bedeutung wahr ist und in der anderen Bedeutung falsch ist. Wenn jedoch ein und derselbe Satz sowohl wahr wie falsch ist, besteht ein logischer Widerspruch.

Deshalb erscheint es mir als sinnvoll, das Wort "wahr" nicht auf den Satz im engeren Sinne zu beziehen sondern auf den Satz mit einer bestimmten Bedeutung.

Wenn man dies akzeptiert, ist es nicht zulässig, einen mehrdeutigen Satz als "wahr" oder "falsch" zu bezeichnen. Bevor ich die Frage beantworte, ob ein bestimmter Satz wahr ist, muss geklärt sein, welche Bedeutung des Satzes gemeint ist.

Wir bemühen uns deshalb um wahre Aussagen, weil wir Fragen haben, die wir richtig beantwortet haben wollen. Es ist jedoch nicht immer klar, wie eine Frage gemeint ist.

Wenn jemand fragt: "Hat es heute geregnet?" und es hat heute in Kairo geregnet, während in ganz Mitteleuropa kein einziger Tropfen gefallen ist, dann ist es eher eine Eulenspiegelei zu antworten: "Ja, es hat heute geregnet." Man hat dann die Frage im Sinne von "Hat es heute irgendwo geregnet?" interpretiert, da sie keine Ortsbestimmung enthielt.

Andererseits ist es zur Abkürzung der Sätze üblich, auf die Angabe von Ort und Zeit zu verzichten, wenn die Bestimmung "hier und jetzt" ist. Wenn ich zu vorgerückter Stunde den Kellner frage: "Bekomme ich noch ein Bier?" und er sagt: "Ja selbstverständlich", dann fühle ich mich missverstanden - wenn nicht an der Nase herumgeführt - wenn ich eine viertel Stunde warte und dann frage: "Wann bekomme ich mein Bier, Herr Ober?" und er antwortet: "Morgen bekommen sie wieder Bier."

Da in der Alltagssprache häufig das "Selbstverständliche" weggelassen wird, kann man die Frage "Ist diese Aussage wahr?" häufig erst nach Ausformulierung der Bedeutung sinnvoll stellen, es sei denn, man will die Spießbürger foppen, indem man sie "beim Wort" nimmt, so wie Eulenspiegel.

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[Zur evolutionstheoretischen Erkenntnistheorie]

Du schreibst: "Das Wort  'Wahrheit' ist eine Meta-Aufforderung an Artgenossen, ein anderes Signal (also die Aussage, auf die sich das Wort 'Wahrheit' bezieht) ernst zu nehmen und entsprechend zu handeln."

Damit hast Du aber nur einen Aspekt des Wortes "wahr" erfasst (die Aufforderung, die als "wahr" bezeichnete Aussage dem eigenen Denken und Handeln zugrunde zu legen, was ich als "Geltungsanspruch" bezeichne). Gegen diesen Geltungsanspruch kann der angesprochene Artgenosse einwenden: "Ist das wirklich wahr? Begründe mir das!"

Damit stellt sich die Frage nach dem Kriterium der Wahrheit von Aussagen. Das heißt, es wird nach der Begründung der Behauptung verlangt.

Was sagt die an der Evolutionstheorie orientierte pragmatische Bedeutungstheorie zur Frage nach dem Kriterium für "wahr" und "falsch" ?

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zum Anfang

Ende Wahrheit III

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Eigene Beiträge zu "Wahrheit IV"

Ich bin der Meinung, dass wir anhand der Bedeutung einer Frage erkennen können, ob sich die Frage auf die Beschaffenheit der Wirklichkeit bezieht oder nach etwas anderem gefragt wird (Wortbedeutung, Empfehlung, Vorschrift, Stellungnahme etc.). Wenn jemand fragt: "Was meinst Du mit dem Wort 'kulturell'?", dann ist klar, dass er nach der Bedeutung eines Wortes fragt und nicht unmittelbar nach der Beschaffenheit der Wirklichkeit.

Wenn die Frage lautet: "Was ist Kultur?", dann ist es schon schwieriger zu entscheiden, ob der Fragende wissen will, was das Wort 'Kultur' bedeutet, oder ob er die Bedeutung des Wortes als bekannt voraussetzt und nach den Eigenschaften des realen Phänomens Kultur fragt. Denn solche populären Was-ist-Fragen sind mehrdeutig.

Bei der Frage: "Haben Engel Flügel?" ist die Sache noch komplexer. Offensichtlich setzt der Fragende voraus, dass es Engel gibt. Aber es kann sie geben als wirkliche Wesen oder als fiktive Wesen, als Geschöpfe der menschlichen Phantasie.

Die Schwierigkeit ist hier die, dass man in einem ersten Schritt zwischen Realität und Fiktion (Wirklichkeit und Phantasie) unterscheiden muss, dass die Fiktion aber selber etwas Reales ist, obwohl ihr Inhalt irreal ist.

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[[Ironische Entgegnung zu kritischen Einwände eines Teilnehmers 'Ratgeber-in-der-Not']]

Du schreibst: "Die Frage sollte also nicht lauten: Was ist Wahrheit, sondern was ist Wirklichkeit?"

Dann kann ich Dir nur raten, dazu schnell eine Diskussionsrunde zu eröffnen.

Du schreibst: "Die eigentlich wichtige Frage muss doch sein: "Wie sind die Begriffe Qualia und Wirklichkeit in Beziehung zu setzen?"

Dann kann ich Dir wiederum nur raten, schnell noch eine weitere Diskussionsrunde zu eröffnen.

Du schreibst: "Es ist schlicht nicht möglich wahre Sätze zu bilden."

Da bin ich ja erleichtert. Ich hatte schon befürchtet, dass Du diesen Deinen Satz für wahr hältst.

Du schreibst:
Streng genommen ist also eine Aussage nur dann wahr, wenn das gesamte Universum als Vorbedingung definiert wurde."

Das stimmt mich allerdings leicht depressiv, denn ich war leichtsinnigerweise davon ausgegangen, dass ich die Aussage: "Stahl ist härter als Vanillepudding" aufgrund meiner Erfahrungen vom letzten Sonntagsessen einfach so für wahr halten könnte.

Für all das: meinen Dank für den Rat in der Not.

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Eine Anmerkung zu den Regeln für die Verwendung des Wortes 'wahr'.

Du schreibst: "Denken wir uns, gestern noch war der satz 'quito ist die hauptstadt von equador' wahr, so kann sich ohne mein wissen die situation geändert haben und nun ist nach einem staatsstreich guayaquil hauptstadt von equador. in dem moment ist der satz, quito sei die hauptstadt von equador, falsch - meine überzeugung stimmt nicht mit den tatsachen überein."

Ich stimme Dir in Deiner Intention zu, halte es jedoch für eine irreführende Terminologie zu sagen: Der Satz "Quito ist die Hauptstadt von Ecuador" war gestern richtig und heute ist er falsch.

Meine Begründung lautet – auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole:

Wenn man das Wort "ist" bei der Beschreibung singulärer Sachverhalte gebraucht (" Frau Merkel ist Vorsitzende der CDU" etc.), so handelt es sich grammatisch um eine Aussage in der Gegenwartsform.

Die Bedeutung des Satzes "Quito ist die Hauptstadt von Ecuador" lautet also ausformuliert: "Quito ist gegenwärtig die Hauptstadt von Ecuador".

Durch die verbale Variable "gegenwärtig" wird deutlich, dass sich der Satz je nach dem Zeitpunkt, an dem er geäußert wird, auf einen anderen Bereich der Realität bezieht, d. h. dass er Unterschiedliches bedeutet. Eine Aussage über die Stadt Rom im Jahre 204 bezieht sich auf einen anderen Teil der Wirklichkeit als eine Aussage über die Stadt Rom im Jahre 2004 und bedeutet deshalb auch etwas Verschiedenes.

Daraus folgt, dass der Satz "Quito ist (gegenwärtig) die Hauptstadt von Ecuador" mehrdeutig ist.

Ein mehrdeutiger Satz ist in Bezug auf die Wörter zwar derselbe, aber so wie sich hinter einem mehrdeutigen Wort verschiedene Begriffe verbergen, so verbergen sich hinter mehrdeutigen Sätzen eigentlich verschiedene Aussagen oder 'Sätze im weiteren Sinne', also Wortfolgen inclusive der zugehörigen Bedeutung.

Genaugenommen ist es in Deinem Beispiel nicht so, dass eine Aussage, die gestern noch wahr war, heute falsch ist, sondern es handelt sich trotz verbal gleicher Sätze um verschiedene Aussagen. Und die Aussage "Quito ist gegenwärtig (also am 02.12.04) die Hauptstadt von Ecuador" bleibt wahr, auch wenn morgen (am 03.12.04) durch einen politischen Umsturz Guyaquil zur Hauptstadt von Ecuador erklärt würde.

Fazit: Die Ausdrucksweise: "Dieser Satz, der gestern wahr war, ist heute falsch" verdeckt die Tatsache, dass es sich genau genommen bei diesem Satz um zwei verschiedene Aussagen handelt und die beanstandete Ausdrucksweise ist insofern irreführend, als sie einen für die Sprache äußerst wichtigen Unterschied, den Unterschied in der Bedeutung, nicht berücksichtigt.

Auch wenn Du nicht akzeptierst, dass die Auszeichnung einer Aussage als "wahr" die Zeitunabhängigkeit dieser Auszeichnung beinhaltet, so solltest Du doch nach Ausdrucksformen suchen, die die oben genannten Unterschiede in den Bedeutungen verbal identischer Sätze berücksichtigen.

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...  Die Bedeutung und Funktion des Wortes 'wahr' erschöpft sich nicht in der Formel: "Der Satz 'p' ist wahr, wenn p".

Wenn ich eine Aussage p als wahr bezeichne, dann "behaupte" ich sie.

Inhaltlich habe ich damit nichts über das hinaus gesagt, was bereits in der Aussage enthalten ist.

Trotzdem ist die Äußerung, "p ist wahr", nicht redundant und überflüssig.

Denn meine Äußerung ist als Behauptung eine "Sprechhandlung" (englisch speech-act) und hat als solche auch eine "performative" Bedeutung.

Wenn man die Auszeichnung einer Aussage als wahr als einen Sprechakt begreift, dann hat das erhebliche Konsequenzen und ich kann Probleme lösen, die ich bei einer rein logischen Analyse nicht lösen kann. 

Ich will das an dem Satz "Dieser Satz ist falsch" – nennen wir ihn q - demonstrieren.
Logisch ist an dem Satz q nichts auszusetzen, denn er ist nicht in sich widersprüchlich.

Trotzdem macht q den Logikern Schwierigkeiten, weil dem Satz q keiner der beiden Wahrheitswerte "wahr" und "falsch" zugeordnet werden kann:

Erklärt man q für wahr, dann widerspricht das dem Inhalt der Aussage, demgemäß der Satz falsch ist. Erklärt man q dagegen für falsch, dann macht man damit eine wahre Aussage.

Die Logiker haben das Problem mit derartigen paradoxen Sätzen (" Ein Kreter sagt, alle Kreter lügen" etc.) auf ihre Weise entschärft. Sie trafen eine Unterscheidung verschiedener Sprachebenen (objekt-sprachlich, meta-sprachlich, usw.) und verbieten das Sprechen über die Sprachebene, in der gerade gesprochen wird. (So wie die Mathematiker z. B. die Division durch Null verbieten.)

Logische Widersprüche kann es dabei nur zwischen Aussagen der gleichen Sprachebene geben.

Meiner Ansicht nach lässt sich das Problem der paradoxen Sätze jedoch bereits dadurch lösen, dass man das Auszeichnen einer Aussage als "wahr" als eine bestimmte Sprechhandlung (" des Behauptens" ) auffasst und das Auszeichnen einer Aussage als falsch als die entgegen gesetzte Sprechhandlung (" des Bestreitens" ) auffasst.

Damit ist gemeint: Die Behauptung einer Aussage p besitzt über die logisch-semantische Bedeutung von p hinaus u. a. auch noch die "performative" Bedeutung: "Die Aussage p soll gelten" (d. h. sie soll zur Grundlage des Denkens und Handelns genommen werden).

Wenn ich also den Satz q (" Dieser Satz ist falsch" ) behaupte, dann verlange ich für q Geltung. (" q soll gelten" ).

Gleichzeitig verlange ich mit dem Inhalt des Satzes (" Dieser Satz - d. h. q - ist falsch" ) für die Verneinung von q Geltung (" q soll nicht gelten" ).

Damit haben wir einen echten logischen Widerspruch zwischen den performativen Bedeutungen "q soll gelten" und "q soll nicht gelten".

Das Paradox wird nun einfach dadurch beseitigt, dass wir die logische Grundregel anwenden: "Es kann nicht sowohl "p" als auch "nicht p" wahr sein" (Verbot von widersprüchlichen Aussagen). ...

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Du fragst: "Und was wäre dadurch gewonnen?"

Das Paradox ist aufgelöst (ohne Einführung mehrerer Sprachebenen).

Wenn A sagt : "Dieser Satz ist falsch", dann begeht er weder einen grammatischen noch einen logischen Fehler. Dennoch ist seine Aussage weder wahr noch falsch. Das ist das Paradox. Wenn Dich das nicht stört, o. k.

Wenn A sagen würde: "Man soll den Satz q seinem Denken und Handeln zugrunde legen"

und B fragt zurück: "Und was besagt dieser Satz?"

Und A antwortet: "Er besagt: 'Man soll den Satz non-q seinem Denken und Handeln zugrunde legen' ",

dann kann B sagen: "Du widersprichst Dir selber."

Ihm gehen nicht die Argumente aus, wie beim Paradox, das einen sprachlos macht.

Das Paradox besteht also nicht weiter.

Wenn jemand dagegen sagt: "Ich sage niemals 'niemals' ", dann ist das kein Paradox, sondern widersprüchlich.

In der gleichen Weise ist es nicht paradox sondern widersprüchlich, wenn jemand sagt: "Ich verlange Geltung für etwas, von dem ich selber sage, dass es nicht gelten soll" – und das macht der Kreter, der sagt, dass alle Kreter lügen.

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Warum ist es sinnvoll, sich mit der Bedeutung des Wortes "wahr" zu beschäftigen?

Du schreibst: "Im Grunde weiß jeder, was mit 'wahr' gemeint ist."
Damit meinst Du, dass eine Aussage wahr ist, wenn es so ist, wie diese Aussage besagt: Der Satz: "Jesus von Nazareth ist von den Toten auferstanden" ist wahr, wenn Jesus von den Toten auferstanden ist.

Dieser Bezugspunkt ist zwar unverzichtbar, aber er bringt uns noch nicht sehr weit.

Ein analoges Beispiel kann das klar machen.

Wir kennen wohl alle die Schwierigkeiten der Ethik oder Moralphilosophie bei der Beantwortung der Frage: Wie sollen die Menschen handeln? Die Kontroversen und die Zweifel fangen bereits damit an, dass es strittig ist, ob es darauf überhaupt (richtige) Antworten geben kann.

Nun kommt jemand daher und sagt: Leute, die Sache ist doch sonnenklar, was damit gemeint ist, wenn man eine ethische Norm wie "Du sollst nicht töten" als gültig bezeichnet. Eine Norm n ist dann und nur dann gültig, wenn es so sein soll, wie die Norm n vorschreibt.

Damit haben wir zwar einen klaren Bezugspunkt, aber die eigentliche Aufgabe liegt noch vor uns.

Wir müssen noch etwas tiefer in die Problematik der Geltung von Sätzen und deren Bedeutungen, der Analyse dessen, was man macht, wenn man etwas behauptet und der Einlösung von Geltungsansprüchen durch Begründungen einsteigen, um hier voranzukommen.

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Du schreibst: "Wenn ein kreter sagt, alle kreter lügen, gibt er einen widersprüchlichen satz von sich. wenn er lügt, sagt er die wahrheit, wenn er die wahrheit sagt, lügt er. "

Den Satz "Alle Kreter lügen" würde ich nicht als "widersprüchlich" bezeichnen. Ich sehe nicht, welche Aussage in einem Widerspruch zur irgendeiner anderen Aussage stehen soll. Wenn ich diesen Satz sage, dann mag er vielleicht  falsch sein, aber ich verwickle mich nicht in Selbstwidersprüche.

Widersprüchliche Sätze finden sich dagegen in dem unter Kindern beliebten Gedicht:

Dunkel war's, der Mond schien helle,
als ein Auto blitzeschnelle
langsam um die Ecke fuhr.
Drinnen saßen stehend Leute,
schweigend ins Gespräch vertieft ...

Wenn Du sagst: "Der Satz wird dadurch widersprüchlich, dass ihn ein Kreter äußert", dann wird es völlig mysteriös, denn der Satz bleibt in seiner Bedeutung ja derselbe, ob der Satz nun von mir geäußert wird oder von einem Kreter.

Ich habe zwar nicht Logik studiert, aber das besondere am "Paradox des Lügners" ist doch wohl, dass es sich dort nicht um logische Widersprüche handelt, sondern um Aussagen, die scheinbar gleichzeitig wahr und falsch sind, denen also kein bestimmter Wahrheitswert zugeordnet werden kann.

Dass dies keine ganz unwichtige Problematik bildet, zeigt sich schon daran, dass so bemerkenswerte Beiträge zur Philosophie wie Russells Typentheorie und Tarskis Definition des Prädikats "wahr" für formale Sprachen sowie seine Unterscheidung verschiedener Sprachebenen aus der Anstrengung zur Beseitigung derartiger semantischer Paradoxien entstanden sind.

Es sei mir ausnahmsweise gestattet, einmal eine Passage zu zitieren: "Dass Paradoxien in formalen Sprachen vermieden werden können, ist als solche noch keine befriedigende Erklärung für das, was schief läuft, wenn man Paradoxien in natürlichen Sprachen begegnet." (Cambridge Dictionary of Philosophy).

Dazu muss der mit dem Prädikat "wahr" verbundene Anspruch (des jeweiligen Sprechers) auf Geltung des damit ausgezeichneten Satzes berücksichtigt werden.

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 Ich frage Dich: Was ist an dem Satz: "Alle Kreter lügen" auszusetzen?

Wenn Du zu dem gleichen Resultat kommst, wie ich, dass an diesem Satz nichts auszusetzen ist, dann kann das Problem doch nur an der Situation liegen, in der dieser Satz geäußert wird, z. B. an der Person des Sprechers.

Wenn Du dieser Schlussfolgerung zustimmst, dann heißt das doch, dass nicht der Satz "Alle Kreter lügen" zu beanstanden ist, sondern das, was ein bestimmter Sprecher tut.

Welchen Fehler macht der Sprecher, bei dem es sich um einen Kreter handelt?

These: Der Fehler des Kreters besteht darin, dass er zwei Forderungen erhebt, die einander widersprechen.

Diese Forderungen formuliert er zwar nicht aus, sie sind jedoch implizit als Sinn seines Handelns (performativ) gegeben.

Begründung:

Die erste Forderung ergibt sich daraus, dass er etwas (als wahr) behauptet.

Wenn es sich nicht um eine Behauptung handeln würde, dann gäbe es auch keine Paradoxie. Wenn der Kreter z. B. an einem der beliebten Fernseh-Jokes teilnehmen würde und der Talkmaster fordert die Mitspieler auf, möglichst schnell einen Satz mit drei Wörtern zu bilden, dann wäre nichts daran auszusetzen, wenn er den Satz: "Alle Kreter lügen" einbringt. Er erhebt dafür ja keinen Geltungsanspruch.)

Wenn ich einen Satz mit bestimmter Bedeutung (als wahr) behaupte, dann fordere ich damit implizit, dass dieser Satz gelten soll.

Damit haben wir die erste Forderung, die der Kreter aufstellt: "Der Satz: 'Alle Kreter lügen" soll gelten!"

Die zweite Forderung ergibt sich aus dem, WAS er behauptet.

Er behauptet: "Alle Kreter lügen (immer)."

Da vorausgesetzt wird, dass der Sprecher auch ein Kreter ist, impliziert seine Behauptung die Behauptung "Ich lüge (jetzt)".

Wenn "lügen" bedeutet, "bewusst die Unwahrheit sagen", dann ist diese Behauptung gleichbedeutend mit der Behauptung "Was ich jetzt sage, ist falsch".

Wenn ich einen Satz mit einer bestimmten Bedeutung als falsch bezeichne, dann fordere ich damit implizit, dass dieser Satz nicht gelten soll. (Ich bestreite ihn.)

Damit haben wir die zweite Forderung, die der Kreter aufstellt.: "Der Satz 'Alle Kreter lügen' soll nicht gelten!"

Ergebnis: Der Kreter erhebt mit seiner Äußerung zwei Forderungen, die einander widersprechen. Dies ist aus logischen Gründen unzulässig.

Dazu noch zwei Anmerkungen:

Erstens: Die Paradoxie ist verschwunden, denn die Behauptung eines Kreters, dass alle Kreter lügen, ist keine ernst zu nehmende Behauptung mehr.

Zweitens:  Dies obige Analyse gilt auch für die Umgangssprache, in der keine Sprachebenen unterschieden werden. Ich habe auch nicht mit dem Verbot des Selbstbezugs von Aussagen argumentiert.

Beide Vorschriften für die Konstruktion einer Sprache verhindern zwar ebenfalls, dass das Paradox des Lügners in dieser Sprache auftauchen kann, aber mit einem allgemeinen Verbot des Selbstbezugs wird mehr verboten, als sinnvoll ist. So ist der Satz : "Dieser Satz besteht aus sechs Wörtern" völlig in Ordnung, obwohl er sich auf sich selbst bezieht.

Das Problem taucht offenbar nur dann auf, wenn bestimmte Begriffe, wie z. B. "wahr" beteiligt sind, die eine implizite (performatorische) Bedeutung haben.

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Um zu zeigen, dass mit der Feststellung "Eine Aussage über die Beschaffenheit der Wirklichkeit ist wahr, wenn es so ist, wie die Aussage besagt" ( "p" ist wahr, dann und nur dann wenn p) noch nicht viel gewonnen ist, hatte ich eine analoge Formel für normative Sätze (Soll-Sätze) gebildet: "Ein normativer Satz bezogen auf menschliches Handeln ist richtig, wenn die Menschen so handeln sollen, wie der Satz besagt."

Meine Frage ... : Siehst Du das auch so, dass ein Moralphilosoph wenig gewonnen hat, wenn er weiß: "Die Norm 'Man soll nicht töten' ist richtig, wenn man nicht töten soll" ?

Und siehst Du das auch so, dass Entsprechendes gilt für die Bestimmung: " 'p' ist wahr, wenn p" ? gilt?

Die eigentlichen Schwierigkeiten beginnen meines Erachtens da, wo man z. B. abgrenzen muss: Welcher Satz enthält eine Aussage über die Realität und welcher nicht?

Wir hatten bereits die Schwierigkeiten bei der Abgrenzung zu den Werturteilen (" Sein Handeln ist vorbildlich" etc,).

Wie ist es mit Aussagen über die faktische Geltung von Normen?  Z. B.: "In England gilt das Links-fahr-Gebot." )

Welche der folgenden Sätze sind Aussagen über die Wirklichkeit und wenn 'ja' warum?:

(1) Er hat gesagt, dass er ihre Schulden bezahlen wird.
(2) Er hat versprochen, dass er ihre Schulden bezahlen wird.
(3) Er hat sich verpflichtet, ihre Schulden zu bezahlen.
(4) Er ist verpflichtet, ihre Schulden zu bezahlen.
(5) Er soll ihre Schulden bezahlen.

Vielleicht lässt sich anhand dieser konkreten Beispiele besser klären, was man unter einer "Aussage über die Wirklichkeit" zu verstehen hat.

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Warum streitet man darüber, ob eine Aussage wahr ist?

Die Meinungen eines andern Menschen, das, was er für wahr hält, das, was er seinem Denken und Handeln zugrunde legt, können mir egal sein, solange nicht jemand davon betroffen ist, dessen Wohlergehen mir wichtig ist.

Meinungen, die folgenlos bleiben, können mir egal sein. Wenn ein anderer glaubt, dass er nach dem Tode wiedergeboren wird als Mensch oder Tier oder dass er dann in den Himmel kommt und ich in die Hölle, können mir deshalb egal bleiben.

Bedeutung gewinnt die Suche nach Wahrheit, wenn die Meinungen des andern diesen zu Handlungen führen, deren Folgen mein Wohl und Wehe berühren. Wenn jemand im Unterschied zu mir der Meinung ist, dass das Einatmen von Zigarettenrauch nicht gesundheitsschädlich ist und er deswegen in dem Zimmer raucht, wo ich mich aufhalte, dann wird das, was er für wahr hält, für mich wichtig, dann bekommt die Frage nach der Schädlichkeit des Rauchs und die richtige Antwort darauf Gewicht.

Wenn ich mit anderen in irgendeiner Hinsicht eine "Schicksalsgemeinschaft" bilde, sei es als Gruppe von Bergsteigern, als Lebensgemeinschaft oder als Staat, in der ein gemeinsames, aufeinander abgestimmtes Handeln erforderlich ist, dann hat das, was die andern für wahr halten, erhebliche Bedeutung für mich, denn es gilt das Prinzip : "Mit gefangen, mit gehangen!"

Wenn mein Mitbewohner meint, das Rauchen im Bett sei ungefährlich, dann brennen u. U. auch meine Sachen ab. Deshalb kommt der Klärung des Kriteriums für die Wahrheit einer Aussage große soziale Bedeutung zu. Eine Gemeinschaft, in der die Methoden zur Überwindung von Meinungsverschiedenheiten nicht entwickelt sind, ist arm dran. Intersubjektiv nachvollziehbare Argumente und die Methoden ihrer Gewinnung sind gefragt.

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Vielleicht ist es ganz sinnvoll, wenn ich für mich einmal eine Zwischenbilanz ziehe.

Dazu nehme ich meine ersten beiden Beiträge vom September und prüfe, was sich für mich seitdem verändert hat. Den ursprünglichen Text setze ich zur besseren Unterscheidung dabei in doppelte eckige Klammern.

<<Was heißt es, wenn man sagt, eine Aussage (über die Beschaffenheit der Wirklichkeit) sei wahr?" >>

Hier hat die Diskussion für mich ergeben, dass man die Wahrheitswerte "wahr" und "falsch" nicht Sätzen als grammatisch geordneten Folgen von Wörtern zuordnen kann, weil ein solcher Satz mehrdeutig sein kann. Es besteht also die Möglichkeit, dass der nach Buchstaben gleiche Satz in der einen Bedeutung wahr ist und in der anderen Bedeutung falsch. Weil dies in einem logischen Widerspruch endet, sollten die Wahrheitswerte nicht den Sätzen sondern den Bedeutungen der Sätze zugeordnet werden.

Die Bestimmung dessen, was wirklich ist, ist zwischen uns weiterhin unklar, wie die Antworten auf meine Beispielsätze gezeigt haben. Für mich ist das wirklich, was existiert, was da ist. Nur das, was direkt von uns wahrgenommen werden kann oder zur logischen Ordnung unsere Wahrnehmungen erforderlich ist und somit indirekt wahrnehmbar ist, existiert wirklich. Aber hier sind für mich noch manche Fragen offen.

<<Eine Aussage ist .. wahr, wenn es so ist, wie die Aussage besagt.>>

Diese Bestimmung bildet gewissermaßen den festen Bezugspunkt für das, was mit "wahr" gemeint ist. Allerdings ergibt sich daraus nicht unmittelbar ein Kriterium, um wahre Aussagen von falschen Aussagen unterscheiden zu können. 

<<Wenn (jemand) den Satz als "wahr" auszeichnet, dann "behauptet" er diesen Satz. Er beansprucht für diesen Satz "Geltung" in dem Sinne, dass er andere dazu auffordert, diesen Satz dem eigenen Denken und Handeln zu Grunde zu legen.>>

Hier ist mir ... klar geworden, dass man den Sprecher und die Situation, in der eine Aussage gemacht wird, in die Analyse der Bedeutung von "wahr" einbeziehen muss. Eine Behauptung umfasst mehr als die damit behauptete Aussage. Durch die Auszeichnung einer Aussage als "wahr" behauptet man diese Aussage. Eine Behauptung ist eine sprachliche Handlung, die die Bedeutung enthält: hiermit werden alle Adressaten aufgefordert, die behauptete Aussage zu bejahen. Dieser soziale Zusammenhang wird durch den Bezugspunkt (" p" ist wahr, wenn p) nicht erfasst. Hier habe ich selber noch einigen Klärungsbedarf.

<<(Das Wort) "wahr" (ist) nicht auf bestimmte Zeitpunkte und Personen bezogen. Wenn etwas "wahr" ist, dann muss es für jedermann wahr sein. Der Anspruch auf die "Wahrheit" einer Aussage ist also ein Anspruch auf personunabhängige … Geltung.

Weiterhin kann die Aussage (p) zwar heute als wahr gelten und morgen vielleicht als falsch, sie kann aber nicht heute wahr sein und morgen falsch. Der Anspruch auf die "Wahrheit" einer Aussage ist also ein Anspruch auf zeitunabhängige Geltung.>>

Hier gab es wohl die meisten Kontroversen. Ich bin jedoch der Meinung, dass die personunabhängige und zeitunabhängige Geltung, die mit der Auszeichnung einer Aussage als wahr verbunden ist, unverzichtbar ist. Wenn "wahr" bedeuten würde "wahr für die Personengruppe x" oder "wahr zum Zeitpunkt y", dann müsste man auch eine personen- und zeitrelative Logik entwickeln. Und das erscheint mir als kaum durchführbar.

<<Begründungen von Behauptungen wenden sich an die vernünftige Einsicht. Man kann sie zurückweisen, wenn sie nicht akzeptabel sind. Sie üben auf den Angesprochenen zwar einen Einfluss jedoch keinerlei Zwang aus, weil sein kritisches Urteilsvermögen nicht ausgeschaltet oder umgangen wird.>>

Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass derjenige, der etwas behauptet, eine Verpflichtung hat, diese Behauptung zu begründen. Es gibt auch dogmatische Behauptungen, die ihren Geltungsanspruch nicht von Begründungen abhängig machen. Ich würde weiterhin nicht so weit gehen zu sagen, dass eine Aussage streng genommen erst dann als wahr begründet ist, wenn alle Individuen dies tatsächlich eingesehen haben. Ich halte es für ausreichend, eine Begründung zu fordern, deren prüfender Nachvollzug durch andere möglich ist.

Soweit meine Zwischenbilanz. Ich glaube, dass es am fruchtbarsten wäre, wenn wir uns zunächst der Frage zuwenden, was Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit von anderen Behauptungen bzw. Aussagen unterscheidet. Also: Enthält der Satz: "Er hat sich verpflichtet, ihre Schulden zu bezahlen" eine Aussage über die Beschaffenheit der Wirklichkeit? ...

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Noch eine Anmerkung zur Geltung von Rechtsnormen. Wenn der Rechtspositivist sagt: "Eine Rechtsordnung gilt, wenn sie wirksam sanktioniert wird", dann meint er, dass sie faktisch gilt, dass sie durchgesetzt wird. Die Frage, ob man eine faktisch geltende Rechtsordnung befolgen soll, bleibt dabei noch offen. Insofern ist für mich ein rechtspositivistischer Standpunkt noch nicht problematisch.

Problematisch wird es erst dann, wenn die Frage: "Soll man diese faktisch geltende Rechtsordnung anerkennen und befolgen?" als sinnlos abgetan wird. Problematisch wird es für mich auch, wenn die Frage: "Wie soll die Rechtsordnung beschaffen sein und aus welchen Gründen?" als sinnlos abgetan wird.

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Meine Frage war:

Welche der folgenden 5 Sätze sind Aussagen über die Wirklichkeit und wenn 'ja' warum?:

(1) Er hat gesagt, dass er ihre Schulden bezahlen wird.
(2) Er hat versprochen, dass er ihre Schulden bezahlen wird.
(3)  Er hat sich verpflichtet, ihre Schulden zu bezahlen.
(4)  Er ist  verpflichtet, ihre Schulden zu bezahlen.
(5)  Er soll ihre Schulden bezahlen.

Thomas (J) hatte geantwortet: "aussagen über die wirklichkeit sind die ersten drei sätze.

der letzte satz ist eine aufforderung.

der vierte satz ist eine aussage über eine regel die angewandt wird."

Hermeneuticus hatte u. a. geantwortet: "Dies sind sämtlich Aussagen über die Wirklichkeit. Und der Grund dafür liegt darin, dass sie aus der Perspektive eines Beobachters über einen Dritten (" er" ) behauptet werden.

Die Sache ist verwickelt.

Der ersten Satz (" Er hat gesagt, dass er ihre Schulden bezahlen wird" ) ist sicher eine Tatsachenbehauptung. Insofern als das Gesagte nicht wörtlich zitiert wird sondern nur in seinem Sinn wiedergegeben wird, enthält der Satz allerdings auch ein sinndeutendes Element.

Der zweite Satz (" Er hat versprochen, dass er ihre Schulden bezahlen wird" ) ist schwieriger einzuordnen. Dies hängt davon ab, welche Bedeutung das Wort "versprochen" hat. Es könnte sich zum einen auf eine bestehende moralische oder rechtliche Ordnung beziehen, in der festgelegt ist, wie ... Versprechen zustande kommt und welche normativen Folgen sich daraus ergeben.

Das Versprechen ist eine soziale Institution, die von Menschen erdacht wurde. Es wären auch Gesellschaften denkbar, die die Institution des Versprechens nicht kennen. Allerdings ist die Institution des Versprechens derart elementar, dass man sich eine solche Gesellschaft nur schwer vorstellen kann.

Allgemein gesprochen ist das Versprechen ein normsetzendes Verfahren, bei dem ein Individuum sich selber eine Norm in Bezug auf sein zukünftiges Handeln setzt. Wenn A sagt: "Ich verspreche, die Handlung h zu tun" bedeutet das soviel wie: "Für mich gilt, dass ich h tun soll."
Das Versprechen als normsetzendes Verfahren kann jedoch unterschiedlich ausgeprägt sein, es kann von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedliche Bedingungen dafür geben, dass ein Versprechen zustande kommt (wie z. B. die Benutzung der Formel "Hiermit verspreche ich .. " oder ein Handschlag oder eine Unterschrift usw.) Wenn man in einem juristischen Wörterbuch unter dem Stichwort "Willenserklärung" nachschlägt, dann sieht man, wie komplex die Bedingungen einer wirksamen Willenserklärung in modernen Gesellschaften sind.

Der Satz: "A hat versprochen, dass .. " ist also nicht allein dadurch überprüfbar, dass man das Verhalten von A beobachtet, sondern es setzt eine bestimmte Definition des Versprechens voraus, die man nicht unbedingt teilen muss. Genauer müsste der Satz lauten: "Er hat gemäß der moralischen bzw. rechtlichen Ordnung O versprochen, dass er ihre Schulden bezahlen wird."

Dies ist durch Beobachtung entscheidbar, erfordert allerdings eine einheitliche Interpretation der normativen Ordnung, auf die Bezug genommen wird. ...

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Du schreibst: "Wahrheit impliziert Vollständigkeit, oder muss, wenn sie das nicht tun soll, als halbwahr (=gelogen?) betont werden." Du sprichst von "wahr, im Sinne von voller Wirklichkeit"

Anders ausgedrückt: "Wahr" kann für Dich niemals ein einzelner Satz sein, denn er beschreibt die Wirklichkeit immer nur unvollständig. Insofern gebrauchst du das Wort "wahr" in einem anderen Sinne, etwa so wie der Richter, der den Zeugen ermahnt, die ganze Wahrheit zu sagen und nichts zu verschweigen, was für die Aufklärung und Beurteilung einer Tat von Bedeutung sein könnte.

Eine vollständige Beschreibung eines Sachverhaltes kann es jedoch nicht geben. Letztlich müsste eine solche die Lage aller Atome umfassen und mehr.

In dem Sinne, wie ich das Wort "wahr" verwende, kann auch ein vergleichsweise unpräziser Satz wahr sein, wie z. B. der Satz: "Es waren mindestens 200 Besucher gekommen." Ein solcher Satz kann wahr sein, aber nicht "halb" wahr. Ich gestehe Dir jedoch zu, dass die Rede von der "halben Wahrheit" ebenfalls eine etablierte Bedeutung des Wortes "wahr" darstellt.

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Du schreibst: "Das EINZIGE, was die Zuschreibungen "wahr" für obige Aussagen eint, ist die Intention des Zuschreibers, dass sich der Angesprochene auf eben diese Aussage und die Folgerungen ... verlassen soll ..."

Diese Auffassung deckt sich teilweise mit meiner Auffassung, dass man eine Aussage mit deren Kennzeichnung als wahr "behauptet". Wenn ich etwas behaupte, dann fordere ich dafür Geltung, ich fordere jedermann auf, diese Aussage seinem Denken und Handeln zugrunde zu legen. Zugleich sichere ich Irrtums- und Enttäuschungsfreiheit zu.

Bei Dir fehlt jedoch der Aspekt der Begründung dieses Geltungsanspruchs weitgehend. Du schreibst: "Wer eine Aussage als wahr bezeichnet, hat entweder konkrete Gründe dafür (die vielschichtiger Natur sein können) oder schlicht keine interessante Alternative, die ihn veranlassen könnte, die Aussage in Frage zu stellen."

Bei den vielschichtigen Gründen, von denen Du hier sprichst, handelt es sich offensichtlich um Motive (Beweggründe) aber nicht um rationale Argumente (Vernunftgründe).

Das besondere an einem Anspruch auf "Wahrheit" ist jedoch gerade, dass der damit verbundene Geltungsanspruch für die Adressaten dieses Anspruchs zwangfrei nachvollziehbar sein muss. Wenn jemand zu mir sagt: "Das ist wahr. Halte das für wahr!" dann kann ich nach der Begründung für diese Behauptung fragen, und wenn sich herausstellt, dass ich nicht die Möglichkeit habe, die Wahrheit selber einzusehen, dann ist der gemeinsamen Diskussion der Boden entzogen. "Argumente", die ich nicht einsehen kann, sind keine Argumente, sie sind nur verbale Verschleierungen einer Machtausübung durch Einwirkungen auf meine Psyche.

Bei aller Wertschätzung realistischer und illusionsloser Analysen, mit der beschränkten Perspektive: "Welche Funktion hat dies Element der Sprache im Konkurrenzkampf um Erhaltung und Verbreitung der je eigenen Art?" wirst Du dem besonderen Geltungsanspruch, der sich mit dem Wort "wahr" verbindet, nicht gerecht. Du kannst nicht mehr unterscheiden zwischen einer rationalen Argumentation und einer rhetorischen Beeinflussung, zwischen einer Überzeugung, die auf einsichtigen Gründen beruht, und einer Meinung, die auf manipulativer Überredung oder "Gehirnwäsche" beruht. Für Dich sind beides jeweils nur verschiedene Mittel im Überlebenskampf.

Aber was man nicht unterscheiden kann, das kann man auch nicht unterschiedlich bewerten und auf das kann man auch nicht unterschiedlich reagieren. Gerade das ist in diesem Fall jedoch angebracht.

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In Bezug auf die 5 Sätze neige ich einerseits dazu, die Sätze zwei bis fünf nicht als normale Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit anzusehen, sondern als Interpretationen normativer Ordnungen und deren Anwendung unter Voraussetzung bestimmter Aussagen über die beobachtbare Wirklichkeit. Andererseits sind diese institutionellen "Fakten" (Versprechen, Heiraten, Adoptionen, Eide, Schenkungen etc.) Teil der Wirklichkeit, sogar ein sehr wichtiger Teil.

Zur Anwendung einer normativen Ordnung (z. B. durch Feststellung einer bestimmten Verpflichtung) sind zwar auch empirische Tatsachen erforderlich (die Verwendung der Formel "Hiermit verspreche ich .." ), ob damit jedoch bestimmte normative Folgen verbunden sind, hängt von der inhaltlichen Gestaltung dieser normativen Ordnung und von deren Auslegung ab.

Um ein anderes Beispiel zu nehmen: angenommen in einer bestimmten Gesellschaft geben Frauen mit der Heirat automatisch das Versprechen ab, sich verbrennen zu lassen, wenn ihr Ehemann vor ihnen stirbt. Wenn nun ein solcher Fall eintritt, kommt ein Normenkundiger zu der Aussage: "Die Witwe soll sich (gemäß herrschender Sitte) verbrennen lassen!"

Dies ist eine Sache der Auslegung, der Anwendung von Normen auf Fakten.

Institutionelle "Tatsachen" wie das Abgeben von Versprechen und die damit verbundenen normativen Konsequenzen sind an die Auslegung von Normen gebunden. Insofern sind Aussagen über sie von anderer Art als Aussagen über die wahrnehmbare Wirklichkeit.

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Du befürchtest, dass man prinzipiell nicht unterscheiden kann zwischen einer rationalen Argumentation und einer rhetorischen Beeinflussung, zwischen einer Überzeugung, die auf einsichtigen Gründen beruht, und einer Meinung, die auf manipulativer Überredung oder "Gehirnwäsche" beruht.

Insofern hältst Du die Anwendung des Wahrheitsbegriffs in seinem empfehlenden Aspekt (" Das ist wahr! Da kannst Du Dich drauf verlassen!" ) für wichtiger als den damit ausgedrückten Anspruch auf allgemeine Geltung und dessen Einlösung.

Um Deiner Skepsis in Bezug auf die Bedeutung der Vernunft im menschlichen Leben etwas entgegen zu wirken, will ich unser Problem einmal von einer anderen Seite her aufrollen.

Menschen leben von Natur aus gesellig, so wie unsere Artverwandten, die Menschenaffen. Wichtig für das Gedeihen und Überleben einer menschlichen Gesellschaft sind die Vorteile des gemeinsamen Handelns: vier Augen sehen mehr als zwei, sechs Arme heben, was zwei Arme nicht von der Stelle bewegen. Wichtig für das Gedeihen einer menschlichen Gesellschaft ist auch die Fähigkeit, Konflikte innerhalb dieser Gesellschaft friedlich zu lösen.

Sowohl für die Schlichtung von Konflikten wie auch für das gemeinsame Handeln spielt das Bild der Wirklichkeit eine Rolle, das die Beteiligten haben. Wenn die Meinungen über die Ursachen von Schwierigkeiten oder über die Folgen von Handlungen auseinander gehen, gehen auch die Vorstellungen vom richtigen gemeinsamen Handeln auseinander. Und wo die Meinungen darüber, wer ein bestimmtes Verbrechen begangen hat, auseinander gehen, oder auf wessen Leistung bestimmte Erfolge beruhen, da kann keine Strafe verhängt und keine Belohnung erteilt werden.

Meinungsunterschiede, Unterschiede im Bild von der Wirklichkeit drücken sich aus in gegensätzlichen Antworten auf entsprechende Fragen. Um nach außen gemeinsam handeln zu können und nach innen Konflikte friedlich beilegen zu können, müssen auf die wichtigen offenen Fragen Antworten gegeben werden, die dann für alle, d. h. allgemein gelten.

Die Entscheidung darüber, welche Antworten sozial gelten sollen und zur Grundlage des gemeinsamen Handelns nach innen und nach außen gemacht werden, kann zum einen gelöst werden, indem bestimmte Instanzen, die Antworten vorgeben, die gelten sollen, und dafür Glauben und Gehorsam verlangen.

Es kann jedoch auch nach Antworten gesucht werden, die nicht in dieser Weise den Individuen Gewalt antun, weil nach solchen Antworten gesucht wird, deren Geltung mit Argumenten begründet werden kann, die zumindest im Prinzip von allen Beteiligten nachvollzogen, akzeptiert und eingesehen werden können.

Autoritative Setzung und argumentative Beratung sind die Elemente sozialer Entscheidungsfindung, die in konkreten Gesellschaften in sehr unterschiedlichen Mischungsverhältnissen vorkommen.

In der Diskussion, im Streitgespräch wird nach Antworten gesucht, deren Begründung der Kritik standhält. Dies setzt eine gemeinsame Sprache oder zumindest mehrere ineinander übersetzbare Sprachen voraus.

Es werden Argumente ausgetauscht und daraufhin geprüft, ob sie von den Beteiligten akzeptiert werden können.

Es werden widersprüchliche Argumente verworfen, denn widersprüchliche Antworten sind gar keine Antworten.

Es werden ungültige Schlussfolgerungen verworfen, weil sie den Bedeutungsgehalt nicht erhalten sondern verändern, also unkontrolliert neue Gehalte einführen und somit von bereits akzeptierten Inhalten möglicherweise zu nicht akzeptierten Inhalten übergehen.

Es werden Argumente verworfen, die nicht intersubjektiv nachvollziehbar sind.

Es wird also nach Antworten gesucht, deren allgemeine Geltung begründet wird durch allgemein akzeptable Argumente.

Hier sehe ich den Platz für den Begriff "wahr".

***

Deiner Auffassung nach enthalten Sätze wie: "Er ist verpflichtet, x zu tun" moralische Urteile über das "am besten zu tuende". Und so, wie wir die Wirklichkeit über unsere Sinne wahrnehmen, so erkennen wir mit unserem moralischen Empfinden, wie wir uns in bestimmten Situationen verhalten sollen. Moralische Urteile können deshalb in gleicher Weise wahr sein wie nicht-moralische Urteile bzw. Behauptungen.

Die Theorien vom "moralischen Sinn", von der moralischen "Intuition", von der "Werteschau" haben in der Moralphilosophie eine lange Tradition. Ihr Schwachpunkt ist, dass die moralischen Empfindungen und Gewissensinhalte von Mensch zu Mensch verschieden sein können und sich auch für ein und dasselbe Individuum im Zeitverlauf verändern können.

Deshalb ist das moralische Empfinden kein geeignetes Kriterium für die Bestimmung allgemeingültiger moralischer Normen. (Was nicht heißt, dass Gewissen und Rechtsempfinden deshalb wertlos sind. Ich halte die Verinnerlichung von Normen für außerordentlich wichtig. Soviel Polizei kann es gar nicht geben, wie eine Gesellschaft ohne verinnerlichte Moral benötigt. Außerdem: wer überwacht die Polizisten!?)

***

Du schreibst, dass die Begründungen für Wahrheitsansprüche kontextabhängige Einzelfälle sind, und in der Logik, der Naturwissenschaft oder der Religion jeweils andere Wahrheitskriterien gelten.

Meiner Meinung nach ist jedoch für jede Art von Wahrheitsanspruch die intersubjektiv nachvollziehbare und akzeptable Begründung zentral.

Wenn der Satz "Diese Aussage ist wahr" mehr bedeuten soll als der Satz: "Diese Aussage ist zu glauben!", dann muss ich diese Aussage selber einsehen können. Wenn "diese Aussage ist wahr" bedeutet "Diese Aussage gilt (allgemein, also auch für Dich)", dann fordere ich Gründe für diese Aussage, die ich teilen und akzeptieren kann. Wer nicht bereit ist, solche Gründe zu geben, der vermittelt keine Wahrheit, sondern der fordert Glauben. Das ist für mich ein großer Unterschied, denn damit ist die Grundlage der Diskussion zerstört. Es kommt nicht mehr auf gute Argumente an.

***

Kommen wir zu den Aussagen über Eigenpsychisches wie z. B.:

- Ich habe mörderische Kopfschmerzen
- Ich habe ständig ein Pfeifen im Ohr
- Ich brauche dringend etwas Stoff
- Ich habe Hunger
- Ich fühle mich geborgen
- Immer, wenn ich Sirenen höre, bekomme ich Angst
- Ich bin todmüde
- Ich liebe dich
- Ich will Karriere machen
- Ich kann mich nicht entscheiden
- Ich erinnere mich an ihn
- Ich rieche Lavendel
- Ich überlege gerade
- Ich kenne ihn nicht
- Ich habe sie noch nie gesehen
- Vom Kettenkarussell wird mir immer ganz schwindelig
- Ich habe heute Nacht etwas Komisches geträumt
- Ich lüge nicht
- Ich weiß, warum die Sonne beim Untergang rot erscheint
- Deine blauen Augen machen mich so sentimental
- Ich finde dich zum Kotzen
- Die Blumen gefallen mir
- Ich fahre lieber nach Paris als nach Rom
- Ich schäme mich
- Ich bin mir keiner Schuld bewusst
- Ich fühle etwas Kaltes, Hartes, Glattes
- Ich habe keine Angst vor der Prüfung

Ich habe extra eine längere Liste zusammengestellt, um deutlich zu machen, welche große Bedeutung das Eigen-Psychische hat: unsere Selbstwahrnehmung, unsere Selbsterkenntnis, unsere Selbsteinschätzung und unsere Selbstbewertung.

Dass Sinneseindrücke, Empfindungen, Gefühle, Stimmungen, Wünsche, Vorlieben, Absichten, Gedanken, Erinnerungen, Hoffnungen, Erwartungen etwas Wirkliches sind, ist wohl unstrittig. Sie können vom jeweiligen Individuum wahrgenommen und bewusst registriert werden. Man kann einen Menschen auffordern, alles zu sagen, was "in ihm vorgeht" und "was ihm durch den Kopf geht", "was er sieht, hört und riecht".

Allerdings spürt den Schmerz nur derjenige, auf dessen Zeh ich gerade getreten bin. Während man bei Aussagen über die "äußere" Welt wie "Vor dem Bahnhof in Hannover steht ein Reiterdenkmal" letztlich argumentieren kann: "Geh doch hin und sieh selber nach!", geht dies bei Aussagen über Eigenpsychisches nicht. Es gibt nicht die Konsens stiftende intersubjektiv übereinstimmende Wahrnehmung.

Deshalb wollten behavioristisch orientierte Psychologen auf derartige "Introspektion" oder Innenschau ganz verzichten. Beobachtbar waren nur die äußeren Reize, die auf das Individuum einwirken, und seine Reaktionen auf diese Reize. Was zwischen "stimulus and response" lag, wurde als "black box" betrachtet, dessen Inhalt durch hypothetische Faktoren und Wirkungszusammenhänge so konstruiert werden musste, dass die jeweiligen Reaktionen durch die Reize möglichst vollständig erklärt wurden.

Heute ist man da etwas weniger streng und bezieht introspektive Aussagen über Eigen-Psychisches mit ein, allerdings nicht als fertige Erkenntnisse sondern nur als Daten, die noch der Interpretation und Erklärung bedürfen, so wie auch die Daten über beobachtbare Reaktionen.

Aussagen über Fremd-Psychisches lassen sich meiner Ansicht nach indirekt an der Erfahrung überprüfen. Es gibt z. B. Versuchsanordnungen, durch die man sogar nachweisen kann, welche Farben bestimmte Tierarten unterscheiden können und welche Tonfrequenzen bestimmte Tierarten wahrnehmen können.

***

...
Ich habe die Ansicht vertreten, dass "wahr" immer heißt "zeitunabhängig (intertemporal) wahr. Aus einer solchen Position (" Wenn eine Aussage p wahr ist, dann ist p zeitlich unbeschränkt wahr" ), scheint zu folgen, dass man deshalb an "ewige Wahrheiten" glauben und ihnen nachjagen müsste.

Hermeneuticus hat meine Position in diesem Sinne kritisiert. Er schrieb: "Auf der einen Seite bestreitest Du, dass Aussagen nur temporär 'wahr' sein könnten. Auf der anderen Seite räumst Du ein, dass eine Behauptung, die heute als unbeschränkt wahr gilt, morgen revidiert werden müsste, wenn neue Wahrnehmungsbefunde dieser Behauptung den Boden (die Berechtigung) entzögen.

Ich frage mich, wozu hier die Einführung der 'Geltung' gut sein soll, was man sich, salopp gesagt, für eine solche 'unbeschränkte Geltung' kaufen kann, wenn man doch weiß, dass veränderte Umstände diese Geltung jederzeit beenden können. 

Im Grunde motivierst Du die Intertemporalität der 'Geltung' aus praktischen Bedürfnissen. Wenn ich handle, möchte ich nicht enttäuscht werden. Ich kann darum Aussagen über die Wirklichkeit, die nicht nur jetzt, sondern auch morgen und übermorgen ... ad infinitum gelten, gut gebrauchen. Aber so motiviert, ist die Unbeschränktheit der Geltung nicht mehr als der Ausdruck eines Wunsches … . Insbesondere dann, wenn ich doch – ebenfalls mit Gewissheit - weiß, dass Enttäuschungen niemals auszuschließen sind."

Diese Kritik geht jedoch daneben. Wenn man sagt: "Die Aussage p ist wahr", dann drückt man damit aus, dass p gilt und zwar zeitlich unbefristet. "Unbefristet" ist jedoch nicht dasselbe wie "ad infinitum" oder "ewig". Ich will das an einem Vergleich deutlich machen.

Wenn ich einen zeitlich unbefristeten Mietvertrag abschließe, dann beinhaltet das nicht, dass der Mietvertrag für immer gilt. Ein zeitlich unbefristeter Mietvertrag könnte eines Tages beendet werden kann, z. B. wenn für eine der Parteien ein Kündigungsgrund eingetreten ist. Ansonsten kann der Mietvertrag unbegrenzt weiter gelten.

Wenn ich jedoch einen Mietvertrag "für immer und ewig" abschließe, dann schließe ich schon heute aus, dass der Mietvertrag beendet wird. Es gibt dann im Vertrag keine Kündigungsmöglichkeit.

Entsprechend bedeutet die Verwendung des Wortes "wahr" in Bezug auf Aussagen soviel wie "unbefristet geltend".

Der Satz "Die Aussage p ist wahr" bedeutet also:

- zum einen, dass die Aussage p zum gegenwärtigen Zeitpunkt berechtigterweise gilt (dass ich sie also einem Denken und Handeln zugrunde legen und in mein Weltbild aufnehmen soll), und

- zum andern, dass die Aussage p solange weiter gilt, bis in dem ständigen Strom neuer Wahrnehmungen bzw. Erfahrungen solche Wahrnehmungen enthalten sind, die in Widerspruch zu p stehen und die eine Korrektur und Umgestaltung meines Weltbildes sinnvoll erscheinen lassen, indem p durch die besser mit den Wahrnehmungen übereinstimmende Aussage p2 ersetzt wird.

So wie ein unbefristeter Mietvertrag von großem Nutzen sein kann, so ist auch die unbefristete Geltung einer Aussage für mich von Nutzen.

Dass Irren menschlich ist, dass ich mein Weltbild verbessern muss, ist keine Katastrophe. Die Aussage p, die nun als falsch verworfen wird, hat mir in der Vergangenheit gute Dienste geleistet. Aber nun benötige ich eine andere Aussage, die mit den neuen Erfahrungen im Einklang steht.

Gefährlich sind eher umgekehrt die "ewigen Wahrheiten", die jede Falsifikationsmöglichkeit ausgeschlossen haben und die den Menschen unfähig machen, aus der Erfahrung zu lernen und sich veränderten Verhältnissen anzupassen.

***

Das Problem der Unschärfe von Begriffen betrifft nicht speziell das Wahrheitsproblem, sondern beeinträchtigt überhaupt das gegenseitige Verstehen. Aber wenn die "Grauzone" zwischen "ist ein Tisch" und "ist kein Tisch" zu einem Problem wird, kann man immer durch eine ausführlichere Definition des Wortes "Tisch" die Grauzone verkleinern.

Übrigens lautet unsere Frage nicht: "Was ist Wahrheit?"

Solche 'Was ist x?" - Fragen sind zwar ... sehr beliebt, aber sie kranken von Anfang an daran, dass unklar ist, ob nach dem Wortgebrauch (" x" ) oder nach der Sache (x) gefragt wird.

Unsere Frage lautet: "Was meint man, wenn man eine Aussage (über die Wirklichkeit) als 'wahr' bezeichnet?" Diese Fragestellung ist nicht zu allgemein, um eine sinnvolle Antwort zu bekommen.

Zur Kritik an unseren Beispielen von Aussagen: welche Art von Aussagen sollten wir noch berücksichtigen? Bisher haben wir die Abgrenzung zu Definitionen (" Schimmel sind weiße Pferde" ) und zu Werturteilen (" Seine Haltung war vorbildlich" ) diskutiert. Außerdem gibt es noch Dissens und Unklarheiten bei Aussagen über "institutionelle Fakten" (" Er hat versprochen, x zu tun" ) Gegenwärtig stehen Aussagen über Psychisches und deren Besonderheiten zur Diskussion.

Du schreibst, dass nicht nur Du, sondern auch die Popperianer, die Pragmatiker, die Konstruktivisten und die Relativisten etwas gegen einen Begriff von "wahr" einzuwenden hätten, wie ich ihn vertrete. Aber vielleicht müssen sie nur genauer hinsehen:

Den Popperianern müsste es zusagen, dass alle Aussagen prinzipiell fallibel bleiben,
den Pragmatikern müsste gefallen, dass es bei der Wahrheitsfrage um die Vermeidung von enttäuschten Erwartungen geht,
den Konstruktivisten müsste es gefallen, dass jenseits der Ebene der elementaren Sinnesdaten die Welt aus hypothetischen Konstrukten besteht und
den Relativisten sollte es zusagen, dass das Gerede von "absoluter" Wahrheit ad acta gelegt wurde.

***

Auf die Frage: "Was ist wirklich?" hatte ich geantwortet: "Das, was da ist, das, was existiert." Du fragst: "Was bedeutet das?" Ich weiß nicht recht, ob man so elementarer Begriffe wie: "da sein " noch weiter mit anderen weniger elementaren Begriffen erläutern kann.

Praktisch bedeutet die Unterscheidung zwischen etwas "da seiendem" und etwas "nicht da seiendem", dass man das "nicht da seiende" ohne Folgen aus seinem Weltbild streichen kann. Es ist wirkungslos.

Vielleicht sollten wir die Frage nach dem, was Wirkliches von Unwirklichem, nur Fiktivem, nur Vorgestelltem unterscheidet, an Beispielen diskutieren, wie den Aussagen: "Es gibt ein Leben nach dem Tod" oder "Es gibt ein Leben vor der Geburt".

Diskussionswürdig erscheint mir auch die besondere Wirklichkeit "institutioneller Fakten". Nehmen wir das Beispiel ... : "Ich habe mir gestern Schuhe gekauft".

Kann man einen Kauf sehen? In einer physikalischen Sprache, die keine Bedeutung und keinen Willen kennt, lässt sich das, was einen Kauf ausmacht, nicht  oder nur sehr kompliziert beschreiben.

Was bedeutet "Kauf" ? Ein Tausch von Waren gegen Geld.

Was bedeutet "Tausch" ? A und B tauschen eine Jacke gegen eine Mütze, wenn A dem B eine Mütze gibt und B dem A eine Jacke?

Aber vielleicht geben beide nur geliehene Gegenstände zurück? Offenbar ist ein Tausch die wechselseitige Übertragung von Eigentumsrechten? Was bedeutet "Eigentumsrecht" ? Kann man das wahrnehmen? Wie kann man das feststellen?

Ich denke wie Du, dass der Begriff der "Handlung" in einem sozialen Gefüge von Institutionen weiter geklärt werden muss. Dies ist eine spezielle, nur in Begriffen des Wollens und Sollens beschreibbare Wirklichkeit, die von einer rein "behavioristischen" Begrifflichkeit nicht erfasst wird.

***

Du hast geschrieben: "ALLGEMEIN ist der Begriff 'wahr' eine Empfehlung, sich auf eine bestimmte Aussage und deren Folgerungen zu verlassen bzw. der Begriff 'unwahr' eine Art Warnschrei. …

Die Frage 'Was ist Wahrheit?' wäre dann analog zur Frage: 'Was ist ein Warnschreiauslöser?'"

Weitere allgemeine Aussagen über die Verwendungsregeln für die Wörter "wahr" und "unwahr" - z. B. in Bezug auf die Rechtfertigung ihrer Anwendung - erscheinen Dir nicht möglich.

Deine Position erinnert mich an die Position der 'Emotivisten' im Streit um die Bedeutung ethischer Sätze in den 30er Jahren. Da die Positivisten des Wiener Kreises zu dem Schluss gekommen waren, dass ethische Normen keine Information über die Beschaffenheit der Welt enthalten, stellte sich für sie die Frage nach der Bedeutung moralischer Urteile. Die Emotivisten vertraten dabei - grob gesprochen - die Meinung, dass Werturteile eine positive oder negative Einstellung zu dem bewerteten Objekt ausdrücken, dass ihre Bedeutung also dieselbe sei, als wenn man "bravo!" oder "pfui!" zu etwas sagt. Danach haben Werturteile die soziale Funktion, die Einstellungen der jeweils Angesprochenen zu beeinflussen.

Dies ist zwar nicht falsch, doch geht die Bedeutung wertender und vorschreibender Sätze nicht in dieser Funktion auf. Entsprechendes gilt für Deine Deutung des Wortes 'unwahr' als eine Art Warnschrei unter Artgenossen, der die gleiche Bedeutung hat wie das aufgeregte 'Gock! Gock!' unter Hühnern.

Damit wird nur ein Aspekt der Sache erfasst. Denn die Wörter 'wahr' und 'falsch' werden nicht nur aktuell in verschiedenen, von einander isolierten Situationen benutzt, sondern sie sind auch unverzichtbar bei der Gestaltung des 'Weltbildes', das jeder denkende Mensch ausbildet und aufgrund neuer Informationen fortbildet. Dies Weltbild umfasst alle vom Individuum für wahr gehaltenen Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit. Der Nutzen dieses Weltbildes für das jeweilige Individuum bemisst sich daran, in wie weit es auf die dem Individuum wichtigen Fragen eindeutige und enttäuschungsfreie Antworten geben kann.

Die Inhalte dieses relativ stabilen Weltbildes können vom Individuum nun unabhängig von konkretem Handlungsdruck denkend bearbeitet werden:

- einzelne Inhalte können bezweifelt werden,

- der Grad ihrer Gewissheit kann verändert werden,

- verschiedene Inhalte können auf ihre logische Vereinbarkeit hin überprüft werden,

- die Begründungen bestimmter Inhalte können in ihrem Aufbau überprüft werden,

- die Anwendbarkeit und Leistungsfähigkeit des jeweiligen Weltbildes kann in "Gedankenexperimenten" probeweise getestet werden usw.

Dies kann auch durch Konfrontation mit den Weltbildern anderer Personen geschehen (Erfahrungsaustausch, Meinungsaustausch).

Was wir in dieser Diskussionsrunde machen, ist z. B. eine derartige Überprüfung verschwommener Bereiche unseres Weltbildes und der Versuch, durch Klärung von Begriffen zu besseren Antworten auf unsere Fragen zu kommen.

All dies zeigt, dass die "Warnschrei-Theorie" nur einen Aspekt von "wahr" erfasst.

Zum Abschluss noch eine Anmerkung zur "Kontextabhängigkeit" von Begründungen und Überprüfungskriterien.

Unbestritten ist, dass keine Situation der andern völlig gleicht, dass es unendlich viele verschiedene Fragen und Antworten gibt. Wenn man sich jedoch wissen will, wie diese Fragen richtig beantwortet werden können, dann braucht man nicht jedes Mal beim Punkt 'Null' anzufangen, sondern man kann bestimmte Arten von Fragen bzw. die dazu gehörigen Antworten zusammenfassen, die sich in der anzuwendenden Begründung und Überprüfung ähneln.

Die Untersuchung der verschiedenen Arten von Behauptungen bzw. Aussagen auf ihre Bedeutung und die Möglichkeiten ihrer Überprüfung ist meiner Ansicht nach eine vorrangig von der Philosophie zu leistende Aufgabe. Mit dem Verweis auf die Kontextabhängigkeit aller Wort- und Satzbedeutungen kann man diese mühselige Aufgabe elegant beiseite schieben.

***

Ich hatte geschrieben, dass man nicht existierende Objekte aus seinem Weltbild streichen kann, weil sie nichts bewirken.
Du merkst an: "Das 'nicht da sein' meines Haustürschlüssels hat erhebliche Auswirkungen für mein Wohlbefinden am Abend, besonders jetzt im Winter."

Dieser scheinbare Widerspruch lässt sich auflösen. Du benutzt "da sein" im Sinne von "zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort da sein", während ich "da sein" benutzt habe im Sinne von "irgendwann an irgendeinem Ort da sein".

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Ich hatte meine Verwendung des Wortes "Wirklichkeit" als Bezeichnung für das erläutert, was da ist, was da war und was da sein wird, was in Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft existiert.

Ich sehe keine Probleme in der Formulierung "Auf drei Feldern des Schachspiels sind noch Bauern" oder in dem Satz: "Da müssen irgendwo noch Streichhölzer sein. Ich habe gestern erst welche gekauft."

(Natürlich kann man die Wörter wegen ihrer Vieldeutigkeit und Unschärfe auch so lange quetschen, bis ein Satz keinen Sinn ergibt.)

***

Vielleicht können wir das gegenseitige Verständnis dadurch fördern, dass wir die aufgeworfenen Fragen an folgendem Beispiel diskutieren: Ist die Aussage "Es gibt keine Einhörner" wahr?

Du hast nun geschrieben: "Das Nicht-Dasein kann niemals Gegenstand der Erörterung oder der Wahrnehmung sein, sonst wäre es bereits ein Dasein."

Meine Frage an Dich: Kann man das Nicht-Dasein von Einhörnern nicht erörtern?

***

Du fragst: "Sind Wahrnehmungen kausal bedingte Eindrücke, die gewissermaßen ihre unbezweifelbare 'Wahrheit' von Natur aus haben, weil sie uns sozusagen von den 'Dingen' selbst" eingeprägt werden? Oder enthält das Wahrnehmen interpretative und damit irrtumsanfällige Momente? "Nehmen wir die wichtigste Sinneswahrnehmung beim Menschen, das Sehen, für das wohl ein Drittel des Gehirns zuständig ist. Das Sehen beruht auf physikalischen Vorgängen, die relativ gut erforscht sind. Auf der Netzhaut befinden sich Sinneszellen, die zum einen Graustufen von Weiß bis Schwarz und zum andern Farben unterscheiden können. Unser Gehirn besitzt Verarbeitungsprogramme für die eintreffenden Signale des Sehnervs, die automatisch die Daten interpretieren und uns nicht Millionen von Pixeln als Wahrnehmung vorlegen, sondern immer schon bestimmte uns bekannte Formen und Gestalten. Diese Gestaltwahrnehmung kann irrtumsanfällig sein. Jeder kennt wohl die Situation, wo er in der nächtlichen Dunkelheit eine etwas unheimliche Wegstrecke gehen muss und ihm jeder Busch als dunkle Gestalt erscheint.

Du schreibst weiter: "Wenn man 'Wahrnehmung' zum Kriterium für Existenz erhebt, droht das Problem einer Aufspaltung unserer menschlichen Wirklichkeit in einen 'wirklich existenten', physischen Bereich und einen 'metaphysischen' Bereich aus bloß subjektiven Interpretationen und Wertungen. Wir hätten das Problem des Leib-Seele-Dualismus oder der 'zwei Welten' (oder wie man diese theoretische Inkonsistenz sonst noch nennen mag)."

Es geht hier um die so genannten "institutionellen Fakten" wie die Handlungen des Versprechens, des Schenkens, des Kaufens usw., also um  sinnhafte Handlungen, die durch Wahrnehmung des Verhaltens allein nicht erfasst werden können, weil zur Feststellung ihres Vorkommens bekannt sein muss, dass ein bestimmtes Verhalten eine bestimmten institutionalisierte Bedeutung hat, z. B. dass der Handschlag die Besiegelung eines Geschäfts bedeutet.

Ich glaube nicht, dass sich hieraus eine Zweiteilung der Wirklichkeit ergeben muss. Bei der Erfassung institutioneller Fakten muss eben zu der Beobachtung des Verhaltens ein entsprechendes Deutungsschema hinzukommen. Dies Schema lässt sich erlernen.

An den Rollenspielen der Kinder kann man beobachten, wie diese sinnhaften Handlungen eingeübt werden. Und schon früh lernen Kinder die Bedeutung und die normativen Konsequenzen solcher Handlungen. Sie sagen: "Geschenkt ist geschenkt, wieder genommen - in die Hölle gekommen" oder "Versprochen ist versprochen" (Ich erinnere mich auch an die kleinen Tricks. Wenn man etwas versprach, aber dabei gleichzeitig Zeigefinger und Mittelfinger der linken Hand überkreuzte, dann galt das Versprechen nicht und man war nicht daran gebunden.)

Auch die Wichtigkeit solcher Institutionen war den Kindern bekannt. Sie wussten: "Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht und wenn er auch die Wahrheit spricht".

Uns ist die Bedeutung bestimmter Handlungen derart in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir auf die Frage: "Hat A dem Vorschlag zugestimmt?" antworten können, obwohl die unterschiedlichsten Verhaltensweisen eine Zustimmung bedeuten können: A hat mit dem Kopf genickt, A hat unterschrieben, A hat in die geöffnete Hand eingeschlagen, A hat gesagt "Ja, abgemacht!", (" Ich bin einverstanden", "Ich stimme zu", "Ich bin dafür", "Ich bin mit von der Partie" usw.).

Du schreibst: "Du kannst nicht darlegen, wie sich Behauptungen und auffordernde Rede zueinander verhalten. So wie es Behauptungen und Sollsätze als zwei irgendwie vorhandene Klassen von Sätzen gibt, so sind ihnen "Sein" und "Sollen" als gesonderte Regionen zugeordnet."

Mein philosophischer  Ausgangspunkt sind die Fragen, die ich und andere haben, und auf die wir eine Antwort suchen. Fragen nach der Beschaffenheit der Welt, wie sie ist und warum sie so ist, wie sie ist, bilden die eine große Gruppe. Hier trete ich der Welt als Betrachter und als Erkennender gegenüber. Gegenstand meiner Fragen sind auch die existierenden menschlichen Ordnungen. Ich frage nach den bestehenden Moral- und Rechtssystemen und wie sie beschaffen sind.

Es gibt jedoch nicht nur die Perspektive des Beobachters, sondern auch die Perspektive des Menschen, der etwas will und der sich mit dem Willen anderer konfrontiert sieht. Als Wollender frage ich (strategisch): "Was soll ich tun, um meine Ziele zu erreichen?" und ich frage gemeinsam mit den andern (ethisch): "Welche Normen sollen für unser Zusammenleben gelten?"
Welche Zusammenhänge und wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen den Fragen nach dem Sein und den Fragen nach dem Sollen bestehen, zeigt sich dann im Prozess der Beantwortung dieser Fragen. Ich muss die Reflektion dabei nur soweit treiben, wie es zur Beantwortung der jeweiligen Fragen erforderlich ist. Alles andere kann ich getrost den Einzelwissenschaften Psychologie, Soziologie, Linguistik, Geschichtswissenschaft etc. überlassen.

***

Ich bin an der Klärung und Beantwortung der folgenden Fragen interessiert:

Was ist mit "wahren Aussagen" gemeint? 

Welche Implikationen hat es, wenn man etwas als wahr behauptet?

Was ist das Kriterium für die Wahrheit einer Aussage?

Gibt es verschiedene Kriterien für verschiedene Arten von Aussagen?

Welche Begründungen für die Wahrheit sind  jeweils für die verschiedenen Behauptungen und Arten von Behauptungen geeignet?

Welche Argumente sind ungeeignet, den Anspruch auf Wahrheit für eine Aussage einzulösen?

Wie verhält sich "Wahrheit" zu anderen Auszeichnungen von Behauptungen wie "Allgemeingültigkeit", "Richtigkeit", "Vertretbarkeit", "Plausibilität", "Triftigkeit", "faktische Geltung", "herrschende Lehre bzw. Meinung", "Verbindlichkeit" ?

***

Ja, die Philosophie lebt!

Bringen wir alle eigenen Überlegungen und alle Argumente der Philosophiegeschichte zur Beantwortung unserer aktuellen Fragestellung ein und lernen wir voneinander!

Das Internet macht möglich, was früher undenkbar war, als Dispute entweder nur mündlich oder aber mit Monaten zwischen These und Kritik stattfanden.

Es lebe die Freiheit des kreativen Denkens und der Zwang des besseren Arguments!

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zum Anfang

Ende von Eigene Beiträge zu "Wahrheit IV"

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Eigene Beiträge zu Wahrheit V


Das Problem, das Du anschneidest, besteht im Übergang von Sätzen wie:
"Vor mir sehe ich eine rote Rose" (Aussagen über eigene interpretierte Sinneswahrnehmungen) zu Sätzen wie: "Vor mir ist eine rote Rose" (Aussagen über die Existenz von Dingen).

Wir vollziehen diesen Übergang von den Interpretationen unserer Sinneswahrnehmungen zu Aussagen über die Existenz von Dingen ständig und die Sprache stellt dafür die nötigen Begriffe zur Verfügung. Ist das alles eine Täuschung?

Betrachten wir die Sache wieder am konkreten Fall.

A sagt: "Zwei Schritte vor mir sehe ich in nördlicher Richtung eine rote Rose." A macht 5 Sekunden die Augen zu und öffnet die Augen wieder. Er sieht vor sich immer noch (oder wieder) eine rote Rose. Er dreht sich um 180 Grad und sieht nach Süden. Er sieht keine rote Rose. Er dreht sich wieder zurück und er sieht wieder eine rote Rose.


A geht vier Schritte in nördlicher Richtung. Er sieht keine rote Rose vor sich. Er dreht sich um und jetzt sagt er: "Zwei Schritte vor mir sehe ich in südlicher Richtung eine rote Rose." A macht fünf Sekunden die Augen zu und öffnet sie wieder. Er sieht vor sich wieder eine rote Rose.

Würde A auf der Ebene der Wahrnehmungsbeschreibungen verbleiben, dann hätte er mit immens großen Mengen an verschiedenen aufeinander folgenden Wahrnehmungen von verschiedenen Orten aus zu tun. Die Datenmengen wären nicht zu bewältigen.

Wenn A jedoch annimmt, dass die zahllosen Wahrnehmungen roter Rosen alle Wahrnehmungen derselben Rose sind, die am gleichen Platz geblieben ist, dann wird das Geschehen plötzlich außerordentlich übersichtlich und einfach.


Und wenn A annimmt, dass Rosen relativ dauerhafte und unbewegliche Dinge sind, dann kann er sogar Annahmen über seine zukünftigen Wahrnehmungen machen: "Wenn ich jetzt für 60 Sekunden die Augen zu mache und sie dann öffne, dann werde ich vor mir eine rote Rose sehen."

Es ist also bereits für das einzelne Individuum außerordentlich hilfreich, in seinem Denken und Sprechen von einer Welt der Wahrnehmungen überzugehen zu einer Welt existierender Dinge.


***

Du schreibst: "Wir vermuten, dass sich hinter unserer subjektiven Wahrnehmung einer roten Rose eine objektive Realität verbirgt. Schließlich muss es doch, so glauben wir, für unsere subjektive Wahrnehmung eine Ursache, also eine Quelle geben. Trotz aller Intersubjektivität aber bleibt das eine reine Annahme, weil wir auf diese vermutete objektive Realität niemals auch nur den geringsten direkten Hinweis erhalten können."

Ich frage Dich:

Wie kannst Du selber schreiben: "Thomas erwähnt das zwar, schreibt aber dennoch: "……." ?

Wenn Du davon sprichst, dass Thomas etwas getan hat, dann setzt Du doch voraus, dass es Thomas gibt, oder?

 ***

Mir ist das "ozeanische" Gefühl der Verschmelzung mit dem Kosmos, des "Eins-Seins-mit- allem" nicht ganz fremd, aber ich unterstelle einmal, dass Du Deinen Beitrag nicht als Gedicht oder Glaubensbekenntnis verstanden wissen willst, sondern als eine rationale Position, die kritischen Argumenten standhalten soll.

Das heißt, wenn ich hier mit Dir argumentiere, dann tun wir das mit dem gemeinsamen Ziel, Antworten auf die gestellten Fragen zu finden, denen wir beide aufgrund von gemeinsam akzeptierten Argumenten zustimmen können.

Dazu gehört zum einen, dass man sich gegenseitig versteht und deshalb die Aufgabe hat, in einer für den andern verständlichen Sprache zu sprechen.

Zum andern muss jeder von uns bereit sein, Widersprüche aufzulösen, die zwischen den vom Betreffenden anerkannten Behauptungen auftauchen.

Ich könnte in meiner Kritik jetzt so vorgehen, dass ich Deinen Gedankengang nachvollziehe und mich frage, ob ich an irgendeiner Stelle Deiner Schlussfolgerungen einen Übergang von einer These zur nächsten nicht mitmachen kann.

Aber ich will umgekehrt vorgehen. Ich übernehme einmal probehalber das Resultat Deiner Überlegungen und frage mich, ob dies Resultat mit andern Aussagen, die ich für wahr halte, im Einklang steht.


Dein Resultat ist u. a. die These "Ich bin der andere".

Demgegenüber gehört es zu meinem Weltbild, dass Ich nicht Du bin. Denn wäre Ich Du, dann wüsstest Du, was Ich denke und Ich brauchte Dir nicht erst diese Worte zu schreiben.

Wenn Ich Du bin, dann folgt daraus, dass Ich weiß, was Du denkst. Nun weiß Ich aber nicht, was Du auf diese meine Kritik antworten wirst. Insofern kann Ich nicht Du sein.

Dass Du und Ich verschiedene Personen sind, ist auch nicht nur ein (falscher) Eindruck, der durch besondere Umstände hervorgerufen wird, denn Ich habe nicht nur den Eindruck, dass Ich nicht weiß, was Du antworten wirst, sondern Ich weiß wirklich nicht, was Du antworten wirst. Insofern bin Ich tatsächlich nicht Du.


Vielleicht ist es Dir möglich, den Widerspruch zwischen den Behauptungen: "Ich bin der andere" und "Ich bin nicht der andere" aufzulösen.

Offenbar gibt es für Dich mehr als eine Bedeutung von "Eins-sein" oder "Identität".

Vielleicht nimmst Du auch verschiedene Ebenen der Wirklichkeit an: vor der Erleuchtung, während der Erleuchtung und nach der Erleuchtung, zwischen denen keine Widersprüche bestehen können, weil es sich um getrennte Bereiche handelt. Dann müsstest Du aber korrekter Weise immer die jeweilige Ebene, auf der Du sprichst, mit angeben.

Außerdem dürftest Du dann auch keine logischen Schlussfolgerungen von Aussagen auf der einen Ebene auf Aussagen einer anderen Ebene ziehen, da beides unterschiedliche Ebenen der Wirklichkeit sind.

Vielleicht hat manch einer den Eindruck, dass wir hier vom Thema "Wahrheit" zu weit abschweifen, aber im Hintergrund stehen für das Thema relevante Fragen: (Ist nur das Bewusstsein wirklich? Gibt es mehrere voneinander unabhängige Ebenen der Wirklichkeit? Existieren Personen und Dinge "objektiv" ? Welchen Sinn hat die Forderung nach "Objektivität" ?) Außerdem geht hier um Aussagen, die mit dem Anspruch auf allgemeine Geltung behauptet werden. Ob es sich dabei um Behauptungen darüber handelt, wie die Welt beschaffen ist, ist allerdings eine offene Frage.

 ***


WuWei, Du schreibst: "Woher will ich wissen, dass hinter meinem wahrgenommenen Baum ein objektiv realer Baum steht? Selbst wenn andere die gleiche Wahrnehmung eines Baumes haben, ist ein objektiv realer Baum dahinter eine reine Annahme. Ich werde darauf niemals auch nur den geringsten direkten Hinweis haben. … real sind allein deine subjektiven Wahrnehmungen …"

Offenbar benutzt Du die Wörter "real" und "existent" in einem anderen als dem üblichen Sinne. Wenn man normalerweise etwas "Reales" (eine Ziege) von etwas "Irrealem" (einem Einhorn) unterscheidet, so bedeutet dies, dass man eine Ziege wahrnehmen kann (man sieht sie klettern, hört sie meckern, fühlt ihr Fell etc.) während noch niemand vom Einhorn Wahrnehmungen dieser Art gemacht hat.

Wenn man zwischen einer wirklichen Oase und einer unwirklichen, nur scheinbaren Oase unterscheidet, dann bedeutet dies, dass man die wirkliche Oase erreicht, wenn man sich auf sie zu bewegt, während man in der scheinbaren Oase der Fata Morgana niemals ankommt.


Du benutzt die Wörter "real" und "existent" jedoch in einem andern Sinne, indem Du auch das Wahrgenommene als nicht real und nicht existent bezeichnest.

Das einzige, was Deiner Ansicht nach real ist, sind die Wahrnehmungen selber, womit Du wohl diejenigen Bewusstseinsinhalte meinst, die sich aus den Reizungen unseren Sinneszellen ergeben:

Wenn ich die Augen aufmache, sehe ich vor mir eine Oase. Dies Bild der Oase in meinem Bewusstsein ist für Dich allein real, nicht die Oase, die ich sehend wahrnehme.

Wenn ich die Augen aufmache, und sehe vor mir eine Oase (die sich bei näherer Betrachtung als eine Halluzination herausstellt), so ist diese Halluzination als Bewussteinsinhalt für Dich genauso real wie der Bewusstseinsinhalt, der sich aus der Sinneswahrnehmung ergab.

Damit haben die Wörter "wirklich", "real" oder "existent" jedoch völlig ihre Fähigkeit eingebüßt, ein zielgerichtetes enttäuschungsfreies Handeln zu ermöglichen. Sie haben damit ihre Bedeutung verändert. Die Frage ist, ob es sinnvoll ist, dass mir in dieser Weise die Denkwerkzeuge für zielgerichtetes Handeln – ohne dass dies deutlich wird – genommen werden.


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Du schreibst: "Eure Diskussion über wahre Aussagen über Dinge wird nicht viel bringen. …(denn) …  jede Aussage über ein Ding (ist) immer nur eine Teilwahrheit."

Das sehe ich anders: Wenn wir manche "Teilwahrheit" wüssten und damit manche "Teilfrage" beantworten könnten, dann würde das viel bringen. Beispiele für solche Teilfragen sind: "Wird es in den nächsten 100 Jahren zum Ansteigen des Meeresspiegels kommen?" "Was sind die Ursachen für Allergien?" "Gibt es ein Leben nach dem Tod?" "Schädigt tägliches Rauchen von Haschisch  das Nervensystem?" "Kann man durch das Erinnern und Verarbeiten von traumatischen Erlebnisse in der Kindheit seelische Störungen beseitigen?" "Kann man durch staatliche Beschäftigungsprogramme die gegenwärtige hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland langfristig beheben?"

Ich glaube, dass es außerordentlich wichtig ist, zu wissen, wie man auf derartige einzelne Fragen richtige Antworten geben kann und falsche Antworten als solche identifizieren kann.

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Ich unterscheide zwischen einer "Sinneswahrnehmung" als psychischem Vorgang (Individuum A sieht ein helles Licht) und dem von A damit "Wahrgenommenen" (ein helles Licht).

Der psychische Vorgang ist ein wirklich stattfindendes Ereignis. Er ist real.

Das Wahrgenommene (das helle Licht) ist normalerweise ebenfalls real, denn A hat es gesehen. Nur im Falle einer optischen Täuschung oder ähnlichem wäre das Wahrgenommene nicht real.

Nun eine andere Situation.

A liegt nachts im dunklen Zimmer im Bett und stellt sich ein helles Licht vor.

Der psychische Vorgang des Vorstellens ist ein wirklich stattfindendes Ereignis. Er ist real.

Das Vorgestellte (das helle Licht) ist jedoch nicht real (es ist um A herum dunkel und kein helles Licht scheint), denn das Vorgestellte existiert nur im Bewusstsein von A.

Im ersten Fall besteht der Bewusstseinsinhalt aus Wahrgenommenem und ist real.

Im zweiten Fall besteht der Bewusstseinsinhalt aus Vorgestelltem und ist nicht real.

Die Erzeugung eines Bewusstseinsinhalts durch ein Sinnesorgan nenne ich "Wahrnehmung".


Die Erzeugung eines Bewusstseinsinhaltes durch Vorstellen nenne ich "Fiktion" (Imagination, Phantasie).

Alle Bewusstseinshalte, die Wahrnehmungen wie auch die Fiktionen, kenne ich durch Selbstbeobachtung meines Bewusstseins. Ich kann diesen Strom von Bewusstseinsinhalten auch erinnern.

Außerdem gibt es noch Sinneszellen, die mich über meinen eigenen Zustand informieren: sie erzeugen Hunger, Durst, Schmerz, Zorn, Ärger, Freude usw., also Gefühle in meinem Bewusstsein.

Um es in der Analogie des Computers zu veranschaulichen:

Der Computer hat einen Bildschirm. Dieser entspricht dem Bewusstsein. Die Bilder, die auf dem Bildschirm erscheinen, entsprechen den Bewusstseinsinhalten.

Der Computer hat eine eingebaute Videokamera, die erfasst, was im Raum geschieht. Diese Kamera entspricht den Augen, also einem Sinnesorgan.

Wenn ich das Bild, das die Kamera erfasst, über den Bildschirm laufen lasse, dann entspricht das einer (optischen) Wahrnehmung.

Wenn ich einen Clip aus einem Zeichentrickfilm von der Festplatte abrufe, dann entspricht das einer Fiktion.

Beides sind reale Vorgänge, aber nur die Videokamera erzeugt einen Bewusstseinsinhalt, der real ist.

Der Selbstbeobachtung entspricht im Computer eine Erfassung und Aufzeichnung des Monitorbildes.

Den Wahrnehmungen des eigenen Zustands entsprechen beim Computer die Fehlermeldungen und die Meldungen von Resultaten von Selbstüberprüfungsprogrammen auf Viren, Auslastungsgrad usw.
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ich hatte in meinem Entsprechung Mensch - Computer geschrieben: "Wenn ich das Bild, das die Kamera erfasst, über den Bildschirm laufen lasse, dann entspricht das einer optischen Sinneswahrnehmung."

Du schreibst dazu: " (Dies Bild ist) ein wenig irreführend.
es ist nicht so, dass wir in der wahrnehmung eine art inneren bildschirm oder ein inneres theater haben".

Der Bildschirm entspricht bei mir nicht der Wahrnehmung sondern dem Bewusstsein. Und unser Bewusstsein kann als Bewusstseinsinhalt verschiedenes haben, neben Wahrnehmungen  (Ich sehe vor mir ein helles Licht) auch Erinnerungen, Kopfrechnen, Tagträume oder dergleichen.

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Ich hatte geschrieben: "Das Wahrgenommene (das helle Licht) ist normalerweise ebenfalls real, denn A hat es gesehen. Nur im Falle einer optischen Täuschung oder ähnlichem wäre das Wahrgenommene nicht real." Ähnliches wären Wahrnehmungsstörungen wie Schlag auf die Netzhaut und andere Störungen der nervlichen Signalübertragung zwischen sensorischen Zellen und Gehirn.

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Eine optische Täuschung liegt dann vor, wenn uns (bestimmte) Sinneszellen (unter bestimmten Umständen) etwas vermitteln, was nicht mit dem übereinstimmt, was uns die Sinneszellen sonst vermitteln.

Nehmen wir ein Beispiel: Du hältst einen geraden Stab ins Wasser. Du siehst dann einen Stab, der an Wasseroberfläche geknickt ist.

Ist der Stab wirklich geknickt oder ist das eine optische Täuschung?

Ich fühle mit der Hand den Stab entlang ……. ?  Es ist kein Knick zu fühlen.


Ich ziehe den Stab etwas aus dem Wasser. Jetzt ist er weiter unten geknickt, wieder genau an der Wasseroberfläche.

Ich ziehe den Stab aus dem Wasser heraus: Der Stab ist wieder gerade. Ich fühle mit der Hand: kein Knick zu spüren.

Ich neige zu der Ansicht, dass es sich bei dem Knick um eine optische Täuschung handelt. (Theoretisch wäre auch eine andere Lösung denkbar.)

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Ich hätte keine Probleme zu sagen, dass der Satz: "Dort steht ein Baum" eine Abkürzung des Satzes ist: "Für uns steht dort ein Baum" und dass der Satz: "Der Baum vor unserm Haus ist mehr als 10 Meter hoch" eine Abkürzung des Satzes ist: "Der Baum vor unserm Haus ist für uns mehr als 10 Meter hoch".

Man würde dann in jede Behauptung über die Wirklichkeit die Einschränkung "für uns" hinein nehmen – weshalb man das "für uns" auch getrost weglassen kann – jedenfalls, solange wie wir noch nicht mit außerirdischen Wesen über die Beschaffenheit der Welt diskutieren.

Die Wahrheitsbestimmung: "Der Satz 'p' ist wahr, wenn p" (Der Satz "Ratten werden größer als Mäuse" ist wahr, wenn Ratten größer als Mäuse werden" ) könnte in diesem Sinne umformuliert werden und würde dann lauten: "Der Satz 'p' ist für uns wahr, wenn für uns gilt, dass p" (Der Satz "Ratten werden größer als Mäuse" ist für uns wahr, wenn für uns Ratten größer als Mäuse werden" ).

Damit hätte man die ganze unfruchtbare Debatte über "das Ding an sich" und dessen Erkenntnis vom Tisch.

Mir scheint, dass man hinsichtlich der Gültigkeit von Aussagen über die Wirklichkeit nicht mehr benötigt als intersubjektive Geltung (und deren Begründung) und intertemporale Geltung (und deren Begründung. Wenn wir also Aussagen haben, die personunabhängig und zeitlich unbefristet gelten und wenn wir gute Gründe für diese Geltung haben, was brauchen wir dann mehr? Meines Erachtens können wir damit unser Weltbild entwerfen und auf den Begriff der "Objektivität" in diesem Zusammenhang verzichten.

Geht es also einfacher als es scheint?

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Wir fragen, was unter einer wahren Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit zu verstehen ist. Wir haben z. T. sehr detailliert diskutiert, was mit "Wirklichkeit" gemeint ist, wie Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit von anderen Sätzen abzugrenzen sind, und welche Bedeutung und welche praktische Funktion das Wort "wahr" in diesem Zusammenhang hat. Diesen sozialen Aspekt des Wahrheitsbegriffs will ich aus meiner Sicht im Folgenden darstellen und eine begriffliche Unterscheidung zwischen der "Geltung" und "Gültigkeit" von Aussagen bzw. Behauptungen im Allgemeinen vorschlagen.

Wahre Aussagen geben uns richtige Antworten auf die Fragen, die wir in Bezug auf die Beschaffenheit der Welt haben. Die Aussage "Steinpilze sind giftig" ist wahr, wenn Steinpilze (tatsächlich) giftig sind.

Die Gesamtheit dieser Aussagen, die jemand für wahr hält, macht sein "Weltbild" aus. Dies Weltbild liegt seinen Entscheidungen zugrunde. Wer Steinpilze für giftig hält, wird sie nicht essen.

Menschen leben gesellig. Sie sind deshalb auf Koordination ihrer Handlungen angewiesen und sie können die Vorteile der Kooperation nutzen: vier Augen sehen mehr als zwei.

Die Koordination und Kooperation ist erschwert, wenn die Weltbilder in Bezug auf den jeweils relevanten Bereich der Wirklichkeit nicht übereinstimmen. Wenn in einer Gruppe unterschiedliche Meinungen über die Giftigkeit von Pflanzen bestehen, kann die Gruppe nicht gemeinsam Nahrung sammeln und zubereiten.

Deshalb besteht in jeder Gesellschaft eine gewisse Notwendigkeit, die Meinungen der Individuen über die Beschaffenheit der Welt zu vereinheitlichen. Dies passiert durch Meinungsaustausch, Diskussion, Belehrung der Nachwachsenden, Stellungnahme von Autoritäten.


Es besteht die Tendenz zur Ausbildung einer gesellschaftlich vorherrschenden Meinung, einer "herrschenden Lehre", die faktisch gilt und die den "politischen" Entscheidungen zugrunde gelegt wird.

Individuen und Gruppen erheben für ihre jeweiligen Weltbilder den Anspruch auf faktische soziale Geltung, sie wollen, dass ihr jeweiliges Weltbild den sozialen Entscheidungen zugrunde gelegt wird.

Dieser Anspruch auf faktische Geltung für die Allgemeinheit wird durch die Auszeichnung einer Aussage oder eines ganzen Weltbildes als "wahr" erhoben: außerhalb der Wahrheit gibt es nur Unwissenheit, Irrtum, Lüge und Ketzerei. Dies macht die politische Brisanz jeder Auseinandersetzung um Wahrheit aus.


Von größter Wichtigkeit ist nun die Art und Weise, wie dieser Anspruch auf allgemeine faktische Geltung eingelöst wird. Die faktische Geltung eines Weltbildes kann einerseits mit Machtmitteln (Verfolgung, Einschüchterung, Ausgrenzung Andersdenkender etc.) durchgesetzt werden. Damit kann jedoch keinesfalls die Berechtigung der Geltung dieses Weltbildes erwiesen werden.

Zur deutlichen Kennzeichnung des Unterschiedes zwischen der nur faktischen allgemeinen Geltung von Behauptungen auf der einen Seite und der berechtigten allgemeinen Geltung von Behauptungen auf der anderen Seite schlage ich vor, für die berechtigte allgemeine Geltung den Begriff der "Allgemeingültigkeit" zu reservieren.


Ein Weltbild kann demnach allgemeine Geltung besitzen, ohne allgemeingültig zu sein. "Gültigkeit" im Sinne von "berechtigter Geltung" kann nur durch allgemein nachvollziehbare Argumente, also rational erwiesen werden. Für die Gültigkeit zählen nur "Vernunftgründe" und nicht alle sonstigen Beweggründe für die Übernahme einer Meinung. "Wahrheit" wäre nach der hier vorgeschlagenen Begrifflichkeit ein bestimmter Fall von "Allgemeingültigkeit", bezogen auf eine bestimmte Art von Behauptungen, auf Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit.

Allgemein nachvollziehbare Argumente für die Wahrheit von Aussagen beruhen letztlich auf der intersubjektiv übereinstimmenden Wahrnehmung der Wirklichkeit: "Überzeug Dich doch mit Deinen eigenen Augen davon, dass es so ist, wie ich sage. Oder – wenn das nicht möglich ist - befrage vertrauenswürdige Informationsquellen!"

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Meine Gegenfrage an Dich ist also: Ergeben sich durch die Einbeziehung dieser Bereiche für das Vorgehen in unserm Bereich irgendwelche Konsequenzen und wenn ja welche? Werden andere Fragen gestellt? Werden andere Antworten gegeben? Welche sind dies?

Nur wenn dies der Fall ist, ist die Nicht-Behandlung dieser Bereiche ein Mangel. Wenn sich aber durch die Behandlung dieser Fragen keine Konsequenzen für die Beantwortung unserer Frage ergeben, so ist deren Einbeziehung nur unnötiger intellektueller Ballast.

Wie man so schön sagt, hängt alles mit allem zusammen, und es ist ein Leichtes, die fehlende Berücksichtigung dieser oder jener Bereiche zu monieren. (Womit ich nicht gesagt haben will, dass dies auf die von Dir angesprochenen Konstitutionsprobleme der Wirklichkeit zutrifft.)

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Sind wir uns einig, dass das "wahr sein" einer Aussage unabhängig von irgendeiner Zeitbestimmung ist, dass also eine Aussage, die heute falsch ist, bereits gestern schon falsch war und auch zukünftig falsch sein wird?

Die allgemeine Bestimmung von Wahrheit "Eine Aussage p ist wahr, wenn es so ist, wir p besagt" kennt für "wahr sein" nur die Gegenwartsform.

Es macht m.E. keinen Sinn, in der Vergangenheitsform zu formulieren: "Eine Aussage p war wahr, wenn es so war, wie p besagt" oder in der Zukunftsform zu sagen: "Eine Aussage p wird wahr sein, wenn es so sein wird, wie p besagt".

Wer also die obige Bestimmung von Wahrheit akzeptiert, der muss auch akzeptieren, dass die Wahrheit einer Aussage zeitunabhängig ist, dass der Anspruch auf Wahrheit also einen zeitunabhängigen Geltungsanspruch beinhaltet.

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Mir kommt es darauf an, dass die Auszeichnung einer Aussage als "unwahr" bzw. "falsch" mehr ist als der Warnschrei "Verlass Dich nicht auf diese Aussage!"

Die Auszeichnung einer Aussage als "unwahr" impliziert zusätzlich den Anspruch, dass der Warnschrei zu Recht ausgestoßen wurde. Und wenn dieser Anspruch mehr sein soll als der autoritäre Anspruch "Glaube mir!", dann muss derjenige, der diesen Warnschrei ausstößt, auch bereit sein, zu begründen, warum die betreffende Aussage falsch ist.

Um es in der von mir vorgeschlagenen Terminologie auszudrücken: Wenn jemand behauptet: "Die Aussage 'Goethe ist 1832 gestorben' ist falsch", so beansprucht er nicht nur Geltung (" Lege diese Aussage nicht deinen Entscheidungen zugrunde" ), sondern er beansprucht auch Gültigkeit (" Diese Aussage ist widerlegt" ).


Wenn jemand mir gegenüber etwas als wahr behauptet, ohne sich um eine mir einsichtige Begründung zu bemühen, so handelt es sich um einen dogmatischen Anspruch, der buchstäblich indiskutabel ist. Wenn es keine Argumente gibt, die mir einsichtig sind, und wenn mein Urteil nicht zählt bei der Frage nach der Wahrheit, dann ist der Argumentation mit dem Dogmatiker der Boden entzogen.

Wenn jemand das Gebot der logischen Widerspruchsfreiheit nicht anerkennt, dann tut er damit in vergleichbarer Weise kund, dass es ihm nicht um wahre und mit einsichtigen Argumenten begründete Antworten auf die gestellte Frage geht. Denn widersprüchliche Antworten sind gar keine Antworten. Mit einer "Ja-und-Nein-Antwort" ist man so schlau wie zuvor. Damit stellt der Betreffende vielleicht ein politisches oder pädagogisches Problem dar, aber er bildet kein Problem für die richtige Beantwortung der gestellten Frage. Denn bei der Diskussion über die allgemeine Gültigkeit von Behauptungen hat er sich selber ausgeklinkt.

Wem es nicht um die intersubjektiv nachvollziehbare, einsichtige Begründung von Behauptungen geht, dessen Anspruch, in irgendeiner Weise recht zu haben, ist nicht mehr als eine dogmatische Glaubensforderung. Für die Gewinnung allgemeingültiger Erkenntnis ist seine Position irrelevant.

Insofern sind die Kriterien der Allgemeingültigkeit von Behauptungen über die Beschaffenheit der Welt wie logische Widerspruchsfreiheit und Bestätigung durch übereinstimmende Wahrnehmung nicht irgendwelche Kriterien unter vielen anderen, sondern diese Kriterien sind – wie sich zeigen lässt - notwendige Bedingungen dafür, dass man sinnvoll miteinander über derartige Behauptungen argumentieren kann.


Die Richtigkeit des letzten Satzes hängt dabei in gar keiner Weise davon ab, wie viele Menschen in dieser "wissenschaftlichen" Weise denken und argumentieren.

Auch ein isolierter Robinson Crusoe benötigt die Sprache bzw. das Denken in Sätzen und Begriffen, wenn er sich z. B. an gestern erinnert und sich diese Erinnerungen merken will oder wenn er Risiken abwägt und überlegt, wie er sich entscheiden soll.

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Das "spezifisch menschliche In-der-Welt-sein" ist meines Erachtens das moralische, politische oder methodologische Fragen, aus dem sich dann die spezifisch menschlichen Kategorien wie Wahrheit, Gerechtigkeit, Freiheit, Verbindlichkeit, Verantwortung, Schuld, oder Vergebung ergeben.

Zwar können wir diese Fragen nicht "in der Wirklichkeit unterbringen" als dem nur "Da-Seienden", das wir als das Gegebene wahrnehmen und erforschen können, nach dessen Existenz und Beschaffenheit wir fragen können. Wir können diese Fragen auch nicht im Bereich der technischen Machbarkeit "unterbringen", da deren Zwecke beliebig sind.


Aber wir haben ja nicht nur ein betrachtendes, "kontemplatives" oder technisches Verhältnis zur Welt, wir haben auch ein wollendes, "voluntatives" Verhältnis zur Welt. Auch wenn alle Fragen nach der Beschaffenheit der Wirklichkeit und nach ihrer technischen Gestaltbarkeit gestellt wurden, bleiben die Fragen: "Was will ich?" und "Was wollen wir gemeinsam?"

Das heißt: Neben den Fragestellungen der Naturwissenschaften (genauer: der Erfahrungswissenschaften) "Was ist?" "Was war?" "Was wird sein?" "Wie ist es?" "Warum ist es?" "Warum ist es so, wie es ist?" ) bleiben berechtigte und wichtige Fragen normativer Art: "Wie soll ich mich entscheiden und handeln?" (Individualethik), "Wie sollen wir uns entscheiden und handeln?" (Politik), "Wie soll man argumentieren?" (Methodologie des Erkennens).

Diese Fragen lassen sich nur teilweise durch erfahrungswissenschaftliche Erkenntnisse beantworten.

Meiner Meinung nach ist es eine vorrangige Aufgabe der Philosophie, die Kriterien für eine rationale, intersubjektiv nachvollziehbare Beantwortung dieser Fragen herauszuarbeiten.

So verstehe ich unsere Diskussion als einen Beitrag zur Bestimmung methodischer Regeln der erfahrungswissenschaftlichen Erkenntnis: "Wie lassen sich Fragen zur Beschaffenheit der Wirklichkeit möglichst allgemeingültig, d. h. durch wahre Aussagen, beantworten? Was sind hierfür geeignete Argumente und was sind hierfür ungeeignete Argumente?"


Selbstverständlich gibt es für die individualethischen, die politischen oder methodologischen Frage bereits geltende Regeln bzw. Normen, gewissermaßen die fortwirkenden Antworten früherer Generationen auf diese normativen Fragen. Diese faktisch geltenden Regeln und Normen sind psychische und soziale Realitäten und lassen sich als solche erfahrungswissenschaftlich bzw. hermeneutisch erforschen, so wie das in der Psychologie, Soziologie, Ethnologie oder in den Geschichts- und Sprachwissenschaften ja auch getan wird.

Aber die Antworten früherer Generationen müssen nicht die richtigen Antworten auf die Fragen sein, vor denen wir hier und heute stehen.

Mit dieser Begrenzung des Geltungsbereichs erfahrungswissenschaftlicher Erkenntnismethoden mache ich erstmal Schluss.

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Du schreibst: "Ich habe das Problem, dass Deine Statements sich immer nur auf einen kleinen speziellen Ausschnitt menschlichen Sprechens beziehen."

Dies ist richtig. Es geht mir in der Tat um die ganz spezielle Situation, wo es Zweifel oder Uneinigkeit in Bezug auf die Beantwortung einer Frage nach der Beschaffenheit unserer Welt gibt.

Wenn ich mich mit der Bedeutung der Formulierung "wahre Aussage über die Wirklichkeit" befasse, dann nicht als Sprachforscher sondern als Wissenschaftstheoretiker. "Wie muss ich methodisch vorgehen, um eine Frage Bezug auf die Beschaffenheit der Welt richtig zu beantworten?", dies Problem steht für mich im Hintergrund, wenn ich nach der Bedeutung des Wortes "wahr" frage.

... Indem ich bei dieser Frage ansetze, setze ich zugegebenermaßen bereits vieles voraus: u. a. dass es Menschen gibt, die sich durch gemeinsame Bezeichnungen für die Aspekte und Dinge der gemeinsamen Wirklichkeit sprachlich verständigen können. Sollten sich diese Voraussetzungen als zweifelhaft erweisen, dann bin ich gerne bereit, auch diese Voraussetzungen zu diskutieren – sofern Argumentieren dann überhaupt noch Sinn macht.

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Du schreibst, dass "eine Erörterung der Möglichkeit von sprachlicher Bezugnahme auf die Dinge der Frage nach der Richtigkeit/Wahrheit dieser sprachlichen Bezugnahme vorgelagert ist."

Du forderst eine "grundsätzliche Erörterung des Verhältnisses von Sprache und (nichtsprachlicher) Wirklichkeit", eine Erörterung der sprachlichen Bezugnahme auf die Dinge.

Gegen eine solche Erörterung habe ich nichts und ich halte es für eine Frage der Praktikabilität, ob wir die Erörterung des Verhältnisses zwischen Sprache und Wirklichkeit als eine Art Exkurs im Rahmen dieser Runde führen oder in einen eigenen thread auslagern.

Von der sachlichen Notwendigkeit der Einbeziehung dieser Diskussion bin ich jedoch immer noch nicht überzeugt. Dass bestimmte Fragen der eigenen Fragestellung vorgelagert sind und dass man sich auf die dort gegebenen Antworten erstmal verlässt, ist in der Wissenschaft unvermeidbar. Ein Mediziner wird auf die Ergebnisse der Biologen und Physiologen zurückgreifen, ohne deren Theorien über die Zelle oder elektro-chemischen Vorgänge in den Nervenbahnen selber zu erörtern. Und ein Sprachforscher, der sich zur Erforschung einer Sprache einer elektronischen Tonaufzeichnung bedient, muss auch nicht erst die technischen Funktionszusammenhänge eines solchen Gerätes klären.

Wenn man Ernst machen würde mit der Forderung nach einer Erörterung der Möglichkeit sprachlicher Bezugnahme auf Dinge, dann müsste man die Arbeitsweise des menschlichen Gehirns diskutieren, vor allem die dort angelegten Organe und Programme zur Erfassung, chemo-elektrischen Umsetzung, Interpretation und symbolischen Repräsentation nervlicher Reize.


Wenn man das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit im Zusammenhang mit dem Thema "Was meinen wir, wenn wir von einer wahren Aussage sprechen, und woran erweist es sich, ob eine Aussage wahr ist", dann scheint mir das Naheliegendste zu sein, sich mit der Wahrnehmung und der Wiedergabe von Wahrnehmungen durch Sätze zu befassen, und zu fragen: Welche Probleme ergeben sich hier für die intersubjektive Wahrheitsfindung?

Ich denke zum einen an das Problem der Sinnestäuschung und der undeutlichen Wahrnehmung und zum andern an das Problem des Missverstehens oder Nicht-Verstehens. Für die Probleme des gegenseitigen Verstehens scheint es mir sinnvoll, auf die Möglichkeiten des Erlernens einer Sprache durch ein Individuum einzugehen und auf die Möglichkeiten der Bildung von Begriffen und deren Weitergabe an andere. Interessant fände ich z. B. eine Diskussion der Möglichkeiten zur Definition von Begriffen. Zum Beispiel haben wir die Möglichkeiten der "operationalen Definition" bisher nicht erörtert.


Weiterhin stellt sich noch die Frage nach der Einbeziehung "exklusiver" Wahrnehmungen und Erfahrungen, wie sie z. B. in religiösen Zusammenhängen auftauchen.

Wovon ich in unserem Zusammenhang allerdings gar nichts halte, ist eine Debatte über eine Auslegung Kants oder Heideggers.

Es ist der große Vorzug dieser Diskussionsrunde, dass sie auf eine inhaltliche Frage bezogen ist und dass deshalb philosophische Autoritäten nur insofern herangezogen werden, als sie zur Beantwortung dieser Frage relevante Argumente beizutragen haben.

Und es ist ein weiterer Vorzug dieser Diskussionsrunde, dass alle Argumente hier und jetzt allgemeinverständlich ausgeführt werden und dass bloße Verweise auf diesen oder jenen, der das alles schon viel besser beantwortet hat, nicht zählen.


Zum Schluss zur Dringlichkeit unseres Themas etwas, das ich heute in der Zeitung las: "Dass der Tsunami eine sintflutartige Strafe für das sündige Leben von Einheimischen und westlichen Touristen insbesondere in Thailand sei, ist noch die harmloseste Erklärung; sie ist auch bei christlichen Fundamentalisten, z. B. in Amerika, verbreitet. Das palästinensische Staatsfernsehen sendet Predigten, in denen Amerika und die Juden die Schuld tragen, der saudi-arabische Sender Al Majd sieht die Ursache in der Häresie, Homosexualität und Korruption, die das Christentum über die Welt gebracht habe. Für das nationalistische ägyptische Wochenblatt "Al Usbu" hat ein geheimer indischer Atomtest die Erdplatten in Bewegung gebracht, vielleicht sogar in Absprache mit den Israelis."

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Es war wohl unausbleiblich, dass die verschiedenen Denkweisen, die sich hinter der Doppelbezeichnung "Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie" verbergen, irgendwann einmal frontal aufeinender prallen, so wie es offenbar jetzt geschieht.

Dyades Appell an die Pflicht zur philosophischen Fragestellung nehme ich zur Kenntnis, möchte jedoch darauf hinweisen, dass es zahlreiche philosophisch anspruchsvolle Arbeiten zu den Methoden wissenschaftlicher Forschung gibt, in denen auf Kants "Kritik der reinen Vernunft" vielleicht am Rande und auf Heideggers Werk "Sein und Zeit" gar kein Bezug genommen wird. Insofern ist diese Runde kein Etikettenschwindel und ist zu Recht unter die Rubrik "Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie" eingeordnet.


Dass die Runde unter einem "Wittgenstein-Jargon" leidet, kann ich nicht bestätigen. Dass uns Positionen wie "Die Gesetze Newtons … wurden durch Newton wahr" voranbringen, bezweifle ich.

Eine solche Position berücksichtigt offenbar gerade das nicht, was die klassische Mechanik von früheren Theorien über die Bewegung von Körpern unterscheidet: die Begründung durch Experimente und Beobachtungen, die jeder beliebige andere Wissenschaftler nachvollziehen und durch eigene Anschauung bestätigen kann, also das Bemühen um intersubjektive Gültigkeit.

Zur Beantwortung der Frage, wie Rechnen, Schreiben, Sprechen, Sehen, Hören, sich Merken, Erinnern, (Wieder-)Erkennen, Lernen, Vergessen möglich ist, haben diejenigen Beachtliches beigetragen, die Maschinen mit diesen Fähigkeiten konstruiert haben. Dies sollte der Philosoph neidlos anerkennen, der sich allein auf das eigene Nachdenken stützt.

Wir kommen auf die Gegenstände unserer Fragen durch unsere leidvollen und angenehmen Erfahrungen:

Wir erleben eine 30 Meter hohe Welle und fragen uns: "Wodurch ist sie entstanden? Gab es früher schon vergleichbare Phänomene? Kann man sie vorhersehen?" usw.


Und ein Gehirnforscher kommt durch die Erfahrung von Menschen ohne Gedächtnis zu seinem Forschungsgegenstand, der Alzheimerschen Krankheit.

Ich kann im übrigen nicht erkennen, dass unterschiedliche Ansichten über Raum, Zeit oder Kausalität zu unterschiedlichen Ergebnissen führen hinsichtlich der Wahrheit solcher Aussagen wie "Im Jahr 2004 wurde die Ostküste Sri Lankas von einer Tsunami-Welle verwüstet" oder "Tsunami-Wellen entstehen durch Seebeben."

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Wir waren bisher darin einig, dass eine Aussage über die Beschaffenheit der Welt dann wahr ist, wenn es so ist, wie die Aussage besagt. Ob es so ist, wie die Aussage besagt, lässt sich nicht ohne Bezug auf unsere Wahrnehmung entscheiden.

Gegen den letzten Satz kann man einwenden, dass es möglicherweise Aussagen über die Wirklichkeit gibt, die sich ohne irgendeine Bezugnahme auf unsere Wahrnehmung beantworten lassen. Ob dem so ist, bedarf der Klärung.

Die Frage lautet also: Gibt es Aussagen über die Welt, deren Wahrheit unabhängig von jeder Wahrnehmung feststeht? (Damit wären wir wieder haargenau bei unserm Thema.)

In Kants Begriffen gefragt: Gibt es synthetische Urteile (also nicht-analytische Aussagen, die nicht per Definition wahr sind wie "Schimmel sind weiß" ), deren Wahrheit a priori (also von vornherein und ohne Bezugnahme auf unsere Wahrnehmung) feststeht?


Ich stelle hier einige Sätze zur Diskussion:

1.  Es gibt mich.
2.  Ich kann einen Satz formulieren.
3.  Es gibt eine Welt.
4.  Alles, was geschieht, geschieht in Raum und Zeit.
5.  Es gibt Veränderung in der Welt.
6.  Es gibt Dauerhaftigkeit in der Welt.
7.  Jede Veränderung hat eine Ursache.
8.  Alles geschieht gemäß allgemeinen Gesetzen.
9.  1 ***1 = 2.

Die Frage lautet: Welche der Sätze sagen etwas über die Welt aus und welche Sätze sind außerdem unabhängig von jeder Wahrnehmung bzw. Erfahrung wahr? Interessant sind dabei natürlich die Begründungen der Antworten.

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Zur Sache: Ich bin nicht der Meinung, dass es sich bei Sätzen von der Art "1***1=2" um Aussagen über die Wirklichkeit handelt, sondern dass mathematische Sätze sich auf abstrakte, gedachte "Einheiten" beziehen. Diese Einheiten können völlig irreal sein, z. B. die Bewohner der Insel Paragoa (die ich mir gerade ausgedacht habe). Der Satz "5 Paragoaner *** 4 Paragoaner = 9 Paragoaner" sagt nichts über die Beschaffenheit der Wirklichkeit aus.

Allerdings können mathematische Modelle, wie auch andere theoretische Modelle, empirisch interpretiert werden, indem bestimmte reale und unterscheidbare Objekte (z. B. Kirschen) als die jeweiligen Einheiten definiert werden und die Rechenoperationen empirisch interpretiert werden, z. B. das Additionszeichen "***" als "hinzufügen" und das Subtraktionszeichen "-" als "wegnehmen".


Gelingt diese empirische Interpretation, dann lassen sich alle an den gedachten Einheiten gewonnenen Ergebnisse auf die realen Objekte übertragen,

Eine geniale Erfindung!

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Gibt es Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit, die unabhängig von unserer Wahrnehmung als wahr zu kennzeichnen sind?

Ob dies dasselbe ist, was Kant mit "synthetischen Urteilen a priori" meint, lasse ich mal offen.

Wenn es Fragen gäbe über die Beschaffenheit der Wirklichkeit, die wir beantworten könnten, ohne Bezug nehmen zu müssen auf unserer Wahrnehmung, dann wäre das hinsichtlich des Wahrheitskriteriums von großer Bedeutung. Dann stellt sich die Frage, woran wir bei derartigen Aussagen ihre Wahrheit erkennen können.

Eine Antwort hierauf wäre: Es handelt sich um Aussagen, die "notwendig" sind.

Aber notwendig wofür? Für das Denken? Aber was heißt "denknotwendig" ?

Heißt das: Man muss diese Aussage für wahr halten, um überhaupt irgendwelche Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit machen zu können?

Nehmen wir den Satz: "Alles, was geschieht, geschieht in Raum und Zeit". Oder anders ausgedrückt: "Alles was wirklich geschieht, geschieht zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort."

Muss man diesen Satz als wahr anerkennen unabhängig und vor jeglicher Wahrnehmung?


Um den Sinn der Worte "was wirklich geschieht" verstehen zu können, muss man den Sinn des Wortes "Wahrnehmung" kennen. Und Wahrnehmung ist ein zeitliches nacheinander von Sinneseindrücken und eine räumliches  nebeneinander von Sinneseindrücken.

Insofern sind die Dimensionen von Raum und Zeit offenbar in dem Begriff der Wahrnehmung enthalten und der Satz "Alles was geschieht, geschieht in Raum und Zeit" ist nicht wahr unabhängig und vor jeder Wahrnehmung.

Allerdings ist der Satz: Die Dimensionen von Raum und Zeit sind im Begriff der Wahrnehmung enthalten" selber keine Satz über die Beschaffenheit der Wirklichkeit. Oder? 

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Ist Wahrnehmung tatsächlich immer an Raum und Zeit gebunden? Sind Raum und Zeit notwendige Formen der Wahrnehmung? Gehören Räumlichkeit und Zeitlichkeit zu den konstitutiven Momenten jeder Art von Wahrnehmung?

Machen wir mal einige zugegebener Maßen extreme Annahmen:

Denken wir uns Wesen, deren einziges Auge auf ein sich gleich bleibendes Bild fixiert wäre und die keine anderen Wahrnehmungen hätten. Dann wäre dies wohl eine zeitlose Wahrnehmung. Die Frage: "Wie lange schaust Du schon auf das Bild?" wäre sinnlos.


Oder denken wir uns Wesen, die sich nicht bewegen können und die außer ihrem Geruchssinn keine andere Wahrnehmung haben. Solche Wesen hätten dann wohl auch keine Raumvorstellung. Die Frage: "Wo riecht es nach Lavendel?" wäre für sie sinnlos.

(Aber in solchen Welten könnte es wohl auch keine Fragen  geben.)

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Kriterium für die Wahrheit einer Aussage ist, ob die aufgrund dieser Aussage zu erwartenden Wahrnehmungen den tatsächlichen Wahrnehmungen entsprechen.

Aber was ist mit dem Wort "Wahrnehmung" gemeint?

Ich hatte von "Sinneseindrücken" gesprochen. Die Frage ist, ob als "Wahrnehmung" nur die "klassischen" Sinneswahrnehmungen wie Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten gelten sollen oder ob z. B. auch innere Selbstwahrnehmung und unbewusste Wahrnehmungen dazu gehören. Soll man nur dann von einer Wahrnehmung sprechen, wenn das wahrnehmende Individuum diese in Begriffe fassen kann?

Um sprachliche Klarheit zu schaffen, muss zuerst zwischen der "Wahrnehmung" als Fähigkeit zum Wahrnehmen (" Die blitzschnelle Bewegung entging seiner Wahrnehmung" ) und der "Wahrnehmung" als dem wahrgenommenen Inhalt (" Melden sie verdächtige Wahrnehmungen der Polizei!" ) unterschieden werden. Für uns kommt wohl nur die letztere Bedeutung in Betracht.    

Da die Frage ist, ob die gemachten Wahrnehmungen mit den betreffenden Aussagen (bzw. den daraus logisch ableitbaren Erwartungen) vereinbar sind. Muss sich aus ihnen auch ein sprachlich formulierbarer Inhalt ergeben? Damit kommen nur bewusste Wahrnehmungen in Betracht, denn was einem nicht bewusst wird, das kann man auch nicht formulieren. (Im Unterschied zu anderen würde ich auch von "unbewussten Wahrnehmungen" sprechen.)

Ein Problem besteht darin, dass es in der Umgangssprache offenbar keine klare Abgrenzung zwischen "wahrnehmen" und "fühlen" gibt. Man sagt: "Er fühlte (verspürte) den Pistolenlauf in seinem Rücken". Hier handelt es sich offensichtlich um die Wahrnehmung eines realen Objektes.

Wie ist es bei dem Satz: "Er fühlte (verspürte) einen stechenden Schmerz im rechten Fuß". Ist hier der Schmerz das wahrgenommene Objekt so wie der Pistolenlauf im vorhergehenden Satz? Kann man sagen: "Ich nehme meine Gefühle (meinen Schmerz) wahr" ? Oder ist das Gefühl (der Schmerz) selber die Wahrnehmung – z. B. einer körperlichen Verletzung? Ist die Introspektion, die "Innenschau" eine Wahrnehmung wie das Sehen und Hören?

Die innerpsychischen Empfindungen, Gefühle, Wahrnehmungen haben offenbar ihre Besonderheiten. Gleichwohl sind sie etwas Reales. Für jeden Einzelnen ist seine Erfahrungen mit sich selbst wahrscheinlich sogar der umfangreichste und wichtigste Bereich der Wirklichkeit.

Hier besteht noch erheblicher Klärungsbedarf.

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Bei der Unterscheidung zwischen Wahrnehmungen der gegenständlichen Außenwelt und introspektiven Wahrnehmungen stellt sich die Frage, was die Gegenstände der Introspektion sind und inwiefern diese wirklich sind.

Nehmen wir ein Beispiel. Mir wird Blut abgenommen. Dazu wird mit einer feinen Nadel in die Vene meines Armes gestochen. Dies sehe ich und gleichzeitig spüre ich einen kurzen Schmerz an dieser Stelle. Auch wenn ich die Augen zugemacht hätte, hätte ich den Schmerz lokalisieren können.

Aber mit dem Schmerz nehme ich nicht den Stich und die Nadel wahr, sondern ich schließe aus der Schmerzempfindung auf eine Verletzung meines Körpers an dieser Stelle. Der Schmerz wäre also zwar ein Signal, aber nicht Wahrnehmung von etwas.

Der Schmerz ist jedoch als solcher genauso real wie die Nadel, die mich sticht. Allerdings ist es nur MEIN Schmerz, ICH bin betroffen.

Hallo Hermeneuticus,

ich habe noch mal überlegt, was das Problematische an Positionen ist, wie sie von Gershwin und teilweise auch von doc rudi vertreten werden. Beide haben eine umfassende erklärende Theorie menschlichen Verhaltens, der eine hat eine evolutionstheoretische Erklärung, der andere eine systemtheoretische Erklärung.

Wenn man nun - so wie wir - eine bestimmte Frage beantworten will und Argumente für und wider die vorgeschlagenen Antworten erwägt, dann wechselt plötzlich die Ebene der Diskussion und  – ohne dass dies jedermann deutlich wird – spricht Gershwin nicht mehr als Teilnehmer sondern als Beobachter dieser Diskussion, der das Verhalten der andern Diskussionsteilnehmer im Sinne seiner übergeordneten Theorie interpretiert und erklärt.


Wenn alle menschlichen Eigenschaften und Fähigkeiten Resultate ihrer Nützlichkeit für die Erhaltung und Verbreitung der Art bzw. der dazugehörigen Kombination von Genen sind und alles menschliche Verhalten letztlich diesem Ziel dient, dann sind Absichten wie das Suchen nach richtigen Antworten und verlässlichen Annahmen subjektive Illusionen. Dies gilt auch für behauptete Resultate und deren Begründung. Gershwin, der leider nicht mehr mitdiskutieren kann, hat sich nicht auf eine Diskussion des Wahrheitskriteriums eingelassen, sondern er hat die Kennzeichnung von Aussagen als unwahr interpretiert als arterhaltenden Warnschrei "Verlass dich nicht darauf!" Damit war für ihn alles gesagt.

Das Problem bei seiner Position ist allerdings, dass er seinerseits für seine eigenen Behauptungen unausgesprochen eine allgemeine Gültigkeit beanspruchen muss, sonst wird das Ganze absurdes Theater.

Diese unbemerkte Aufkündigung der Diskussion, diesen Wechsel vom Sprechen mit dem anderen zum Sprechen über den anderen findet man auch bei anderen, als umfassend verstandenen Theorien menschlichen Verhaltens. Ich denke da bestimmte Anhänger Freuds, für die alles menschliche Verhalten aus unbewussten Triebkräften zu erklären ist, an bestimmte Marxisten, für die alles menschliche Verhalten aus der Klassen Zugehörigkeit zu erklären ist, und an bestimmte Gehirnforscher, für die alles menschliche Verhalten aus der Gehirnsstruktur und den Funktionen von Nervenzellen und Neurotransmittern zu erklären ist.

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In den vergangenen Diskussionen haben wir rekonstruiert, was man meint, wenn man von einer "wahren Aussage" über die Beschaffenheit der Wirklichkeit spricht.

Ein Problem einer solchen Rekonstruktion besteht darin, dass der überkommene Sprachgebrauch uneinheitlich ist und dass jederzeit jemand auftauchen kann, der sagt: "Ich verstehe aber unter 'Wahrheit' etwas ganz anderes!"

Das führt zu einem Streit um Worte, der bekanntlich keinen Fortschritt in der Sache bringt.

Ich schlage deshalb vor, die Perspektive einmal umzukehren und nicht rekonstruierend sondern konstruierend an das Problem heran zu gehen.

Das soll heißen, dass wir nicht mehr fragen, was die Wörter "wahr" bzw. "Wahrheit" bedeuten.


Stattdessen gehen wir von dem Ziel aus, das wir in unserm Bemühen um Erkenntnis haben. Wir fragen uns: Was fordern wir von den Antworten auf unsere Fragen?

Wenn wir dies Erkenntnisziel geklärt haben, können wir daraus ableiten, welches die geeigneten Wege sind, um dies Ziel zu erreichen.

Also: Was erwarten wir von der Antwort auf eine Frage?

Als erstes erscheint wichtig, dass die Antwort zu der Frage PASST, die gestellt ist.
Die Antwort muss die mit der Frage formulierte Lücke im Wissen schließen. Um ein Beispiel zu nehmen: wenn gefragt wird: "Wann wird das Länderspiel übertragen?", so ist die Antwort: "Im ZDF" nicht passend.


Weiterhin muss die Antwort WIDERSPRUCHSFREI sein. Wenn die Frage lautet: "Wird das Länderspiel im Fernsehen übertragen?" und jemand antwortet darauf: "Ja und Nein", so ist die Frage damit nicht beantwortet. Eine logisch widersprüchliche Antwort ist so gut wie gar keine Antwort.

Außerdem muss die Antwort die formulierte Lücke in Wissen möglichst weitgehend schließen. Wenn die Frage lautet: "Wird das Länderspiel im Fernsehen übertragen?" und jemand antwortet: "Vielleicht ja, vielleicht auch nicht!", so wird die Wissenslücke durch eine solche Antwort nicht verkleinert. Die Antwort: "Höchst wahrscheinlich wird das Länderspiel übertragen" ist demgegenüber schon besser. Nur die Antwort: "Ja, das Länderspielen wird übertragen" schließt die Wissenslücke ganz.

Vor allem erwarten wir von einer Antwort, dass wir sie nicht nur jetzt sondern auch zukünftig bejahen können, dass wir es also zukünftig nicht bereuen müssen, dass wir diese Antwort unserem Denken und Handeln zugrunde gelegt haben. Wenn wir fragen: "Wann wird das Länderspiel übertragen?" und jemand antwortet: "Heute um 20:30 Uhr", so erwarten wir, dass wir diese Antwort abends immer noch bejahen können und wir uns nicht ärgern müssen, weil die Übertragung bereits um 18:00 Uhr begonnen hat.

Wir warten von einer Antwort also, dass sie zuverlässig ist, dass man sie dauerhaft bejahen kann und dass sie möglichst nicht korrekturbedürftig wird. Oder - etwas gelehrter ausgedrückt - dass sie INTERTEMPORAL stabil ist.

Fragen lassen mehrere Antworten als möglich zu. Wenn man eine Frage beantwortet, dann trifft man also immer eine Auswahl. Wenn diese Auswahl nicht willkürlich oder zufällig sein soll, dann muss es  für die Auswahl dieser bestimmten Antwort Argumente bzw. Gründe geben. Aus der Menge der möglichen Antworten wird man diejenige Antwort auswählen, deren BEGRÜNDUNG "besser" ist als die Begründungen aller anderen möglichen Antworten.


Wenn von einem Individuum A verlangt wird, dass A seinem Denken und Handeln eine bestimmte Antwort zugrunde legt, so kann man dies als "Geltungsanspruch" gegenüber A bezeichnen.  Geht dieser Geltungsanspruch nicht einher mit einer vom betreffenden Individuum nachvollziehbaren Begründung, so kann man dies als einen "DOGMATISCHEN Geltungsanspruch" bezeichnen. Wird dagegen eine intersubjektiv nachvollziehbare Begründung gegeben, so kann man dies als einen "RATIONALEN Geltungsanspruch" bezeichnen. Sofern man keine Antworten will, die man nur glauben kann, muss man nach INTERSUBJEKTIV NACHVOLLZIEHBAR begründeten Antworten suchen,

Damit ist skizziert, welche Antworten wir auf unsere Fragen suchen. Dabei ist es zweitrangig, ob man solche Antworten nun als "richtig", "allgemeingültig" oder "wahr" bezeichnet.

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Du schreibst: "Wir sind es, die die Wahrheit festsetzen. Jeder von uns. Deshalb können wir sie nicht finden wie ein verstecktes Osterei. Du könntest auch sagen: deshalb gibt es mehrere Wahrheiten.
Wenn hier also weiter über DIE Wahrheit gestritten werden soll, dann frage ich nach der Begründung, warum es nur EINE Wahrheit geben soll."

Ich gebe zu, dass ich Schwierigkeiten habe, Dich zu verstehen. Vielleicht kommen wir der Sache anhand eines konkreten Beispiels näher.

Nehmen wir die Erschießung von ca. 3000 polnischen Offizieren bei Katyn während des Zweiten Weltkriegs. Dass dies Massaker stattgefunden hat, wird wohl nicht bestritten. Umstritten ist jedoch, wer dies getan hat. Die einen geben die Antwort: "Das haben deutsche Stellen getan", andere sagen: "Das haben sowjetische Stellen getan" Beide Behauptungen widersprechen sich. Nur eine kann wahr sein.

Wie passen Deine Ausführungen auf diesen Fall?

***

Du präsentierst in Deinem Beitrag eine lange und komplizierte Liste von gelehrten Stichwörtern zum Thema "Wahrheit", die auf denjenigen, der nicht gerade Spezialist auf diesem Gebiet ist, und hier nach Antworten auf seine Fragen sucht, eher verwirrend und entmutigend wirken muss.

Deshalb klingt Dein wohlmeinender Wunsch: "Ich kann nur wünschen, dass Ihr die Wahrheit findet!" in meinen Ohren etwas unglaubwürdig.


Offenbar bist Du hinsichtlich der zu erwartenden Ergebnisse auch nicht sehr zuversichtlich, denn Du schreibst: "Ich vertraue lieber meinem Gefühl".

Wenn ich Deine Beiträge lese, dann scheint es mir allerdings, als könnten die Ergebnisse unserer  Diskussion auch für Dich von Nutzen sein.

In Deinem Beitrag zum Thema "Selbsterkenntnis" vom 30.11.04 schreibst Du z. B., dass Du vor Deinem Erdenleben schon existiert hast.

Ich will die Aussage "Ambrosius hat vor seinem Erdenleben schon existiert" einmal beispielhaft anhand der von uns erarbeiteten methodischen Gesichtspunkte erörtern.

Eine Aussage über die Beschaffenheit unserer Welt ist wahr, wenn es so ist, wie diese Aussage besagt.

Wenn die Frage beantwortet werden soll, ob es so ist, so muss zuvor die Bedeutung der Aussage geklärt sein. Das schließt ein, dass die Aussage keine mehrdeutigen oder vagen Begriffe enthalten sollte.

Mit "Erdenleben" ist Dein jetziges Leben gemeint, das mit Deiner Zeugung und Geburt begann.


Mit "existieren" ist das "wirkliche Vorhandensein" eines Objekts gemeint. Beides erscheint unproblematisch.

Probleme könnten jedoch bei der Frage auftauchen, wer oder was existiert hat. In dem genannten Beitrag sprichst Du davon, dass "mein Wesen – mein Ich" existiert hat, nicht jedoch Dein Körper.


Wenn man ein körperloses Wesen als "Geist" bezeichnet, dann lautet Deine Aussage also:
"Der Geist des Ambrosius hat bereits vor dessen Geburt existiert."

Ich denke, diese Formulierung gibt das von Dir Gemeinte richtig wieder.

Wenn die Bedeutung der zu prüfenden Aussage geklärt ist, weiß man gewöhnlich auch, um welche Art von Aussage es sich handelt. Die Aussage, dass etwas zu einer bestimmten Zeit existiert hat, ist sicherlich eine Aussage über die Beschaffenheit der Welt.

Nun kommen wir zum Entscheidenden, der Begründung dieser Aussage. Eine Aussage über die Beschaffenheit der Welt wird dann zu Recht für wahr gehalten, wenn die daraus logisch ableitbaren Wahrnehmungen mit denjenigen Wahrnehmungen übereinstimmen, die tatsächlich gemacht werden: Wahre Aussagen enttäuschen nicht.

Deine Begründung der Aussage lautet:
"… ich weiß, dass mein Körper in meiner Mutter heranwuchs. Die vorhergegangene Verschmelzung von Ei und Samenzelle bestimmte den Anfang meines Körpers.
Eines ist mir Gewissheit, dass ich weder im unbefruchteten Ei noch in der Samenzelle war, da diese beiden ja Produkte in meiner Mutter beziehungsweise in meinem Vater waren.
Es ist ja auch unsinnig, dass sich in jedem Ei oder in jeder Samenzelle ein "Lebewesen" aufhält.

Zwar beinhalten Eizelle und Samenzelle Erbanlagen der Mutter und des Vaters, doch diese wirken sich nur auf den Körper aus!
Demnach muss mein Wesen - mein Ich -  schon vor meiner Geburt existiert haben!"

Ich stelle fest, dass die Begründung, die Du für die zu prüfende Aussage gibst, keinerlei direkten Bezug auf Inhalte irgendeiner Wahrnehmung besitzt. Offenbar hat sich Dein Wesen vor Deiner Geburt in keiner Weise bemerkbar gemacht.

Du leitest die Annahme "Der Geist des Ambrosius existierte bereits vor seiner Geburt" indirekt durch Schlussfolgerungen aus allgemeinen Aussagen über Zeugung und Vererbung beim Menschen ab.

Deine Prämissen sind:

1. Die mütterliche Eizelle und der väterliche Samen enthalten die jeweiligen Erbanlagen.

2. Mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle entsteht der Körper eines Menschen.

3. Es werden nur körperliche Eigenschaften vererbt.


Daraus ziehst Du den Schluss: "Demnach muss der Geist des Ambrosius schon vor dessen Geburt existiert haben".

Diese Begründung Deiner Aussage ist in verschiedener Hinsicht fehlerhaft:

1. Die Prämisse: "Es werden nur körperliche Eigenschaften vererbt" ist falsch. Die Forschung an eineigen Zwillingen hat gezeigt, dass auch psychische Eigenschaften (" Charakter", "Persönlichkeit" ) vererbt werden.

2. Deine Schlussfolgerung lässt sich aus den von Dir genannten Prämissen nicht ziehen. Dies kann man leicht daran erkennen, dass die Schlussfolgerung eine Aussage über Deinen Geist macht, der Begriff des Geistes jedoch in den Prämissen gar nicht vorkommt.

Mit dieser vielleicht etwas ungewöhnlich detaillierten Kritik an dem, was Du für wahr hältst, und an der Art und Weise, wie Du Deine Überzeugungen begründest, wollte ich demonstrieren, dass auch Du von unserer Diskussion etwas lernen könntest und dass Wissenschaftstheorie und Wahrheitsbegriff keine verwirrenden und unendlich komplizierten Angelegenheiten sind, sondern mit etwas Geduld von nahezu jedermann angewandt werden können.

***

Nochmals zu der Frage, ob es Aussagen über die Wirklichkeit gibt, deren Wahrheit unabhängig von jeder Wahrnehmung feststeht.

Ich halte es dabei für sinnvoll, dass wir dieser Frage nachgehen, ohne unsere Diskussion dadurch zusätzlich zu belasten, dass wir sie mit Fragen nach der richtigen Interpretation bestimmter Autoren verknüpfen. Also nochmals mein Appell: Bitte keine Verweise auf die Literatur sondern die einschlägigen Argumente des Autors einbringen.

Die Diskussion bezog sich vor allem auf den Satz: "Alles, was geschieht, geschieht im Raum und Zeit". Das heißt, dass die Wirklichkeit räumlich und zeitlich angeordnet ist, dass alles was existiert, zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort existiert.

Bestritten werden diese Aussagen wohl von keinem Teilnehmer dieser Runde.

Der Unterschied besteht darin, dass die einen sagen: "Die Kategorien Raum und Zeit werden von uns zusammen mit den Objekten wahrgenommen, sie werden durch unsere Wahrnehmung gewonnen",


während die andern sagen: "Die Kategorien Raum und Zeit machen unsere Wahrnehmungen erst möglich, sie konstituieren unsere Wahrnehmung".

Meine Frage an die zweite Gruppe: Wenn die Kategorien Raum und Zeit nicht der Wahrnehmung entstammen, woher stammen sie sonst?

Für "denknotwendig" halte ich die Kategorien von Raum und Zeit jedenfalls nicht. Ich verweise hier auf meine besondere Spezies des ortsfest lebenden "Nasenwurzes", der nur über den Geruchssinn verfügt und für den räumliche Begriffe wie "hier" und "dort", "vor" und "hinter" oder "über" und "unter" keinen Sinn haben, weil die von ihm wahrgenommene Welt nicht räumlich geordnet ist.

***

Die Sätze "Jede Veränderung hat eine Ursache" und "Alles geschieht gemäß allgemeinen Gesetzen" sind offensichtlich Sätze über die Beschaffenheit der Realität, über etwas, das sich verändert bzw. geschieht.

Sind diese Sätze unabhängig von aller Erfahrung als wahr zu kennzeichnen? Sind sie überhaupt wahr?

Meiner Ansicht nach muss man den Satz "Alles geschieht gemäß allgemeinen Gesetzen" nicht für wahr halten.

Richtig ist, dass es empirische Regelmäßigkeiten gibt von der Art: "Wenn unter den Randbedingungen x,y,z  a geschieht, dann geschieht auch b."

Richtig ist auch, dass die Existenz und die Kenntnis solcher Regelmäßigkeiten für uns äußerst hilfreich sind, weil das die Voraussetzung für eine gezielte Gestaltung der Zukunft ist.

Insofern ist es äußerst sinnvoll, nach empirischen Regelmäßigkeiten zu suchen, aber es besteht keine Notwendigkeit zu der Annahme, dass alles Geschehen in Form von allgemeinen "Wenn – Dann – Aussagen" beschreibbar ist.


So ist z. B. in Bezug auf radioaktive Substanzen nicht bekannt, warum bestimmte Atome zerfallen und andere nicht. Man kann nur die Anzahl der Atome angeben, die in einer bestimmten Zeit zerfallen.

Dass es möglicherweise keinen Unterschied  gibt zwischen dem Atom x, das zerfällt, und dem Atom y, das nicht zerfällt, beunruhigt uns, weil die Dinge dadurch für uns unberechenbar werden.

Was gleich ist, muss sich unter gleichen Bedingungen auch gleich verhalten, sonst nennen wir es auch möglichst nicht "gleich". Das Denken in regelmäßigen Ursache-Folge-Beziehungen ist tief in uns verankert. Aber es ist keine notwendige Form der Wirklichkeit sondern ein äußerst nützliches heuristisches Prinzip der Forschung.

zum Anfang

Ende von Wahrheit V

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Eigene Beiträge zu "Wahrheit VI"




Wir haben bisher verschiedene Aspekte der Wahrheitsproblematik diskutiert, wie z. B.:

 - Bezieht sich die Kennzeichnung "wahr" auf Sätze oder auf die Bedeutung dieser Sätze?

- Was meinen wir, wenn wir etwas als "wirklich" bezeichnen?

- Woran erkennt man, ob es sich bei einem Satz um eine Aussage über die Wirklichkeit handelt?

- Sagen Werturteile etwas über die Beschaffenheit der Wirklichkeit aus?

- Inwiefern sind Werte und Normen Bestandteil der Wirklichkeit?

- Wie kann man Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit von Definitionen unterscheiden?

- logische und pragmatische Bedeutung von Wahrheitsansprüchen,

- Wahrheit von Aussagen und Erkenntnis als Handlung

- Lebensweltliche und wissenschaftliche Wahrheit

- Wahrheit und logische Widerspruchsfreiheit als Kriterium der Wahrheit

- Wahrheit und Wahrnehmung als Kriterium der Wahrheit

- Wahrheit und innere (Selbst)Wahrnehmung

- Wahrheit und Objektivität von Aussagen

- Wahrheit und intersubjektive Gültigkeit von Aussagen

- Wahrheit und Verlässlichkeit (dauerhafte Gültigkeit) von Aussagen

- Wahrheit und Genauigkeit von Aussagen

- Wahrheit und Vollständigkeit von Aussagen

- Wahr sein und für wahr halten von Aussagen

- Dogmatische und rationale Ansprüche auf Wahrheit

und anderes mehr.

Gegenwärtig geht die Diskussion um die Frage, ob es Aussagen über die Wirklichkeit gibt, deren Wahrheit festgestellt werden kann ohne direkten oder indirekten Bezug auf unsere Wahrnehmungen.

***

 nochmals zu der Frage, welche sprachlichen Gebilde man als "wahr" oder "falsch" auszeichnen soll, die Sätze als solche oder die Sätze mit bestimmten Bedeutungen.

Wenn es die Sätze als grammatisch geordnete Folge von Wörtern sind, die wahr oder falsch sind, dann ist der Satz "Helmut Kohl ist Bundeskanzler" heute falsch. Derselbe Satz war aber im Jahr 1990 wahr.

Damit ergibt sich das Problem, dass der Satz "Helmut Kohl ist Bundeskanzler" das eine mal wahr ist und das andere mal falsch ist. Der Satz bekommt je nach dem Kontext, in dem er geäußert wird, eine andere Bedeutung und ist insofern vieldeutig.

Verantwortlich für die Mehrdeutigkeit des Satzes sind nicht die im Satz vorkommenden Wörter, verantwortlich ist das im Kontext weg gelassene – weil "selbstverständlich" gemeinte - Wort "gegenwärtig".

Das Wort "gegenwärtig" in einem Satz bedeutet: "zu dem Zeitpunkt, an dem dieser Satz geäußert wird". Damit gleicht das Wort "gegenwärtig" einer mathematischen Variablen x, die verschiedene Werte annehmen kann.

Ausführlich formuliert lautet der Satz "Helmut Kohl ist Bundeskanzler'" also: "Helmut Kohl ist zu dem Zeitpunkt, an dem dieser Satz geäußert wird, Bundeskanzler."

Er hat deshalb soviel verschiedene Bedeutungen, wie es Zeitpunkte der Äußerung dieses Satzes gibt.

Nun ist bekannt, dass das Argumentieren mit mehrdeutigen Sätzen problematisch ist, weil ein unbemerkter Wechsel der Bedeutungen von Wörtern stattfinden kann. Durch Mehrdeutigkeit kann sich ein Bedeutungsgehalt in die Schlussfolgerung einschmuggeln, der in den ursprünglichen Prämissen gar nicht implizit enthalten war.


Nicht umsonst lautet die grundlegende methodische Forderung der deduktiven Logik: "A gleich A". Wenn dies nicht gewährleistet ist, wenn A nicht mit sich selbst identisch ist sondern die Bedeutung von A je nach Kontext ein anderer ist, dann ist nicht mehr gewährleistet, dass die Wahrheit der Prämissen auf die Konklusionen übertragen wird. Dann kann man aus dem Satz "Das Bier hat eine schöne Blume" unzulässiger Weise folgern "Also blüht das Bier".

Und aus dem Satz "Helmuth Kohl ist (im Jahr 1990) Bundeskanzler" könnte man folgern "Helmut Kohl bestimmt (im Jahr 2005) die Richtlinien der Politik.

Um solche logischen Fehler zu vermeiden, sollte vor Anwendung logischer Schlussfolgerungen die Mehrdeutigkeit von Wörtern und Sätzen durch die Einführung unterschiedlicher Begriffe für unterschiedliche Bedeutungen beseitigt werden.

Damit wird bereits VOR jeder Argumentation der Kontextabhängigkeit von Wort- und Satzbedeutungen entsprochen. Innerhalb einer logischen Argumentation stiftet die Vieldeutigkeit aufgrund von kontextabhängigen Bedeutungen nur Verwirrung.

Du schreibst: "Die aussage, helmut kohl sei bundeskanzler, muss nicht intertemporal stabil sein, sondern vielmehr -ich entlehne einen begriff aus der mathematik/informatik- es muss entscheidbar sein, ob dem so ist, oder nicht.

helmut kohl ist zwar eine person auf die es einmal zutraf, bundeskanzler zu sein - er ist jedoch nicht der aktuelle, d. h. am 19.01.2005, bundeskanzler. in diesem sinne ist die aussage "helmut kohl ist der aktuelle bundeskanzler" im kontext des jahres 2005 falsch."

Meine Frage an Dich: Wie setzt Du die von Dir geforderte Entscheidbarkeit praktisch um?

***

Wir hatten gesagt, dass das Kriterium für die Wahrheit von Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit unsere Wahrnehmungen sind.

Wenn also behauptet wird, dass der schiefe Turm von Pisa gestern umgefallen ist, so ist für die Wahrheit dieser Aussage entscheidend, ob man sich durch eigenen Augenschein (oder indirekt durch vertrauenswürdige Berichte von Augenzeugen, Dokumente oder Indizien) von der Wahrheit dieser Behauptung überzeugen kann.

In diesem Zusammenhang kam die Frage auf, ob man wahre Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit machen kann, ohne deren Wahrheit anhand unserer Wahrnehmungen prüfen zu müssen. Beispiele für die sprachliche Wiedergabe von Wahrnehmungen wären: "Ich sehe vor mir einen viereckigen Tisch", "Ich hörte einen lang anhaltenden Heulton", "Ich spüre, wie mein Herz schlägt", "Es riecht nach Vanille".

Da die Erörterung derart elementarer Sachverhalte wie Raum und Zeit erfahrungsgemäß nicht leicht ist, sollten wir diese Frage anhand eines konkreten Beispiels diskutieren. Diejenigen, die der Meinung sind, dass es Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit gibt, deren Wahrheit wir ohne Rückgriff auf die Inhalte unserer Wahrnehmung feststellen können, sollten am besten eine solche Aussage formulieren.

Da keinerlei Kritik an dem von mir formulierten Satz kam (" Alles, was geschieht, geschieht in Raum und Zeit" ), sollten wir die Frage vorerst an diesem Beispiel diskutieren.

Ich verstehe die Bedeutung dieses Satzes so, dass die Wirklichkeit räumlich und zeitlich angeordnet ist. Oder anders ausgedrückt: dass alles, was existiert und somit wirklich ist, zu einem bestimmten Zeitpunkt und an einem bestimmten Ort existiert.

Als erstes muss die Frage beantwortet werden, ob es sich bei dem Satz: um einen Satz über die Beschaffenheit der Wirklichkeit handelt.

Es könnte sich bei näherem Hinsehen auch um eine Tautologie, also in der Sprache Kants um ein "analytisches Urteil" handeln.

Dies wäre dann der Fall, wenn wir das Wort "Wirklichkeit" zuvor als das definiert hätten, was zu einem bestimmten Zeitpunkt und an einem bestimmten Ort existiert.

Diese Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen. So formulierst Du in Deinem Beitrag vom 14. Januar: " … Die Wahrnehmung samt ihrer Räumlichkeit und Zeitlichkeit ist ja das, was unsere Wirklichkeit ÜBERHAUPT strukturiert. Oder anders gesagt: Wir nennen etwas "wirklich", wenn es in Raum und Zeit wahrgenommen wird. d. h. Wahrnehmung in Raum und Zeit ist ein KRITERIUM, ein Konstituens dessen, was wir "Wirklichkeit" nennen."

Die entscheidende Frage ist, ob hier mit dem Wort "Konstituens" etwas anderes bezeichnet wird als ein "Definiens", und ob damit aus den Begriffen möglicherweise nur das herausholt wird, was zuvor hineingesteckt wurde.

Du führst zur Bedeutung des Wortes "konstituieren" aus: "Dass Raum und Zeit konstitutiv für unsere Wahrnehmung sei, bedeutet .., dass wir keine einzelne Wahrnehmung machen können, die nicht räumlich oder zeitlich wäre. … d. h. wir können von unserer Wahrnehmung ALLGEMEIN sagen, sie sei räumlich und zeitlich." Die Worte "Raum" und "Zeit" bezeichnen allgemeine "Formen der Anschauung", "denn JEDE unserer einzelnen Anschauungen ist räumlich und zeitlich".

Folgt aus dem bisher Gesagten, dass es sich bei dem Satzes "Alles, was geschieht, geschieht in Raum und Zeit" um eine Aussage über die Wirklichkeit handelt, deren Wahrheit wir ohne Rückgriff auf die Inhalte unserer Wahrnehmung feststellen können?

Aus meiner Sicht stellen sich die Dinge folgendermaßen dar. Dass die Welt räumlich und zeitlich geordnet ist, ergibt sich aus meinen Wahrnehmungen.

Ich öffne die Augen und bemerke Ungleiches: An einer Stelle ist es hell, an einer anderen ist es dunkler. Mit dieser Unterscheidung von zwei Orten ist die Grundlage für eine räumliche Wahrnehmung und den Aufbau eines räumlich geordneten Weltbildes gelegt.

Ich halte die Augen weiter geöffnet und bemerke Ungleiches: Dort, wo es dunkel war, ist es nicht mehr dunkel. Mit dieser Wahrnehmung einer Veränderung (" Erst ist es so, dann ist es nicht so" ) ist die Grundlage für eine zeitlich geordnete Wahrnehmung und den Aufbau eines zeitlich geordneten Weltbildes gelegt.

Dagegen hätte mich mein Geruchsinn wohl kaum zur Unterscheidung verschiedener Orte und zu einer räumlichen Weltsicht gebracht.

Soviel erstmal. Ich denke, es gibt hiermit bereits genug Diskussionsstoff.

***

Gegenwärtig sehe ich noch nicht die Notwendigkeit, den Begriffsapparat Kants zu übernehmen, um begreifen zu können, wie die Erkenntnis unserer Welt möglich ist.

Ich hatte geschrieben:

" Dass die Welt räumlich und zeitlich geordnet ist, ergibt sich aus meinen Wahrnehmungen."

Wenn ich meine Augen öffne und ich würde nichts als ein gleichförmiges Grau sehen, dann könnte ich aus dieser Wahrnehmung keinerlei Räumlichkeit ableiten (obwohl ich zwei Augen habe, die zwei Bilder an mein Großhirn senden, so dass mir selbst ohne eigene Ortsveränderung ein räumliches Sehen möglich ist.)

Da ich aber z. B. unterschiedliche helle Stellen sehe, kann ich den Ort der einen (helleren) Stelle von dem Ort der anderen (dunkleren) Stelle unterscheiden und entnehme meiner Wahrnehmung eine räumliche Welt in der es ein "hier" und "dort", ein "vor" und "hinter", ein "über" und "unter", ein "links daneben" und "rechts daneben", in dem es also Orte, Richtungen (" von" und "nach" ), und Entfernungen (" dicht neben" und "weit von" ) gibt.

So einfach ist das. (Den letzten Satz habe ich speziell für diejenigen unter unseren Kritikern eingefügt, die darauf bestehen, dass die Wahrheit doch einfach sei, und dass dies mit der Länge unseres Diskurses nicht vereinbar sei…).

Und wenn ich meine Augen öffne, und sehe die ganze Zeit nur ein und dasselbe unveränderliche Bild, dann könnte ich aus dieser Wahrnehmung keinerlei Zeitlichkeit ableiten (obwohl ich eine Erinnerungsvermögen habe, in dem die Bewusstseininhalte mit ihrer zeitlichen Abfolge geordnet abgelegt werden, so dass mir grundsätzlich der Aufbau eines zeitlich geordneten Weltbildes möglicht ist.)

Da es also bei mir noch nicht transzendental geblitzt hat, versuche ich mühsam, die Begriffe zu ordnen. Die größte Gefahr scheinen mir im Augenblick zirkelhafte Begriffsbestimmungen zu sein nach dem Muster: "Was wirklich ist, muss wahrgenommen werden können" und "Wahrnehmungen unterscheiden sich von Einbildungen dadurch, dass sie sich auf die Wirklichkeit beziehen."

***

Wir sind uns einig, dass man im Alltag ständig Sätze spricht, deren Bedeutung sich nur aus dem Kontext ergibt. Der Satz: "Sein Ton ist fest und geschmeidig" bedeutet im Kontext eines Geigenunterrichts etwas anderes als beim Töpferkurs.

Wir sind uns wohl auch einig, dass sich aus einer derartigen Mehrdeutigkeit Probleme ergeben können. Wenn A den akustischen Ton meint und B das Material zum Töpfern, dann kann A recht haben, wenn er den Satz "Sein Ton ist fest und geschmeidig" behauptet und gleichzeitig kann auch B recht haben, wenn er den Satz "Sein Ton ist NICHT fest und geschmeidig" behauptet.

In der Logik kann aber nicht sowohl eine Aussage als auch deren Verneinung wahr sein. Wenn wir uns also nicht von der Logik verabschieden wollen, sollten wir nur dann von "demselben Satz" sprechen, wenn wir damit den Satz in einer bestimmten Bedeutung meinen. Ein mehrdeutiger Satz wäre folglich kein "richtiger" Satz im Sinne der Logik, da er sowohl wahr (in der einen Bedeutung) als auch falsch (in der anderen Bedeutung) sein kann.

Die Frage nach wahr oder falsch kann man demgemäß nur in Bezug auf eindeutig interpretierte Sätze stellen.

Texte, die auf ihre Wahrheit hin geprüft werden, sollten deshalb bereits interpretiert sein.

Auf jeden Fall muss sich aus dem Kontext eine bestimmte Bedeutung ergeben. Wo es trotz Kontextabhängigkeit auf eine eindeutige Interpretation ankommt, wie z. B. bei Versuchsprotokollen oder Testamenten, werden deshalb gewöhnlich Ort, Datum und Unterschrift verlangt, damit klar ist, wer "ich" ist, wo "hier" ist und wann "heute" ist.

Noch ein kleiner Nachtrag zu der Frage, welche Sätze etwas über die Beschaffenheit der Wirklichkeit aussagen und welche nicht.

Der Satz: "Er verspricht, ihre Schulden zu bezahlen" ist ein Satz über die Beschaffenheit der Wirklichkeit.
Dagegen enthält der Satz "Ich verspreche, ihre Schulden zu bezahlen" keine Aussage über die Beschaffenheit der Wirklichkeit, sondern ist eine Handlung, die im Medium der Sprache vorgenommen wird. Dieser Satz ist ein "Sprechakt" (im Sinne Searles), durch den eine Verpflichtung geschaffen wird.

***

Du schreibst: "Ich frage mich, wie du von den diffusen hell-dunkel (" hellere/dunklere Stelle" ) bzw. farblichen Eindrücken zur "Wahrnehmung" von Räumlichkeit kommst. Das sind doch lediglich Hell-Dunkel- und Farbschattierungen, die per se zunächst überhaupt nichts Räumliches an sich haben."

Das Räumliche, das sich aus dem optischen Eindruck einer hellen und einer dunklen Stelle ergibt, ist das NEBENEINANDER von Unterschiedlichem. Wenn Helles und Dunkles nicht NEBENEINANDER, also an verschiedenen Orten liegen würden, könnte ich sie nicht unterscheiden.

Du schreibst weiter: "Die Fähigkeit zur räumlich-zeitlichen Strukturierung kommt … nicht aus dem sinnlich vermittelten Material, ist nichts was wir irgendwie sinnlich rezipieren würden, sondern hat seinen Ursprung im erkennenden Subjekt."

Dies ist sicherlich richtig. Die entscheidende Frage ist aber:

Wird die raumzeitliche Strukturierung der Welt erst durch unsere menschlichen Fähigkeiten ERZEUGT,

oder ist es sinnvoll ist zu sagen, dass es die raumzeitliche Strukturierung der Welt unabhängig von einem erkennenden Subjekt gibt? Um konkret zu werden:

Wissenschaftlichen Untersuchungen gemäß gibt es uns Menschen seit 1-2 Millionen Jahren. Die Erde gibt es jedoch bereits seit ca. fünf 5 Milliarden Jahren.

Ist es also sinnvoll zu sagen: "Schon bevor es Menschen gab, umkreiste die Erde die Sonne" ? Dies ist ja ein raumzeitliches Geschehen.

***

Du schreibst: "Bei Thomas und Eberhard vermisse ich vor allem eine Differenzierung zwischen den einzelnen Wahrnehmungen (Plural!) mit ihren jeweils so und so gegebenen 'Inhalten' einerseits und der "Wahrnehmung überhaupt" andererseits, die als "Form" ALLEN unseren einzelnen Wahrnehmungen gemeinsam sein muss, weil es immerhin stets UNSERE Wahrnehmungen sind. … Ohne diese systematische Unterscheidung lässt sich die Frage, wie wir zur (durchgängigen) Räumlichkeit und Zeitlichkeit unserer Wahrnehmungen kommen, gar nicht präzisieren. Eberhards Ansicht scheint mir geradezu in der Weigerung zu bestehen, diese Differenzierung überhaupt machen."

Ich unterscheide zwischen zwei Bedeutungen des Wortes "Wahrnehmung" :

1. "Wahrnehmung (1)" = die Fähigkeit, "Wahrnehmungen (2) zu machen, und

2. "Wahrnehmung (2)" = die Aufnahme und Verarbeitung bestimmter Reize.

Du sprichst zusätzlich von der "Wahrnehmung überhaupt", der "Form", die allen unseren einzelnen Wahrnehmungen gemeinsam sein muss".

Allen Wahrnehmungen (2) ist gemeinsam, dass sie Sensoren für den Empfang der Reize voraussetzen. (Da uns diese für radioaktive Strahlen fehlen, können wir sie nicht wahrnehmen.)

Außerdem muss es Verbindungen geben, die die aufgenommenen Reize zur Verarbeitung weiterleiten. (Wenn der Geschmacksnerv bei einer Operation aus Versehen durchgetrennt wird, können wir nicht mehr Süßes oder Salziges wahrnehmen.)

Schließlich muss es noch Einrichtungen mit den dazugehörigen Programmen für die Verarbeitung der eingehenden Reize geben. (Wer als Hirntoter im Koma liegt, kann nichts mehr wahrnehmen.)

Diese allgemeinen Aussagen zur Wahrnehmung sind sicher nicht das, was Du suchst, ebenso wenig wie die allgemeinen Aussagen, die die Psychologen über die Wahrnehmung machen. Ich kann bisher nicht einsehen, dass ich mich "weigere" irgendein einsichtiges Argument zu akzeptieren.

Als Beleg für die aller Wahrnehmung zugrunde liegende räumliche Struktur, die wir nicht aus der Erfahrung gewinnen, führst Du mit Kant die euklidische Geometrie an: "Kant behauptet, dass wir z. B. die Gegenstände der Geometrie nicht rein begrifflich erfassen oder konzipieren können. Eine Linie, ein Dreieck, ein rechter Winkel ... von diesen Dingen hätten wir keine Vorstellungen ohne Anschauung. Diese allgemeine Form unseres Anschauens ist nach Kant auch die Voraussetzung dafür, dass wir z. B. geometrische Gesetze formulieren können, die streng allgemein und notwenig sind – und zwar auch in ihrer Anwendung auf die Empirie: JEDES einzelne Dreieck, das wir konstruieren (und dann anschauen) können, hat die Winkelsumme von 180 Grad."

Meiner Meinung nach handelt es sich bei den Gegenständen der Geometrie, wie z. B. einem ebenen Dreieck, um gedankliche Konstruktionen. Die mengentheoretische Formulierung der Geometrie benutzt als einen Grundbegriff den "Punkt". Dieser ausdehnungslose geometrische Ort kommt in der Wirklichkeit nicht vor. Entsprechendes gilt für die "Gerade".

Dies sind theoretische Modellkonstruktionen, die jedoch u. U. empirisch interpretiert werden können. Sofern dies möglich ist, gelten dann alle "Gesetze" der Geometrie auch für diesen Bereich der Wirklichkeit, und das ist eine geniale Erfindung.

Aber es gibt auch eine nicht-euklidische z. B. sphärische Geometrie, bei der z. B. die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten KEINE Gerade ist. Hier handelt es sich um eine andere Modellkonstruktion, die in vielen Gebieten der euklidischen Geometrie hinsichtlich der empirischen Interpretierbarkeit überlegen ist.

***

Ich habe nicht den Eindruck, dass hier die Diskussion mit Zitaten philosophischer Autoritäten entschieden wird. Das waren eher Randerscheinungen.

Wenn Kant Richtiges zur Beantwortung unserer Fragen geschrieben hat, dann ist es sinnvoll, seine Argumente hier einzubringen. Bloße Verweise auf Autoren zählen hier nichts.

Ich sehe allerdings die Gefahr, dass damit die Terminologie Kants eingebracht wird, und die Nicht-Kantianer gezwungen sind, ihre Gedanken in dieser Terminologie auszudrücken, wenn sie auf Argumente der "Kantianer" eingehen wollen.

Ich denke da an Begriffe wie "Anschauung" oder "konstituieren". Hier muss das vorhandene Bemühen um eine einheitliche Terminologie bzw. um ineinander übersetzbare Terminologien meines Erachtens noch verstärkt werden

***

Zur besseren Übersicht scheint es mir sinnvoll, den jetzigen Stand unserer Diskussion fest zu halten.

Wir waren uns darüber einig, dass das Kriterium für die Wahrheit von Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit unsere Wahrnehmungen sind.

Es war nicht strittig, dass uns intersubjektiv übereinstimmende Wahrnehmungen möglich sind.

Es war nicht strittig, dass wir intersubjektiv verständliche Begriffe für die sprachliche Wiedergabe unserer Wahrnehmungen durch Sprachlernen besitzen bzw. durch Begriffsbestimmung schaffen können.

Es war auch nicht strittig, dass sich die Probleme ungenauer oder fehl interpretierter Wahrnehmungen sowie Sinnestäuschungen bewältigen lassen.

Das ist eigentlich bereits ausreichend, um mit dem Anspruch auf Wahrheit Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit machen zu können.

Es kamen dann im Zusammenhang mit Kants Theorie der Erkenntnis zwei weitere Fragen auf:

1.      Wie ist die Wahrnehmung von Gegenständen möglich?

2.      Gibt es Aussagen über die Welt, die wir ohne Begründung durch Wahrnehmungen für wahr halten müssen?

Bisher haben wir keine Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit ausgemacht, die ohne Begründung durch Wahrnehmungen als wahr anzusehen sind.

Da nicht bestritten wird, dass es intersubjektiv übereinstimmende Wahrnehmungen der Wirklichkeit gibt, stellt sich die Frage, ob es überhaupt notwendig ist, die Möglichkeit dieser Wahrnehmungen zu begründen und was damit gewonnen ist. Auf die Frage: "Wie ist es dir möglich, den Kugelschreiber vor dir auf dem Schreibtisch wahrzunehmen und dies durch den Satz: 'Vor mir auf dem Schreibtisch liegt ein Kugelschreiber' sprachlich auszudrücken?" geben Thomas und ich Antworten wie: "Die Bedeutung der Wörter 'Kugelschreiber', 'vor mir' oder 'liegen' habe ich von meinen Eltern gelernt. Dadurch und durch die Fähigkeiten, die ich durch meine Augen und mein Gehirn habe, ist es mir möglich, den Kugelschreiber wahrzunehmen und dies sprachlich auszudrücken. Die genauere Erklärung für meine Wahrnehmungsfähigkeit ist Aufgabe der Psychologie und der Physiologie, die hier bereits viele Erkenntnisse gewonnen haben."

Hermeneuticus hält dieser Antwort entgegen: Diese Wissenschaften setzen selber die Möglichkeit der Wahrnehmung bereits voraus und können diese deshalb nicht erklären.

Andererseits kann man aber die Möglichkeit eines empirischen Vorgangs wie der Wahrnehmung nicht anders erklären als durch Rückgriff auf empirische Erkenntnisse. Deshalb wäre es sinnvoll, wenn Hermeneuticus erklären würde, wie die Frage nach der Möglichkeit von Wahrnehmung der gegenständlichen Welt sonst zu verstehen ist. Und er sollte die Frage beantworten, warum es mir möglich ist, zu erkennen, dass vor mir auf dem Schreibtisch ein Kugelschreiber liegt.

***

Du fragst: "Kann es eine naturwissenschaftliche Erkenntnis vom menschlichen Erkennen geben, die zugleich auch das Wahrheitsproblem löst?" und interpretierst unseren Dissens so, dass Du die Frage mit 'Nein' beantwortest und Thomas J und ich mit 'Ja'.

Ich weiß nicht, wie Du zu der Ansicht kommst, dass ich ein "Szientist" sei, der das Wahrheitsproblem mit den Methoden der Naturwissenschaft lösen will.

Wenn ich sage: "Die Wahrheit einer Aussage über die Beschaffenheit der Wirklichkeit erweist sich daran, dass sich aus dieser Aussage Wahrnehmungen ableiten lassen, die mit unseren tatsächlichen Wahrnehmungen übereinstimmen" dann ist das doch kein naturwissenschaftlicher Satz über einen empirischen Vorgang, sondern eine methodische Regel zur Gewinnung von Erkenntnis.

Erst für die Beantwortung der von Dir, Dyade und Verena gestellten Frage: "Wie ist uns die Wahrnehmung von Gegenständen überhaupt möglich?" haben ich und Thomas J auf Ergebnisse der empirischen Wissenschaften vom Menschen verwiesen, und dies zu Recht. Wenn jemand mir die Frage stellen würde: "Wie ist es einem Menschen möglich, einen Stein weiter als 20 Meter zu werfen?" dann würde ich mich in gleicher Weise an die Ergebnisse der empirischen Wissenschaften vom Menschen halten, da ich nichts Besseres kenne. Ich frage Dich deshalb: "Wie begründest Du, dass es uns möglich ist, Gegenstände wahrzunehmen?"

Zum Schluss noch eine Feststellung, auf die manch einer heftig reagieren wird, aber ich halte die Frage: "Wie ist uns die Wahrnehmung von Gegenständen überhaupt möglich?" nicht für zentral in unserem Zusammenhang.

Ich kann meine Augen zum Sehen benutzen, auch wenn ich nicht weiß, was beim Sehen in meinen Augen, meinem Sehnerv und in den Sehzentren meines Gehirns geschieht.

Ich kann auch nicht besser sehen, wenn ich die am Sehen beteiligten Organe und deren Funktion für die Erzeugung eines Bildes in meinem Bewusstsein kenne.

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Ich hatte geschrieben: Bisher haben wir keine Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit ausgemacht, die ohne Begründung durch Wahrnehmungen als wahr anzusehen sind.

Damit habe ich die an Kant orientierten Beispiele aus der Mathematik, der Geometrie und zur Realität von Raum und Zeit gemeint.

Du bringst jetzt andere Sätze in die Diskussion: "phänomenologische, reflexive Aussagen über die Elemente und Strukturen unserer Erkenntnis"

Für die weitere Diskussion schlage ich vor, dass Du solche Aussagen einmal formulierst, damit wir prüfen können, ob es sich dabei - wie du meinst - um Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit handelt, die ohne Begründung durch Wahrnehmungen als wahr anzusehen sind. Dabei wird sich am besten klären lassen, ob und inwiefern wir unter den Worten "Wirklichkeit" und "Wahrnehmung" Verschiedenes verstehen.

Soweit mein Vorschlag zum weiteren Vorgehen.

Nun zu den Inhalten Deiner Kritik, jedenfalls so weit du mich kritisierst. ... 

Von Deiner Kritik an einem unzulässigen Wechsel der Perspektive zwischen Beobachter und Teilnehmer sowie Deiner Kritik  an "szientistischen" Positionen fühle ich mich nicht getroffen. Ich habe durchgängig die philosophische Perspektive eingenommen, Kriterien und Methoden der Wahrheitsfindung in Bezug auf die Beschaffenheit unserer Welt zu gewinnen.

Deshalb war ich auch skeptisch, als versucht wurde, die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit gegenständlicher Wahrnehmung einzubeziehen. Denn so wie ich diese Frage bisher verstehe, ist dies eine Frage zur Beschaffenheit der Wirklichkeit (nämlich unserer Sinnesorgane und unseres Nervensystems), und nicht eine Frage zu den Kriterien der Wahrheit solcher Aussagen.

Diese Vermengung von zwei verschiedenen Arten von Fragen, den inhaltlichen realwissenschaftlichen Fragen einerseits und den methodischen Fragen realwissenschaftlicher Erkenntnis andererseits, spiegelt sich deutlich in Deinen abschließenden Fragen: "Sind Perzeptionen denn wirklich 'empirische Vorgänge'? Sind Gedanken empirisch? Ist die Logik ein Zweig der empirischen Psychologie? Geht der Austausch von Argumenten z. B. in einer wissenschaftlichen oder philosophischen Debatte in einer 'empirischen' Beschreibung auf?"

Wenn ich etwas sehe, z. B. ein näherkommendes Auto, so ist das ein realer Vorgang. Er wirkt sich auch real aus: Wenn ich ein näher kommendes Auto sehe, überquere ich nicht die Straße sondern bleibe stehen. Wenn ich kein Auto sehe, dann gehe ich über die Straße.

Damit ist jedoch in keiner Weise etwas darüber entschieden, ob man diese und andere Wahrnehmungen zur Begründung von Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit heranziehen kann oder muss.

Auch Gedanken sind etwas real Vorhandenes und haben ihre realen Auswirkungen. Wenn meine Gedanken als verschusselter Philosoph beständig um das Wahrheitskriterium kreisen, dann bemerke ich im Bäckerladen nicht, dass ich zu wenig Wechselgeld herausbekommen habe.

Damit ist jedoch nicht gesagt, dass meine Gedanken auch richtig sein müssen.

Aber die Logik ist kein realer Gegenstand, real ist höchstens das Buch oder der Vortrag, in dem sie abgehandelt wird. Kein psychologisches Experiment kann die Gültigkeit einer Schlussregel begründen. Die Regeln der Logik sind methodische Anweisungen, die man beachten muss, wenn man richtige Antworten auf gestellte Fragen finden will. Es sind Normen der Argumentation, die aus diesem Ziel abgeleitet sind. Die Begründung solcher methodischer Normen kann eine Beobachtung tatsächlicher Vorgänge nicht leisten.

Zu Deiner letzten Frage: "Geht der Austausch von Argumenten z. B. in einer wissenschaftlichen oder philosophischen Debatte in einer 'empirischen' Beschreibung auf?" Nein, die Beobachtung dessen, was real in einer Diskussion über die Wahrheit einer Behauptung geschieht, kann z. B. nicht die zentrale Frage beantworten, ob ein Diskussionsteilnehmer mit seiner Behauptung Recht oder Unrecht hat.

Wenn jemand in einer Diskussion nicht auf meine Argumente eingeht, sondern anfängt, als Soziologe, Psychoanalytiker, Gehirnforscher, Marxist, Verhaltensforscher oder Evolutionsforscher ÜBER mich zu sprechen und meine Argumente nicht als solche ernstnimmt, sondern wenn er mittels seiner Theorie von einer höheren Warte aus erklärt, warum ich nur so und nicht anders argumentieren kann, dann ist damit der Diskussion die Grundlage entzogen und ich beende die Diskussion.

***

Wenn ich sage: "Ich sehe vor mir in 20 Meter Entfernung einen Vogel" und erkläre diese Wahrnehmung in Begriffen der Physik, Physiologie und Psychologie, dann widersprichst Du und sagst: "Nein, Du siehst keinen Vogel sondern nur das Bild eines Vogels. Du hast noch nie einen Vogel gesehen."

Sollte dies Deine Position sein, dann kann ich dazu nur feststellen, dass Du das Wort "sehen" unkonventionell um nicht zu sagen: falsch gebrauchst. "Etwas sehen" bedeutet "etwas mit den Augen optisch wahrnehmen".

Wenn der Vater bei einem nächtlichen Spaziergang zum Himmel zeigt und zu seinem Kind sagt: "Dort ist der Mond! Kannst du ihn sehen?" und das Kind antwortet: "Ja, ich sehe den Mond. Er ist heute ganz rund", bringt der Vater dem Kind dann falsches Deutsch bei? Müsste er richtig sagen: "Kannst du das BILD des Mondes sehen?"

Nein, dafür gibt es keinen Grund, denn was er sagt, ist klar und verständlich.

Wenn ich mit dem Fotoapparat den Kölner Dom fotografiere, dann erzeugt mein Fotoapparat ein Bild vom Kölner Dom und nicht ein Bild vom Bild des Kölner Doms.

In derselben Weise sehe ich den Kölner Dom und nicht ein Bild des Kölner Doms, auch wenn meine optische Wahrnehmung dabei über eine Abbildung des Kölner Doms auf meiner Netzhaut erfolgt.


Und wenn das Radargerät einen fünf Kilometer entfernten Hubschrauber erfasst, dann wäre es in ähnlicher Weise ein unüblicher bzw. falscher Gebrauch der Sprache, wenn ich den Fluglotsen frage: "Wo hat das Radargerät den Hubschrauber geortet?" und er antwortet: "Direkt im Gerät, denn dort findet die Ortung ja statt."

Sprachverwirrung ist eines der größten Hindernisse des Denkens. Man sollte sie nicht noch bewusst fördern

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Du fragst : "Wie könntest du je etwas anderes als einen subjektiven Bewußtseinsinhalt sehen? "Wenn man unter "sehen" versteht: "mit den Augen wahrnehmen"   (so mein Sprach-Brockhaus, dann habe ich noch niemals meinen Bewusstseinsinhalt gesehen, denn (zum Glück) kann niemand Bewusstseinsinhalte mit seinen Augen wahrnehmen, auch nicht die eigenen Bewusstseinsinhalte.

Also ist die Antwort auf Deine rhetorische Frage entweder falsch, oder Du gebrauchst das Wort "sehen" anders als üblich

***

Wo stehen wir mit unserer Diskussion? Wir suchen nach richtigen Antworten auf die Fragen: Wann ist eine Aussage über die Beschaffenheit der Wirklichkeit wahr?

Was ist das Kriterium für die Wahrheit von derartigen Aussagen?

Die von fast allen akzeptierte Antwort darauf lautete:

Wenn eine Aussage über die Wirklichkeit wahr sein soll, dann müssen die aufgrund der Aussage zu erwartenden Wahrnehmungen mit unseren tatsächlichen Wahrnehmungen vereinbar sein. 

Es bestand unter uns jedoch keine Übereinstimmung über die genaue Bedeutung der Wörter "Wirklichkeit" und "Wahrnehmung".

Einigen Diskussionsteilnehmern war die Feststellung wichtig, dass ein ungeordneter Strom von Sinneseindrücken als solcher kein Kriterium für die Wahrheit einer Aussage über die gegenständliche Welt darstellen kann.

Beispielhaft für diese Position ist Verenas letzter Beitrag in dem es heißt: "Immer sind letztlich einheitsstiftende Vorstellungen von Entitäten vonnöten, um den Zusammenhang unsrer einzelnen sinnlichen Eindrücke zu gewährleisten und damit die im Wechsel unterschiedlicher Eindrücke sich durchhaltende Wahrnehmung Desselben (derselben Entität), wenn unsre Wahrnehmung kein chaotischer Fluss zusammenhangloser sinnlicher Eindrücke bleiben soll.

Die Entität ist .. etwas prinzipiell von sinnlichen Eindrücken Verschiedenes … etwas Vorgestelltes."

Sie forderten deshalb die Bestimmung derjenigen strukturierenden Elemente, die aus diesen Sinneseindrücken ein Kriterium für die Wahrheit von Aussagen erzeugen.

In diesem Zusammenhang wurden verschiedene Leistungen des menschlichen Verstandes bzw. Gehirns erörtert, die über die reine Aufnahme und Ansammlung einzelner Sinnesreize hinausgehen, wie die Gestalterkennung, die gezielte Lenkung der Aufmerksamkeit, die gezielte Erforschung der Wirklichkeit einschließlich ihrer Veränderung zur Durchführung von geplanten Experimenten u. a. m.

Ob die Verfolgung dieser Fragen hilfreich für die Beantwortung unserer anfänglichen Frage ist, blieb umstritten.

Soweit mein - hoffentlich nicht zu einseitiger - Überblick.

Im Folgenden meine Überlegungen hierzu.

Am Text Verenas wird deutlich, dass es ihr um die elementarsten Dinge der Erkenntnis geht: Verena stellt die Frage: "Wie ist es überhaupt möglich, dass wir Gegenstände erkennen?" offenbar ohne Bezugnahme auf eine bereits verfügbare Sprache.

Wenn man die Existenz einer erlernbaren Sprache voraussetzt, dann bilden die in dieser Sprache enthaltenen Namen und Begriffe die strukturierenden Elemente für unsere Wahrnehmung, und das Problem des ungeordneten Stroms von Sinnesreizen ist damit weitgehend entschärft.

Vor diesem Hintergrund hatte ich auf die Frage, wie es möglich ist, Gegenstände wahrzunehmen, geschrieben: "Die Bedeutung der Wörter 'Kugelschreiber', 'vor mir' oder 'liegen' habe ich von meinen Eltern gelernt. Dadurch und durch die Fähigkeiten, die ich durch meine Augen und mein Gehirn habe, ist es mir möglich, den Kugelschreiber wahrzunehmen und dies sprachlich auszudrücken."

Genau genommen müsste mit einer Problematisierung elementarster Dinge der Erkenntnis, wie sie Verena vornimmt, bereits die Fragestellung selber zum Problem werden.

Denn indem ich die Frage nach dem Wahrheitskriterium in deutscher Sprache stelle, muss ich ja deren Existenz und Verständlichkeit voraussetzen.

Und wenn man konsequent die elementarsten Grundlagen in Frage stellen will, dann müsste vorab auch die Frage geklärt werden, wie die Entstehung einer verständlichen Sprache möglich ist.

Ich meine, wir sollten diese Grundlagendiskussion hier nicht weiter fortführen, es sei denn, dass sich daraus Konsequenzen für das Wahrheitskriterium ergeben.

***

Du bleibst also bei Deiner Meinung, dass man (visuelle) Bewusstseinsinhalte sehen kann.

Wenn man unter "sehen" versteht "mit den Augen wahrnehmen", dann lautet Deine Behauptung: "Ich kann mit meinen Augen meine (visuellen) Bewusstseinsinhalte wahrnehmen." Das willst Du offenbar nicht behaupten. Oder?

Wenn nicht, dann muss das Wort "sehen" in Deinem Satz eine andere Bedeutung haben. Leider erläuterst Du diese andere Bedeutung nicht.

Stattdessen versuchst Du, die Wahrheit des Satzes: "Man kann seine (visuellen) Bewusstseinsinhalte sehen" anderweitig zu begründen. Du fragst: "Wenn du noch nie deine Bewusstseinsinhalte gesehen hast, woher weißt du dann von ihnen?"

Meine Antwort: Mach die Augen zu und stell Dir einen Schäferhund mit 8 Beinen, einem himmelblauen Fell und nur einem Auge vor. Deine Phantasie bzw. Vorstellungskraft erzeugt jetzt einen visuellen Bewusstseinsinhalt in Form dieses Hundes, ohne dass Du einen solchen Hund jemals gesehen hast. Diesen Bewusstseinsinhalt kannst Du Dir merken und wieder erinnern, so wie visuelle Wahrnehmungen und alle anderen Bewussteinsinhalte auch.

***

Du weist daraufhin, dass das Kriterium "Vereinbarkeit der theoretisch zu erwartenden Wahrnehmungen mit den tatsächlich gemachten Wahrnehmungen" nicht ausreicht, um die Wahrheit eines Satzes zu bestimmen. Der Grund hierfür liegt darin, dass dieselben wahrnehmbaren Fakten mit unterschiedlichen Theorien erklärt werden können. Es ist dann nicht entscheidbar, welche dieser Theorien wahr ist.

Dem stimme ich zu. Meines Erachtens lassen sich verschiedene Stufen der Geltung von Behauptungen unterscheiden. Eine Aussage kann nicht nur als "wahr" behauptet werden, es gibt auch den abgeschwächten Geltungsanspruch der "(rationalen) Vertretbarkeit" für eine Aussage. Während von zwei sich widersprechenden Aussagen nur eine "wahr" sein kann, können gleichzeitig mehrere einander widersprechende Aussagen "rational vertretbar" sein.

Dies ist z. B. auch dann der Fall, wenn bisher keinerlei geeignete Wahrnehmungen in Bezug auf eine Aussage gemacht wurden.

Für den Wissenschaftler ist ein solcher Zustand jedoch ein ungemütlicher Zustand und er wird versuchen, einen Bereich zu finden oder durch gezielte Versuchsanordnung zu schaffen, wo beide Theorien unterschiedliche Wahrnehmungen erwarten lassen. Ein solches "experimentum crucis" beendet dann die Vertretbarkeit mehrerer konkurrierender Theorien.

Zu Tarskis Formel "Der Satz 'p' ist wahr, wenn p". Die hintere Satzhälfte bildet meiner Meinung nach kein praktikables Prüfkriterium. Wenn jemand behauptet (= mit dem Anspruch auf Wahrheit äußert): "Auf diesem Tisch liegt ein Bleistift", wie kann man entscheiden, ob es so ist, wie behauptet wird? Woher können wir wissen, ob etwas in einer bestimmten behaupteten Weise beschaffen ist?

Dazu einige Beispiele:

Angenommen, jemand behauptet: "Das alte Berliner Stadtschloss an der Spree wurde abgerissen."

Wie kann ich entscheiden, ob diese Aussage wahr ist?

Ist dafür entscheidend, ob ich es richtig finde, dass dies Schloss abgerissen wurde? Ist dafür entscheidend, dass ich geträumt habe, ich ginge durch die Säle des alten Stadtschlosses? Ist dafür entscheidend, dass man in einem Bildband über Berlin ein Foto vom Stadtschloss sehen kann? Muss ich nach Leuten suchen, die den Abriss mit eigenen Augen gesehen haben? Oder ist entscheidend, ob ich das alte Stadtschloss sehe, wenn ich auf den Schlossplatz gehe?

Angenommen jemand behauptet: "Das Ulmer Münster ist höher als der Kölner Dom".

Wie kann ich prüfen, "ob dem so ist" ? Muss ich dazu Meyers Konversationslexikon befragen? Muss ich die Autorität auf dem Gebiet der deutschen Sakralbauten, Dr. Goticus, befragen? Oder muss ich von beiden Gebäuden die Höhe messen und nachsehen, welches Gebäude den größeren Wert erreicht?

Angenommen, jemand behauptet den Satz: "Die Erde ist vor 6.137 Jahren entstanden" Was ist das Kriterium für die Wahrheit dieses Satzes? Muss ich nachsehen, welches Alter der Erde in der Bibel zugesprochen wird? Muss ich nachsehen, welches Erdalter der Patriarch von Moskau nennt? Oder muss ich das Alter der auf der Erde befindlichen Objekte messen (z. B. aufgrund der bekannten Halbwertzeit von radioaktivem Kohlenstoff) und nachsehen, ob eins davon älter als 6137 Jahre ist?

Tarskis Formel : "Ein Satz ist wahr, wenn es so ist, wie der Satz besagt" fasse ich als eine Definition auf, die die Bedeutung des Wortes "wahr" festlegt.

Aus dieser Definition lassen sich folgende weitere Schlussfolgerungen ziehen:

1. Das Wort "wahr" wird ohne Bezug zu irgendeinem Subjekt verwendet.

Es heißt also nicht "wahr für Helmut" oder "wahr für Christen" oder "wahr für mich". Das Prädikat "wahr" gilt also ohne Einschränkung für jedes beliebige Subjekt. Insofern ist der Anspruch auf die Geltung eines Satzes als "wahr" ein Anspruch auf intersubjektive Geltung als wahr.

2. Das Wort "wahr" wird ohne Bezug auf einen bestimmten Zeitpunkt oder Ort verwendet.

Es heißt also nicht: "wahr in Dresden" oder "wahr im Römischen Imperium" oder "wahr im 14. Jahrhundert" oder "heute wahr". Das Prädikat "wahr" gilt also ohne irgendeine raum-zeitliche Einschränkung. Insofern ist der Anspruch auf die Geltung eines Satzes als "wahr" ein Anspruch auf intertemporale und interlokale Geltung als "wahr".

3. Das Wort "wahr" wird ohne Bezugnahme auf den Sprecher des betreffenden Satzes verwendet.

Für die Wahrheit eines Satzes spielt es deshalb keine Rolle, wer diesen Satz behauptet.

***

Mir ging es bei unserm Disput um zwei Punkte:

Zum einen will ich auch zukünftig ohne philosophische Bauchschmerzen sagen können: "Ich habe den Kölner Dom gesehen (und nicht nur ein Bild davon).

Deshalb meine Kritik an der These, man könne keine real existierenden Dinge sehen, sondern nur Bilder dieser Gegenstände.

Zum andern will ich auch künftig ohne philosophische Bauschschmerzen sagen können: "Ich habe das Auto ca. 200 Meter entfernt von hier geparkt."

Deshalb meine Kritik an der Behauptung, es gäbe keine von mir räumlich getrennten Dinge.

Deine Argumente haben mich nicht überzeugt. Sie beruhen u. a. darauf, dass Du bestimmte Worte nicht in ihrer üblichen Bedeutung benutzt. (Ich habe das Wort "sehen" als ein Bespiel für diese Art der Argumentation herausgegriffen).

Ich bin wohl nicht offen genug, um mich von bestimmten Dogmen zu lösen. Nur sehe ich nicht das Argument, dessen Überzeugungskraft ich mich verschlossen hätte.

***

Wenn ich recht sehe, finden wir keinen Satz, der einerseits etwas darüber aussagt, wie die Welt beschaffen ist, und der andererseits unabhängig von irgendwelchen Wahrnehmungen für wahr gehalten werden muss. Wer anderer Meinung ist, sollte einen solchen Satz hier zur Diskussion stellen. Sonst könnten wir diesen Punkt (vorläufig) abhaken,

***

Du hast vorgeschlagen, dass wir einmal umgekehrt fragen, was meinen wir mit dem Wort "Irrtum" ? Wie kann man feststellen, ob man sich geirrt hat?

Zur Begriffsbestimmung:

Es irrt sich immer ein bestimmtes Subjekt in Bezug auf einen bestimmten Satz, den es für wahr hält, obwohl er falsch ist: "irren" bedeutet, "einen falschen Satz  für wahr halten bzw. einen wahren Satz für fasch halten".

Aus dieser Definition folgt:

Der Begriff des Irrtums setzt den Begriff der Wahrheit voraus.

Insofern als man sich der Wahrheit eines Satzes nicht sicher sein kann, kann man sich auch des Irrtums nicht sicher sein. Man kann also auch fälschlicherweise davon überzeugt sein, dass man sich irrt.

Wenn man einen falschen Satz behauptet, den man selber nicht für wahr hält, so ist das kein Irrtum (sondern eine Lüge).

Schwierig wird es, wenn man annimmt, dass ein Mensch sich selbst belügen kann. Dann hält er etwas für wahr, von dem er "eigentlich weiß", dass es falsch ist.

Ich würde auch nicht von einem Irrtum sprechen, wenn jemand weiß, dass ein bestimmter Satz ungewiss ist, und er ihn mangels besseren Wissens trotzdem probehalber seinem Handeln zugrunde legt.

Angenommen ich weiß, dass in dem Korb A 10% der Feigen wurmstichig sind, während im Korb B 50% wurmstichig sind. Wenn ich dann eine Feige aus Korb A nehme, und diese ist wurmstichig, dann habe ich mich nicht geirrt, denn ich würde beim zweiten Mal wiederum eine Feige aus dem Korb A nehmen.

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Du fragst, warum die Feststellung wichtig ist, dass man Aussagen über die Beschaffenheit unserer Welt nicht ohne Rückgriff auf unsere Wahrnehmungen beantworten kann. Meines Erachtens ist dies wichtig, wenn man methodisch richtig an Fragen oder Behauptungen herangehen will.

Ich will kurz skizzieren, was ich unter "richtiger Methode" verstehe.

Angenommen ich habe vor mir einen Text, in dem offenbar etwas behauptet wird, und ich frage mich, ob diese Behauptung richtig ist.

Um festzustellen, ob überhaupt etwas behauptet wird und wenn ja, was, muss ich zuerst die Bedeutung des Textes klären.

Häufig wird aus dem Text nicht deutlich, ob darin Behauptungen aufgestellt werden, oder ob es sich stattdessen um Festlegungen des Wortgebrauchs handelt. Ich nenne als Beispiel den Satz: "Wissen besteht in der richtigen Beantwortung von Fragen".

Oft ist es auch schwer zu erkennen, ob in dem Text ein theoretisches Modell entworfen wird oder ob es sich dabei um Beschreibungen von etwas Wirklichem handelt.

Als Beispiel nenne ich die in der Psychologie und Soziologie vorkommenden Typologien. Wenn jemand den Persönlichkeitstyp des "Cholerikers" oder den sozialen Typ der "matriarchalen Gesellschaft" beschreibt, kann er u. U. ganze Bücher damit füllen, ohne einen einzigen Satz über die wirkliche Welt gesagt zu haben.

Wenn sich nicht klären lässt, was behauptet wird, dann kann ich mir die Überprüfung auf Wahrheit sparen. Erst wenn mir klar ist, was mit der Behauptung gemeint ist, kann ich mich an die Überprüfung der Behauptung machen.

Dazu muss ich wissen, um was für eine Art von Behauptung es sich handelt.

Zum Beispiel muss ich klären, ob behauptet wird, dass etwas in einer bestimmten Weise beschaffen IST, oder ob behauptet wird, dass etwas in einer bestimmten Weise beschaffen sein SOLL. Dies ist weder an der grammatischen Form der Sätze noch an dem Vorkommen bestimmter Worte zu erkennen.

Ein Satz wie: "Der Deutsche ist tapfer, ordnungsliebend und fleißig" kann als Aussage über die Wirklichkeit (die Eigenschaften von Menschen, die deutsche Staatsbürger sind) aufgefasst werden. Er kann jedoch auch als Aufforderung verstanden werden, sich an bestimmten Werten zu orientieren und sich in einer bestimmten Weise zu verhalten. Wenn diese Mehrdeutigkeit nicht beseitigt werden kann, kann ich mir ebenfalls die Mühe der Überprüfung sparen.

Es macht methodisch einen großen Unterschied, ob ich eine Aussage über das, was ist, überprüfe oder über das, was sein soll. Während es bei Aussagen über das, was ist, darauf ankommt, was wir wahrnehmen, kann ich Fragen nach dem, was sein soll, nicht allein durch den Verweis auf Wahrnehmungen und logische Schlussfolgerungen beantworten.

Um diese Überlegung auf uns selber anzuwenden: Es macht methodisch einen großen Unterschied, ob man fragt: "Was geschieht, wenn Menschen etwas wahrnehmen und Überzeugungen herausbilden in Bezug auf die Beschaffenheit unserer Welt?", oder ob man fragt: "Wie muss man seine Wahrnehmungen strukturieren und interpretieren, um zu wahren Aussagen über die Beschaffenheit unserer Welt zu gelangen?"

Die erste Art von Fragen fällt in den Bereich der erfahrungswissenschaftlichen Psychologie und Physiologie. Die zweite Art von Fragen fällt in den Bereich der (normativen) Erkenntnistheorie bzw. der "Methodologie der Erfahrungswissenschaften", wie ich es nennen würde. (Gebräuchlich sind dafür auch die Begriffe "Epistemologie" bzw. "Wissenschaftslogik".)

Empirische und methodologische Fragen darf man nicht unkontrolliert vermischen, wenn man zu richtigen Antworten gelangen will. Die letzteren Fragen können nicht durch die erstere Art von Fragen ersetzt und beantwortet werden, und die Frage, wie man zu wahren Aussagen kommt, kann man nicht durch empirische Untersuchungen dessen beantworten, wie Menschen wahrnehmen und denken.

Wenn Du die unkontrollierte Vermischung von Aussagen unterschiedlicher Ebenen nicht willst, dann solltest Du auch nicht darauf bestehen, dass Deine Reflexionen über die Leistungen von allgemeinen Begriffe und Eigennamen oder über die Notwendigkeit raum-zeitlicher Bezüge in der gleichen Weise etwas über die Beschaffenheit der Wirklichkeit aussagen, wie die Beschreibung von hier und jetzt wahrnehmbaren Dingen.

Ich hoffe, dass ich die Mauer zwischen den "Paradigmen" hiermit etwas abgetragen habe.

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Du schreibst: "Hast du dein Bewusstsein schon mal gesehen, gespürt, oder sonst wie wahrgenommen? Dann wärst du der Erste, … weil das Auge sich nicht selbst sehen kann." Hier irrst Du: Das Auge kann sich in einem Spiegel sehr wohl selber sehen. Und ich kann bei vollem Bewusstsein auch über mich selbst und die Inhalte meines Bewusstseins nachdenken bzw. "reflektieren", was wörtlich soviel wie "zurück biegen" oder "spiegeln" bedeutet.

Du schreibst weiterhin: "Wenn du ehrlich bist, wirst du merken, dass du nicht einen einzigen Gedanken willentlich erzeugen kannst."

Es ist nicht ganz klar, was Du mit den Worten "willentlich erzeugen" meinst. Wenn Du bestreiten willst, dass ich den Gang meiner Gedanken steuern kann, dann ist auch dies nicht richtig. Wenn ich mir z. B. vornehme, die logischen Implikationen einer bestimmten Aussage explizit zu formulieren, dann gebe ich meinen Gedanken eine bestimmte Richtung, "erzeuge" die gesuchten Gedanken.

***

Zu der Frage, ob es sinnvoll ist zu sagen: Eine Aussage ist manchmal wahr und manchmal falsch.

Nehmen wir den Beispielsatz: "Diese Metallstange ist 2 m lang".

Die Metallstange ist Teil eines Teleskopes, bei dessen Bau äußerste Präzision erforderlich ist.

Nun misst jemand nach und kommt zu dem Ergebnis: "Diese Metallstange ist 199,9 cm lang".

Ist der Beispielsatz also falsch?

Bei der Fertigung von Teleskopen wäre der Beispielsatz wohl falsch. Der verantwortliche Ingenieur wird die Stange nicht akzeptieren mit der Bemerkung: "Diese Stange ist kürzer als 2 Meter".

Nun kommt genau diese Stange auf den Schrottplatz, wo jemand eine 2 m lange Metallstange sucht. Der Schrotthändler sagt: "Diese Stange ist 2 m lang". Der Kunde misst nach und stellt eine Länge von 199,9 cm fest. Für die Zwecke des Kunden kommt es auf einen Millimeter mehr oder weniger nicht an und er sagt: "Ich nehme die 2-Meter-Stange. Was soll die kosten?"

Folgt daraus, dass eine Aussage je nach Kontext wahr oder falsch sein kann? Ist ein solcher Gebrauch des Wortes "wahr" sinnvoll und notwendig?

Ich bin nicht der Meinung, dass ein solcher Gebrauch des Wortes "wahr" sinnvoll ist, weil dadurch die deduktive Logik nicht mehr angewendet werden kann. Diese setzt ja voraus, dass eine Aussage entweder "wahr" oder "falsch" ist.

Kontextabhängig ist nicht das Wahr-oder-falsch-sein eines Satzes sondern kontextabhängig ist die Bedeutung des Satzes. Weil der Ausdruck "2 m" einmal bedeutet "zwischen 1,995 m und 2,005 m" und das andere mal "zwischen 1,9999995 und 2,0000005 m", handelt es sich bei dem Beispielsatz "Diese Metallstange ist 2 m lang" trotz gleichen Wortlauts um zwei verschiedene Aussagen, je nachdem, wo der Satz geäußert wurde.

Insofern kann es dabei bleiben, dass ein Satz (mit einer festen Bedeutung) entweder wahr oder falsch ist, unabhängig vom jeweiligen Verwendungszusammenhang.

***

Du schreibst kritisch in Bezug auf meinen Beitrag: "Die zeit-, orts- und personenunabhängige Geltung des Prädikats 'wahr', die Du postulierst, ist also zum Wohle der deduktiven Logik gedacht!"

Wenn Du diesen Schluss aus meinen Äußerungen ziehst, so scheint das natürlich entlarvend.

Nur handelt es sich bei diesem Schluss trotz des Wörtchens "also" nicht um einen logischen Schluss.

Worum es geht, ist die Frage, wie wir den Begriff "wahr" verwenden wollen. Es geht um die Zweckmäßigkeit verschiedener möglicher Terminologien.

Was ist hier das terminologische Problem?

1. Wir sind uns einig, dass wortgleiche Sätze in unterschiedlichen Kontexten mehrere verschiedene Bedeutungen haben können. (Wer nicht zustimmt, möge widersprechen).

2. Wir sind uns einig, dass derart wortgleiche aber mehrdeutige Sätze je nach der Bedeutung, auf die man sich bezieht, das eine mal wahr und das andere mal falsch sein können.

3. Wir sind uns einig, dass die Mehrdeutigkeit von wortgleichen Sätzen nicht ohne weiteres kenntlich ist, und dass die jeweiligen Bedeutungen häufig nicht offen gelegt und explizit ausformuliert werden.

In Bezug auf das Beispiel "Diese Metallstange ist 2 m lang" heißt das, dass die stillschweigend vorausgesetzten unterschiedlichen Fehlertoleranzen (auf dem Schrottplatz vielleicht plus-minus 5 mm, und bei der Teleskop-Fertigung vielleicht nur 1 Zehntausendstel davon) nicht als bekannt vorausgesetzt werden können.

4. Wenn man nun die impliziten Bedeutungsunterschiede nicht ausformuliert, sondern direkt den wortgleichen Sätzen kontextabhängig die Wahrheitswerte zuschreibt, dann kann es passieren, dass derselbe Satz das eine mal wahr und das andere mal falsch ist, so dass es zu scheinbaren Widersprüchen kommt, die jede Argumentation zusammenbrechen lassen.

Das möchte ich vermeiden. Es geht nicht um das "Wohl" der Logik (was kann das denn sein?) sondern um die Bedingungen rationaler logischer Argumentation, die ich erhalten wissen möchte.

Wenn man die Wahrheitswerte kontextabhängig benutzt, dann muss man auch die Wahrheitsbedingung folgendermaßen umformulieren. "Der Satz 'p' ist in einem bestimmten Kontext wahr, wenn es so ist, wie der entsprechend diesem Kontext gedeutete Satz 'p' besagt."

Wollen wir uns diese Komplikationen aufbürden?

***

Das Problem ist, dass angesichts seiner kontextabhängigen (und deswegen unterschiedlichen) Bedeutung ein und derselbe wortgleiche Satz (je nach dem Kontext, in dem er geäußert wird,) einmal wahr und einmal falsch ist.

Eine Metallstange, die auf dem Schrottplatz 2 m lang ist, ist u. U. bei der Teleskop-Fertigung nicht 2 m lang.

Wenn man die kontextabhängigen Bedeutungen ausformuliert, so dass die Mehrdeutigkeit verschwindet, dann verschwindet dieser Widerspruch und die entstehenden Sätze sind wieder entweder wahr oder falsch.

Wenn auf dem Schrottplatz "2 m " bedeutet: "zwischen 1,995 m und 2,005 m" und wenn bei der Teleskop-Herstellung "2 m" bedeutet: "zwischen 1,9999995 m und 2,0000005 m" dann kann man ohne Widerspruch von einer Stange, die 1,99600000 m lang ist, sagen: "Diese Stange ist 2 m lang bezogen auf Schrottplatz-Genauigkeit, aber sie ist nicht 2 m lang bezogen auf Präzisionsinstrumenten-Genauigkeit"

Wenn sprachliche Ausdrücke kontextabhängig mehrdeutig sind, dann kommt es solange zu keinen Missverständnissen oder Fehlschlüssen, wie allen Beteiligten bewusst ist, welcher Kontext besteht und was die jeweilige Bedeutung des sprachlichen Ausdrucks ist.

Aber dies ist nicht immer der Fall. Wer kennt nicht den Diskussionsteilnehmer, der Kritik an seinen Aussagen gern mit dem Ruf niedermacht: "Du hast meine Aussage ja völlig aus dem Zusammenhang gerissen" und der sich vorbehält, die Bedeutung seiner Aussagen von Fall zu Fall zu interpretieren. Das ist wie ein Ringkampf mit einem glitschigen Gegner: Man kriegt ihn nie zu fassen.

Wenn nicht mehr gilt "a gleich a" sondern je nach Kontext gilt: "a gleich b", "a gleich c" oder "a gleich d", dann werden an die Sprechenden und an die Hörenden große Anforderungen gestellt.

Wenn man Missverständnisse und Fehlschlüsse bei der Beantwortung gestellter Fragen nicht will, sollte man mehrdeutige sprachliche Ausdrücke vermeiden, indem man unterschiedlichen Bedeutungen auch unterschiedliche sprachliche Ausdrücke zuordnet.

Dies halte ich für eine sinnvolle methodische Regel, wenn man auf die gestellten Fragen wahre Antworten bekommen will.

Das schließt nicht aus, dass man im Alltag das jeweils Selbstverständliche stillschweigend voraussetzt und statt: "Komm zu mir, Peter!" nur sagt "Komm!"

***

Meine Frage an Dich: Was machst Du, wenn Geselle A sagt: "Die Stange ist exakt zwei Meter lang." und Geselle B bestreitet das: "Nein, das ist nicht wahr. Sie ist kürzer als zwei Meter."

Ist es für Dich ein Problem, wie man wahre von falschen Aussagen unterscheiden kann? Wenn ja, wie sollte man diese Frage angehen?

***

zum Anfang

Ende von "Wahrheit VI


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Eigene Beiträge zu "Wahrheit VII"

Gegenwärtig geht es um die Fragen:

Gibt es intersubjektiv übereinstimmende Wahrnehmungen? Was sind die Bedingungen und Kriterien hierfür? und

Inwiefern ist es kontextabhängig, ob eine Aussage oder ein Satz wahr oder falsch ist?

***

Dein Plädoyer für die menschlich eingerichtete Lebenswelt, die "immer schon" nach erlernten Regeln organisiert und vorstrukturiert ist, die keine Verwendung hat für zeit- und ortsenthobene Geltungsansprüche, geht meiner Meinung nach an der Problematik vorbei.

Dass im Alltag Wahrheitsfragen nur an einzelnen Punkten auftauchen, ist sicher richtig. Aber in dieser Diskussion geht es ja gerade und ausschließlich um die Bewältigung solcher Situationen, in denen die Frage nach wahr oder falsch ansteht. Es geht um Probleme, die in diesem Zusammenhang auftauchen wie z. B. Missverständnisse aufgrund unklarer Begrifflichkeit, Sprachlosigkeit aufgrund fehlender Begrifflichkeit, Irrtümer aufgrund falscher Schlussfolgerungen, Irrationalität aufgrund einer Vermischung von Wahrheitsfragen mit Autoritätsfragen.

Auch im Kontext einer Subkultur mit ihrem speziellen Jargon und ihren stillschweigenden Voraussetzungen besteht Bedarf nach einem Wort, mit dem eine zeitlich nicht begrenzte Gültigkeit von Aussagen über das, was ist, ausgedrückt werden kann. (Es geht um "wahr sein" im Sinne einer zeitlich nicht begrenzten Gültigkeit, nicht um "ewige Wahrheit". Mit dem Begriff "zeitenthoben" bügelst Du gerade diesen wichtigen Unterschied platt.)

Wer nach dem Motto verfährt: "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern", der ist auch im regionalen Kontext eine windige Gestalt.

Selbstverständlich: Was unter den Bedingungen von gestern gültig war, dass muss unter den Bedingungen von heute nicht mehr gültig sein.

Aber: Was unter den Bedingungen von gestern gültig war, das bleibt unter DIESEN Bedingungen auch gültig!

Auf diesen kleinen Unterschied kommt es an.

Klar: Im Laufe der Zeit verändern sich die Bedingungen, aber ALLEIN durch den Lauf der Zeit werden wahre Aussagen nicht zu falschen!

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Auch wenn es so scheinen mag, als kämen wir mit unserer Diskussion gar nicht voran, so hat doch wohl jeder für sich daraus neue Argumente und Gesichtspunkte gewonnen, und seien es nur Zweifel an dem, was er bisher für richtig gehalten hatte.

So ist mir z. B. die Problematik der stillschweigenden Voraussetzungen, der sprachlichen Variablen und der nicht explizit ausformulierten Bedeutungen durch die Diskussion klar geworden, und mir ist klar geworden, dass ich mich entscheiden muss, ob ich unter einer "Aussage" den Satz oder die Bedeutung des Satzes verstehen will.

Nun zu dem immer wieder erhobenen Einwand, dass man letztlich nie wissen könne, ob eine Aussage über die Beschaffenheit der Wirklichkeit wahr ist, also in Geltung bleiben kann, oder ob sie falsch ist, also korrigiert werden muss.

Ich halte weiterhin an dem Ziel fest, dass wir nach Aussagen suchen, die wir möglichst NICHT korrigieren müssen, die also wahr sind und eine intertemporale Gültigkeit besitzen.

Gleichzeitig weiß ich, dass grundsätzlich nicht ausgeschlossen werden kann, dass durch neue Erfahrungen und Argumenten im Prinzip jede Aussage, die ich bisher für wahr gehalten haben, zukünftig falsifiziert werden kann.

Die Konsequenz hieraus ist jedoch nicht das skeptische: "Ich kann mir der Wahrheit keiner Aussage sicher sein". Denn zwischen Für-wahr-halten und Für-wahr-halten gibt es entscheidende Unterschiede im Grad der Gewissheit des Für-wahr-haltens.

Wenn jemand etwas behauptet, dann geht er zwar immer das Risiko des Irrtums ein. Aber es gibt den Unterschied zwischen demjenigen, der etwas naiv behauptet, und demjenigen, der etwas reflektiert behauptet. 

Der Letztere hat eine begründete Einsicht in den Grad der Gewissheit der von Ihm aufgestellten Behauptung. Er hat einen Überblick, in wie viel Fällen sich diese Behauptung bereits als richtig erwiesen hat, und wie oft er sie der Kritik durch andere oder den eigenen Zweifeln ausgesetzt hat.

Er weiß, um welche Art von Aussagen sich handelt und welches Risiko mit den verschiedenen Arten von Behauptungen verbunden ist. So ist z. B. eine Aussage über ein einzelnes vergangenes Ereignis, bei dem ich Augenzeuge war, weniger in der Gefahr, zukünftig falsifiziert zu werden, als die Behauptungen einer allgemeinen Regelmäßigkeit, die auch für die Zukunft gelten soll.

Es gibt also nicht nur das immerwährende Wahr-sein und das möglicherweise irrtümliche Für-wahr-halten, sondern es gibt auch das reflektierte Wissen, das sich des Grades seiner Ungewissheit bewusst ist. Es gibt also mehr oder weniger gute Gründe, um eine Aussage für wahr zu halten, und man kann dies mitreflektieren, wenn man eine Aussage intersubjektiv behauptet bzw. subjektiv für wahr hält.

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Du fragst: "Was sollte es bedeuten, von dem Satz 'Peter ist schlau' zu behaupten, er sei 'entweder wahr oder falsch' ?"

Es soll bedeuten, dass dieser Satz entweder wahr oder falsch ist, sofern es sich um eine Aussage über die Beschaffenheit der Wirklichkeit mit bestimmter Bedeutung handelt. Die letztere Bedingung ergibt sich aus dem Kontext unserer Diskussion, den ich hier auch mal in Anspruch nehmen will.

Die Frage nach der Wahrheit eines Satzes macht natürlich nur Sinn, wenn dieser Satz behauptet wird, und wenn es sich nicht nur um eine ungeschützte und ohne den Anspruch auf haarkleine Stimmigkeit gemachte beiläufige Äußerung handelt.

Wer im alltäglichen Leben jedes Wort seiner Mitmenschen auf die Goldwaage legt, der missversteht deren Intentionen, und es gibt nicht zu Unrecht die abwertenden Begriffe des "Schlaumeiers", des "Neunmalklugen",  oder des "Besserwissers".

Nehmen wir an, dass es sich bei dem Satz um eine ernst gemeinte Behauptung handelt, dass es diesen Peter wirklich gibt und dass wir denselben meinen. Dann ist eine Aussage über Peter eine Aussage über einen Teil der Wirklichkeit.

Ist es auch eine Aussage darüber, wie Peter beschaffen ist?

Ihm wird das Prädikat "schlau" zugesprochen. Beschreibt das Wort "schlau" die Beschaffenheit einer Person? Ich denke ja, zumindest wenn man die übliche Bedeutung des Wortes "schlau" heranzieht, die im Sprach-Brockhaus mit "klug, gewitzt, durchtrieben" angegeben wird.

Das Synonym "durchtrieben" enthält allerdings eine abwertende Bedeutungskomponente, die noch stärker wäre, wenn man gesagt hätte: "Peter ist ein schlauer Fuchs". Andererseits hat das Wort "schlau" sicherlich einen beschreibenden Sinn, den das Wort "abscheulich" nicht hätte. 

Wenn das Gegenteil von "schlau" "dumm" ist, dann müsste man sich darüber verständigen, welches Reden oder Handeln ein Zeichen von Schlauheit ist und welches ein Zeichen von Dummheit. Wenn man nun gemeinsam nachsieht, wie sich Peter in solchen Fällen verhalten hat, kann man die Aussage "Peter ist schlau" empirisch überprüfen.

Jenseits eines eindeutigen Bedeutungskerns wird die Abgrenzung der Bedeutung des Wortes "schlau" zu Wörtern wie "klug", "intelligent", "clever", "vernünftig", "gebildet", "gelehrt", "geschult" "weise", "erfahren" oder "bauernschlau" schwierig.

Hier greifen Deine pragmatischen Argumente. Ob die Bedeutung eine Satzes hinreichend bestimmt und abgegrenzt ist, hängt davon ab, welchen Gebrauch man von der Behauptung praktisch machen will. Wenn nur strittig ist, ob Peter eher als "dumm" denn als "schlau" anzusehen ist, muss ich mir über die Abgrenzung zwischen "schlau" und "intelligent" nicht den Kopf zerbrechen.

Und man wird an die Bestimmtheit der Bedeutung des Wortes "schlau" andere Maßstäbe anlegen, je nachdem ob der Satz: "Peter ist schlau" im Rahmen einer beruflichen Einstellungsentscheidung geäußert wird oder nur als beiläufige Bemerkung im Rahmen der beliebten Unterhaltung über Abwesende.

Du schreibst: "Wenn das fertige Teleskop mit einer 1,99 m langen Stange exakt gleichgut funktionieren würde, würde man die Aussage des Schülers: 'Diese Stange ist 2m lang' als wahr bezeichnen. Verlangt das Teleskop allerdings Nanometergenauigkeit, wäre die gleiche Aussage als wahnwitzig falsch zu bezeichnen."

Einverstanden. Wobei ich allerdings jeweils hinzufügen würde: "Denn die stillschweigend vorausgesetzten Anforderungen an die Messgenauigkeit wären dann andere."

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Du schreibst (kritisch): "Wir (bewegen) uns mit Eberhards These von Wahrheit, die sich nicht ändert dann und nur dann wenn sich die Bedingungen nicht ändern in denen Wahrheit wahr ist, in ziemlich luftleeren Gefilden wie denen der formalen Logik. Wer hat das je erlebt, Bedingungen die sich nicht ändern? Daraus wird dann eine Wahrheit die so wahr ist wie der Satz: Der Angeklagte ist entweder schuldig oder nicht schuldig."

Nimm als Beispiel den Satz, aus einem Berlinführer des Jahres 1900: "Gegenüber dem Reichstagsgebäude erhebt sich triumphierend die Siegessäule". Und nimm außerdem den Satz aus einem Berlinführer des Jahres 2000: "Gegenüber dem Reichstag, getrennt nur durch den Platz der Republik, findet sich als moderner Kontrapunkt das überdimensionierte Kanzleramtsgebäude." (Die Siegessäule bekam im Jahr 1938 einen neuen Standort auf dem "Großen Stern" im Tiergarten.)

Der Satz: "Die Siegessäule steht gegenüber vom Reichstag" war jahrzehntelang wahr. Er wurde durch die Verlegung des Standortes falsch.

Noch kann ich in diesen Gefilden atmen …

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Du fragst, was wäre, "wenn der Kunde auf dem Schrottplatz und der Techniker jeweils 2,000 m auf ihrem Messinstrument abgelesen hätten und ein Dritter misst und stellt 1,999 m fest? … Wer entscheidet nun welcher Satz wahr ist. Ist Wahrheit eine Frage der Mehrheit oder des Konsenses oder gibt es gar einen Toleranzraum, der von den Zwecken her definiert wird?"

Wie kann es zu unterschiedlichen Messergebnissen (bei gleicher Messgenauigkeit) kommen?

1. Die Länge der Stange ist nicht konstant,

z. B. weil sich das Metall bei Erwärmung ausdehnt. Diesem Problem kann man dadurch begegnen, dass man die Temperatur in die Aussage mit aufnimmt: "Bei einer Temperatur von 15 Grad Celsius hat diese Stange eine Länge von 2,00 m". Wenn C seine Messung z. B. bei minus 10 Grad Celsius vorgenommen hat, kann man sie nicht mit den Messungen von A und B vergleichen, die bei plus 15 Grad Celsius vorgenommen wurden.

Dies Problem kann man dadurch lösen, dass man die Messungen unter kontrollierten, vergleichbaren  Bedingungen wiederholt.

2. Die Messinstrumente sind nicht richtig geeicht.

Ob ein Messinstrument tatsächlich falsche Ergebnisse bringt, lässt sich im Prinzip dadurch ermitteln, dass man damit wiederholt den Urmeter in Greenwich misst. Wenn dabei etwas anderes als 1,00000... m herauskommt, ist das Messinstrument fehlerhaft.

3. Mindestens eine der Personen, die die Messungen vornehmen und ablesen, liest das Ergebnis nicht richtig ab oder bedient das Instrument nicht richtig. Dies kann man herausfinden, indem man die betreffende Person noch einmal messen lässt und darauf achtet, dass das Messgerät richtig bedient und abgelesen wird.

4. Die Wahrnehmungen verschiedener Individuen stimmen nicht überein. Das, was der eine sieht, sieht der andere nicht. Jeder sieht etwas anderes. Die Wahrnehmungen der Individuen sind keine Grundlage für eine intersubjektiv nachvollziehbare empirische Erkenntnis der Beschaffenheit unserer Welt.

Wie kann man diese Möglichkeit ausschließen?

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Du schreibst:

"Ich denke, dass die 'wahrheit' an sich immer eine frage der definition ist.
die wahrheit besteht meines erachtens nur so lange, bis bewiesen wurde, das es nicht wahr ist. also kann man nur so lange von wahrheit sprechen bis das gegenteil bewiesen ist ... eigentl. hängt es auch von der eigenen definition der wahrheit ab ..."

Hier wird für mich nicht deutlich, was Du mit "Definition der Wahrheit" meinst.

Meinst Du mit "die Wahrheit" solche Aussagen, die wahr sind bzw. als wahr behauptet werden?

Meinst Du mit "Definition" die Bestimmung dessen, was ein Wort bedeuten soll?

Ich stimme Dir zu, dass sich die wissenschaftlichen Lehrmeinungen ändern und bisher für wahr gehaltene bzw. als wahr geltende Aussagen durch neue Beobachtungen falsifiziert werden können, die nun zur Konstruktion neuer Theorien führen, die bis auf weiteres für wahr gehalten werden.

Es wäre falsch, daraus den Schluss zu ziehen: "Das Bemühen um wahre Aussagen über die Welt ist vergeblich. Schließlich ist es widersinnig, ein Ziel anzustreben, das man zugegebenermaßen nicht erreichen kann. Derjenige, der das Unmögliche verwirklichen will, handelt unvernünftig."

Die Wahrheit einer Aussage ist kein Ort, den man ein für allemal erreichen kann. Es ist eher eine theoretische Idee, die unserem Handeln eine Orientierung gibt, so wie der Polarstern am nächtlichen Himmel uns die Richtung weist, ohne dass wir je am Polarstern ankommen.

Die Wahrheit unserer Überzeugungen ist anzustreben, so wie ein Segler die Einhaltung einer bestimmten Route anstrebt, obwohl – oder gerade weil - er von dieser Route wegen der Winde und Strömungen immer wieder abkommt.

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Was meine Suche nach Antworten betrifft, die ich möglichst nicht korrigieren muss, so habe ich meine Begründung hierfür bereits verdeutlicht. Ich halte es nicht für angebracht, hier von "absoluter", "ewiger" oder "unumstößlicher" Wahrheit zu sprechen. Stattdessen sollten wir klären, welche Gründe es für die unterschiedlichen Grade von Gewissheit gibt, mit denen wir verschiedene Behauptungen für wahr halten.

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Zu der These: "Eine Aussage kann immer nur relativ wahr sein."

Mein Gegenargument: Von den zwei Aussagen: "Der gegenwärtige Bundeskanzler heißt Schröder" und "Der gegenwärtige Bundeskanzler heißt nicht Schröder" ist mindestens eine wahr. Also gibt es auch wahre Aussagen. 

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Du schreibst: "Ich habe doch nie gesagt, dass es keine wahren Aussagen gibt! Ich sage lediglich, dass jede wahre Aussage immer nur relativ wahr sein kann, da sie immer von irgendwelchen Grundannahmen abhängt. Deswegen ja relativ."

Du formulierst  dann in Bezug auf den Satz "Der gegenwärtige Bundeskanzler heißt Schröder" derartige "Grundannahmen", von denen abhängt, ob der Satz wahr ist.

Du führst folgende Grundannahmen auf:

1. Das Wort "gegenwärtig" bezeichnet keinen bestimmten Zeitpunkt. Je nachdem, welches Datum man wählt (1989 oder 15.02.2005) ist die Aussage wahr oder falsch.

2. Der Ausdruck "der Bundeskanzler" bezeichnet kein bestimmtes Amt. Je nachdem ob man das deutsche oder das österreichische Bundeskanzleramt wählt, ist die Aussage wahr oder falsch.

3. Das Wort "er heißt" kann bedeuten "… mit Nachnamen" oder "… mit Vor- und Nachnamen" oder ".. mit Künstlernamen" oder " … mit bürgerlichem Namen". Je nachdem, welche Bedeutung man wählt, ist die Aussage wahr oder falsch.

Was Du damit als "Grundannahmen" bezeichnest, sind durchgängig nichts anderes als von Dir gesehene Mehrdeutigkeiten von Begriffen, die in der Aussage vorkommen.

Dabei ergeben sich die von Dir demonstrierten Mehrdeutigkeiten allerdings weniger aus einer ernsthaften Interpretation des Satzes "Der gegenwärtige Bundeskanzler heißt Schröder" als aus einem krampfhaften Missverstehen eines im Kontext seiner Äußerung völlig eindeutigen Satzes.

So ist es durchgängiger Sprachgebrauch, dass man Orts- und Zeitangaben weglässt, wenn "hier und heute" gemeint ist, und dass man das man Zugehörigkeitsabgaben weglässt, wenn es sich um Eigenes handelt. Wenn ich zu meiner Frau sage: "Das Kind schläft", dann ergibt sich aus dem Kontext völlig eindeutig, auf welchen Zeitpunkt und auf welches Kind sich die Aussage bezieht.

Ich will nicht die Probleme bei der Schaffung intersubjektiv übereinstimmender Wortbedeutungen verniedlichen. Verständlichkeit ist vor allem dann nicht zu erreichen, wenn Diskussionsteilnehmer sich weigern, die von ihnen benutzten Begriffe ... zu erläutern. Aber wo die Regeln der Begriffsbildung beachtet werden, sind solche Probleme lösbar.

Deine Feststellung: "Du kannst die Aussage noch so sehr präzisieren - es gibt immer noch irgendwelche Grundannahmen, die die Aussage eben relativieren" ist nur dann richtig, wenn Du damit meinst: "Man kann dem andern immer das Wort im Munde umdrehen".

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Ich bin Deiner Meinung, dass es wenig bringt, jetzt zu diskutieren, was "relativ wahre" Aussagen von "absolut wahren" Aussagen unterscheidet. Das endet gewöhnlich – so wie die beliebten "Was ist …?" Fragen - in einem Bereich, wo es kein "wahr" oder "falsch" gibt, nämlich im Bereich der Definitionen, also der Festlegungen der Wortbedeutung.

Um die verschiedenen Positionen trotzdem aufzunehmen, schlage ich vor, dass wir uns der Frage zuwenden: "Welche nachvollziehbaren Gründe kann es geben, um sich der Wahrheit einer Aussage über die Welt mehr oder weniger gewiss zu sein?"

Was als "absolut wahre Aussage" bezeichnet wird, ist offenbar eine Aussage, deren Wahrheit wir uns – aus guten Gründen - völlig sicher sind. Eine "relativ wahre Aussage" wäre dann eine Aussage, deren Wahrheit wir uns – aus guten Gründen – mehr oder weniger sicher sind.

Wir stellen im Alltag nicht nur Behauptungen auf (" Es ist so-und-so" oder "Es ist nicht so-und-so" ), sondern wir drücken gleichzeitig meist auch noch den Grad an Gewissheit aus, mit dem wir etwas behaupten. Die Umgangssprache stellt dafür interessanter Weise eine Vielzahl von Ausdrucksmöglichkeiten bereit. Wir sagen z. B. "Ich weiß, dass er hoch verschuldet ist." "Ich vermute, dass er hoch verschuldet ist." "Wahrscheinlich ist er hoch verschuldet." "Mit Sicherheit ist er hoch verschuldet." "Er ist bestimmt hoch verschuldet." "Vielleicht ist er hoch verschuldet." "Ich bin mir nicht (ganz) sicher, ob er hoch verschuldet ist." "Zweifellos ist er hoch verschuldet." "Ich gehe einmal davon aus, dass er hoch verschuldet ist." "Ich glaube, dass er hoch verschuldet ist." "Ich bin mir ziemlich (völlig) sicher, dass er hoch verschuldet ist." "Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass er hoch verschuldet ist." "Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass er hoch verschuldet ist." "Ich nehme an, dass er hoch verschuldet ist." "Ich habe den Verdacht, dass er hoch verschuldet ist."

Auch bei den Begründungen von Behauptungen gibt es ein breites Spektrum: "Es steht fest, dass er hoch verschuldet ist." "Es ist bewiesen, dass er hoch verschuldet ist." "Es spricht vieles dafür, dass er hoch verschuldet ist." "Ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass er hoch verschuldet ist." "Ich habe gehört, dass er hoch verschuldet ist." "Es ist unbestritten, dass er hoch verschuldet ist." "Ich habe allen Grund zu der Annahme, dass er hoch verschuldet ist."  

Der TV-Dauerbrenner "Wie werde ich Millionär?" gewinnt seinen Reiz nicht so sehr durch das kleine oder große Wissen der Kandidaten, sondern durch die Notwendigkeit zur Einschätzung der Größe des Risikos, sich zu irren, und den Zwang, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen (aufhören oder weitermachen oder Hilfe-Joker einsetzen).

Unbestritten ist wohl, dass sich das Problem der (Un-)Gewissheit bei verschiedenen Arten von Fragen mit unterschiedlicher Schärfe stellt. Kann ich mich darin irren, dass es mich gibt oder dass ich jetzt etwas schreibe? Wie sicher kann ich sein, dass morgen gegen 7 Uhr die Sonne aufgeht? Wie sicher kann ich sein, 5 Richtige im Lotto zu haben?

Womit kann ich meine große oder geringe Gewissheit begründen?

Die Diskussion konkreter Beispiele bringt uns vielleicht weiter als die Diskussion allgemeiner Begriffe wie "relativ wahr" und "absolut wahr". 

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Wenn ich Dich richtig verstehe, so siehst Du neben der "normalen" Sinneswahrnehmung, die Du als "äußere Wahrnehmung" bezeichnest (eine Terminologie, die ich nicht für ganz glücklich halte, weil Schmerzwahrnehmung demnach eine "äußere" Wahrnehmung wäre), noch eine "innere Wahrnehmung", die Du in formalen Systemen ansiedelst, in denen keine wahrnehmungsgebundenen Aussagen vorkommen. Zu den formalen Systemen zählst Du nicht nur Logik und Mathematik, sondern auch auf Prämissen aufbauende Schlussfolgerungen.

Als Beispiel nennst Du die beiden Sätze: "eine leiter ist 2,6 meter lang. die halbe länge der leiter beträgt 1,3 meter".

Der Satz: "Wenn eine Leiter 2,6 Meter lang ist, dann beträgt die halbe Länge dieser Leiter 1,3 Meter" ist unabhängig von jeglicher Überprüfung durch Wahrnehmungen wahr. Das heißt, ich muss die Leiter nicht in zwei gleich lange Teile zersägen, um festzustellen, dass diese Aussage wahr ist.

Gleiches gilt für den Satz: "Gesetzt den Fall, dass dies Blatt grün ist, dann hat es dieselbe Grundfarbe wie mein grünes Hemd".

Beide Sätze informieren nicht über die wirkliche Welt, sie sind jedoch auf die wirkliche Welt anwendbar, wenn die Prämissen wahr sind.

Der Satz: "Wenn man eine Menge von 260 Elementen in zwei gleich große Mengen zerlegt, so enthalten beide Mengen 130 Elemente" lässt sich aus den mathematischen Axiomen und Grundbegriffen logisch deduzieren.

Der Satz "Wenn A grün ist und B grün ist, dann haben A und B die gleiche Grundfarbe" ergibt sich logisch aus der Definition des Wortes "gleich".

Der logischen Wahrheit entspricht meiner Ansicht nach keine "innere Wahrnehmung". Logische Wahrheit ergibt sich daraus, dass die Schlussregeln der Logik und die Rechenregeln der Mathematik gezielt so entworfen wurden, dass der Wahrheitswert "wahr"  in jedem Fall von den Prämissen auf die Konklusionen übertragen wird.

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Meine Frage an Dich: Artgenosse Alpha hat zu mir gesagt: "Artgenosse Omega hat Deine Wintervorräte gemopst" aber Omega bestreitet das. Er behauptet: "Das ist ja gar nicht wahr. Alpha ist es selber gewesen!"

Auf welche Aussage soll ich mich nun verlassen? fragt Eberhard als Produkt von Millionen und Abermillionen immer erfolgreichen Vermehrungsvorgängen?

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Du schreibst: "Gerade WENN man ein empiristisches Konzept von "Wirklichkeit" hat, dürfte es schwierig werden, die Bedeutung von Sätzen unter deren "Eigenschaften" einzureihen. Und erst recht dürfte dies schwierig sein für ein metasprachliches Prädikat (" Wahrheit" ), das sich auf die Beschaffenheit einer Bedeutung eines Satzes bezieht. … Also, Ihr Empiristen - wie ist das mit den "Eigenschaften" von Sätzen? Und ist "Wahrheit" eine davon? Erklärt es mir!"

Auf die Gefahr hin, mich in manchem wiederholen zu müssen, hier meine Antwort auf Deine Frage:

Fragen danach, ob etwas ist und wenn ja, wie es beschaffen ist, nenne ich "positive" Fragen (= Fragen nach dem "Gegebenen" ). Die Antworten auf positive Fragen nenne ich positive Aussagen oder Aussagen über die Beschaffenheit der "Wirklichkeit" (worunter ich die Gesamtheit dessen, was ist, und auch dessen, was war oder sein wird, verstehe).

Wenn wir Fragen stellen, geht es uns nicht darum, IRGENDWELCHE Antworten zu bekommen, sondern wir suchen solche Antworten, auf die wir möglichst lange - am besten immer - vertrauen können. Wir suchen nach Antworten, bei denen wir nicht mit unerwarteten Wahrnehmungen konfrontiert werden, wenn wir sie in unser Weltbild aufnehmen und unserem Denken und Handeln zugrunde legen.

Und da wir soziale Wesen sind, die mit anderen Menschen bei praktischen Tätigkeiten aber auch bei der Informationsgewinnung über die uns umgebende Welt kooperieren, suchen wir nach Antworten, auf die wir nicht nur uns selber verlassen können, sondern auf die sich auch andere verlassen können.

Etwas akademischer ausgedrückt: Ich suche nach intersubjektiv und intertemporal gültigen Antworten auf meine positiven Fragen (also Fragen, nach dem was ist, wie es ist und warum es ist, ob es vermeidbar oder veränderbar ist, ob etwas gewesen ist, warum es gewesen ist, welche Folgen es hat, ob etwas sein wird etc.)

Solche Sätze (mit einer bestimmten Bedeutung) bzw. die in diesen Sätzen enthaltenen Aussagen, die auf positive Fragen derart intersubjektiv und intertemporal (d. h. "allgemein" ) gültige Antworten geben, zeichne ich als "wahr" aus.

Diese Auszeichnung eines Satzes als "wahr" enthält die Empfehlung an jedes Individuum, diesen Satz in sein eigenes Weltbild zu übernehmen.

Ob ein Satz "wahr" ist, ist deshalb keine Frage, die man durch Wahrnehmungen dieses Satzes entscheiden kann, so wie man dies bei der Frage tun kann, ob ein Satz mehr als 10 Wörter umfasst oder ob er einfach oder zusammengesetzt ist. Es handelt sich nicht um die Behauptung einer empirischen Eigenschaft des Satzes, sondern es ist eine Aussage über den erkenntnismäßigen Status dieses Satzes.

Wenn wir nach "wahren" Antworten auf unsere Fragen suchen, dann ist der Begriff der "Wahrheit" der zentrale Begriff für einen besonderen Bereich von Fragen, nämlich Fragen danach, wie man positive Fragen beantworten kann.

Diesen Bereich nenne ich "Methodologie der positiven (Erfahrungs-) Wissenschaften".

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Ich hatte gehofft, dass Du angesichts von "Hü!" oder "Hott!" auf die Frage stößt: "Wer hat von den beiden nun recht?", aber diese Frage stellst Du wieder nur indirekt  als die Frage "Wem von den beiden kann man trauen?"

Welches sind für Dich Kriterien für die Wahrheit einer Aussage über die Welt bzw. Ausschnitte daraus? Wie kann man begründen oder bestreiten, dass etwas so-und-so ist?

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Du fragst uns "Empiristen", welchen Platz Bedeutungen in der Wirklichkeit haben. Die Bedeutung eines Satzes z. B. ist nicht in der gleichen Weise sinnlich wahrnehmbar wie die Laute, aus denen der Satz akustisch besteht. Wenn nur das wirklich sein soll, was sinnlich wahrnehmbar ist, dann wären Bedeutungen nichts Wirkliches!?!

Es ist in der Tat eine Frage, die der Klärung bedarf. Ich fühle mich zwar nicht als "Empirist" (andere würden mich als Normativist bezeichnen, wenn sie unter der Rubrik "Ethik" nachsehen), aber ich bin in der Tat der Meinung, dass Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit direkt oder indirekt mit unseren Wahrnehmungen vereinbar sein müssen.

Dabei ist mit "indirekt" gemeint, dass viele Begriffe und Aussagen, die unser Weltbild ausmachen, nicht direkt wahrnehmbar sind, sondern theoretische (bzw. hypothetische) Konstrukte sind: Noch niemand hat Röntgenstrahlen, Elektronen, Tatmotive, Intelligenz oder das Bruttosozialprodukt gesehen. Trotzdem gehören diese Begriffe fest zu unserem Bild von der wirklichen Welt. Sie sind Bestandteile von erfahrungswissenschaftlichen Theorien. Mit diesen Begriffen lassen sich Aussagen über bestehende Regelmäßigkeiten formulieren, die unsere direkten Wahrnehmungen erklären.

Wenn man die Bedeutung eines Satzes nicht direkt sehen oder hören kann, wie kann man die Bedeutung eines Satzes dann herausfinden? Eine Bedeutung ist immer an Subjekte gebunden, die einem bestimmten Ding, z. B. dem "!", eine bestimmte Bedeutung GEBEN. So bedeutet ein "!" am Ende eines deutschen Satzes, dass es sich um einen Ausruf oder einen Befehl handelt. Für diejenigen, die dies als Konvention akzeptieren, HAT das "!" dann die gegebene Bedeutung.

Solch eine sprachliche Konvention ist nun etwas real Existierendes und kann auch erfahrungswissenschaftlich erforscht werden. Welche Bedeutung das deutsche Wort "links" im Zusammenhang mit Richtungsangaben hat, kann man empirisch wahrnehmbar überprüfen, wenn man zu mehreren Personen, die Deutsch verstehen, sagt: "Drehe Deinen Kopf nach links!"

Allgemein akzeptierte Bedeutungen sind etwas sehr Reales. Das merkt jeder, der mit dem Auto nach England fährt und dem auf seiner Fahrbahn ständig Fahrzeuge entgegenkommen. Bedeutungen "existieren" also nicht als solche, sondern nur in Verbindung mit Subjekten, die bestimmten realen Dingen (den "Zeichen" bzw. "Symbolen" ) diese Bedeutung zuschreiben. Darin gleichen Bedeutungen den Werten.

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Was ist erkennbarer Teil unserer Welt? Was ist wirklich und kann wahrgenommen werden?

Wir sollten hier nicht den Fehler machen, uns über Worte zu streiten nach dem Muster: "Für mich ist ,wirklich' (bzw. 'existent') das-und-das" und der andere sagt: "Ich verstehe aber unter ,wirklich' (bzw. 'existent') etwas anderes." Wichtig sind die Konsequenzen, die ein bestimmter Wortgebrauch für die Beantwortung unserer Fragen hat, ob er uns ermöglicht, wichtige Unterschiede zu erfassen und zu erklären.

Ich denke wir sind uns einig, dass "Bedeutungen" nicht in der gleichen Weise erkannt werden wie die Träger von Bedeutungen, die Zeichen (Laute, Schriftzeichen, Gestik, Mimik, Logos, Signale etc.). (Zwischenbemerkung: Es geht hier nur um die Bedeutung von Zeichen, nicht um "Bedeutung" in einem weiteren Sinne wie in den Formulierungen "Du bedeutest mir viel" oder "er ist ein bedeutender Komponist" ). Laute, Buchstaben etc. sind sinnlich wahrnehmbar, die Bedeutungen dieser Zeichen sind es nicht. Die Bedeutungen gehören auch nicht fest zu einem bestimmten Zeichen wie die rund Form zum "O" gehört. Die Bedeutungen beruhen auf "Konventionen", wobei damit nicht gesagt sein soll, dass es sich um bewusste gemeinsame Festsetzungen handeln muss. Solche Konventionen können auch durch vielfältige Interaktionen zahlreicher Individuen allmählich "heranwachsen", so wie die Worte der Umgangssprache.

Die Bedeutung von Zeichen kann sich wegen des konventionellen Charakters auch ändern.

Wir sind uns weiterhin auch einig, dass die Bedeutung, die bestimmte Subjekte mit bestimmten Zeichen verbinden, erkannt werden kann. Es ist also sinnvoll zu fragen: "Was bedeutet das spanische Wort 'calde'?" Und wenn A behauptet: "Das spanische Wort bedeutet im Deutschen 'kalt'" während B sagt: "Nein, es bedeutet 'warm'", so hat B die Frage richtig beantwortet. Er hat die Bedeutung "gewusst". Bedeutungen von Zeichen sind also erkennbar, allerdings ist die Interpretation von Zeichen immer bezogen auf bestimmte Subjekte. In Europa ist schwarze Kleidung ein Zeichen von Trauer, in Asien ist weiße Kleidung ein Zeichen der Trauer.


Daraus ergibt sich für die Erforschung von Bedeutungen eine spezielle Methodik, wobei man sich darüber streiten kann, ob dazu Wahrnehmung und Empirie ausreicht, oder ob spezielle Fähigkeiten des "Verstehens" hinzukommen müssen.

Von Fragen nach der Bedeutung oder dem Sinn bestimmter Zeichen sind Fragen nach dem Sinn von Handlungen und Fragen nach dem Sinn des Lebens zu unterscheiden, die wiederum auf einer anderen Ebene liegen.

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Du schreibst, dass "eine rein terminologische Wahrheit, die sich durch den formalen Gebrauch der Worte ergibt, und die dadurch situations- und zeitunabhängig (ist), auf Voraussetzungen aufbaut, ohne die es überhaupt keine intersubjektiven Urteile gibt, die aus Erfahrung resultieren (synthetisch-apriorische Formen des Urteilens).

Wenn ich diese Aussage kritisch prüfen will, muss ich wissen, wie sie gemeint ist.

Ich versuche einmal, die Bedeutung dieser Aussage zu klären.

Ein "intersubjektives Urteil, das aus Erfahrung resultiert" wäre z. B. die Aussage. "Die Störche aus Linum haben den Winter 2003/2004 in Afrika verbracht". Dies ist eine Aussage über die Beschaffenheit unserer Welt, die dann wahr ist, wenn die Störche aus Linum den Winter 2003/2004 in Afrika verbracht haben.

Die Aussage resultiert aus Erfahrung. Man brachte am Körper einiger Störche winzige Sender an, die Radiowellen aussenden. Der jeweilige Standort der Störche konnte dann durch Ortungsgeräte bestimmt werden, an denen man durch Beobachtung eines Zeigerausschlags die Richtung feststellen kann, aus der Radiowellen kommen. Die Behauptung: "Die Störche aus Linum haben den Winter 2003/2004 in Afrika verbracht" beansprucht allgemeine Geltung. Sie ist in ihrem Geltungsanspruch weder auf bestimmte Subjekte noch auf bestimmte Zeitpunkte eingeschränkt.

Es handelt sich um keine "rein terminologische Wahrheit, die sich durch den formalen Gebrauch der Worte ergibt". Es wäre kein Verstoß gegen die Logik, wenn die Störche den Winter 2003/2004 in Vorderasien verbracht hätten. Trotzdem ist es nicht "situations- und zeitunabhängig", ob die Aussage wahr ist.

Eine derartige Aussage, ein solches "intersubjektives Urteil" könnte es Deiner Meinung nach nicht geben, wenn nicht bestimmte "Voraussetzungen" gegeben wären, auf denen die Aussage aufbaut.

Welche Voraussetzungen meinst Du damit? Kannst Du eine dieser Voraussetzungen einmal als konkretes Beispiel explizit formulieren?

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Du schreibst: "Hier in unserer Diskussion ist es offenbar Eberhard, der einen ausgeprägten Hang zu Formeln hat - mit möglichst einfachen Begriffen, die den Anschein der unmittelbaren Verständlichkeit und Voraussetzungslosigkeit erwecken. Und ich habe mich auch schon oft gefragt, was er sich von diesem Anschein verspricht. Denn die Probleme werden dadurch ja nicht geklärt."

Wäre es für die Klärung und Beantwortung unserer Fragen nicht hilfreicher, wenn Du eine solche Formel, die einen falschen Anschein erweckt, hier analysieren und kritisieren würdest, anstatt Dir über die Motive den Kopf zu zerbrechen, die mich zu solchem Tun bewegen?

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Du willst radikal mit den vor-darwinistischen Denkweisen aufräumen. Dazu zwei Fragen: Zum einen:

Zweifelst Du eigentlich gelegentlich an Deinen Überzeugungen? Fragst Du Dich manchmal: "Stimmt das eigentlich, was ich da behaupte?"

Wenn ja, was tust Du eigentlich, wenn Du Zweifel an einer Behauptung hast? Fragst Du Dich: "Soll ich mich vor dieser Behauptung warnen? Soll ich mir die Verneinung dieser Behauptung empfehlen?"

Zum andern:

Bist Du eigentlich der Meinung, dass Du mit Deinen Thesen Recht hast?

Wenn "ja", meinst Du mit "Recht haben" nur, dass Du mich aufforderst, Dir zu vertrauen?

Wenn "ja", warum begründest Du dann Deine Thesen so gekonnt mit Argumenten?

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Du schreibst, dass der Ausdruck "Aussagen über die Wirklichkeit" oder die Definition von Wirklichkeit als "alles was ist, war und sein wird" voller Unklarheiten stecken und eine "unproblematische Verständlichkeit vortäuschen".

Angesichts dieser  Kritik hätte ich erwartet, dass Du die verborgene Unschärfe oder Mehrdeutigkeit der der darin vorkommenden Wörter (" Aussage", "Wirklichkeit", "Sein" ) aufzeigst und eine bessere Formulierung vorschlägst.

Als Beleg für die behauptete problematische Verständlichkeit der Formulierungen führst Du stattdessen unsere anhaltenden Differenzen über den Begriff des Wirklichen an. Letzteres kann jedoch auch andere Gründe haben.

Da es sich hier um einen zentralen Punkt unserer Diskussion handelt – es sind diejenigen  Behauptungen, um deren Wahr- oder Falschsein es hier geht – will ich aus meiner Sicht eine Präzisierung versuchen – wiederum auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen.

Ich spreche gewöhnlich von "Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit", und da ich "die Gesamtheit alles Wirklichen" auch als "Welt" bezeichne, spreche ich auch von "Aussagen über die Beschaffenheit unserer Welt" (oder verkürzt von "Aussagen über unsere Welt" ).

Synonym verwende ich die Wörter bzw. Termini: "Ist-Sätze" (im Unterschied zu "Soll-Sätzen" ), "Tatsachenfeststellungen" (im Unterschied zu "Werturteilen" ), "deskriptive Aussagen" (im Unterschied zu "präskriptiven Aussagen" ) und "positive Aussagen" (im Unterschied zu "normativen Aussagen" )

Die Klasse von Aussagen, um die es hier geht, habe ich konkretisiert als diejenigen Aussagen, die Fragen danach beantworten, ob etwas ist und wenn ja, wie es beschaffen ist, warum es ist, ob es vermeidbar oder veränderbar ist, ob etwas gewesen ist, warum es gewesen ist, welche Folgen es hat, ob etwas sein wird etc.

In meiner "Zwischenbilanz"... habe ich geschrieben: "Die Bestimmung dessen, was wirklich ist, ist zwischen uns weiterhin unklar, wie die Antworten auf meine Beispielsätze gezeigt haben. Für mich ist das wirklich, was existiert, was da ist. Nur das, was direkt von uns wahrgenommen werden kann oder zur logischen Ordnung unsere Wahrnehmungen erforderlich ist und somit indirekt wahrnehmbar ist, existiert wirklich. Aber hier sind für mich noch manche Fragen offen."

Ich halte die Abgrenzung der positiven Aussagen von andern Satzarten (Definitionen, Werturteile, Normsätze, Zeichendeutungen bzw. Sinnaussagen) keineswegs für eine einfache Angelegenheit, sonst hätte ich ja nicht im Laufe unserer Diskussion immer wieder Beispielsätze formuliert, um deren Klassifizierung zu diskutieren.

Ich weiß nicht, welche Maßstäbe Du an Ausdrücke und Formulierungen anlegst, aber dass angesichts des dargelegten begrifflichen Zusammenhangs hier "einfache Verständlichkeit vorgetäuscht" wird, kann ich nicht bestätigen.

Wenn ich bei Dir nach adäquateren Begriffsbestimmungen von "Aussage" und "Wirklichkeit" suche, dann werde ich leider auch nicht fündig, sehe aber, dass Du diese Begriffe ebenfalls gebrauchst. Offenbar bist Du doch der Meinung, dass diese zu gebrauchen sind und genug intersubjektiv übereinstimmende Bedeutung besitzen.

Nun zu den Problemen, die andere Deiner Meinung nach verschleiern wollen. Du fragst: "Sind Aussagen ein Teil der der Wirklichkeit?"

Nehmen wir die Aussage: "Herr Meier hat am Neujahrstag des Jahres 2005 seine Wohnung gegen 8:00 Uhr morgens verlassen."

Wenn Herr Müller diesen Satz bei seiner Zeugenvernehmung sagt, dann handelt es sich bei dem gesprochenen Satz um eine hörbare Äußerung, die Teil der Wirklichkeit ist, so wie der Richter, vor dem er steht. Wenn man zwischen Satz und Aussage begrifflich nicht unterscheidet dann ist somit die Aussage des Herrn Müller Teil der Wirklichkeit.

Wenn man unter einer Aussage nicht den aus einer Folge von Wörtern bestehenden Satz versteht, sondern dessen Bedeutung, dann existiert diese Bedeutung nur bezogen auf bestimmte Subjekte, die den Satz gehört oder gelesen haben und die die Sprache verstehen, in der er formuliert wurde.

Die Aussage existiert dann als von den betreffenden Subjekten jederzeit reproduzierbarer Sinn des protokollierten oder erinnerten Satzes. Sie existiert als ein reproduzierbarer Bewusstseinsinhalt bestimmter Subjekte, die die entsprechende Sprache erlernt haben und die über die erforderliche Merk- und Erinnerungsfähigkeit verfügen. ... Aussagen als den Bedeutungen von Sätzen kommt keine von den verstehenden Subjekten unabhängige Existenz zu. Aussagen als Bedeutungsinhalte von Sätzen existieren als mögliche Bewussteinsinhalte so wie Phantasien und Lügen existieren.

Du fragst weiter: "Wird die gegenständliche (d. h. die begrifflich bestimmbare) Wirklichkeit nicht schon durch die Handlungen miterzeugt, durch die wir uns auf sie beziehen?"

Diese Frage ist nicht ohne weiteres verständlich. Was heißt hier "miterzeugt" ? Was ist gemeint mit "Handlungen, durch die wir uns auf die Wirklichkeit beziehen" ? Wenn "miterzeugen" die Teilnahme an einem Herstellungsprozess ist und wenn jede Art von Bezug gemeint ist, dann ist die Frage mit "nein" zu beantworten. Der Stern "Aldebaran" wird nicht dadurch miterzeugt, dass ich mein Fernrohr auf ihn richte. Auch durch die sprachliche Protokollierung der Beobachtung (" Der Stern Aldebaran stand am … ") wird Aldebaran nicht miterzeugt. Allerdings ist der Name 'Aldebaran', mit dem ich den Stern bezeichne, ein menschliches Erzeugnis, so wie die gesamte Sprache, in dem Aussagen gemacht werden, menschliches Erzeugnis ist.

Du fragst weiter: "Ist es sinnvoll, sich die Wirklichkeit als etwas vorzustellen, das im Moment unserer sprachlichen Bezugnahme auf sie immer schon fertig und 'gegeben' vorliegt?"

Hier ist nicht klar, was mit den Wörtern "fertig" bzw. "gegeben" genau gemeint ist. Wenn ich sage: "Jetzt rast Schumacher mit mehr als 280 km/h in die leichte Linkskurve", was ist da "fertige" Wirklichkeit? Wenn man eine solche Aussage macht, dann setzt das immer eine Selektion unserer Wahrnehmungen voraus, eine Entscheidung, bestimmte Aspekte der Wirklichkeit in die Aussage aufzunehmen (Person des Fahrers, Geschwindigkeit, Straßenverlauf) und andere Aspekte nicht (Farbe und Hersteller des Rennwagens, Wetterverhältnisse, die landschaftliche Umgebung etc.). Dies führt zu einer entsprechenden Begrifflichkeit, mit der die uns interessierenden Aspekte der Wirklichkeit differenziert und erfasst werden können.

Mit der obigen Aussage über Schumacher wird nichts unzulässig fixiert, was im Werden ist. Die Veränderung ist ein Bestandteil der Aussage (Geschwindigkeit ist eine bestimmte Strecke Ortsveränderung bezogen auf eine bestimmte Zeitdauer.)

Von "fertiger" und "gegebener" Wirklichkeit kann auch dann nicht gesprochen werden, wenn sich die Aussage auf zukünftige Ereignisse bezieht, wie die Lautsprecherdurchsage: "Der ICE aus Leipzig wird in ca. 10 Minuten auf Gleis 1 einfahren."

Du fragst weiter: "Ist es sinnvoll, sich die Wirklichkeit als etwas fertiges und gegebenes vorzustellen, das dann durch eine Aussage über sie gewissermaßen nur noch "richtig" abgebildet werden muss?"

Das Wort "Abbildung" zur Charakterisierung des Verhältnisses einer Aussage zu dem Ausschnitt der Welt, über dessen Beschaffenheit etwas ausgesagt ist, wird hier nur von Dir benutzt. Schon wegen der unvermeidlichen Selektivität jeder Beschreibung eines Sachverhaltes ist das Wort "Abbildung" eine irreführende Metapher. Das Wort "Rose" bildet keine Rose ab. Und der Satz "An der Hauswand blühen gelbe Rosen" ist keine Abbildung der Hauswand mit den gelb blühenden Rosen.

In Bezug auf Tarskis semantische Wahrheitsbedingung (" Der Satz 'p' ist wahr, wenn p" ) fragst Du nach der Differenz zwischen 'p' und p. Darauf haben andere bereits geantwortet: es ist der Unterschied zwischen dem sprachlichen Zeichen (dem Satz "An der Hauswand blühen gelbe Rosen" ) und dem Bezeichneten (der Tatsache, dass an der Hauswand gelbe Rosen blühen).

Du fragst weiter: "Was verbirgt sich dahinter? Was muss alles schon geleistet sein, damit 'p' und p überhaupt korrespondieren KÖNNEN?"

Dabei kritisierst Du, dass Tarski sich mit diesem Problem nicht beschäftigt.

Diese Kritik halte ich für unangebracht, da ich immer jemandem nachweisen kann, er habe diese oder jene Frage "ausgeklammert". Niemand kann alle Fragen beantworten. Es sollte sich auch niemand anmaßen, dem andern vorzuschreiben, welche Fragen er zu bearbeiten habe.

Die Kritik an der Nicht-Behandlung bestimmter Fragen hat nur dann Gewicht, wenn gezeigt werden kann, dass ohne die Behandlung der Fragen x, y und z die Fragen a, b und c nicht richtig beantwortet werden können. Und dieser Nachweis, dass Fragen nach der Beschaffenheit unserer Welt nicht richtig beantwortet werden können, wenn nicht zuvor die Frage geklärt ist, "was alles schon geleistet sein muss, damit p und 'p' überhaupt korrespondieren", dieser Nachweis ist bisher nicht erbracht worden,

 ***

Danke für Dein Konzentrat meiner Position in Deinen 5 Thesen, in denen ich mich allerdings nur partiell wieder finde. Ob solche Konzentrate die gegenseitige Verständigung fördern, bleibt offen. Auf jeden Fall sollte Fachjargon (" token" ) und technischer Apparat möglichst vermieden werden.

Ich bevorzuge es, von bestimmten Problemen und Fragestellungen her zu diskutieren wie: "Gibt es etwas Wirkliches, das weder direkt noch indirekt wahrnehmbar ist? Gibt es Aussagen über die Wirklichkeit, die unabhängig von jeder Wahrnehmung wahr sind? Gibt es überindividuelle Strukturen in Form der tradierten Sprache und Kultur, die unsere Möglichkeiten der Begriffsbildung und damit auch der Fragestellung und der Erkenntnis prinzipiell beschränken? etc.

Außerdem halte ich es für außerordentlich wichtig, alle Probleme an möglichst einfachen konkreten Beispielen zu demonstrieren und zu diskutieren.

Die Relation zwischen der Aussage "An der Hauswand blühen gelbe Rosen" und der Tatsache, dass an der Hauswand gelbe Rosen blühen, sehe ich folgendermaßen.

Um sich zielgerichtet verhalten zu können, benötigen Menschen ein "Weltbild", das mehr oder weniger ausgearbeitet und sprachlich ausformuliert sein kann. In diesem Weltbild ist z. B. gespeichert, wie man heißt, wie die eigene Wohnung beschaffen ist, wo der Staubsauger steht, dass es weh tut, wenn man glühendes Eisen anfasst, und dass es wahrscheinlich bald regnet, wenn dicke schwarze Wolken aufziehen u. a. m. Dies Weltbild baut sich auf aus vielfältigen eigenen Erfahrungen, aus Belehrungen der Erzieher, aus Mitteilungen Dritter sowie aus schlussfolgerndem eigenen Denken.

Dies Weltbild kann nur dann die Aufgabe der Handlungsorientierung erfüllen, wenn es eindeutig und nicht in sich widersprüchlich ist. Wenn Elemente in dem Weltbild auftauchen, die widersprüchlich sind, z. B. in Form von Wahrnehmungen, die aufgrund des bisherigen Weltbildes nicht zu erwarten waren (der liebe, friedliche Nachbarhund hat mich in die Wade gebissen), muss das Weltbild korrigiert werden; ebenso, wenn mir Personen, denen ich voll vertraue, etwas mitteilen, das mit meinen eigenen Wahrnehmungen nicht vereinbar ist.

Dies Weltbild entsteht nicht völlig neu und voraussetzungslos, sondern wird durch unsere angeborenen Fähigkeiten der Informationsaufnahme und deren Verarbeitung bereits in geeigneter Weise vorbereitet.

So sind wir zur Erfassung von Entfernungen mit zwei Augen ausgestattet. Die beiden unterschiedlichen Bilder werden im Gehirn automatisch zu einem plastischen Bild zusammengefügt.

Unser Gehirn ist in Verbindung mit dem Gleichgewichtsorgan außerdem in der Lage, das auf der Netzhaut seitenverkehrt projezierte Bild wieder so auszurichten, dass wir nicht auf dem Kopf stehen. Wenn man dies Bild durch eine Brille umkehrt, stellt das Gehirn nach einigen Tagen automatisch wieder die Dinge vom Kopf auf die Füße.

Ob man dies in dem Satz 5 zusammenfassen kann, bezweifle ich. 

***

Es wäre schön, wenn du deine allgemein gehaltenen Kritik an Hand eines Beispiels von mir konkretisieren könntest, bei dem ich unausgesprochen und unzulässiger Weise meine Argumentation auf einen bestimmten Kontext gestützt hätte.

***

Du schreibst:

" Auch dein neuster Beitrag scheint mir durchaus annehmbare Thesen zu enthalten."

Ich hoffe, er enthält nicht nur Thesen sondern auch Begründungen dieser Thesen. Aber nun ernsthaft. Du schreibst:

"Wenn wir also bestimmte Erfahrungen machen, die aufgrund von gewissen angeborenen Eigenschaften, z. B. bestimmte kognitive Strukturen oder visuelles Wahrnehmungsvermögen, auf eine ganz bestimmte Weise zustande kommen und auch nur so zustande kommen können, was heißt das dann für die Wahrheit? ... Dann besteht doch das bekannte Problem, dass alle unsere Erfahrungen uns täuschen könnten oder dass unsere sprachlich zum Ausdruck gebrachten Erfahrungen möglicherweise gar nicht mit der Wirklichkeit korrespondieren, weil eben diese falsch sind, aufgrund unserer Dispositionen.

Wahrheit, so könnte man schließen, gibt es für den Menschen möglicherweise nur innerhalb seiner Erfahrungen. Der Zugang zu objektiver Wahrheit bleibt uns dagegen für immer verwehrt, da wir die Wirklichkeit nie unabhängig von unseren Veranlagungen betrachten können."

Meine Gegenfrage: Wäre das denn schlimm?

Mir reicht ein Wissen, das sich über die Zeit bewährt, und das ich anderen nachvollziehbar begründen kann. Wenn wir intersubjektiv und intertemporal gültige Aussagen haben, was wollen wir mehr?

Wenn mir jemand sagt: "Aber das könnten alles Täuschungen sein", dann antworte ich ihm: "Wie kann etwas eine Täuschung sein, dass mich und andere niemals enttäuschen kann?"

Fazit: Es lohnt sich nicht, der Schimäre einer "objektiven" Wahrheit hinterher zu laufen.

***

Du hattest von "Voraussetzungen" gesprochen, "ohne die es überhaupt keine intersubjektiven Urteile gibt, die aus Erfahrung resultieren."

Da ich diese Voraussetzungen diskutieren wollte, gab ich als Beispiel für ein aus Erfahrung resultierendes Urteil die Aussage über den  Zug der Störche und fragte: Kannst Du eine dieser Voraussetzungen einmal als konkretes Beispiel explizit formulieren?

Ich hatte erwartet, dass Du jetzt eine dieser Voraussetzungen nennst. Dann hätte man an einem konkreten Beispiel diskutieren können, ob es solche Voraussetzungen für empirische Aussagen gibt  oder nicht.

Du hast jedoch keine Voraussetzung explizit formuliert, sondern hast meine Frage anders verstanden und folgendes Beispiel genannt: "Wenn wir beide zum Zug gehen, der 11:59 abfahren soll und wir schauen auf die Uhr und es ist 12:00 Uhr und du sagst: der Zug ist weg, dann zweifele ich am Wahrheitsgehalt deiner Rede, denn das kannst du nicht wissen. Denn aus Erfahrung können wir nie auf die Zukunft schließen. Das heißt, wir können aus Erfahrungen keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit herleiten oder besser, etwas das notwendig wahr ist."

Und in Deinem letzten Beitrag an mich, in dem ich eine "objektive" Wahrheit, die mehr sein will als intersubjektive und intertemporale Wahrheit als "Schimäre" bezeichnet habe, fragst Du kritisch: "Wo sollen denn die Bedingungen herkommen, die es einem anderen erlauben, deine Begründungen nachzuvollziehen? Wie werden denn dann 'intersubjektive' GÜLTIGE Aussagen gestiftet?"

Eine erste Antwort: durch intersubjektiv und intertemporal übereinstimmende Wahrnehmungen.

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zum Anfang

 Ende von "Wahrheit VII"

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Eigene Beiträge zu "Wahrheit VIII


Zur wiederholt aufgeworfenen Frage nach der richtigen Verwendung von Beispielen in der (philosophischen) Diskussion.

Vorweg gesagt: Ich halte methodische Reflexionen über die Art und Weise, wie argumentiert werden kann und darf, nicht für Zeitverschwendung, sondern umgekehrt für unbedingt notwendig, wenn man bei den inhaltlichen Fragen vorankommen will.

Es geht um die methodische Empfehlung, alle Probleme an möglichst einfachen konkreten Beispielen zu demonstrieren und zu diskutieren.

Für ein solches Vorgehen spricht Folgendes:

Wenn etwas in allgemeinen Begriffen formuliert wird, dann wird damit etwas über eine Vielzahl von Fällen ausgesagt und es bedarf einer gewissen Anstrengung, sich klar zu machen, was da konkret ausgesagt wird.

Wenn generelle Aussage an einem konkreten Bespiel veranschaulicht werden, so erleichtert dies das Verständnis. Die "Erleichterung des Verständnisses" ist unter dem Gesichtspunkt des Lernens - aber auch unter dem Gesichtspunkt der Fruchtbarkeit von Diskussionen - ein anzustrebendes Ziel.

Um diese Empfehlung selber gleich umzusetzen, nehme ich als Beispiele einmal die folgenden generellen Aussagen aus unserer Diskussion: "Eine Aussage über das Wahrgenommene legt ihren Gehalt über das unabhängig funktionierende Instrument der Wahrnehmung fest." "Eine Aussage über die Qualität einer Aussage gewinnt ihren Gehalt durch die Festlegung des menschlichen Geistes."

Dem Leser dieser Aussagen hätte es das Verständnis erleichtert, wenn das Gemeinte an zwei exemplarischen Aussagen veranschaulicht worden wäre. Denn in dieser generellen und abstrakten Form der Darstellung fällt es außerordentlich schwer, zu verstehen, was gemeint ist, und es fällt noch viel schwerer, die Aussagen zu überprüfen.

Vom Beispiel ist zu fordern, dass es tatsächlich ein Beispiel für die generelle Aussage ist und z. B. nicht eine unzulässige Vereinfachung des Sachverhalts darstellt.

Weiterhin sollte es möglichst einfach sein, damit man nicht unnötigen gedanklichen Aufwand betreiben muss, um das Beispiel zu verstehen und im Kopf zu behalten. 

Unter diesem Gesichtspunkt eignen sich besonders solche Beispiele, die dem Hörer bereits bekannt sind. Dass die Beispiele "aus dem Leben" stammen müssen, halte ich nicht für sinnvoll. Da es in dieser Runde um wahre Aussagen, also um Erkenntnis und Wissen geht, mussten z. B. häufig Resultate der "Realwissenschaften" als Beispiele herangezogen werden. 

Gegen die Benutzung von "Beispielen aus dem Leben" wird ... eingewandt: "Das Problem der Beispiele aus dem Leben liegt in ihrer Kontextgebundenheit, d. h. hier sind wir bereits 'vorverständigt', gebrauchen eingespielte Begriffe für eingespielte Situationen, die dann wegen ihrer SELBSTVERSTÄNDLICHKEIT den Schein der Allgemeingültigkeit mit sich führen. Es wird nämlich in diesen Beispielen gerade nicht auf die SELEKTIVITÄT ihres jeweiligen Horizonts geachtet."

Frage: Stimmt das?

Bei der Überprüfung einer derartigen generellen Aussage über "Beispiele aus dem Leben" kommt ein anderer Aspekt des Gebrauchs von Beispielen zum Tragen: Beispiele veranschaulichen nicht nur generelle Aussagen, sondern sie dienen auch zur Belegung oder Widerlegung genereller Aussagen. Bemerkenswert ist dabei die Asymmetrie, dass eine generelle Aussage zwar durch ein einziges Beispiel widerlegt werden kann, aber selbst durch viele Beispiele nicht bewiesen werden kann.

Es ist also kein methodisch unzulässiger infiniter Regress ..., wenn man eine generelle Aussage überprüft, indem man einen der Fälle, für den die Aussage gelten soll, beispielhaft überprüft. Anders ist eine Überprüfung allgemeiner Aussagen rein logisch überhaupt nicht möglich.

Der Fall, der ... als Beleg für die generelle These "Beispiel aus dem Leben achten nicht auf die Selektivität ihres jeweiligen Horizonts" angeführt wird, stammt leider aus einer anderen Diskussion und ist vom Text her sehr umfangreich. Es würde diese Diskussionsrunde sprengen, wenn ich hier mit der gleichen Ausführlichkeit weiter diskutieren wollte. Ich bin deshalb gezwungen, die mir zentral erscheinenden Aspekte des Falles herauszugreifen.

Im Zusammenhang mit der diskursiven Konsensfähigkeit von Normen wie "Töten ist verboten" wurde ... die These aufgestellt: "Ich kann nie WISSEN, ob andere mich verstehen, ich kann es nur GLAUBEN. Denn auch wenn sie zustimmen, ist damit ja nicht garantiert, dass sie den Gedanken, dem sie dabei zustimmen, auch tatsächlich so verstehen wie ich."

Gegen diese generelle Behauptung wurde (durch mich) folgendermaßen argumentiert: "Wenn ich zu jemandem sage: 'Mach bitte die Tür zu!' und er steht danach auf und schließt die Tür, dann hat er mich offensichtlich verstanden."

Meines Erachtens ist das genannte Beispiel – auch wenn es aus dem Alltagsleben stammt – ein zulässiges Argument und eine Widerlegung der aufgestellten Behauptung. Die beiden Aussagen "Er hat die Tür zugemacht" und "Er hat die Kassiererin erschossen" sind in Bezug auf ihre Verständlichkeit nicht mit völlig anderen Maßstäben zu messen.

Diese Ausführungen zum Nutzen und Nachteil von Beispielen in der philosophischen Diskussion mögen dem einen oder anderen als zu detailliert und etwas "klein kariert" erscheinen. Aber wir müssen den einzelnen Kritiken möglichst genau nachgehen, damit nicht pauschale aber unzutreffende Kritiken eine rein rhetorische Wirkung entfalten können nach dem Prinzip: Etwas wird schon dran sein.

***

Es wurde gefragt: "Wo sollen denn die Bedingungen herkommen, die es einem anderen erlauben, deine Begründungen nachzuvollziehen? Wie werden denn dann 'intersubjektive' GÜLTIGE Aussagen gestiftet?"

Meine ... Antwort lautet:

Durch intersubjektiv und intertemporal übereinstimmende Wahrnehmungen.

Es wurde nachgefragt: "Wie kann es denn zu einer solchen Übereinstimmung kommen?"

(Bevor ich auf diese Frage antworte, möchte ich festhalten, dass die Beantwortung dieser Frage NICHT erforderlich ist, um die Welt zu erkennen. Genauso wenig, wie es nötig ist, zu wissen, wie Erinnerung möglich ist, um sich zu erinnern. Oder ... genauso wenig, wie es nötig ist, zu wissen, wie Begriffsbildung möglich ist, um Begriffe bei der Formulierung von Erkenntnissen richtig zu verwenden.)

Wie kann es nun zu intersubjektiv übereinstimmenden Wahrnehmung kommen?

Die Wahrnehmungen von Subjekt A und Subjekt B nenne ich dann "übereinstimmend", wenn jedes der beiden Subjekte seine Wahrnehmungen durch Aussagen wiedergibt, denen der andere aufgrund seiner Wahrnehmungen zustimmt.

Dies ist möglich, wenn beide Subjekte die gleiche Sprache sprechen bzw. Sprachen, die ineinander übersetzbar sind.

Wenn Subjekt  A dem Subjekt B seine Sprache beibringt, dann zeigt es z. B. in eine bestimmte Richtung, um dessen Aufmerksamkeit dorthin zu lenken, und sagt "Wauwau". Dadurch verbindet sich eine bestimmte Wahrnehmung mit  bestimmten Lauten. Dieser Vorgang: "Benennung einer aufmerksamen Wahrnehmung" wird wiederholt, bis das lernende Subjekt auch selber Wahrgenommenes als "Wauwau" bezeichnet. 

Dies wird anfangs mit sprachlichen Fehlern behaftet sein – unser Sohn verstand unter "Wauwau" zunächst Vierbeiner und sagte zu einer Kuh "Wauwau" – aber das lässt sich korrigieren.

Selbstverständlich setzt das Erlernen einer Sprache wiederum bestimmte Fähigkeiten und Gemeinsamkeiten voraus.

***

Ein Problem scheint mir besonders diskussionswürdig. Ich meine das Problem der Kausalität, das in verschiedenen Zusammenhängen immer wieder auftaucht. Zum einen als "synthetisches Urteil a priori" bei Kant (Erkenntnis übe die Welt vor jeder Wahrnehmung), dann bei der Unterscheidung verschiedener Bereiche der Wirklichkeit (Gehirnforschung versus 'Reich der Begriffe und Ideen'), und bei der Frage, wie man Aussagen über Zukünftiges begründen kann (Naturgesetze als Grundlage für Prognosen).

Meiner Meinung nach können wir auf die Annahme verzichten, dass sich alles Wirkliche nach Naturgesetzen vollzieht.

Weiterhin steht im Raum die Frage, was unter "objektiver" Wahrheit zu verstehen ist und inwiefern dies ein sinnvolles Ziel unserer Bemühungen um Erkenntnis der Welt darstellt. Meiner Meinung nach können wir auf dieses Ziel verzichten.

***

Zum Verhältnis von "Objektivität" und "Wahrheit".

Im Lateinischen bedeutet "Objekt" soviel wie "Gegenstand".

Im Alltag wird das Wort "objektiv" gern gleichbedeutend mit "sachlich" bzw. "sachgemäß" oder  verwendet als Gegenbegriff zu "subjektiv", das oft gleichbedeutend mit "einseitig" oder "parteiisch" verwendet wird.

Ein "objektiver" Bericht über ein Geschehen ist dann ein Bericht, der die Fakten, die zum Geschehen gehören, nicht in einem bestimmten Interesse verfälscht oder auswählt und mit der erforderlichen Genauigkeit und Detailliertheit berichtet.

In dieser Bedeutung umfasst Objektivität also mehr als Wahrheit, da Objektivität auch die subjektbezogene Auswahl der Fakten verbietet. Ein Bericht über ein Geschehen kann aus lauter wahren Aussagen bestehen und trotzdem nicht objektiv sein, weil er Fakten nicht enthält, die für die Beurteilung des Geschehens von Bedeutung sind oder weil er zu unpräzise ist. "Wahrheit" als das Wahr-sein von Aussagen bezieht sich auf einzelne Aussagen, die wahr oder falsch sind.

Ist es auch sinnvoll, von einer einzelnen Aussagen zu sagen, dass sie objektiv bzw. subjektiv sei? Kann das etwas anderes bedeuten, als dass die Aussage wahr ist?

Was ist dann gar eine "objektiv wahre Aussage" ? Eine Aussage, der objektive Wahrheit zukommt? Ist das Gegenteil einer objektiv wahren Aussage die subjektiv wahre Aussage?

Ich halte diese Ausdrucksweise für problematisch, solange nicht definiert ist, was sie bedeuten sollen.

Wenn du fragst, wie man die objektive Länge eines Gegenstandes messen kann, dann meinst du damit offenbar, wie man zu intersubjektiv übereinstimmenden Messergebnissen kommen kann. Eine "objektive Messung" wäre demnach eine Messung, die zu intersubjektiv übereinstimmenden Messergebnisse kommt.

Wenn man nicht den Grad der Genauigkeit angibt, mit dem gemessen werden soll, dann kommt es natürlich zu unterschiedlichen Messergebnissen. A sagt: "Die Latte ist länger als 2 m", B sagt: "Die Latte ist 2,20 m lang" und C sagt: "Die Latte ist 2,198764 m lang".

Wenn alle das gleiche Messinstrument benutzen, ist ein intersubjektiv übereinstimmendes Messergebnis eher zu erreichen, da Messinstrumente auf einen bestimmten Grad der Genauigkeit geeicht sind. Differenzen können sich dann nur durch unterschiedliche Handhabung und Ablesung des Messgerätes ergeben.

Die Frage ist, ob man das Wort "objektiv" in diesem Zusammenhang nicht durch "intersubjektiv übereinstimmend" ersetzen sollte.

***

(Zum Diskussionsverlauf)
Nicht Beschimpfungen sondern scharfe Kritiken, schlüssig begründete Widerlegungen, entlarvende Analysen, Aufdecken von Widersprüchen, Aufzeigen von Beschränkungen im Denken: das ist es, was hier erwünscht ist und was jeder hier einbringen kann.

Zur Kritik an dem Titel "Wahrheit I" usw. eine Anmerkung: Wer die Diskussion verfolgt hat, wird bemerkt haben, dass unter dem Gesichtspunkt "Wahrheit" zahlreiche andere Fragen der Philosophie angesprochen wurden. Der gleich bleibende Titel sollte auch eine Art Marke und Orientierungshilfe im Internetdschungel sein für den, der eine bestimmte Art und eine bestimmte Qualität der Diskussion sucht.

Zur Kritik, dass man Philosophie nur betreiben könne in Auseinandersetzung mit Texten, kann ich nur sagen: auch die klassische griechische Philosophie wurde in Dialogen entwickelt. Nicht dass ich was gegen Bücher hätte – bei mir Zuhause stehen nicht wenige – aber die Argumente müssen auch mal alleine gehen lernen, ohne sich als Zitate herausgeputzt auf irgendeine Autorität zu stützen.

Wo anders als in einem weltweit offenen, jedermann zugänglichen Diskussionsforum mit möglichst klar gestellten Fragen kann man erwarten, dass bestehende Borniertheiten der philosophischen Schulen und der regionalen Traditionen überwunden werden. Denn hier kann jederzeit einer auftreten, der es besser weiß und der zeigen kann, dass auf die hier gestellte Frage bereits eine soundso begründete Antwort gefunden wurde.

Die Bereitschaft, von anderen zu lernen, aber auch den Mut, seinen eigenen Kopf zu gebrauchen: das ist es, was wir brauchen.

***

Der Fromme: "Ich glaube, dass es ein höheres Wesen, einen Gott gibt, der die Welt erschaffen hat."

Ich: "Nun gut. Ich glaube zwar nicht daran, aber jedem sein Recht auf einen eigenen Glauben."

Der Fromme: "Ich glaube, dass es am Ende aller Tage ein letztes Gericht gegeben wird, in dem Gott von allen Menschen Rechenschaft fordern wird für ihr Verhalten auf der Erde, auch dafür, dass sie sich von ihm abgewandt haben."

Ich: "Also Du meinst, auch ich werde vor dem letzten Gericht stehen und dafür bestraft werden, dass ich nicht an Gott geglaubt habe?"  

Der Fromme: "Genauso ist es."

Ich: "Na gut. Da ich das Ganze für nicht real halte, kann mir egal sein, was Du denkst – auch wenn es sich dabei um mich handelt."

Der Fromme: "Gott hat uns Menschen auch geboten, den Feiertag zu heiligen. Deshalb kann nicht geduldet werden, dass Du am Feiertag zur Zeit des Gottesdienstes das Auto reinigst oder die Wäsche aufhängst."

Hier prallen nun die verschiedenen Weltbilder aufeinander, da der Fromme für sein Weltbild allgemeine Geltung beansprucht und aus seinem Weltbild andere Handlungsweisen folgen als aus meinem.

Dies ist der Punkt, wo sich unausweichlich die Frage stellt:

Ist es so, wie der Fromme sagt? Hat er Recht? Ist es wahr, was er behauptet?

Dazu muss geklärt sein, was "wahr" bedeutet und wie man dementsprechend über wahr oder nicht wahr entscheiden kann.

Was helfen unsere bisherigen Überlegungen bei der Lösung des Problems? Welche Rolle spielt das Kriterium der Wahrnehmung dabei?

***

Wenn ich Dich richtig verstehe, sollte der Nicht-Fromme (nennen wir ihn der Kürze halber NF) dem Frommen (nennen wir ihn F) entgegnen:

NF: "Deine Forderung beruht auf einer Aussage (" Gott der Herr hat befohlen, am Feiertag nicht zu arbeiten" ), die ich nicht für wahr halte und die Du unter keinen Umständen als wahr beweisen kannst. Deshalb akzeptiere ich sie nicht."

Darauf entgegnet F: "Das ist kein geeignetes Argument: Wenn Du mit 'als wahr beweisen' meinst: 'schlüssig logisch herleiten', so sehe ich bei mir keinen logischen Fehler. Ich beziehe mich auf das Dritte der Zehn Gebote, die Moses von Gott gegeben wurden."

***

Du schreibst: "Er (der Fromme) kann sich auf sonst was berufen, deshalb muss ich das noch nicht nachvollziehen können. wie will er beweisen, dass es tatsächlich gott war, der moses die zehn gebote ueberbracht hat?"

Du benutzt hier das Wort "beweisen" in Bezug auf eine Aussage. Wie Du an anderer Stelle deutlich machst, kann man allein mit Mitteln der Logik keine Aussage über die Wirklichkeit beweisen. Denn ich muss immer die Wahrheit irgendwelcher Prämissen voraussetzen, mit denen mein Beweis beginnt, und um zu Schlussfolgerungen über die Wirklichkeit zu kommen, müssen in den Prämissen bereits Informationen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit enthalten sein, so dass man wieder von vorne anfangen muss und die Prämissen beweisen muss usw. usf.

Man kann natürlich das Problem der unbewiesenen Prämissen dadurch aus der Welt schaffen, dass man von solchen Prämissen ausgeht, die vom anderen bereits als wahr anerkannt werden. Der Fromme kann z. B. einem anderen Glaubensbruder beweisen, dass Moses von Gott die 10 Gebote übermittelt bekommen hat, wenn dieser glaubt, dass die Bibel Gottes Wort enthält. Solche personenspezifischen Beweise sind allerdings keine allgemeingültigen Beweise.

Die Frage ist, ob es neben der logischen Ableitung auch noch andere Formen des Beweises gibt. Im Gerichtsprozess werden z. B. Zeugenaussagen und Urkunden als mögliche "Beweismittel" anerkannt, die der Richter jedoch "frei würdigen" kann.

***

Eine Frage: Was bedeutet "Verifkation" in Bezug auf eine Aussage über Wirkliches? Wie werden folgende Aussagen verifiziert: "Vor dem Bremer Rathaus steht der Roland" "Wenn man zwei Steine gegeneinander reibt, erwärmen sich diese" "Es gibt Lebewesen, die Feuer speien, die Drachen" ? 

***

Hier wird die These vertreten,  es sei unmöglich, Aussagen über die Welt, wie sie ist, zu verifizieren, weil es nicht gelingt, skeptische Hypothesen auszuschließen.

Kann das mal möglichst Schritt für Schritt erläutert werden?

***

Der Skeptiker meint also, dass es sein könnte, dass all das, was wir für Wahrnehmungen der Welt halten, nur künstlich einprogrammierte Reize sind, und dass wir "in Wirklichkeit" nur Gehirne sind, die in einer Nährflüssigkeit gehalten werden. Dabei wird angenommen, dass die technische Anordnung so perfekt ist, dass unsere sämtlichen Bewusstseinsinhalte genau dieselben sind bei Wahrnehmungen der Welt.

Durch die letztere Annahme wird ausgeschlossen, dass es irgendeine Versuchsanordnung geben könnte, die zu unterschiedlichen Ergebnissen würde, je nachdem, ob wir nun künstlich stimulierte Gehirne in einer Nährflüssigkeit sind oder Lebewesen mit Armen und Beinen, die auf der Erdoberfläche umher krabbeln.

Die Annahme des Skeptikers ist also durch die Art ihrer Konstruktion gegen ein Scheitern an der Erfahrung geschützt, sie ist nicht falsifizierbar. Wenn die Annahme des Skeptikers zuträfe, hätten wir exakt die gleichen Wahrnehmungen, als wenn sie nicht zuträfe.

Wenn dem aber so ist, dann braucht uns der Zweifel des Skeptikers allerdings auch nicht weiter zu interessieren. Es ist buchstäblich "gleichgültig", ob die eine oder die andere Variante zutrifft. Wenn wir – wie bisher angenommen - die Welt wahrnehmen, dann bleibt alles beim Alten. Wenn wir jedoch perfekt stimulierte Gehirne in Nährflüssigkeit wären, so müssten wir ebenfalls weitermachen wir bisher.

Was bringt es uns, wenn wir hinter jede (wirklich jede!) Wahrnehmung der Welt den Satz hängen würden: "Aber dieser Bewusstseinszustand könnte auch durch eine künstliche, perfekte Gehirnstimulation erzeugt worden sein" ? Da dieser Satz per Konstruktion ohne jede Bedeutung für das ist, was wir wahrnehmen, werden wir ihn nach einer halben Stunde weglassen, … eingefleischte Skeptiker spätestens nach einem halben Jahr

***

Noch eine Nachbemerkung zum Skeptizismus. Es wird gesagt, dass der Skeptizismus nicht widerlegt sei.

Meine Frage: Ist es überhaupt nötig, ihn zu widerlegen?

Wenn der Skeptiker konsequent ist und selber nichts als wahr behauptet, sondern nur alles bezweifelt, dann habe ich mit ihm keine Probleme. Wer nichts behauptet, der kann weder mir noch irgendjemand anderem widersprechen.

Wenn der Skeptiker aber nichts behauptet, dann kann er uns auch nichts lehren, auch nicht, dass objektive Erkenntnis für den Menschen unmöglich ist (Was er ja auch nicht behauptet.) Oder sehe ich das falsch? Behauptet der Skeptiker doch etwas?

***

Es wird die Ansicht vertreten, dass der Skeptiker den Satz für wahr hält: "Entweder die Welt ist so wie wir sie erfahren oder sie ist es nicht".

Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass dies eine inhaltsleere Tautologie ist. Mit diesem Satz kann deshalb nichts behauptet werden.

Wer aber nichts behauptet, der kann mir auch nicht widersprechen. Deshalb ist diese Position weiterhin irrelevant für mein Weltbild.

Zu dem Hinweis "Seit Kant wissen wir, dass …"

Solche Verweise zählen für mich in dieser Diskussionsrunde nur, wenn die Argumente hier ausgeführt werden. Damit umgehen wir das Hick-Hack um die richtige Interpretation des betreffenden Autors und können die Argumente direkt überprüfen.

Wenn dies wegen der Komplexität der Theorie nicht möglich ist, so ist dies ein Problem der Theorie, und es kann nicht verlangt werden, diese Theorie trotzdem hier zu akzeptieren.

Das heißt nicht, dass man die Theorie nicht in einem eigens zu diesem Thema eingerichteten Colloquium diskutieren könnte.

Entsprechendes gilt für den Einwand, "philosophische Skepsis" sei eine andere Position als die hier kritisierte. Die Kritik gilt natürlich nur für die hier formulierte Variante dieser vielgestaltigen Denkrichtung. Es wäre aber unfruchtbar, hier darüber zu streiten, was der "echte" Skeptizismus sei.

***

Ich hatte gesagt, dass die Position des Skeptikers (" Gehirne in Nährlösung" ) für mich irrelevant ist, solange er keine Behauptung aufstellt, die meinen Überzeugungen widerspricht.

Es wird nun gesagt, dass der Skeptiker mir widerspricht: "Wenn du sagst: 'Ich weiß, dass es eine Außenwelt gibt', dann sagt er: 'Nein, das weißt du nicht, denn du kannst meine Hypothesen nicht ausschließen'".

Sage ich überhaupt: "Ich weiß, dass es eine Außenwelt gibt" ?

Erstmal ist es doch nur so, dass ich etwas wahrnehme: Ich sehe z. B. auf dem Tisch vor mir eine Vase mit gelben Tulpen.

Dann mache ich die Aussage: "Auf dem Tisch vor mir steht eine Vase mit gelben Tulpen". Mehr sage ich eigentlich nicht.

Nun kommt der Skeptiker und sagt: "Es könnte sein, dass Du nur ein künstlich stimuliertes Gehirn in Nährlösung bist und dass deshalb kein Tisch mit gelben Tulpen vor Dir steht. Es könnte also sein, dass Du Dich irrst. Irrtumsfreiheit ist aufgrund skeptischer Hypothesen nicht gegeben."

Dann sage ich: "Für den Fall, dass ich ein künstlich stimuliertes Gehirn in Nährlösung bin, verspreche ich Dir die Zahlung jeder beliebig großen Summe Geld."

Ich könnte dies ohne jedes Risiko versprechen, denn der Irrtum, in dem ich mich nach Ansicht des Skeptikers möglicherweise befinde, ist ein Irrtum, der von seiner Konstruktion her niemals als ein solcher erkannt werden kann.

Ist es aber sinnvoll, von einer Annahme als einem "Irrtum" zu sprechen, wenn diese Annahme niemals zu enttäuschten Erwartungen führen kann, wenn man diesen Irrtum niemals korrigieren muss?

***

Was meinst du mit meinem "Glauben an Intersubjektivität" ?

Wenn verschiedene Individuen zu gleichen Ergebnissen kommen, dann nenne ich das "intersubjektive Übereinstimmung". Diese lässt sich durch die Subjekte feststellen.

Die intersubjektiv übereinstimmenden Wahrnehmungen verschiedener Individuen sind die Grundlage allgemein gültiger Aussagen über unsere Welt.

Auf "Objektivität" als darüber hinaus gehendes Ziel kann ich verzichten.

***

Du hältst es für sinnvoll, zwischen intersubjektiv wahren Aussagen und objektiv wahren Aussagen zu unterscheiden.

Ich sehe einen wichtigen Unterschied zwischen:
- Aussagen, die einen Wahrnehmungsinhalt wiedergeben, und
- Aussagen, die diesen Wahrnehmungsinhalt als wirklich behaupten.

Beispiele für die erste Art von Aussagen wären: "Ich sehe dort eine Verkehrsampel" oder "Sie sieht dort eine Verkehrsampel" oder "Alle Anwesenden sehen dort eine Verkehrsampel."

Ein Beispiel für die zweite Art wäre: "Dort ist eine Verkehrsampel."

Die erste Aussage gibt (interpretierte) Wahrnehmungsinhalte wieder. Als innerpsychische Phänomene sind diese Wahrnehmungsinhalte nur dem betreffenden Individuum durch Introspektion direkt zugänglich.

Die zweite Art von Aussagen ist eine (subjektunabhängig formulierte) Behauptung der Existenz des Wahrgenommenen.

Problematisch ist der Übergang von Aussagen der ersten Art zu Aussagen der zweiten Art. Es handelt sich bei dem Übergang von "Ich sehe dort eine Verkehrsampel" zu "Dort ist eine Verkehrsampel" ja nicht um einen logischen Schluss.

Die Aussagen, die Du als "intersubjektiv" wahr bezeichnest (" Der Tisch sieht oval aus" ) würde ich als Aussagen charakterisieren, die UNINTERPRETIERTE Wahrnehmungsinhalte wiedergeben. Solche Aussagen geben nur den Sinneseindruck wieder, ohne ihn als Eindruck eines bestimmten Gegenstandes oder eines bestimmten Geschehens zu interpretieren. Beim Tisch-Beispiel bleibt offen, ob der Tisch oval ist oder ob er rund ist und nur aufgrund der perspektivischen Verzerrung als oval erscheint.

***

Wie kann man begründen, dass es so ist, wie die Aussage 'p' besagt?

Angenommen 'p' lautet: "Das Messgerät zeigt an, dass ich einer Strahlung von mehr als x Becquerel ausgesetzt bin."

Ich sage zu Herrn Müller, der mit Kernbrennstäben vor meinem Haus hantiert: "Überzeugen Sie sich mit eigenen Augen davon, dass es so ist, wie ich sage!"

Ohne diese konsensstiftende, übereinstimmende Wahrnehmung der Individuen gäbe es keine allgemeingültigen Aussagen in Bezug auf die Beschaffenheit der Wirklichkeit. 

Dass die Wahrnehmungen der Individuen in hinreichender Weise übereinstimmen, zeigt sich daran, dass die Individuen eine gemeinsame Sprache sprechen. Dies wäre ohne übereinstimmende Wahrnehmungen nicht möglich.

Bei Begründungen von positiven bzw. faktischen Aussagen geht es um die Nachvollziehbarkeit der Argumente durch andere, nicht um aktuell vorhandene Meinungen. Im Extremfall kann es ein einziges Individuum sein, das eine Theorie für wahr hält und diese Theorie auch intersubjektiv nachvollziehbar begründen kann.

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Vorweg zur Klarstellung: Ich beurteile hier nicht ganze Denkrichtungen wie den Skeptizismus, sondern ich diskutiere bestimmte Behauptungen wie z. B. die, dass wir keine sicheren Erkenntnissen über die Welt gewinnen können, weil es sein kann, dass wir künstlich stimulierte Gehirne in Nährflüssigkeit sind.

Obwohl ich inzwischen kein Philosoph mehr bin ( s. o.: "Si tacuisses …" ) erlaube ich mir dennoch einige kritische Anmerkungen.

Die These von den stimulierten Gehirnen kann nicht nur unter der Rubrik "Skeptizismus" diskutiert werden. Diese These ist auch ein Beispiel für Theorien, die so konstruiert wurden, dass eine Widerlegung nicht möglich ist. Man nennt so was auch den Schutz einer Theorie durch eine "Immunisierungs-Strategie".

Die gegen Widerlegung immunisierte Theorie ist so angelegt, dass sie mit allen Wahrnehmungen, die wir haben, vereinbar ist und deshalb niemals an der Erfahrung scheitern kann. Die uns zugängliche Welt bleibt die gleiche, ob die Theorie nun stimmt oder nicht. Die Theorie macht ihre Annahmen jenseits der uns zugänglichen wahrnehmbaren Welt. So auch in diesem Fall. Unsere Wahrnehmungen bleiben im Käfig künstlich erzeugter Nervenimpulse.

Das besondere an der Theorie von den Gehirnen in Nährflüssigkeit besteht darin, dass es sich um eine immunisierte Theorie handelt, die unsere Erkenntnisfähigkeit betrifft.

Nun kann jeder ohne allzu große Schwierigkeiten eine gegen Kritik immunisierte Theorie entwerfen und voller Zufriedenheit feststellen: "Du kannst meine Theorie nicht widerlegen. Du kannst nicht ausschließen, dass ich Recht habe."

Der Haken bei den durch Immunisierungsstrategien geschützten Theorien besteht allerdings darin, dass sie für uns gleichgültig sind, gerade WEIL sie nichts über die uns erfahrbarer Welt aussagen und stattdessen Aussagen bzw. Annahmen über eine Welt JENSEITS unserer Erfahrungen machen.

Übrigens zeigt sich schon das nächste Exemplar dieser unsterblichen Spezies von Theorien, die so konstruiert wurden, dass sie unwiderlegbar sind und nicht an der Erfahrung scheitern können. Ich meine die Rede von den "unsichtbaren Entitäten", den Wesen, die jenseits menschlicher Wahrnehmung existieren. (Womit wir wieder beim Ausgangspunkt wären, der Diskussion mit dem Frommen).

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Noch nie wurde eine Behauptung widerlegt, indem man denjenigen kritisierte, der die Behauptung aufstellte. Deshalb: verzichtet auf persönliche Angriffe und Herabsetzungen anderer Teilnehmer. Der Schmähstil unter deutschen Gelehrten ist ein fragwürdiger Traditionsbestand des philosophischen Denkens.

Wenn man genau sein will, dann kann man immer nur bestimmte Thesen überprüfen aber nicht das gesamte Werk eines Autors. Deshalb wäre ein "Lagerdenken"   - hier die Kantianer und dort die Anti-Kantianer -  für die Diskussion Gift.

Bei Wahrheitsfragen kommt es auf die Qualität der Argumente an, Diese wird nicht dadurch besser, dass die Argumente statt von Einzelnen von ganzen Mannschaften vorgetragen werden.

Wegen der Gefahr der Unübersichtlichkeit von nicht-reglementierten Diskussionen wie dieser meine Empfehlung: formuliert Eure Beiträge möglichst als in sich verständliche Einheiten. Deutet Gedankenhänge nicht nur an, sondern formuliert die einzelnen Schritte aus. Beschränkt Euch bei Euren Beiträgen möglichst auf einen zentralen Punkt. Man muss nicht allem widersprechen, was man als falsch betrachtet.

Ansonsten finde ich die Diskussion sehr anregend.

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Zu der Frage, wie man in empirischen Fragen (Fragen nach der Beschaffenheit der Welt) zu einem argumentativen Konsens kommen kann, und  welche Rolle dabei die übereinstimmende Wahrnehmung der Individuen spielt:

Wie kann ich Herrn Müller und anderen begründen, dass seine Kernbrennstäbe vor meinem Haus radioaktive Strahlung aussenden, die meine Gesundheit beeinträchtigen?

Über die Stärke der Strahlung gemessen in Becquerel konnten wir durch Ablesen des Messgerätes Übereinstimmung erzielen. (" Ich und auch Herr Müller sehen, dass der Zeiger des Messgerätes mehr als x Becquerel anzeigt" )

Wie lässt sich intersubjektive Übereinstimmung in Bezug auf folgende Aussage herstellen: "Eine Strahlung von mehr als x Becquerel führt zu Zellschädigungen" ?

Wenn Herr Müller sich in der theoretischen Atomphysik nicht auskennt bzw. diese nicht akzeptiert, würde ich zu ihm sagen: "Herr Müller, Sie erinnern sich doch sicher an das Unglück von Tschernobyl, wo vor einigen Jahren ein Kernkraftwerk explodierte, weil die atomare Kettenreaktion außer Kontrolle geriet. Vielleicht erinnern Sie sich auch noch daran, dass im letzten Jahr eine Gruppe strahlenkranker Kinder aus der Gegend um Tschernobyl in Deutschland zu Gast war.

Diese Kinder hatten Krankheiten, die weder auf Infektionen noch auf sichtbare Verletzungen, Verbrennungen oder Vergiftungen zurückzuführen waren. Es waren alles Kinder, die nach dem Unglück einer hohen Strahlenbelastung ausgesetzt waren, und die dieselben Symptome aufwiesen wie die Überlebenden der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki.

Wenn Sie an diesen Fakten Zweifel haben, so rate ich Ihnen zu einem Besuch der unkrainischen Stadt. Dort können ihnen Augenzeugen von dem Kraftwerksunglück berichten und von der danach herrschenden hohen radioaktiven Strahlung. Sie können das Absperrgebiet um den Unglücksreaktor sehen und die Strahlenkranken besuchen und befragen."

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Danke für deine Gliederung und Zusammenfassung. Wir haben uns in der bisherigen Diskussion im Wesentlichen auf die Wahrheit empirischer Aussagen beschränkt, die unter der Bezeichnung "Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit" liefen.

Die etwas umständliche Formulierung "Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit" habe ich deshalb vorgeschlagen, weil nicht vorweg entschieden werden sollte, was das Kriterium für die Gültigkeit derartige Aussagen ist. Wenn man von "empirischen Aussagen spricht, dann sind das per Definition solche Aussagen, die empirisch, also durch Erfahrung und Wahrnehmung überprüft werden können.

Dafür haben wir uns allerdings die Schwierigkeiten eingehandelt, zu bestimmen, was "wirklich" ist.

Aber vielleicht hätten sich ähnliche Schwierigkeiten ergeben bei der Bestimmung dessen, was eine "empirische" Aussage ist.

Aus meiner Sicht gibt es an verschiedenen Punkten noch Unklarheiten:

Zum einen bei den "institutionellen Tatsachen", die den Bezug auf ein bestimmtes System von Werten, Regeln oder Normen voraussetzen.

Nehmen wir den Satz: "Ich habe mir gestern ein Paar Schuhe gekauft." Das ist die Beschreibung einer scheinbar einfachen beobachtbaren Tatsache. Aber Juristen haben manchmal erhebliche Schwierigkeiten zu entscheiden, ob in einem bestimmten Fall ein Kaufvertrag zu Stande gekommen ist.

Ähnlich ist das Problem bei den "sinnhaltigen Tatsachen", die den Bezug auf ein bestimmtes System von Zeichen und deren Bedeutungen voraussetzen.

Was hat A getan, als er – gut sichtbar für B - mit dem Zeigefinger an seine Stirn getippt hat? Hat er ihn beleidigt? Ist das eine beobachtbare Tatsache?

Problematisch bleibt weiterhin derjenige Bereich der Wirklichkeit, der nur durch die Selbstwahrnehmung bzw. Introspektion des jeweiligen Individuums direkt zugänglich ist.

Die Beziehung eines Menschen auf sich selbst hat für den Einzelnen ein kaum zu unterschätzendes Gewicht: "Die Welt", das ist für den jeden Menschen erstmal er selber.

Dies zeigt sich auch an der Vielzahl von Worten, die die Sprache bereithält, um innerpsychische Vorgänge wie Gefühle, Gedanken, Motive oder Einstellungen zu beschreiben.

Und was gewöhnlich als "Ich" auftritt, zeigt sich in der Selbstwahrnehmung als ein komplexes System von keineswegs hierarchisch geordneten Motivquellen und Instanzen, etwa gemäß dem Oldietext: "Mein Herz sagt 'ja', doch mein Verstand sagt 'nein'".

Zahlreiche Wort drücken das Verhältnis des Individuums zu sich selbst aus: Wir sprechen von Selbstzufriedenheit und Selbstzerfleischung, von Selbstsicherheit und Selbstzweifel, von Selbstüberschätzung und Selbstunterschätzung, von Selbstachtung und Selbstverachtung, von Selbstbewusstsein und Selbstvergessenheit, von Selbsterkenntnis und Selbsttäuschung, Selbstgerechtigkeit und Selbstvorwürfen u. a. m. 

Sicherlich ist die Introspektion kein unproblematischer Zugang zur innerpsychischen Wirklichkeit, und Beschreibungen des introspektiv Wahrgenommenen sind nicht mit Beschreibungen äußerer Wahrnehmungsinhalte methodisch gleichzusetzen. Dies ergibt sich schon daraus, dass durch das Hinzutreten der - normalerweise fehlenden - Selbstbeobachtung die psychischen Vorgänge selber verändert werden. Wenn man von psychoanalytischen Theorien der Verdrängung und der Rationalisierung ausgeht, ergeben sich zusätzliche Fragezeichen hinter der introspektiven Selbsterkenntnis.

Trotzdem ist der introspektive Zugang zu innerpsychischen Vorgängen eine wichtige Quelle der Erkenntnis, auf die man nicht deshalb verzichten sollte, weil hier die intersubjektive Nachprüfbarkeit und die Übereinstimmung der Wahrnehmungen schwieriger ist. So wie es eine Erforschung der Täuschungen unserer auf die "Außenwelt" gerichteten Sinne gibt, so kann es auch eine Erforschung der bei Introspektion auftauchenden Täuschungen und Verzerrungen geben.

Als letzten Punkt will ich die Problematik von Aussagen über Zukünftiges nennen. Es sträubt sich unser Sprachempfinden dagegen, von einer "zukünftigen Tatsache" zu sprechen oder zu sagen: "Es ist wahr, dass morgen um 22.10 Uhr eine partielle Mondfinsternis eintreten wird". Die Zukunft "ist" noch nicht Wirklichkeit, sie wird erst "verwirklicht", und die Vorhersage "ist" noch nicht wahr, sie "bewahrheitet" sich erst - zumindest wenn man der Umgangssprache folgt. 

Die Frage: "Was können wir über die Zukunft wissen und mit welcher Begründung?" erscheint mir diskussionswürdig. (Wobei sich  übrigens auch zeigen wird, ob wir weiterhin (?) ohne die Theorie Kants auskommen.)

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Ich würde gern einmal feststellen, inwieweit Konsens in dem Gebrauch des Wortes "wahr" in Bezug auf Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit besteht. Sind die folgenden Thesen akzeptabel, und wenn 'nein', warum nicht?

Ich beziehe mich im Folgenden nur auf "explizite" Aussagen, in denen keine Platzhalter oder Variablen (wie "heute", "hier", "ich" ) vorkommen und in denen keinerlei verborgene Bedeutungsanteile enthalten sind, die erst aus dem Kontext erschlossen werden müssen.

1. Eine Aussage ist wahr, wenn es so ist, wie die Aussage besagt ('p' ist wahr, wenn p).

2. Eine Aussage ist entweder wahr oder falsch. (Das bedeutet nicht, dass wir immer in der Lage sind, dies auch zu entscheiden. Es kann jederzeit der Fall eintreten, dass wir über die Wahrheit einer Aussage im Ungewissen sind, was zur Folge hat, dass bis auf weiteres mehrere miteinander nicht zu vereinbarende Aussagen vertretbar bleiben.)

3. Eine Aussage über einen Bereich der Wirklichkeit kann wahr sein, obwohl die Aussage den betreffenden Teil der Wirklichkeit weder besonders vollständig noch besonders genau beschreibt (z. B. "Deutschland hat weniger als eine Milliarde Einwohner".)

4. Wenn eine Aussage wahr ist, dann ist sie für jedes Subjekt wahr (Intersubjektivität). Eine vollständig explizierte Aussage kann nicht für A wahr sein und für B falsch. Allerdings kann A eine bestimmte Aussage für wahr halten, die B für falsch hält.

5. Wenn eine Aussage wahr ist, dann ist sie zu  jedem Zeitpunkt wahr. (Intertemporalität). Eine vollständig explizierte Aussage kann nicht heute wahr sein und morgen falsch. So kann die Aussage "Die Hauptstadt von Frankreich ist am 04.03.2005 Paris", wenn sie heute wahr ist, nicht durch den bloßen Zeitablauf falsch werden, sie kann jedoch "veralten" und nur noch historischen Wert haben, wenn eine andere Stadt zur Hauptstadt Frankreichs erklärt wird.

6. Das Wort "wahr" besitzt einen empfehlenden Charakter: Wenn man eine Aussage als "wahr" bezeichnet, d. h. wenn man sie "behauptet", dann fordert man damit jedermann auf, diese Aussage seinerseits "für wahr zu halten". Man fordert jedermann dazu auf, die Aussage in sein Weltbild aufzunehmen und dem eigenen Denken und Handeln zugrunde zu legen.

Das schließt nicht aus, dass jemand andere Individuen über bestimmte Sachverhalte bewusst in Unwissenheit oder im Irrtum belässt oder diesen Irrtum sogar durch Lügen oder Täuschen gezielt erzeugt.

7. Damit der Anspruch des Für-wahr-haltens keine bloße Aufforderung bleibt, eine Aussage zu glauben, muss derjenige, der eine Aussage als "wahr" behauptet, diese Aussage begründen.

8. Um den intersubjektiven und intertemporalen Geltungsanspruch einer Aussage begründen zu können, müssen die zur Begründung herangezogenen Argumente ihrerseits intersubjektive und intertemporale Gültigkeit  besitzen und der Übergang von bestimmten Aussagen zu anderen Aussagen muss ein logisch gültiger Schluss sein.

9. Die begründenden Argumente müssen intersubjektiv verständlich formuliert sein und die benutzten Begriffe müssen in ihrer Bedeutung über den Zeitverlauf hin konstant bleiben.

10. Die Wahrheit von Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit muss sich direkt oder indirekt an den übereinstimmenden Wahrnehmungen der Individuen erweisen. Dies schließt nicht aus, dass die intersubjektiv übereinstimmenden Wahrnehmungen durch mehrere, unterschiedliche theoretische Konstruktionen widerspruchsfrei erklärt werden können. Insoweit bleiben mehrere Theorien über die Beschaffenheit der Wirklichkeit vertretbar.

11. Wahrnehmungen sind interpretationsbedürftig. Sie können deshalb auch falsch interpretiert werden. Diese Fehler können jedoch korrigiert werden, indem flüchtige oder undeutliche Wahrnehmungen durch gezielte und deutliche Wahrnehmungen ersetzt werden. Sinnestäuschungen können durch die Erforschung ihrer Ursachen bekämpft werden.

12. Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit sind zu unterscheiden von Werturteilen, Normen, Definitionen und anderen sprachlichen Regeln sowie methodologischen,  logischen und mathematischen Regeln. Für diese gelten andere Kriterien der Gültigkeit als für Aussagen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit.

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Hier noch einmal eine Zusammenstellung der verschiedenen Satzarten rund um den Begriff "wahr". Interessant ist der Übergang von Sätzen der 2. und 3. Art auf Sätze der 4. Art. Allerdings steht alles auf dem gelungenen Fundament von Sätzen der 1. Art.

 1.) "Das da nennt man einen 'Baum'."

Dieser Satz benennt eine bestimmte Art von wahrnehmbaren Objekten (durch Demonstration). Das Erlernen des Wortes "Baum" und seiner richtigen Verwendung ist die Voraussetzung für das Verständnis aller Aussagen darüber.

2.) "Ich sehe dort etwas, das groß und grün ist und das so aussieht wie ein Baum."

Dieser Satz beschreibt eine nicht endgültig interpretierte Wahrnehmung (einen bloßen "Sinneseindruck" ) eines Objektes. Damit wird noch nichts über die Welt behauptet (abgesehen von der Mitteilung der aktuellen Wahrnehmung selbst).

3.) "Jeder sieht (von dieser Stelle aus) dort einen Baum."

Dieser Satz beschreibt die übereinstimmende Interpretation der Wahrnehmung desselben Objekts durch mehrere Subjekte. Damit werden subjektiv bedingte Wahrnehmungsfehler weitgehend ausgeschlossen.

4.) "Dort ist ein Baum."

Dieser Satz macht eine subjektunabhängige Aussage über ein existierendes Objekt als Teil der gemeinsamen Welt.

5.) "Die Aussage: "Dort ist ein Baum" ist wahr."

Dieser Satz bekräftigt eine Aussage über die Welt mit dem Anspruch uneingeschränkter Geltung.

6.) "Ich halte die Aussage: 'Dort ist ein Baum' für wahr."

Dieser Satz beschreibt die Überzeugung eines Subjekts hinsichtlich einer Aussage über die Welt.

7.) "Ich bin von der Wahrheit der Aussage: 'Dort ist ein Baum' restlos überzeugt."

Dieser Satz beschreibt den Grad an Gewissheit eines Subjekts hinsichtlich einer Aussage über die Welt.

p.s.: Dass der Thread "Wahrheit IX" nicht die Fortsetzung dieser Runde ist sondern einen Fall von Etikettenschwindel darstellt, ist unschwer zu merken.

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Uns geht es um subjektunabhängig formulierte empirische Aussagen (" Dort ist ein Nadelbaum" ) und deren Wahrheit. Es geht um unsere Berechtigung, eine derartige Aussage zu machen.

Zur Wahrnehmung des Nadelbaums:

Unstrittig ist wohl, dass unsere Sinneseindrücke interpretiert werden müssen, um sie in Sätzen wie: "Ich sehe dort einen Nadelbaum" wiederzugeben.

Wie man sieht, wird dabei eine Sprache mit einem bestimmten Begriffsraster vorausgesetzt, in der die interpretierten Sinneseindrücke (die Wahrnehmungen) festgehalten und wiedergegeben werden. Damit sind bereits Gegenstände begrifflich vorgegeben.

Unstrittig ist wohl auch, dass es verschiedene berechtigte Interpretationsmöglichkeiten desselben Sinneseindrucks durch ein Subjekt gibt (" Ich sehe dort eine große Pflanze" ). Das Risiko einer Fehlinterpretation ist dabei umso größer, je spezifischer die Interpretation ist.

Interpretationen desselben Sinneseindrucks dürfen nicht logisch widersprüchlich sein, wenn sie Grundlage einer wahren empirischen Aussage sein sollen.

Fehler bei der Interpretation von Sinneseindrücken durch das jeweilige Subjekt können nicht ausgeschlossen werden. Jedoch lassen sich die Bedingungen erforschen, unter denen derartige Fehler auftreten. Insofern kann man die Fähigkeit zur richtigen Wahrnehmung auch gezielt verbessern und aus Fehlern lernen. Und man kann lernen, aus der Kenntnis der Bedingungen den Grad an Ungewissheit der Interpretation mit einzuschätzen (" Ich bin mir ziemlich sicher, dass dort ein Nadelbaum ist." )

Beim Sehen der eigenen Hand (" Hier ist meine linke Hand" ) besteht z. B. eine in jeder Hinsicht ausreichende Gewissheit hinsichtlich der richtigen Interpretation meiner Wahrnehmung.

Die Art der Gegenstände macht ihre Identifizierung unterschiedlich schwierig. So kann ich aus einer Entfernung von 200 Metern bei normalen Lichtverhältnissen vielleicht erkennen, dass dort ein Baum ist, ich kann jedoch meist nicht erkennen, ob es sich dabei um einen Laubbaum oder um einen Nadelbaum handelt.

Schließlich gibt es "wahrnehmungsnahe" Gegenstände (Baumstamm, Tannenzapfen) und "wahrnehmungsferne" Gegenstände (Wachstum, Photosynthese).

Meiner Einschätzung nach stellen fehlerhafte Interpretationen von Sinneseindrücken zwar ein reales Problem dar. Dies Problem lässt sich jedoch bewältigen (Wiederholung von Wahrnehmungen, wechselseitige Kontrolle der verschiedenen Sinne, Konfrontation mit den Wahrnehmungen anderer Individuen, systematische Wahrnehmung nach vorgegebenen Regeln etc.)

Zum Begriff des Nadelbaumes :

Der Satz: "Dort ist ein Nadelbaum" enthält das Wort: "Nadelbaum", mit dem im Deutschen eine bestimmte Bedeutung verbunden wird. Ich finde zum Beispiel im Wörterbuch die Erläuterung: "Zapfenträger, Koniferen, Tannen und Verwandte". Offensichtlich lässt sich der Begriff "Nadelbaum" nicht so leicht durch Zeigen erlernen, wie der Begriff "Baum".

Hier gibt es sicherlich Abgrenzungsprobleme zu anderen Baumarten, aber dass eine Kiefer ein Nadelbaum ist und eine Birke nicht, dürfte z. B. unstrittig sein.

Auch hier gilt, dass Missverständnisse in Bezug auf die Bedeutung von Wörtern ein reales Problem darstellen. Dies Problem lässt sich jedoch bewältigen durch zusätzliche Definitionen und Demonstrationen dessen, was als "Nadelbaum" bezeichnet wird.

Meiner Meinung nach gibt es nicht DIE richtige Bedeutung eines Wortes in einer sich verändernden Umgangssprache. Wem die Umgangssprache mit ihren Mehrdeutigkeiten und Vagheiten nicht ausreicht, der muss die Begriffe soweit präzisieren, wie es für seine Zwecke erforderlich ist. Definitionen sind Konventionen. Konventionen können sinnvoll sein oder unsinnig aber sie können nicht wahr oder falsch sein.

Zur Beziehung zwischen Wahrnehmung und Begriff des Nadelbaums

Wenn gilt, dass alle Nadelbäume Zapfen ausbilden und andere Baumarten dies nicht tun, so bin ich berechtigt zu sagen: "Dort ist ein Nadelbaum", wenn ich einen Baum sehe, der Zapfen trägt. (Wobei sich natürlich sofort das neue Problem stellt, was ein "Zapfen" ist oder genauer: welche Bedeutung mit dem Wort "Zapfen" verbunden wird.)

Ob der Satz "Dort ist ein Nadelbaum" wahr ist, hängt also davon ab, ob es sich bei dem gemeinten Gegenstand um einen Baum handelt und ob dieser Baum Zapfen ausbildet.

Um dies festzustellen, müssen diejenigen Bewusstseinsinhalte (Vorstellungen), die durch Wahrnehmung erzeugt werden, verglichen werden mit denjenigen Bewusstseinsinhalten, die logisch zu erwarten sind, wenn es sich um einen Nadelbaum handelt (Stamm, Zapfen etc.)

Ich bevorzuge den Terminus "Bewusstseinsinhalt" gegenüber dem Terminus "Vorstellung", weil "Vorstellung" etwas willensmäßig Herbeizuführendes nahelegt (" Stell Dir einmal vor, du bist in einem Wald" ) im Sinne von Imagination. Die durch Wahrnehmung erzeugten Bewusstseinsinhalte sind jedoch nicht willensmäßig beeinflussbar.

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Zum einen: Eine Aussage über die Wirklichkeit wie "Dort ist ein Nadelbaum" ist insofern subjektunabhängig formuliert, als darin kein Bezug auf ein erkennendes Subjekt genommen wird – im Unterschied zu dem Satz "Ich sehe dort einen Nadelbaum". 

Doch zu dem wichtigeren Punkt, ob und wie sich falsche Interpretationen von Sinneseindrücken ermitteln und korrigieren lassen.

Ich hatte verschiedene Möglichkeiten dafür genannt wie: Wiederholung von Wahrnehmungen, wechselseitige Kontrolle der verschiedenen Sinne, Konfrontation mit den Wahrnehmungen anderer Individuen, systematische Wahrnehmung nach vorgegebenen Regeln. 

Dagegen wendest Du ein: "Wahrheit lässt sich nicht durch verlässliche Prognosen feststellen, nicht durch Anhäufung von Perspektiven (Was soll denn dann die Wahrheit sein? Das arithmetische Mittel aller Perspektiven?), optimale Wahrnehmungsbedingungen sind doch rein willkürlich festgelegt."

Ich bin in der Tat der Meinung, dass sich Irrtümer in der Interpretation von Sinneseindrücken durch die Konfrontation mit weiteren Wahrnehmungen feststellen und korrigieren lassen.  

Sinneseindrücke sind oft nicht eindeutig. Ich sehe eine Person von weitem: das könnte Harald sein oder aber auch Kalle, beide sind groß und dunkelhaarig. Ich kann dann näher herangehen oder ich kann eine Brille aufsetzen, ich kann zusätzlich jemand anders fragen, um mich zu "vergewissern", ob meine Interpretation richtig war.

Was optimale Wahrnehmungsbedingungen sind, wird dabei keineswegs willkürlich festgelegt. Man kann z. B. Versuchsreihen machen, bei denen Personen unter verschiedenen Wahrnehmungsbedingungen (Lichtverhältnisse, Entfernung, Alkoholspiegel, Hunger, Angst, Schlafmangel) Objekte richtig erkennen müssen. 

Natürlich setzt das voraus, dass der Versuchsleiter selber die Wahrheit kennt, dass er also weiß, was für ein Objekt die Versuchspersonen erkennen sollen. Man kann von Irrtum nur sprechen, wenn man sich zugleich auf etwas Wahres bezieht.

Meiner Ansicht nach kann ich mich zu Recht auf etwas Wahres berufen, selbst wenn ich mir bewusst bin, dass es letztlich keine definitive Gewissheit in Bezug auf die Beschaffenheit der Wirklichkeit gibt. 

Wenn ich mich trotzdem auf etwas Wahres beziehe (z. B. dass es sich bei der Person tatsächlich um Harald handelt), so handelt es sich um Aussagen über die Welt, die nach meinem aktuellen Erkenntnisstand auf unbefristete Zeit Geltung beanspruchen können. "Zeitlich nicht befristet" bedeutet etwas anderes als "für immer und ewig". Es bedeutet "andauernd bis auf Widerruf".

Ende von "Wahrheit VIII"

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Wer die vollständigen Diskussionen nachlesen will, kann dies von der Seite "Verknüpfungen zu den Diskussionen bei Philtalk" aus tun.

 

 

Siehe auch die folgenden thematisch verwandten Texte in der Ethik-Werkstatt:
   
Wahrheit - Begriff und Kriterium *** (38 K)

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Letzte Bearbeitung 15.01.2007 / Eberhard Wesche

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